9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 87 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2021 - Ideen

Neokonservative wollen keine Trump-Unterstützer sein. Aber indirekt sind sie es schon, sie haben sich eben auch geändert, meint der Politologe Jan-Werner Müller in der FAZ: "Diese NeverTrumpers haben ihren eigenen Beitrag zur antidemokratischen Wende der Republikaner wenig reflektiert. Noch weniger haben sie über Widersprüche in der Entwicklung des Neokonservatismus nachgedacht: In der Innenpolitik wies man geradezu genüsslich auf die Grenzen des staatlich Machbaren hin und erhob 'Kultur' (vor allem von Minderheiten) zu einem unüberwindlichen Hindernis für noch so vernünftige Politik; außenpolitisch aber frönte man einem Machbarkeitswahn und bezichtigte jeden, der auf komplizierte lokale Verhältnisse verwies, sofort, ein illiberaler Relativist und Apologet für Menschenrechtsverletzungen zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2021 - Ideen

Maxim Biller und einige andere jüdische Autoren haben dem Autor Max Czollek vorgeworfen haben, sich als jüdische Stimme zu positionieren, obwohl er als "Großvaterjude" gar kein richtiger Jude sei. Das ist Minderheitentheater für die Mehrheit, warnt die Autorin Sasha Marianna Salzmann in der FAZ. Czollek Familiengeschichte sei immer bekannt gewesen, schreibt sie. Und: "Mit seiner Idee von Desintegration ging es Czollek immer um einen Zusammenschluss von marginalisierten Positionen, um einen utopischen Raum, in dem Identitätskategorien keine Sargnägel sind, sondern nur einen Teil dessen ausmachen, was wir alles sein können. Mir scheint, dass die Angriffe auf Max Czolleks Person in Wahrheit seiner Vision einer Zukunft der Teilhabe gelten. Und es ist ein globales und kein jüdisches Phänomen, dass diejenigen, die ihre Deutungshoheit bedroht sehen, lieber ihre eigenen Leute untergehen lassen wollen, als einen Fortschritt anzuerkennen, der schon längst da ist. Laut Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, leben neunzig Prozent der Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht nach der Halacha."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2021 - Ideen

In der islamischen Welt werden die religiösen Fundamentalisten immer stärker, fürchtet auf Zeit online der Völkerrechtler Ebrahim Afsah, auch in der Bevölkerung. "Aber warum? Weil die islamische Welt die Herausforderungen der Moderne, die mit der politischen, militärischen, wirtschaftlichen Dominanz des Westens einhergeht, nicht zu meistern weiß." Also besinne man sich auf seine Religion und gebe dem Westen die Schuld: "Insbesondere die Regierungen in Pakistan, Saudi-Arabien, Ägypten und der Türkei, in geringerem Maße die in Katar, Marokko, Tunesien, Jordanien, Indonesien befinden sich in einem schwierigen Balanceakt. Sie versuchen die unzufriedene, immer religiöser und radikaler werdende Bevölkerung zu beschwichtigen und gleichzeitig die Abhängigkeit vom verhassten Westen zu kaschieren. Dies geschieht durch eine dreistufige Geschichtsklitterung: Zuerst wird die Gleichwertigkeit aller Kulturen behauptet und auf den Beitrag arabisch-islamischen Denkens zum europäischen Erbe verwiesen. Dann wird behauptet, der Kern islamischer Kultur, also das islamische Recht, werde vom Westen diffamiert. Schließlich wird das eigene Scheitern als Beweis 'struktureller Gewalt' des Westens gedeutet - und so Gegengewalt legitimiert."

Es ist unmöglich, eine freie Frau zu sein, ohne zu enttäuschen. Also sollte man sich darüber keinen Kopf machen, meinte die marokkanisch-französische Autorin Leïla Slimani in ihrer Eröffnungsrede für das Literaturfestival in Berlin (veröffentlicht in der FAS). Man muss den Mund aufmachen und seine Meinung sagen, egal wo: "Europäische Intellektuelle reden sich gern die Köpfe heiß über das, was an amerikanischen Hochschulen passiert. Doch das hindert uns daran, zu sehen, dass dort nicht die größte Gefahr lauert. Die wahre Cancel Culture ist die, die darin besteht, Buddha-Statuen zu sprengen, in Timbuktu historische Handschriften zu verbrennen, das Kulturerbe Aleppos in Schutt und Asche zu legen oder auf Menschen zu schießen, weil sie in Paris tanzen. Sie löscht Sprachen, Religionen und Gemeinschaften aus. Sie sperrt Künstler ein und macht sie mundtot, sie vernichtet die Träume von Millionen Frauen, die man daran hindert, zu werden, was sie möchten. Das ist es, was wir zuallererst bekämpfen müssen."

Wann ist die Corona-Pandemie eigentlich zu Ende, fragt sich Armin Nassehi auf Zeit online. "Wenn sie für beendet erklärt wird, national, international, global? Wenn die Ansteckungsketten unterbrochen sind? Wenn eine mögliche Infektion unser Alltagsleben nicht mehr oder nur noch wenig einschränkt? Wenn das Virus verschwunden sein wird?" Das wird wohl so bald nicht passieren, dennoch: "Die Beendigung der Pandemie kann nicht herbeigeführt werden, sie muss passieren, durch hohe Immunität, durch weniger Ansteckungen. Es ist eine praktische Frage und eine Frage der Klugheit, ob es gelingt, mehr Menschen zu impfen und weniger darüber sprechen zu müssen, Klassenräume auszustatten, niedrigschwellig Praktiken zu etablieren, die die permanente Kritik an den Maßnahmen ins Leere laufen lassen. All das muss sich evolutionär ereignen, weil es möglichst wenig Aufmerksamkeit erregen sollte. Die Pandemie ist erst vorbei, wenn sie Routine etabliert, die die Routinen der Gesellschaft weniger stört und dabei erfolgreich ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2021 - Ideen

Christian Zaschke besucht für die SZ das 9/11-Museum in New York und findet die Kritik daran - vor allem den Vorwurf es unterstelle allen Muslimen "irgendwie auch islamistische Terroristen" zu sein - unfair: "Man muss schon engstirnig durch die Räume laufen", um das zu glauben. Und: Spricht aus der Forderung, die Ausstellung entsprechend umzuarbeiten, "nicht eine kolossale Unterschätzung des Publikums? Es ist in den großen Städten an den Küsten der USA eine gängige Haltung, die Leute aus der Mitte des Landes für Provinzler zu halten, für Idioten. Das ist ohnehin ein riesiges Problem. Aber kann es nicht sein, dass diese Menschen genau verstehen, was Schuld ist? Was Ursache ist, was Wirkung? Und sind es nicht zuletzt die Familien aus der Mitte des Landes, die in den auf 9/11 folgenden Kriegen die meisten Angehörigen verloren haben?"

In einem nebenstehenden Artikel in der SZ sieht Sonja Zekri das ganz anders: Nach 9/11 habe der Westen "den Muslim" erschaffen, um alle Menschen islamischen Glaubens über einen Kamm zu scheren, glaubt sie: "Städte, Länder, Kontinente verschwinden im schwarzen Loch der 'islamischen Welt'. Inzwischen müssen sich sich selbst jene Muslime, die sich um Distinktion bemühen und diese Einsortierung ablehnen, erst einmal als Muslim identifizieren." Bei den Salonkolumnisten erinnert sich Hannes Stein an seine Reaktion auf die Anschläge, die ihn für kurze Zeit "islamophob" gemacht hätten. Davon kuriert hätten ihn Amerikaner: "Präsident George W. Bush hat gleich nach dem Anschlag eine Rede gehalten, in der er vor der Islamophobie warnte. Er sagte, es sei unamerikanisch, seine Wut jetzt an x-beliebigen Muslimen auszulassen. Das erste, was Bush nach dem 11. September tat: Er zog seine Schuhe aus und besuchte eine Moschee. Das fand ich damals doof und naiv. Heute nicht mehr."

Der afghanische Autor Taqi Akhlaqi, selbst im Exil in Delhi festsitzend, sucht nach Anzeichen dafür, dass sich die Taliban geändert haben. Aber vielleicht, denkt er sich in der NZZ, zeigt sich darin auch nur ein Stockholm-Syndrom. Dass die USA abgezogen sind, ist ihm jedenfalls kein Trost: "Afghanistan gilt als Grabstätte der Weltmächte. Großbritannien und die Sowjetunion sind hier gescheitert, nun folgen die USA. Sollen wir darauf stolz sein? Ich habe große Zweifel. Denn in dieser Erzählung gibt es keinen Platz für die afghanischen Frauen, Männer, Mädchen, Kinder, denen das normale Leben auf grausame Weise genommen wurde. In erster Linie ist Afghanistan die Grabstätte seiner Bewohner, vieler begabter Leute. Die Geschichte der scheiternden Supermächte ist für uns Afghanen ohne Bedeutung, und sie hilft auch keinem, unsere sozialen, kulturellen und historischen Bedingungen und Schwierigkeiten zu verstehen."

Weitere Artikel: Jan Pfaff erzählt in der taz von seiner Suche nach Angehörigen der Menschen, die den Anschlägen vom 11. September zum Opfer fielen. "Die Welt lässt mehr Möglichkeiten zu, als Wirklichkeit werden können": Einfach großartig findet Alexander Kluge im Gespräch mit der taz diesen Satz von Niklas Luhmann. "In diesem Konjunktiv, dem Überschuss an Möglichkeiten, liegen die Engel versteckt", meint er. Außerdem geht es um Phantasie, Fluchtwege, Viren und das Urvertrauen der Menschen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2021 - Ideen

Die Literaturzeitschrift Form und Sinn hat in ihrer jüngsten Ausgabe einen Briefwechsel von Enzensberger und Adorno aus dem Jahr 1965 abgedruckt, in dem die beiden einen Essay Adornos für Enzensbergers Kursbuch diskutieren, erzählt Lothar Müller in der SZ. Adorno kommt schließlich auf die Idee einer Kritik des Godesberger Programms aus marxistischer Sicht, springt am Ende aber doch ab: "Die im Jahr 1964 gegründete NPD befand sich im Aufwind, und so machte er im Brief vom 18. April 1966 neue Skrupel gegen das Projekt geltend: 'Schließlich ist jener Plan ein Politicum, und dazu gehört, daß man auch die politische Wirkung mitreflektiert. Ich weiß aber nicht, ob gerade jetzt der beste Zeitpunkt zu einer Abrechnung mit dem SPD-Kurs ist.' Dafür sei die Gefahr des Neonazismus in Deutschland viel zu akut. Vergeblich versuchte Enzensberger, diese Skrupel zu zerstreuen."

Der Historikerstreit 2.0 reicht offenbar auch für Jürgen Habermas nicht an die Gefährlichkeit des ursprünglichen Historikerstreits heran, jedenfalls, wenn man in der SZ Jens-Christian Rabes Resümee von Habermas' Artikel zur Debatte im Philosophie Magazin liest: Beim ersten Historikerstreit habe Habermas gefürchtet, dass der Vergleich mit stalinistischen Verbrechen den Deutschen ein Gefühl der Entlastung geben könne. Diese Sorge habe Habermas bei A. Dirk Moses' Attacken auf den "Katechismus der Deutschen" nicht: "Die Frage sei, ob der Holocaust im politischen Selbstverständnis der Deutschen seinen Stellenwert als 'einzigartiger' Zivilisationsbruch verliere, wenn man ihn 'in die Perspektive einer Nachfolge der erst heute wieder in Erinnerung gerufenen Kolonialverbrechen' rücke. Direkt beantwortet der Philosoph diese Frage nicht, aus dem Zusammenhang lässt sich jedoch zweifelsfrei schließen, dass er nichts Derartiges befürchtet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2021 - Ideen

Die Kritik der Impfgegner an Einschränkungen der Freiheit ist häufig lächerlich, zeigen die Historikerin Birte Förster und Armin Nassehi in der FAZ. Freiheit komme ohne Regeln gar nicht aus. Pflicht etwa ist nach Kant kein Widerspruch zur Idee der Freiheit: "Wenn ich die Pflicht habe, jemandem zu helfen, habe ich letztlich keine Alternative dazu und kann das doch als Ausdruck meiner Freiheit ansehen, weil es vernünftige Gründe dafür gibt. Zweitens findet meine Freiheit eine Grenze in der Freiheitsmöglichkeit der anderen. Schon die Banalität der Rechts-vor-links-Regel im Straßenverkehr zeigt das. Warten zu müssen schränkt meine Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht die Freiheit aller Beteiligten. Freiheit hat deshalb etwas mit der praktischen Vernunft zu tun, also mit einer Art Versöhnung von Wollen und Sollen."

Ausgerechnet der Guardian, Zentralinstitut der Political Correctness, hat ein Interview Mit Judith Butler zensiert, berichtet Emanuel Maiberg bei Vice.com. Gestrichen wurde unter anderem folgende tiefsinnige Passage gegen "Terfs", also - in den Worten Maibergs - gegen "radikale Feministinnen, die nicht glauben, dass Transfrauen Frauen sind". Butler hat dazu gesagt: "Die Antigender-Ideologie ist einer der Hauptstränge des Faschismus in unserer Zeit. Darum können Terfs nicht Teil des aktuellen Kampfes gegen Faschismus sein, der eine Koalition aus Kämpfen gegen Rassismus, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in Gefängnissen erfordert, eine, die sich der hohen Zahlen an Femiziden in der ganzen Welt bewusst ist, die viele Angriffe auf Trans- Und Transgender-Leute einschließt." Anlass der Streichung war offenbar eher die Frage des Butler-Interviewers Jules Gleeson, der Kritiker der Gender-Ideologien mit Rechtsextremisten gleichsetzte und dabei einen umstrittenen Vorfall in einem Spa von Los Angeles (jemand zeigte seinen Schwanz im Damenbereich) falsch darstellte, wie Maiberg in seinem ausufernden Artikel darlegt.

Terrorismus ist nichts neues, so gesehen hat sich die Welt durch 9/11 nicht verändert, meint der Historiker Niall Ferguson im Interview mit der NZZ: "Stellen Sie sich einmal vor, Al Gore hätte im Jahr 2000 die Präsidentschaftswahlen gewonnen. Dann hätte es zwar vermutlich den 11. September gegeben und vielleicht auch die Invasion in Afghanistan. Aber der Irakkrieg wäre ausgeblieben, denn anders als die Bush-Administration hätte die Regierung Gore nicht die Strategie verfolgt, den Mittleren Osten neu zu gestalten. Was die historische Folgenschwere angeht, muss man daher Bushs Wahlsieg als bedeutender ansehen als 9/11."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2021 - Ideen

"Wir sind in einer Welt angekommen, die im Klammern an die deutsche Geschichte nicht mehr zu begreifen ist", sagt Per Leo im Gespräch mit der Zeitschrift Philomag. Leo, Autor des Buchs "Tränen ohne Trauer - Nach der Erinnerungskultur", stimmt in dem Gespräch den Thesen A. Dirk Moses' weitgehend zu, will religiöse Vokabeln wie "Katechismus" allerdings meiden. Die Singularität des Holocaust gegen Rechts zu verteidigen, war richtig, findet Leo, aber gegen Links sieht er nicht so ein Problem: "1986 mag es nötig gewesen sein, durch die mahnende Erinnerung an den Holocaust dem konservativen Revisionismus einen Riegel vorzuschieben. Aber gerade weil das nachhaltig geglückt ist, sollten wir mittlerweile reif genug sein, uns vor allem an den universalistischen Postulaten des Grundgesetzes zu orientieren. Die identitäre Fixierung auf Hitler und den Holocaust löst längst keine Probleme mehr, im Gegenteil, sie schafft neue." Es ist übrigens interessant, in Leos Buch die Passagen zu Max Czollek nochmal zu lesen, der ihm in seinem Buch neben Fabian Wolff ein jüdischer Gewährsmann für legitime Israelkritik ist: "Jüdische Pluralität ist für ihn, dass es Juden gibt, die Israel hassen."

Was treibt Nichtjuden oder "Großvaterjuden" wie Max Czollek immer wieder dazu, sich eine jüdische Identität anzudichten, fragt Jacques Schuster in der Welt: "Das Judentum ist Czollek und vielen anderen nicht ein Wert als solcher. Weil sie der Durchschlagskraft ihrer eigenen Argumente misstrauen, nutzen sie den Bezug auf die jüdische Identität gleichsam als Energiezufuhr ihrer oft inhaltlich fragwürdigen Auslassungen und als Schutzschild für ihre Thesen - gern gegen Israel und für die Palästinenser. Der Wunsch, jüdisch zu sein, der Holocaust als schaurig-schönes Begehr - es ist nicht totzukriegen."

Bildung für alle, dann klappt es auch mit der Gleichheit im Berufsleben. Sollte man meinen, ist aber nicht so, erklärt Christine Brinck in der NZZ, im Gegenteil. Bildung, das zeigten die letzten vierzig Jahre, in der die Hochschulen in Deutschland immer weiter ausgebaut wurden, ist der "große Trenner". Nur gute Abschlüsse an guten Universitäten sichern später gute Einkommmen. "Da die Klassenschere sich nicht erst an der Universität öffnet, was auch für Europa gilt, folgt für die Ökonomen zwingend die hochqualitative Frühkindbildung. Interventionen für Kinder aus sozioökonomisch schwachen Verhältnissen sind der Ausgleich für die elterliche Investition bei den Bessergestellten in der Mittel- und Oberschicht. Der jährlich mit 13 500 Dollar bezifferte Einsatz pro sozial benachteiligtem Kind wirft einen beeindruckenden Ertrag ab. ... Beim Projekt 'Moving to Opportunity' der Harvard-Ökonomen Chetty, Hendren und Katz konnten Familien mit kleinen Kindern dank Gutscheinen aus Armenvierteln in Mittelklasse-Gegenden ziehen, was sowohl die Studienquote als auch später die Einkommen erhöhte."

Weitere Artikeln: Das Gendern schafft ein falsches Bild von der Realität, meint Daniele Dell'Agli in einem Essay für Telepolis. Unter den "Soldatinnen und Soldaten", die in Afghanistan gefallen sind, dürften sich nur wenige Frauen befinden, denn ihre Quote beim Einsatz betrug nur fünf Prozent, sagt Dell'Agli. Das ist oft so in gefährlichen Jobs: "Dazu schweigen die Gleichstellungsbeauftragten. Und dazu, dass 97 Prozent aller tödlichen Arbeitsunfälle Männer betreffen - ein Umstand, über den sich bezeichnenderweise noch nie jemand öffentlich empört hat." In der SZ fragt der Soziologe Helmut Anheier: "Die meisten von uns wünschen sich gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine breite Beteiligung am politischen Prozess; außerdem möchten wir von einer florierenden, vernetzten Wirtschaft profitieren. Doch sind diese drei Wünsche miteinander vereinbar?" Seine Antwort: Ja, es muss nur alles moderat langsam gehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2021 - Ideen

Rassismus und Antisemitismus waren in Deutschland untrennbar verwoben, schreibt die Historikerin Mirjam Brusius in einem Essay für die Berliner Zeitung. Diese Verflechtung wird ihr dann zum Argument, um auf die Moses-Debatte zurückzukommen, die von vielen Historikern mit Verwunderung betrachtet werde - unter anderem weil eine "mediale Verbotspolitik" die Debatte erschwere. Und warum spricht man von einem "Historikerstreit 2.0", wenn an der Debatte kaum Historiker beteiligt seien? Und Nicht-Historiker vermisst Brusius außerdem: "Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass vor allem die Stimmen jüdischer, nicht-weißer, queerer Autor:innen oder jener mit Behinderung in ihrer politischen Bandbreite fehlen, obwohl diese in den Debatten zu Holocaust und Kolonialgeschichte besonders wichtig wären. Daran schließt die Frage an, wer in der nach wie vor zu homogenen deutschen Wissenschafts- und Debattenlandschaft überhaupt Zugang erhält, Geschichte zu schreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2021 - Ideen

Im Interview mit der Welt spricht der Gesellschaftstheoretiker Walter Benn Michaels über sein Buch "Der Trubel um Diversität. Wie wir lernten, Identitäten zu lieben und Ungleichheit zu ignorieren", das 15 Jahre nach seinem Erscheinen erstmals auf Deutsch veröffentlicht wird. Seiner Ansicht nach ist der Streit um Identität eher ein Hemmschuh auf dem Weg zu mehr Gleichheit. Das sehe man vor allem an den Versuchen, jetzt auch die Klasse als Identitätsfrage zu diskutieren: "Man tut nichts für die Arbeiterklasse, wenn man die Leute dazu bringt, mehr Respekt vor ihr zu haben. Die britischen Tories lieben es, die Arbeiterklasse zu respektieren, innerhalb einer Hierarchie, in der jeder seinen Platz hat: Der Bauer ist genauso wichtig wie der Adelige. Bei Marx geht es nicht um Respekt für die Arbeiterklasse, und auch nicht um Respekt für ihre Werte oder Kultur. Es gibt nichts Leereres als das Konzept der Arbeiterkultur. Klassenbewusstsein ist der Produktion einer Gesellschaft gewidmet, in der es die Arbeiterklasse nicht mehr gibt." Da sei der Ruf nach Diversität reine Ablenkung, was auch die Unternehmen erkannt hätten, die "Milliarden und Abermilliarden zur Unterstützung von Black Lives Matter zugesagt haben, [aber] keinen Penny zur Abschaffung des Privateigentums zusagen würden. Und schauen Sie sich doch all die Kids in Harvard, Yale, schwarze Kids, braune Kids an. Sie alle werden diese Jobs bei Goldman Sachs annehmen, weil es nichts an Black Lives Matter gibt, was dem Geschäftsmodell eines Unternehmens grundsätzlich widerspricht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.09.2021 - Ideen

Die liberale Demokratie ist von mehreren Seiten bedroht. In Amerika "wo der Supreme Court in diese Woche entschied, ein drakonisches und bizarres Abtreibungsgesetz nicht zu annullieren" (unser Resümee), in erster Linie von rechts. Und doch gerade in Amerika auch von links, durch die "illiberale Linke", der der Economist ein Dossier widmet. Im Editorial (kostenlos nach Registrierung) heißt es: "Milton Friedman hat einmal gesagt, dass 'eine Gesellschaft, die Gleichheit vor Freiheit stellt, am Ende keine von beide hat'. Er hatte Recht. Illiberale Progressive glauben, sie hätten ein Konzept für die Befreiung unterdrückter Gruppen. In Wirklichkeit ist es eine Formel für die Unterdrückung des Einzelnen - und darin unterscheidet sie sich nicht so sehr von den Plänen der populistischen Rechten. Auf ihre je eigene Art und Weise stellen beide Extreme die Macht vor den Prozess, den Zweck vor die Mittel und die Interessen der Gruppe vor die Freiheit des Einzelnen."