Die Debatte um
Identitätspolitik wird auch in Deutschland zusehends zu einer Debatte
innerhalb der Linken. In der
Welt kritisierte
Bernd Stegemann die Ideen der postmodernen Linken (unser
Resümee), in der
FAS wies gestern Julia Encke auf eine kommende Neuerscheinung von
Sahra Wagenknecht hin, die das
gleiche tun wird. Heute meldet sich in der
FAZ Michael Bröning (Friedrich-Ebert-Stiftung und SPD-Grundwertekommission) zu Wort, der an den Unis sehr wohl eine "Cancel Culture" und gleichzeitig die
Marktkonformität der modischen Linken diagnostiziert: "Ausgehend von den Universitäten haben sich antifreiheitliche identitätspolitische Ansätze wie durch Copy and Paste längst in andere gesellschaftliche Systeme ausgebreitet - in die öffentliche Verwaltung, den kulturellen Sektor und in maßgebliche
multinationale Unternehmen. Besonders zynisch gerade an der Beteiligung multinationaler Konzerne an dieser Entwicklung ist dabei, dass das '
virtue signaling' der Marktgiganten mit so gut wie keinen Kosten verbunden ist. Das Anprangern von 'strukturellem Rassismus' auf Twitter jedenfalls scheint mit dubiosen Lieferketten und unterbezahlten Lohnsklaven in Sweatshops durchaus kompatibel zu sein."
Encke resümierte die Streitigkeiten wie gesagt gestern in der
FAS und rät: "
Verbal abrüsten, präzise bleiben, zuhören, die Argumente und die Gefühle - ja, auch die - der anderen einmal kurz akzeptieren und zu verstehen versuchen, das würde allen Seiten helfen."
Bei
Deutschlandfunk Kultur wendet sich der Philosoph
Philipp Hübl gegen die Inflation des
Rassismusbegriffs und vor allem gegen den Begriff des "
strukturellen Rassismus": "Natürlich hat niemand ein Patentrecht auf theoretische Begriffe wie 'Rassismus'. Man kann sie so eng oder weit fassen, wie man will. Doch wenn
alle Menschen per Definition rassistisch sind, wird der Begriff unbrauchbar: Er suggeriert, dass man ohnehin nichts tun kann - und er verharmlost Menschenfeinde, die jetzt in derselben Schublade wie Leute landen, die unschuldig fragen '
Woher kommst Du?"
In Amerika gründet unterdessen der Autor
Ibram Kendi, einer der
Urheber des neuen Rassismusbegriffs zusammen mit Bina Venkataraman vom
Boston Globe eine neue Online-Zeitung unter dem Titel
The Emancipator, die sich allein dem
Thema Rassismus widmen soll,
berichtet Ben Smith in der
New York Times: "Die interessanteste Herausforderung wird darin bestehen, zu definieren, was es bedeutet, nach einem Jahr interner Debatten in amerikanischen Nachrichtenredaktionen neu zu starten, unter anderem mit der Frage,
wann man das Wort '
Rassismus' verwenden sollte und was es überhaupt bedeutet. Sollte es für Nazis und Klanmenschen reserviert sein und mit äußerster Vorsicht verwendet werden, weil es so viel Macht hat? Oder sollte es, wie eine neue Generation von Schriftstellern argumentiert, auf alltägliche Erscheinungen amerikanischer Ungerechtigkeit angewendet werden?"
"Wie soll man reagieren auf diesen
Pigmentierungswahn" der neuen Antirassisten,
fragt in der
NZZ der französische Philosoph
Pascal Bruckner, angesichts der mittlerweile fast schon grotesken Bewegung, im weißen Mann den
Sündenbock für alles zu sehen. Gelingen kann dies nämlich nur, weil die westliche Welt "ihre
Verbrechen anerkennt - ihre hellsten Köpfe sprechen sie offen aus. Dies im Unterschied zu anderen Ländern und Reichen, die große Mühe bekunden, ihre Untaten zu gestehen. Man denke an Russland, das Osmanische Reich, die chinesischen Dynastien oder die Erben der verschiedenen arabischen Königreiche, die während fast sieben Jahrhunderten Spanien besetzten und Frankreich zu kolonisieren versuchten. Sogar die
katholische Kirche hat in den 1960er Jahren, durch das Zweite Vatikanische Konzil, ein 'mea culpa' geleistet und Verblendungen eingestanden ... Hingegen warten wir noch auf den Tag, an dem sich der sunnitische oder der schiitische
Islam einer Gewissensprüfung unterzieht und um Vergebung bittet für seine
zahllosen Schandtaten."
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, wendet sich in der
FAZ gegen die Aktion zweier Künstler, die in einem Video vorschlugen, Deutsche als "
Menschen mit Nazihintergrund" zu bezeichnen (unsere
Resümees), auch wohl, um die Erfahrung eigener Diskriminierung in eine Linie mit der der Holocaust-Opfer zu stellen. Mendel hält an der universellen Bedeutung des Holocaust fest, unter anderem mit einem pragmatischen Argument: "Die Erfahrung der historisch-politischen Bildung der vergangenen Jahrzehnte zeigt deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht ausschließlich durch die
Abstammung der Adressaten begründet werden darf. Nach dem Motto: Du musst dich jetzt mit der Schoa auseinandersetzen, weil dein Opa Täter war. Diese Haltung ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch pädagogisch kontraproduktiv, da sie Abwehr produziert."
Die
nächste Pandemie wartet ganz sicher nicht wieder 100 Jahre bis zu ihrem Auftauchen, meint im
Interview mit
Zeit online der amerikanische Jurist
David Singh Grewal. Die Weltgemeinschaft sollte also besser schnell lernen, was in der Coronakrise nicht gelungen ist: durch Kooperationen einen
Impfstoff für alle bereitzustellen. "Man muss dafür sorgen, dass überall auf der Welt das Wissen zur Verfügung steht, um den Stoff
lokal kostengünstig produzieren zu können. Das hat Europa kaum bedacht. Für diese Alternative aber macht sich eine Allianz aus Experten stark, 'The People's Vaccine', die den '
Volksimpfstoff' fordert: damit private Eigentumsrechte an Erfindungen, für die natürlich Entschädigungen gezahlt werden müssten,
über Staatsgrenzen hinweg gemeinsam genutzt werden und auf diese Weise viel breiter gestreute Produktionskapazitäten entstehen können."
Außerdem: Die berühmte ägyptische Feministin
Nawal El Saadawi ist im Alter von 89 Jahren gestorben,
hier der Nachruf der BBC.