9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.03.2021 - Ideen

In einer "Jerusalem Declaration" haben zweihundert Wissenschaftler eine neue Definition des Antisemitismus vorgelegt, berichtete gestern Christiane Habermalz im Deutschlandfunk. Vor allem in Bezug auf den israelbezogenen Antisemitismus unterscheidet sie sich deutlich von der Definition, die 2016 von der International Holocaust Remembrance Alliance verfasst wurde: "Die IHRA-Definition verstand sich selbst nur als Arbeitsdefinition, dennoch wurde sie von zahlreichen Regierungen als Grundlage für ihre Politik übernommen - auch der Deutsche Bundestag bezog sich bei seinem Beschluss, die BDS-Bewegung als antisemitisch zu verurteilen, auf die Kriterien der IHRA. Eine Entwicklung, die von der israelischen Regierung nach Kräften befördert wurde. 'Auf eine sehr seltsame Art und Weise hat die IHRA-Definition so eine Art Fetischstatus bekommen. So ein, da darf man nichts dran rütteln, und wenn man das tut, ist man per se israelfeindlich und so weiter. Und ich glaube, dagegen anzugehen, darum geht es in allererster Linie', erklärt Stefanie Schüler-Springorum."

In der FAZ sieht dagegen Jürgen Kaube die Grenzen zwischen wissenschaftlicher Definition und politischer Deklaration verwischt: "Sie tritt wissenschaftlich auf, ist aber ein politischer Akt. Der liegt weniger in der Definition von Antisemitismus als in der Bezeichnung dessen, was nicht 'per se' antisemitisch ist. Unterstützung des palästinensischen Anspruchs auf nationale und Bürgerrechte beispielsweise. Ablehnung des Zionismus. Kritik an Israel, die auf Tatsachen beruht. Boykott Israels. Dabei seien auch unvernünftige Äußerungen nicht per se antisemitisch. Per se nicht. Aber die Skala des Unvernünftigen umfasst eben auch die Bereiche der Feindseligkeit und des Vernichtungswillens. Oder nur der aufgeblasenen Gesten. Wie steht es mit einem Wissenschaftler, der seine Teilnahme an einer Konferenz abzusagen droht, wenn eine israelische Kollegin dort sprechen würde? Ist auch das per se nicht antisemitisch?" Im DlfKultur bekundete Micha Brumlik dagegen seine Unterstützung.

In der taz wendet sich Saba-Nur Cheema von der Bildungsstätte Anne Frank gegen eine essentialistische Vorstellung von Identität, die in den Debatten um kulturelle Aneignung oder die Übersetzung von Amanda Gorman immer wieder zum Vorschein komme: "Es ist gerade die Errungenschaft postkolonialer Theoretiker:innen wie Homi K. Bhabha und Stuart Hall, Identität nicht als Essenz, sondern als hybride und dynamische Konstruktion zu begreifen. Bhabha setzte der Vorstellung von statischen Kulturen das Konzept der Hybridität entgegen. Kultur lebe davon, so Bhabha, dass sie dynamisch sei und fragmentarisch, an verschiedenen Orten gleichzeitig und widerspruchsvoll existiere. Die Begegnung von unterschiedlichen Lebenswelten und Milieus führt dazu, dass etwas Neues 'zwischen' den Kulturen erwächst."

In der NZZ stellt sich Josef Joffe den Feinden des Liberalismus entgegen und führt seinen Säbel gegen den fürsorgenden Staat und die Wokeness zugleich: "Der Staat wächst unaufhaltsam, wie die historischen Daten zeigen, und der autonome, selbstverantwortliche Mensch schrumpft. Woke hingegen ist, was früher Jakobiner und Rote Garden erzwungen haben. Woke ist das schiere Powerplay, was Lenin kto kowo nannte, 'Wer bezwingt wen?'. Ächtung und sanfter Zwang bestimmen Sprache, Denken und Verhalten. Wir 'Aufgewachten' entscheiden, wer die Opfer und die immergleichen Täter sind. Im Namen des anderen verteufeln wir, wer anders denkt. Wir verwirklichen die Tugendherrschaft ganz ohne Gestapo, weil wir die Produktionsmittel der Kultur besitzen. So lenken wir das Denken. Beide bedrohen die Freiheit - der eine herrisch, der andere hilfsbereit. Man möchte sich so gern auflehnen. Aber gegen wen?"

Weiteres: In der Welt ahnt Hannes Stein, dass sich die Rechten in den USA auch deshalb so an der Cancel Culture weiden, weil ihre Opfer meist selbst Linke seien, die von radikalen Wuchten hinweggefegt werden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2021 - Ideen

Noch weniger als mit dem Gendersternchen kann der Linguist Tim Hirschberg in der Welt mit dessen mündlicher Entsprechung, dem Glottislaut anfangen: "Gerade der Laut, der im Deutschen am wenigsten mit Bedeutungen zu tun hat, soll auf einmal für eine unabschließbare Menge an realen und potenziellen Geschlechtsformen einstehen. Darauf ließe sich erwidern, dass eben diese Unberührtheit den Glottislaut dafür prädestinieren könnte, offen für Neuzuschreibungen zu sein. Doch der Einwand läuft ins Leere, denn das deutsche Sprachsystem hält für den Glottislaut sehr wohl eine festgelegte Funktion bereit - er dient zusammen mit einer kleinen Pause als Grenzsignal. Er trennt etwa die zwei Wortteile von Spiegelei, so dass wir wissen, es ist von einer Speise die Rede. Ohne den Glottislaut wäre ein Streich gemeint, die (Eulen-)spiegelei."

Bald wird es Software geben, die Texte automatisch gendern, aber auch automatisch "entgendern" kann, freut sich der Volkswirtschaftswissenschaftler David Stadelmann in der Welt: "Derartige Innovationen erlauben es, die Bedürfnisse aller weitgehend zu befriedigen. Jene, die gerne gendergerechte Texte produzieren möchten, können dies automatisiert. Jene, die Text nur in weiblicher (oder nur männlicher) Form nachfragen, werden diesen nach ihren Vorlieben entgendert lesen können. Alle können gemäß individueller Sprachpräferenz schreiben und lesen. Damit erledigen sich auch abstrakte Diskussionen, inwieweit Sprache ein Herrschaftsmittel sei. Dank automatischem Gendern und Entgendern erlangen alle selbst Herrschaft über ihre jeweils präferierte Sprachausdrucksform."

Die Kölner Stadtverwaltung ist unterdessen angehalten, künftig von Zufußgehenden zu sprechen, notiert Jürgen Kaube in der FAZ: "Ob daraus dann auch Zufußgehendenzonen und -ampeln folgen, dürfte vom Bedürfnis der entsprechenden Beauftragten abhängen, sich weiter wichtig zu machen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2021 - Ideen

In der Welt (und im Freitag) fordern Markus Gabriel, Ulrike Guérot, Jürgen Overhoff, Hedwig Richter und René Schlott in einem "Manifest der offenen Gesellschaft" eine freiere Debatte über die Corona-Politik: "Wir wollen die Diskussion wieder versachlichen, um im Rahmen des demokratischen Spektrums den Raum für einen freien Dialog zu schaffen und offenes Denken zu ermögli- chen. Vor allem dürfen wir nicht den Verschwörungsfanatikern, Extremisten und Demokratiefeinden das Feld überlassen, wenn es um die kritische Bestandsaufnahme und das konstruktive Hinterfragen der Corona-Maßnahmen geht. Wir wollen weg von der erregten Zuspitzung in den Medien, weg von Konformitätsdruck und einseitiger Lagerbildung in der Gesellschaft und weg von einem unguten Schwarz-Weiß-Denken. Gefragt ist eine grundsätzliche Offenheit auch für den möglichen Irrtum - in der grundlegenden Annahme, dass auch das Gegenüber im Streit von besten Motiven geleitet sein und grundsätzlich recht haben kann."

Prominente aus Kultur, Politik und Wissenschaft unterstützen den Aufruf, die Welt bringt Zitate. Franziska Augstein sagt: "Zuallererst die Bundesregierung und die Länderregierungen sollten sich auf die Kultur des Meinungsaustauschs besinnen. Regieren per Verordnung ist nicht demokratisch."  Und Ulrike Guerot ergänzt: "Als jemand, der bereits zwei Morddrohungen bekommen hat, weil ich mich öffentlich kritisch über die Lockdown-Maßnahmen geäußert habe, erlebe ich zum ersten Mal eine bis dato nicht gekannte Polarisierung einer öffentlichen Diskussion am eigenen Leib - nämlich eine Situation, in der kritische Personen an den Rand einer fest gefügten und in ihren Grundannahmen fast verbarrikadierten Debatte gedrängt und obendrein bedroht werden. Es ist dringend Zeit, diese Diskussion zu versachlichen und wieder Sprecher und Argument zu trennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.03.2021 - Ideen

In der SZ bringt uns Andrian Kreye auf den Stand der Kapitalismuskritik in Britannien und den USA. Der Wirtschaftswissenschaftler Scott Galloway, selbst Unternehmer, brachte es kürzlich im Fernsehsender HBO auf den Punkt: "'Was die jungen Leute heute sehen, ist kein Kapitalismus. Wir haben auf dem Weg nach oben robusten Individualismus und auf dem Weg nach unten so ein Uns-geht-es-allen-zusammen-so-Ding.' Als Wissenschaftler lieferte er einen Beweis: 'Da gibt es fünf Luftfahrt-CEOs, von denen jeder 150 Millionen Dollar verdient und die den Cashflow ihrer Firma dafür benutzen, um Aktien zurückzukaufen, um ihre eigenen Auszahlungen aufzublähen. Und wenn die Kacke am Dampfen ist wegen Covid und sie kein Geld mehr haben, sitzen wir plötzlich alle im gleichen Boot. Wir haben Kapitalismus auf dem Weg nach oben und Sozialismus auf dem Weg nach unten.' Den Applaus aus dem Publikum bremst er mit einem barschen 'Ich bin noch nicht fertig!' und fährt fort: 'Das ist alles weder Kapitalismus noch Sozialismus. Das ist Vetternwirtschaft. Das ist die schlechteste aller Welten.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.03.2021 - Ideen

Wer will, dass Identitätspolitik endet, muss sie betreiben, schreibt in der SZ Alice Hasters, Autorin des Bestsellers "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten", in einer Antwort auf diie Kritiker der Identitätspolitik. Betreibt man sie genug, braucht man sie nicht mehr: "Diskriminiert zu werden, macht wütend. Ich finde diese Wut berechtigt. Ich empfinde sie selbst. Weil viele so wütend sind, ist der Ton im Netz so rau, die Geduld am Ende, die Kraft erschöpft. Und manche können und wollen ihre Wut nicht mehr zurückhalten. Es ist die Diskriminierung, die den Diskurs gefährdet. Die gilt es anzuerkennen und zu beenden. Dann würde sich auch die Wut legen."

Ziemlich skeptisch betrachtet Isolde Charim in ihrer taz-Kolumne den Begriff "Klassismus", der die soziale Frage in den Diskurs der modischen Linken eingemeindet: Sie werde "in eine Frage der Diskriminierung verwandelt. Sie wird in einen Moraldiskurs eingeschrieben, der folgerichtig mit den entsprechenden Methoden exorziert werden soll: Anti-Klassismus-Trainings, um klassistische Einstellungen zu überwinden."

Wir Modernen verdrängen den Tod, das ist eine schlimme Sache, diagnostiziert Giorgio Agamben in der NZZ: "In der Tat geschah es in der Moderne, dass die Menschen ihre Beziehung zur chthonischen Sphäre vergessen und verdrängt haben, sie bewohnen nicht mehr Chthon, sondern nur noch Gaia."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.03.2021 - Ideen

Die Debatte um Identitätspolitik wird auch in Deutschland zusehends zu einer Debatte innerhalb der Linken. In der Welt kritisierte Bernd Stegemann die Ideen der postmodernen Linken (unser Resümee), in der FAS wies gestern Julia Encke auf eine kommende Neuerscheinung von Sahra Wagenknecht hin, die das gleiche tun wird. Heute meldet sich in der FAZ Michael Bröning (Friedrich-Ebert-Stiftung und SPD-Grundwertekommission) zu Wort, der an den Unis sehr wohl eine "Cancel Culture" und gleichzeitig die Marktkonformität der modischen Linken diagnostiziert: "Ausgehend von den Universitäten haben sich antifreiheitliche identitätspolitische Ansätze wie durch Copy and Paste längst in andere gesellschaftliche Systeme ausgebreitet - in die öffentliche Verwaltung, den kulturellen Sektor und in maßgebliche multinationale Unternehmen. Besonders zynisch gerade an der Beteiligung multinationaler Konzerne an dieser Entwicklung ist dabei, dass das 'virtue signaling' der Marktgiganten mit so gut wie keinen Kosten verbunden ist. Das Anprangern von 'strukturellem Rassismus' auf Twitter jedenfalls scheint mit dubiosen Lieferketten und unterbezahlten Lohnsklaven in Sweatshops durchaus kompatibel zu sein."

Encke resümierte die Streitigkeiten wie gesagt gestern in der FAS und rät: "Verbal abrüsten, präzise bleiben, zuhören, die Argumente und die Gefühle - ja, auch die - der anderen einmal kurz akzeptieren und zu verstehen versuchen, das würde allen Seiten helfen."

Bei Deutschlandfunk Kultur wendet sich der Philosoph Philipp Hübl gegen die Inflation des Rassismusbegriffs und vor allem gegen den Begriff des "strukturellen Rassismus": "Natürlich hat niemand ein Patentrecht auf theoretische Begriffe wie 'Rassismus'. Man kann sie so eng oder weit fassen, wie man will. Doch wenn alle Menschen per Definition rassistisch sind, wird der Begriff unbrauchbar: Er suggeriert, dass man ohnehin nichts tun kann - und er verharmlost Menschenfeinde, die jetzt in derselben Schublade wie Leute landen, die unschuldig fragen 'Woher kommst Du?"

In Amerika gründet unterdessen der Autor Ibram Kendi, einer der Urheber des neuen Rassismusbegriffs zusammen mit Bina Venkataraman vom Boston Globe eine neue Online-Zeitung unter dem Titel The Emancipator, die sich allein dem Thema Rassismus widmen soll, berichtet Ben Smith in der New York Times: "Die interessanteste Herausforderung wird darin bestehen, zu definieren, was es bedeutet, nach einem Jahr interner Debatten in amerikanischen Nachrichtenredaktionen neu zu starten, unter anderem mit der Frage, wann man das Wort 'Rassismus' verwenden sollte und was es überhaupt bedeutet. Sollte es für Nazis und Klanmenschen reserviert sein und mit äußerster Vorsicht verwendet werden, weil es so viel Macht hat? Oder sollte es, wie eine neue Generation von Schriftstellern argumentiert, auf alltägliche Erscheinungen amerikanischer Ungerechtigkeit angewendet werden?"

"Wie soll man reagieren auf diesen Pigmentierungswahn" der neuen Antirassisten, fragt in der NZZ der französische Philosoph Pascal Bruckner, angesichts der mittlerweile fast schon grotesken Bewegung, im weißen Mann den Sündenbock für alles zu sehen. Gelingen kann dies nämlich nur, weil die westliche Welt "ihre Verbrechen anerkennt - ihre hellsten Köpfe sprechen sie offen aus. Dies im Unterschied zu anderen Ländern und Reichen, die große Mühe bekunden, ihre Untaten zu gestehen. Man denke an Russland, das Osmanische Reich, die chinesischen Dynastien oder die Erben der verschiedenen arabischen Königreiche, die während fast sieben Jahrhunderten Spanien besetzten und Frankreich zu kolonisieren versuchten. Sogar die katholische Kirche hat in den 1960er Jahren, durch das Zweite Vatikanische Konzil, ein 'mea culpa' geleistet und Verblendungen eingestanden ... Hingegen warten wir noch auf den Tag, an dem sich der sunnitische oder der schiitische Islam einer Gewissensprüfung unterzieht und um Vergebung bittet für seine zahllosen Schandtaten."

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, wendet sich in der FAZ gegen die Aktion zweier Künstler, die in einem Video vorschlugen, Deutsche als "Menschen mit Nazihintergrund" zu bezeichnen (unsere Resümees), auch wohl, um die Erfahrung eigener Diskriminierung in eine Linie mit der der Holocaust-Opfer zu stellen. Mendel hält an der universellen Bedeutung des Holocaust fest, unter anderem mit einem pragmatischen Argument: "Die Erfahrung der historisch-politischen Bildung der vergangenen Jahrzehnte zeigt deutlich, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte nicht ausschließlich durch die Abstammung der Adressaten begründet werden darf. Nach dem Motto: Du musst dich jetzt mit der Schoa auseinandersetzen, weil dein Opa Täter war. Diese Haltung ist nicht nur moralisch falsch, sondern auch pädagogisch kontraproduktiv, da sie Abwehr produziert."

Die nächste Pandemie wartet ganz sicher nicht wieder 100 Jahre bis zu ihrem Auftauchen, meint im Interview mit Zeit online der amerikanische Jurist David Singh Grewal. Die Weltgemeinschaft sollte also besser schnell lernen, was in der Coronakrise nicht gelungen ist: durch Kooperationen einen Impfstoff für alle bereitzustellen. "Man muss dafür sorgen, dass überall auf der Welt das Wissen zur Verfügung steht, um den Stoff lokal kostengünstig produzieren zu können. Das hat Europa kaum bedacht. Für diese Alternative aber macht sich eine Allianz aus Experten stark, 'The People's Vaccine', die den 'Volksimpfstoff' fordert: damit private Eigentumsrechte an Erfindungen, für die natürlich Entschädigungen gezahlt werden müssten, über Staatsgrenzen hinweg gemeinsam genutzt werden und auf diese Weise viel breiter gestreute Produktionskapazitäten entstehen können."

Außerdem: Die berühmte ägyptische Feministin Nawal El Saadawi ist im Alter von 89 Jahren gestorben, hier der Nachruf der BBC.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.03.2021 - Ideen

Eigentlich ist alle Politik, die einen Ausgleich gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten sucht, auch Identitätspolitik, da sie bestimmte Gruppen fördert, meint der Philosoph Martin Saar in der FAZ. Und dies zurecht. Identitätspolitik von Gruppen, die sich als Opfer definieren, sei darum "nichts anderes als ein Appell an die Werte, der sich diese Gesellschaft selbst verschrieben hat. Die Überbringer dieser düsteren Nachricht sind nicht für das Problem verantwortlich. Nämlich dass der soziale Status und damit die politische Identität von nichtweißen Deutschen und erst recht der von Geflüchteten und Migranten ein Maß an Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit bedeutet, das allen offiziellen Verlautbarungen hohnspricht."

Der Dramaturg Bernd Stegemann, einst Mitinitiator der linkspopulistischen Bewegung "Aufstehen" und Autor eines Buchs gegen Identitätspolitik, kritisiert diese in der Welt von links: "Warum sind die Linken nicht mehr links?" Sein Verdacht ist, dass der Kapitalismus hier nur in woken Tarnmustern auftritt. "Die traditionelle Linke hat dafür gekämpft, dass vom erarbeiteten Wert nicht alles in die Taschen des Kapitalisten wandert. Arbeitskämpfe und Sozialgesetze waren der politische Widerstand gegen die Enteignung der Arbeiterinteressen. Die woke Enteignung passiert auf einer anderen Ebene. Sie hat die materiellen Interessen mit der symbolischen Ebene getauscht. Die Zigeunersauce ist der neue Hauptwiderspruch, der Stundenlohn ist Nebensache."

Der in der taz schreibende Historiker Kaveh Yazdani versucht im Streit um linke Identitätspolitik, eine mittlere Position zu beziehen. Einerseits findet er wie Saar, dass die KritikerInnen der Identitätspolitik "oft die wichtigsten Lehren dieses Denkansatzes außer Acht lassen: die Sichtbarmachung, Verurteilung und Bekämpfung von Marginalisierung, struktureller Diskriminierung und mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe benachteiligter Einzelgruppen." Andererseits kritisiert er die "antiemanzipatorische Ideologie eines erheblichen Teils der AnhängerInnen" von Identitätspolitik: "Zahlreiche weiße FeministInnen beispielsweise setzen sich kaum für die Menschen- und Bürgerrechte nicht weißer Frauen, geschweige denn marginalisierter Gruppen wie ImmigrantInnen ein."

Hans Ulrich Gumbrecht beobachtet in der Coronakrise eine besondere Popularität jener Politiker, die für starke Einschränkungen eintreten. Für ihn verkörpern sie eine schon vor Corona angelegte Tendenz zum "Wächterstaat", wie er in der Welt schreibt, "zu einem Staat der Spezialisten und Entscheidungsträger ohne aktive Partizipation der demografischen Mehrheit. Hier liegt der Grund einer immer häufiger aufflackernden Bewunderung für die Volksrepublik China als Staatsform ohne politische Öffentlichkeit."

Auch der Philosoph Markus Gabriel ist unzufrieden mit dem politischen Management in der Pandemie: Die Einschränkungen "im Namen eines unbedingten Gesundheitsschutzes", der für alternativlos erklärt wird, sind demokratiezerstörend, schreibt er in der NZZ: "Immer wieder wurden Hoffnungen geschürt und durch eine neue Wendung des Virus und seiner Bekämpfung zunichtegemacht. Wir sind nicht nur im Griff eines Virus, das einer uns niemals vollständig transparenten eigenen Logik folgt, sondern vor allem im Griff eines staatlichen Scheiterns auf der Basis einer ins Unbedingte gesteigerten Risikotheorie, die immer wieder Ad-hoc-Reparaturen an ihren eigenen Widersprüchen vornimmt." Allerdings müssten die Bürger ihre Freiheiten auch wieder einfordern, mahnt er.

Außerdem: In der Welt unterhält sich Ute Cohen mit Nicola Gess über "Halbwahrheiten" als einem Hauptinstrument von Verschwörungstheorien (ihr neues Buch widmet sich diesem Thema). Der Rechtshistoriker Michael Stolleis ist gestorben, Patrick Bahners schreibt den Nachruf für die FAZ. Zehn Bücher aus der großen Bibliografie von Stolleis sind allein im Perlentaucher verzeichnet. Und auch in den Feuilletons hatte er fleißig interveniert.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.03.2021 - Ideen

Es könnte die Stunde des Liberalismus sein, glaubt Gustav Seibt im SZ-Feuilleton angesichts der "Schwerfälligkeit" des Staates in der Pandemie, aber auch mit Blick auf die Verzettelung linker Parteien "an der Bruchlinie zwischen Sozial- und Identitätspolitik": "Die individualisierten Lebensformen einer Gesellschaft der Singularitäten und Gruppenidentitäten, in der man Kurator des eigenen Lebens wird oder sich in seiner Betroffenheitsblase einrichtet, kann man auch als späte Nachfolge einer problematischen bürgerlichen Innerlichkeit lesen. Intersektionale Selbstformung erinnert in ihrer oft herrischen Expressivität an jene rousseauistische Empfindsamkeit, die als wahres Gefühl den vorrevolutionären Obrigkeitsstaat delegitimierte, um dann die Herrschaft der Tugend anzustreben. Der historische Liberalismus war auch eine Antwort auf die totalitären Tendenzen nach den Umwälzungen; er unterschied seit Benjamin Constant zwischen dem Privatmenschen und dem politischen Bürger und er verteidigte die konkrete Freiheit im Hier und Jetzt gegen die Machbarkeit der Geschichte."

Außerdem: In der FAZ legt Thomas Thiel dar, dass schon Edward Said mit seinem "Orientalismus"-Begriff die Grundlagen für den aktuellen Streit um Rassismus in den Altertumswissenschaften legte. Und Caspar Hirschi antwortet ebenfalls in der FAZ in dem Streit über die Rolle von Experten in der Pandemie, den er eröffnet hatte, auf eine Replik Gerald Haugs (unsere Resümees).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.03.2021 - Ideen

Es gibt gar keine "Cancel Culture", behaupten ihre Verfechter gern. Es gibt sie sehr wohl, antwortet Vojin Saša Vukadinović in der FAZ, und sie richtet sich mit Vorliebe gegen Frauen, wenn diese sich einem genderkritischen Feminismus zurechnen. Er nennt das Beispiel der Philosophin Kathleen Stock, die zusammen mit Kolleginnen von Transaktivisten beschimpft und bedroht wird, weil sie nicht glaubt, dass es eine 'angeborene Geschlechtsidentität' gebe, der das biologische Geschlecht ohne medizinischen Befund anzupassen sei. Die Bewegung greift auf Deutschland über: "Stock hätte dieses Frühjahr am Berliner Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) auf einer Tagung zu Redefreiheit referieren sollen. Nachdem eine andere Referentin dem Organisationsteam mitgeteilt hatte, sie würde sich in Stocks Nähe (es handelte sich bezeichnenderweise um eine Online-Zusammenkunft) 'unwohl' fühlen, wurde die Philosophin kurzerhand ausgeladen und ihr Name vom Programm gestrichen. Das ZAS erklärte, der Vortrag sei 'mit den Werten' der Institution 'nicht vereinbar' gewesen, obwohl der Eingang des Abstracts mit dem Adjektiv 'wonderful' kommentiert worden war."

Der Politologe Armin Pfahl-Traughber analysiert in der Zeit in etwas trockener Prosa den Diskurs der identitären Linken. Neben dem Kultur- macht er den Menschenrechtsrelativismus als ein Kennzeichen aus: "Identitätslinke lehnen Menschenrechte keineswegs ab; in Bezug auf Minderheitenkulturen bekennen sie sich sogar ausdrücklich zu ihnen. Dennoch werden dortige Menschenrechtsverletzungen häufig ignoriert. Antisemitismus, Frauendiskriminierung oder Homosexuellenhass unter Muslimen sind oft Tabuthemen. Zudem kursiert unter Identitätslinken die Auffassung, jede Berufung auf Menschenrechte erfolge von einem 'überlegenen Standpunkt' aus. So wäre auch hier die Homogenität einer Gruppe wichtiger als die Einhaltung von Menschenrechten."

Armin Pfahl-Traughber durchleuchtet außerdem bei hpd.de den Begriff des "islamo-gauchisme", den er mit "Islam-Linke" übersetzt. Er hält den Begriff wie viele Begriffe in diesen Debatten zwar für diffus, aber auch substanziell. Auch in Deutschland lasse sich "durchaus ein Einklang von bestimmten Islamisten und bestimmten Linken feststellen. Dies hat für die Diskussionskultur erschreckende Konsequenzen." Besonders beobachtet er, "dass Bestandteile eines linken Selbstverständnisses immer mehr erodieren: Aufklärung und Frauenrechte, Individualismus und Menschenrechte, Religionskritik und Säkularität."

Auch Stefan Laurin setzt sich in einem längeren Essay bei den Ruhrbaronen mit der modischen akademischen Linken und ihren identitären Ideen auseinander, die die Ideenwelt der Postmoderne zu einem sehr amerikanischen Convenience Food vereinfacht. Besonders fällt ihm die Sprach- und Benennungsobsession auf: "In der postmodernen Welt ist Sprache nicht vor allem Mittel, um sich mit anderen auszutauschen. Sie ist vielmehr eine Möglichkeit der Abgrenzung mit fast magischen Fähigkeiten. In der Nachfolge des sprachlichen Idealismus und der Sprechakttheorie geht man davon aus, dass Sprache die Wirklichkeit schafft. Das tut sie ohne Zweifel in einem bestimmten Maße, aber sie kann nicht dauerhaft die Wirklichkeit brechen. Eine Elefant ist keine Maus, auch wenn man ihn so nennt. Tut man es ständig, ändert höchstens das Wort 'Maus' seine Bedeutung, aber der Elefant bleibt ein sehr großes Tier mit Rüssel und wird nicht zum kleinen Nager."

Von der intellektuellen marxistischen Linken ist nur ein Haufen erfolgloser, "frustrierter Selbsthasser" in der Folge Rousseaus geblieben, klagt der Medientheoretiker Norbert Bolz in der Welt: "Der Gesellschaft wird der Prozess gemacht, indem sich nicht nur der absolute Verlierer, sondern eben auch der Bürger mit schlechtem Gewissen zum Gewissen der Gesellschaft aufwirft. Dabei klagt man nicht nur im eigenen Namen, sondern auch im Namen der Empfindsamen und Beleidigten, der Minderheiten und Migranten an. Hier funktionieren Mitleid und Engagement für Gleichheit als Masken für tyrannische Impulse. So resultiert ein Absolutismus der Tugend, den man heute politische Korrektheit nennt und der die bürgerliche Welt in Schockstarre versetzt."

Cancel Culture hat in Deutschland Tradition (und sich als "deutscher Exportschlager" erwiesen!), schreibt Tilman Krause indes mit Blick in die Geschichte in der Welt: "Die erste große Manifestation des neuen Moralismus in Deutschland ist das Wartburgfest, das Studenten (damals noch ohne weibliche Kommilitonen) 1817 veranstalteten. Dabei präsentierten sich deutsche 'Burschenschafter' nicht nur als Befürworter der deutschen Einheit und als Kritiker der europäischen Fürstenherrschaft. Sie verbrannten auch erstmals in großem Stil Schriften von Leuten, die ihnen unliebsam waren, weil sie ihren politischen Zielen im Wege standen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.03.2021 - Ideen

Als einen neuen Historikerstreit will Charlotte Wiedermann in der taz die aktuelle Debatte um Achille Mbembe und co. nicht bezeichnen, und die Singularität des Holocaust will sie persönlich gar nicht in Zweifel stellen, es sei denn doch: "Problematisch ist der Begriff Singularität .., wenn daraus eine Exklusivität jüdischer Opfer resultiert. Und eine Hierarchisierung zeigt sich, fern von Kolonialvergleichen, bereits durch die Vernachlässigung des Porajmos, dem eine halbe Million Roma und Sinti zum Opfer fielen. Nach einer Formulierung von Goebbels wurden sie wie die Juden 'schlechthin vernichtet', 'artfremden Blutes' auch sie. Kaum auffindbar ihr Gedenkort im Berliner Tiergarten, unweit des monumentalen Mahnmals für die jüdischen Opfer. Wer heute insistiert, Antisemitismus und Rassismus seien nicht wesensähnlich, mag an dieser Architektur der Differenz Gefallen finden."

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldtforums, hat dem Postkolonialismus neulich in der FAZ vorgeworfen, den jüdischen Anteil an einer "antikolonialen" Ethnologie, wie ihn Aby Warburg oder Franz Boas repräsentieren, zu unterschlagen (unsere Resümees). Der Artikel hat bei Twitter Empörung ausgelöst (unter anderem seltsamer Weise, weil er am Internationalen Frauentag publiziert worden war). Im Gespräch mit Caroline Fetscher und Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel bleibt Bredekamp bei seinem Plädoyer für Boas und Warburg: "Beide sind herausragende Beispiele für eine Tradition, deren Andenken totgeschwiegen wird. Als ich 2010 bei der Eröffnung der Ausstellung 'Anders zur Welt kommen' betonte, dass der Weg zum Humboldt-Forum auch als Wiederhinwendung zu den liberalen und antikolonialen Traditionen beschritten werden müsse, ertönte inmitten der zahlreichen Zuhörer der Ruf: 'Heil Hitler!' Solcher Logik zufolge ist die deutsche Geschichte gemäß dem Diktum 'Von Luther zu Hitler' so absolut mit dem Bösen verknüpft, dass jeder Hinweis darauf, dass es Alternativen gab, als Verharmlosung gilt."