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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2003. In der FR erklärt Vojislav Kostunica, früherer Präsident Jugoslawiens, warum er nicht der Bremser aus Belgrad ist. Die SZ untersucht den Wert Amerika. Die NZZ zerpflückt Guy Debord. Die taz trauert intelligenteren 1.Mai-Demos hinterher. In der FAZ kommentiert Wolfgang Schivelbusch das Verschwinden des Besiegten im Irakkrieg.

FR, 03.05.2003

Im Magazin spricht Gemma Pörzgen mit Vojislav Kostunica, dem früheren Präsidenten Jugoslawiens, über den Mord an Zoran Djindjic, die Mafia und Zukunft des Balkans. Dabei wehrt sich Kostunica gegen den Vorwurf, er sei "der Bremser aus Belgrad", der die von Djindjic angestrebten Reformen verhindern wolle, und kritisiert den westeuropäischen Schablonen-Blick, der auf die postkommunistischen Staaten geworfen werde: "Da wurde die Wirklichkeit verzerrt. Aber solche Klischees existierten schon während des Kommunismus und zur Zeit von Milosevic. Damals wurde ich auch schon als Nationalist oder Konservativer abgestempelt. In der kommunistischen Zeit unterschied man zwischen Befürwortern der Revolution und deren Gegnern. Dieses Muster hat der Westen später übernommen, er unterscheidet in postkommunistischen Staaten zwischen Reformern und angeblichen Reformgegnern. Und unter dem Deckmantel der angeblichen Reform rechtfertigt das Ziel die Mittel - alles ist erlaubt. Da wird es dann mit Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten nicht mehr so genau genommen. Djindjic war für Reformen ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz. Ich bin auch für Reformen, lege aber großen Wert auf Recht und Gesetz."

Weitere Artikel: Im Magazin unterhält sich Jakob Rohwe ausführlich mit dem britischen Schauspieler Stephen Fry. Und in Zeit und Bild ist Eugen Egners Kurzgeschichte "Das bessere Leben" zu lesen.

Im Feuilleton hat Helmut Höge beobachtet, dass sich der 1. Mai in Berlin weniger als "Kampftag der Arbeiterklasse" gelohnt hat, aber dafür mehr für die Schankwirtschaft. Für Michael Rutschky könnte die Reform des Sozialstaates fast zu einem ästhetischen Erlebnis der Konfusion werden, wäre sie nicht so bitter nötig. Renee Zucker hat sich bei einem Abendessen mitfühlend die Klagen millionenschwerer Fachärzte angehört. Und es wird gemeldet, dass der Architekt Jean Nouvel in Rio de Janeiro ein Guggenheim-Museum bauen soll.

Auf der Medienseite gratuliert Reinhard Lüke der Deutschen Welle zum Fünfzigsten, und es wird gemeldet, dass "Reporter ohne Grenzen" am Tag der Pressefreiheit eine düstere Zwischenbilanz für das Jahr 2003 ziehen.

Besprochen werden Büchners "Leonce und Lena" am Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von Robert Wilson und Herbert Grönemeyer, Meg Stuarts Tanz-Theater "Visitors Only" in Zürich, eine Ausstellung zur organischen Architektur in der Berlage-Börse in Amsterdam, und Bücher - H. C. Artmanns gesammelte Gedichte, Christina Griebels Erzählungen "Wenn es regnet, dann regnet es immer gleich auf den Kopf" und eine Monografie über die Hollywood-Fotografin Ruth Harriet Louise (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 03.05.2003

Was Amerika und Europa trennt, sind nicht die Werte, behauptet Florian Coulmas, sondern deren Hierarchisierung. Und so gelte der meist europäische Antiamerikanismus auch in erster Linie der amerikanischen Art, diese Werte zu staffeln. "An einem Punkt steht Antiamerikanismus mit dem Wertediskurs in Zusammenhang. Dieser Punkt heißt Amerika. Er bezeichnet kein Land, keinen Kontinent, sondern eine Ideologie, nämlich den Amerikanismus. Amerika selbst wird als Wert verstanden, der im Zentrum von Amerikas Zivilreligion steht... Gerade in Extremsituationen wie im Krieg zeigt sich, dass der Wert Amerika über den anderen Werten steht, für die Amerika angeblich steht. Denn diese Werte - Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit - im Interesse ihrer Verteidigung zu suspendieren, kann nur im höheren Interesse, im Interesse Amerikas geschehen."

Andrian Kreye findet es höchst pikant, dass George Bushs Auftritt zu seiner Siegesrede ausgerechnet Inszenierung eines Deutschen folgt, nämlich einer Szene aus Roland Emmerichs Film "Independence Day". In der Reihe "Briefe aus dem 20. Jahrhundert" gibt es diesmal ein Brief von Peter Weiss an Siegfried Unseld über "entmachtende" Korrekturen an seinem Manuskript. Friedrich Wilhem Graf befürchtet, dass sich die evangelische Kirche in Bayern zur Sekte entwickelt. "Zig" findet, dass Daniel Libeskinds Satzbau genauso monumental ist wie seine architektonischen Bauten. Martin Köhl bedauert, dass die Brecht-Erben Jeromes Savarys Pariser Inszenierung der Drei-Groschen-Oper haben platzen lassen. Karl Bruckmaier gratuliert der Funk-Legende James Brown zum siebzigsten Geburtstag. Ulrich Kühne gratuliert dem Physiker und Nobelpreisträger Steven Weinberg (mehr hier) ebenfalls zum Siebzigsten. Aus Sizilien berichtet Henning Klüver, wie aus einem literarischen Ort ein wirklicher wurde. Und es wird gemeldet, dass der diesjährige Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik an Felicitas von Lovenberg geht.

Auf der Medienseite begeht Roman Pletter den fünfzigsten Geburtstag der Deutschen Welle, und Kai-Hinrich Renner hat den geheim gehaltenen Untersuchungsbericht über die Affäre der Hitler-Tagebücher eingesehen.

In der SZ am Wochenende gibt Alexander von Schönburg Tipps zum stilvollen Verarmen. Außerdem lesen wir, wie das Klischee des Alten Europas mit Schmachtfilmen bedient wird: Und zur Krönung gibt es noch "Geteilte Zeit in Florida", eine Kurzgeschichte von Jeffrey Eugenides (mehr hier).

Besprochen werden Büchners "Leonce und Lena" am Berliner Ensemble, in einer Inszenierung von Robert Wilson und Herbert Grönemeyer, Sylvain Cambrelains und Alain Platels Mozart-Potpourri zum Auftakt der Ruhrtriennale, die Ausstellung "Visionen und Utopien" in der Frankfurter Schirn, die Architekturzeichnungen aus dem derzeit geschlossenen New Yorker Museum of Modern Art zeigt, Alexander Sokurovs Film "Russian Ark", der eine merkwürdige Reise durch die Sankt Petersburger Eremitage unternimmt, und Bücher, darunter Pawel Huelles Roman "Mercedes-Benz", Claudio Magris' Essay-Sammlung "Utopie und Entzauberung" und Thomas Neville Bonners Biografie des Mediziners Abraham Flexner (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 03.05.2003

Stefan Zweifel zerpflückt in einem Essay die Situationisten und ganz speziell Guy Debord (mehr hier): "1967 war das Jahr, in dem Debord und sein Spezi Raoul Vaneigem ihre Kultbücher 'La Societe du Spectacle' und 'Banalites de Base' veröffentlichten, die bald als die meistgeklauten Titel in die Annalen eingingen. Es war aber auch die Zeit, als Michel Foucault (mehr hier) die anonym waltende Struktur der Macht illusionslos bloßlegte, als Jacques Derrida (siehe auch hier) die rousseauistische Sehnsucht nach einem 'reinen Anfang', nach einem 'goldenen Zeitalter' vor der zivilisatorischen Entfremdung als naive Ideologie entlarvte oder Gilles Deleuze (siehe auch hier) das starre Denken in Dualismen durch 'Differenz und Repetition' von innen aushöhlte. Debord blieb, mit diesen anspruchsvolleren Denkern verglichen, ein Gefangener altmarxistischer Schemata und pflegte im hölzernen Agitationsstil der Marx'schen Feuerbach-Thesen in unendlichen Abwandlungen die Kraft des Genetivs als Schockmoment - indem er die grammatikalischen Machtverhältnisse für eine Blitzsekunde umkehrte: 'Die Philosophie als Macht des losgelösten Denkens ist das Denken der losgelösten Macht'."

Weitere Artikel: Sabine B. Vogel denkt über den "ethnographic turn", den Trend zum Dokumentarismus in der bildenden Kunst nach. Bettina Gockels Artikel über "Ludwig Binswangers Seelenheilkunde in neuer Beleuchtung" war heute morgen im Netz zwar angekündigt, aber dann doch nicht online. Besprochen werden jede Menge Bücher, darunter Hans Magnus Enzensbergers "Geschichte der Wolken", die Wolkenfotografien von Alfred Stieglitz und Ulrike Kolbs Roman "Diese eine Nacht" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton berichtet Martin Zingg vom Genfer Salon du livre, der in diesem Jahr erstmals mit der eben eröffneten Baseler Buchmesse konkurrieren muss: "Und nach wie vor, so ist gesprächsweise zu erfahren, wird dies von Verlegern aus der Romandie als Affront empfunden, wobei nicht allein die zeitliche Koinzidenz kritisiert wird." Her. meldet, dass das geplante unabhängige Paul-Klee-Zentrum jetzt mit dem Kunstmuseum zusammengelegt werden soll Und hmn. ärgert sich über die Kaltstellung von Barbara Mundel, die eigentlich die Kölner Oper leiten sollte: "Nicht nur gibt sich Köln am Rhein der Lächerlichkeit preis, es könnte die Stadt auch noch teuer zu stehen kommen. Wie es noch billiger geht, führt derweil die Stadt Nordhausen in Thüringen vor. Sie sucht für ihren Dreispartenbetrieb keinen Intendanten mehr, sondern nur noch einen Geschäftsführer; die künstlerischen Entscheidungen wollen die Politiker fortan selbst fällen."

Besprochen werden die Aufführung von Leonora Carringtons surrealistischem Theaterstück "Das Fest des Lamms", inszeniert von Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen, Georg Büchners Lustspiel "Leonce und Lena", inszeniert von Robert Wilson mit Musik von Herbert Grönemeyer am Berliner Ensemble, die Uraufführung von Meg Stuarts Stück "Visitors Only" am Zürcher Schauspielhaus, Alban Bergs Konzert "Dem Andenken eines Engels" mit der Geigerin Julia Fischer ("ausdrucksstark") in der Zürcher Tonhalle, Mozarts Violinkonzert D-Dur mit Shlomo Mintz ("technisch traumhaft überlegen ohne Protzerei") in der Tonhalle Zürich und Bücher, darunter eine illustrierte Konsumgeschichte Deutschlands, Helmut Kraussers Roman "UC" und Alvaro Escobar-Molinas Roman "Der schlafende Berg" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 03.05.2003

Detlef Kuhlbrodt kann dem 1. Mai nichts mehr abgewinnen und schwelgt in Nostalgie vergangener Zeiten: "Damals waren die Demos irgendwie anders; anarchistischer, intelligenter. Man war gegen das Spießersystem und hatte das Gefühl, mit Gleichgesinnten zusammen zu laufen, die ansonsten nicht auftauchen im Repräsentationsgefummel." Heute jedoch wartet man auf den eigentlichen Höhepunkt immer vergeblich: "Die intelligenten, ironischen Demonstrationen (der Spaßpartei "KPD-RZ" mit ihren Unsinnsforderungen), die immer am Abend des 1. Mais losrennen wollen, fallen meist aus wg. Krawall."

Weitere Artikel: Cord Richelmann sieht in der geplanten Schließung des Botanischen Gartens in Berlin eher eine Neuausrichtung der Biologie als nur einen Sparzwang. Daniel Bax hat sich in der Hollywood-Villa von Plattenfürst Daniel Lanois umgesehen und dessen neues Solo-Album "Shine" angehört.

Auf der Meinungsseite entlarvt Christian Semler die von der US-Regierung angeführten Parallelen zwischen dem demokratischen Aufbau im Irak und dem im Deutschland und Japan der Nachkriegszeit als "billige Maskerade", und Stefan Kuzmany schreibt von der Kunst des Verschwindens. Auf der Medienseite stellt Clemens Niedenthal einen Fernseh-Mythos der Achtziger vor: "Diese Drombuschs". In den Themen des Tages führt Karim El-Gawhary sein Bagdad-Tagebuch fort. Diesmal: die eigentümliche Art, auf die die Amerikaner bei Plünderungen eingreifen.

"Wohnst du noch, oder lebst du schon?" Im tazmag erklärt Reinhard Krause kulturkritisch, was es mit dem Ikea-Slogan auf sich hat, Wiebke Hollersen hat festgestellt, dass sich "Schlafzimmerblick" und "lasziv" nicht mehr reimen, und Verena Kern hat auf die Frage "Was ist Wohnen?" fünf logische Antworten parat.

Besprochen werden Patrice Chereaus in Paris hochgelobte Inszenierung von Racines "Phedre" und Alain Platels "Wolf", mit denen die Ruhrtriennale eröffnet wurde, und Roger Avarys "schicke" Verfilmung von Bret Easton Ellis' Roman "The Rules of Attraction".

Schließlich Tom.

FAZ, 03.05.2003

Der Kulturhistoriker Wolfgang Schivelbusch, Autor von "Die Kultur der Niederlage", kommentiert eine Kapitulationsszene, in der die Amerikaner in einem Palast Saddams gewissermaßen formell die Macht im Irak übernahmen und nur eine Abordnung der Besiegten fehlte. "Dass keine Vertreter der Besiegten zugegen waren, wirkte wie ein unheilvolles Schweigen, wie eine Tragödie, die ohne die letzten Worte des sterbenden Helden zu Ende geht. Doch diesem bemerkenswerten Ereignis war ja schon etwas anderes vorausgegangen, was in der modernen Geschichte ohne Beispiel ist. Um einen größeren Krieg zu finden, bei dem, wie im Fall Irak, eine ganze Nation mit militärischer Asymmetrie erobert wird, muss man fünf Jahrhunderte zurückgehen, bis zu den Azteken, die mit Dolchen gegen die mit Feuerwaffen ausgerüsteten Spanier kämpften."

Michael Jeismann sagt dem siegreichen amerikanischen Präsidenten eine "romantische Politik" nach und bittet Folgendes nicht zu vergessen: "Im Irak wurde .. von den Amerikanern die Hinterlassenschaft eines europäischen Fiaskos bekämpft. Das sollten die bedenken, die nun auf der sicheren Seite der tatenlosen Moral ausgerechnet eine europäische Unschuld zum Zeichen europäischer Gemeinsamkeit machen wollen."

Weitere Artikel: Gemeldet wird, dass Gabriel Garcia Marquez und ein paar Intellektuelle nach der Inhaftierung von einigen Dutzend Dissidenten durch Fidel Castro in einem öffentlichen Brief vor einer "Kampagne gegen Kuba" warnen (wir verlinken hierzu unter anderem auf Artikel aus La Jornada in Mexiko und El Tiempo in Kolumbien, siehe hier und hier und hier und hier). Gina Thomas erklärt, wie die London Review of Books neue Leser gewinnen will - sie hat in London einen Buchladen eröffnet, wo unter anderem ihre Autoren lesen und zum Abonnieren der Zeitschrift sowie zum Bücherkauf anregen sollen. Ernst Horst resümiert ein Münchner Streitgespräch zwischen dem türkischen Professor Mesut Yilmaz und dem deutschen Professor Hans-Ulrich Wehler zur Frage, ob die Türkei einst ein Vollmitglied der EU werden könne

"G. P. gratuliert dem Physiker Steven Weinberg zum Siebzigsten.
Edo Reents gratuliert Soulsänger James Brown zum Siebzigsten.
Christian Geyer gratuliert dem Kirchenhistoriker Erwin Gatz zum Siebzigsten.

Auf der Medienseite porträtiert Michael Hanfeld den Zeitschriftenerfinder Reinhold G. Hubert vom Burda-Verlag.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten erinnert Henning Ritter an Henri Dunant, der nach dem Krim-Krieg das Rote Kreuz erfand. Und Günther Rühle stellt die unbekannte Novelle "Der Dichter und die Meerschweinchen" vor, die Alfred Kerr im Londoner Exil schrieb.


Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine neue CD von Heinz Rudolf Kunze, um Klavier-Duos von Joh. Chr. Bach mit Aglika Genova und Liuben Dimitrov (mehr zu den beiden hier), um Haydn- und Schostakowitsch-Einspielungen des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt unter Hugh Wolff und um Händels "Rinaldo" unter Rene Jacobs.

Besprochen werden die "Leonce und Lena"-Aufführung mit Musik von Herbert Grönemeyer (dem "Weltschmerz-Plüschhasen mit dem sensibel feuchten Witterungsschnäuzchen fürs Vademecum der rechten Medizin", wie Gerhard Stadelmaier erläutert), eine Ausstellung mit Porträtfotografien von Julia Margaret Cameron in London, ein Konzert Neil Youngs in der Alten Oper Frankfurt, der Film "X-Men 2", ein Mozart-Spektakel des Regisseurs Alain Platel im Rahmen der Ruhrtriennale, und natürlich Bücher, darunter A. F. Th. van der Heijdens Romanzyklus "Die zahnlose Zeit".

In der Frankfurter Anthologie stellt Jochen Jung das Gedicht "Echo" von Thomas Rosenlöcher vor:

"Wo ich bin knarren die Föhren.
Wo nicht rauscht in ihnen das Meer..."