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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.11.2006. Die SZ beobachtet das große Architektenwettrennen um die Ehre, dem Gasprom-Konzern ein schaurigschönes Denkmal zu setzen. In der FR löst Cora Stephan die FrauenMutterKindfrage. Außerdem plädiert sie für eine Versöhnung der alten und der neuen Suhrkamp-Eigner. Die taz beendet die Kritik der Kritik mit milden Tönen. Die FAZ ist bestürzt: Der Bayerische Rundfunk will sein Klassikradio abschaffen. In Spiegel Online erklärt Wolf Biermann, warum die Stasi so viele Spitzel hatte.

FR, 14.11.2006

Als "fanatisch berufstätige kinderlose Frau von 50 plus, eine tendenziell nutzlose Alte" ergreift die Autorin Cora Stephan das Wort zur FrauenMutterKindfrage: "Ich kann zum Beispiel die vorwurfsvolle Behauptung nicht mehr hören, dieser oder jener nach 'Mama' und 'Schoko' greinende Spross verkörpere meine Zukunft und bezahle einmal meine Rente. Im besten Fall bildet sich der Spross lange und gründlich aus, kriegt in Deutschland keinen Job, wird, sofern weiblich, nach dem Eva-Prinzip Mutter oder überqualifizierte Haushälterin ihres Mannes oder sucht, sofern männlich, sein Heil, beziehungsweise einen Arbeitsplatz vernünftigerweise im Ausland. Im schlimmeren Fall bleibt der Spross als Couch-Potato gleich unter der Obhut von Mama und Vater Staat. Der Nährwert für 'meine' Rente ist in allen Fällen gering... Die 'Leistungsträger', die 'unsere' Renten zahlen, sind nicht 'die Jungen', sondern die 30- bis 50-Jährigen, eine kostbare Minderheit, die den stetig wachsenden staatlichen Sektor alimentieren und die sich wundersam vermehrenden Wohltaten der Politik bezahlen muss."

Andrea Nüsse berichtet, dass morgen das englischsprachige Programm von Al Dschasira auf Sendung gehen soll. "'Wir wollen den Informationsfluss umdrehen', erklärt der Brite Nigel Parson, Geschäftsführer von AJI, das Projekt. 'Es ist der erste englischsprachige Sender, der aus der Welt der Entwicklungsländer sendet.' Dazu wurden 20 eigene Büros geschaffen und 250 Journalisten aus 47 Nationen eingestellt. Darunter sind im Westen bekannte Gesichter wie der britische Moderator Sir David Frost, der Nachrichtensprecher der BBC, Darren Jordon, oder die frühere CNN-Journalistin Lauren Dutton."

Weiteres: Peter Michalzik fragt sich, warum der Suhrkamp Verlag eigentlich die neuen Anteilseigner als Bedrohung ansieht: "Gibt es auf der geschäftlichen Ebene eben doch ein Einfallstor für die Interessen von Minderheiteneignern? Hat man Angst davor, dass sich jemand das Unternehmen genauer ansieht?" In Times mager bedauert Harry Nutt, dass die heutigen Manager keine Bellheims mehr abgeben. Volkmar Sigusch schreibt in seiner Kolumne zur sexuellen Frage. Besprochen werden das neue Album "An Other Cup" des Yusuf Islam, the artist formerly known as Cat Stevens, und eine Ausstellung zu Francis Bacon in Düsseldorf.

TAZ, 14.11.2006

Dirk Knipphals schließt die Artikelreihe "Kritik der Kritik" ab und kommt zu dem recht bürgerlich anmutenden Schluss, dass Kritik zur Geschmacksbildung da ist. "Dabei gibt es Fragen wie: War Pop an diesem oder jenem Punkt nicht schon einmal weiter? Was bedeutet eigentlich das viele Blut auf der Bühne - sind das nicht bloß theatralische Beeindruckungsgesten? Muss ein Roman nicht zwangsläufig authentische Erfahrungen bearbeiten? Die Aufgabe der Kritik könnte gerade sein, ein interessiertes Publikum mit interessanten Fragen zu versorgen."

Im Feuilleton freut sich Stefan Reinecke über Minimalismus auf der 30. Dokumentarfilmwoche in Duisburg. Auf den vorderen Seiten porträtiert Waltraud Schwab die Schauspielerin Martina Gedeck. In der zweiten taz überprüft Anne Haeming die Parcour-Stadtkletterer auf ihre gesellschaftliche Relevanz. Besprochen werden "Brakin", der "faszinierende" Report einer Künstlergruppe, die nach Brazzaville und Kinshasa gereist ist.

Und Tom.

NZZ, 14.11.2006

Heute herrscht die Rezension. Marc Zitzmann lässt sich von "L'Homme qui danse", dem neuesten Stück eines Zyklus autobiografischer Inszenierungen des französischen Schauspielers und "Bühnendemiurgen" Philippe Caubere, faszinieren. Als "seltsamen Mix aus schwelgerischen Naturbildern und düsterem Film-noir-Ambiente" empfiehlt Geri Krebs "El aura", das filmische Vermächtnis des kürzlich verstorbenen argentinischen Regisseurs Fabian Bielinsky.

Weitere Besprechungen widmen sich einer Ausstellung über den italienischen Architekten und Designer Franco Albini in der Triennale Mailand, einer Schau über Schweizer Design im Berner Kornhaus und eine Retrospektive des Genfer Landschaftsmalers Alexandre Calame im Sterling and Francine Clark Art Institute in Williamstown, Massachusetts, und Büchern, darunter Erzählungen von Deszö Kosztolanyi und Nicole Krauss' Roman "Kommt ein Mann ins Zimmer" (mehr wie immer ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).
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Welt, 14.11.2006

"Das amerikanische Jobwunder der letzten Jahre ist zu einem großen Teil ein Statistikbetrug." Der Fernsehregisseur Holger Ernst beschreibt die Armut in den USA, die den Hintergrund für seinen ersten Langfilm "The House is Burning" bildet, der diese Woche in die Kinos kommt. "Wir befinden uns in einer heruntergekommenen Vorstadt-Siedlung: Suburbia, wie es überall in den USA zu finden ist. Dort beginnt sie, die sich immer weiter öffnende Schere zwischen Reich und Arm, und jene Menschen, die wir in Deutschland gerade als Unterschicht entdecken und neu definieren, gehören dort eher zur unteren Mittelschicht. Laut einer Studie der Stiftungen Annie E. Casey, Ford und Rockefeller leben derzeit in den USA mehr als 39 Millionen Menschen trotz Arbeit in Armut. Jeder vierte Job bringt nicht genügend ein, um eine Familie zu ernähren."

Auf der Meinungsseite stellt Wolf Lotter ein interessantes Modell vor, mit dem die Vererbung der Armut unterbrochen werden soll. "Alle Bürger erhalten mit ihrer Volljährigkeit ein Startkapital von 80.000 Dollar - umgerechnet 60.000 Euro - zur freien Verfügung. Der warme Geldregen soll normalerweise zinsträchtig angelegt werden und in vier Jahrestranchen an die Stakeholder ausgezahlt werden. Davon finanzieren die Empfänger sich Ausbildung und Studium, aber auch Phasen der Erwerbslosigkeit. Und wenn sie, vor allem dank dieser ausreichenden finanziellen Starthilfe, Jahrzehnte später als wohlhabende Bürger sterben, wird eine höhere Erbschaftssteuer die Startgelder für die nächste Generation bereitstellen. "

Im Feuilleton erzählt der Leiter des Jüdischen Museums in Berlin, Michael Blumenthal, im Interview vom Exil seiner Familie in Schanghai während des Zweiten Weltkriegs. Besprochen werden eine Ausstellung zur Maltechnik von Michelangelos "Madonna mit der Nelke" in der Alten Pinakothek München, und eine DVD über das Bandleben von "The Police", vom einstigen Schlagzeuger Stewart Copeland damals selbst auf Super-8-Film gedreht und nun zusammengeschnitten.

Berliner Zeitung, 14.11.2006

Christine Richter und Jan Thomsen berichten, dass Klaus Wowereits Pläne, den Bund stärker an der Berliner Kultur zu beteiligen, auf taube Ohren stößt. Bei einem Treffen mit Angela Merkel gestern abend "sollte es, anders als zunächst verlautete, nicht um die Kulturfinanzierung, sondern nur noch um die Zukunft des Flughafens Tempelhof gehen. Der Vize-Sprecher der Bundesregierung, Thomas Steg, wies Forderungen nach Finanzhilfen für die Hauptstadtkultur deutlich zurück: 'Der Vorhang ist gefallen.' Es gehe bei dem Treffen ausdrücklich nicht darum, mehr Geld zu verteilen. Der Bund werde seiner Verantwortung in dem Bereich gegenüber Berlin schon jetzt 'voll gerecht', so Steg weiter."

FAZ, 14.11.2006

Julia Spinola ist bestürzt: Der Bayerische Rundfunk will seinen Klassiksender Bayern 4 zugunsten einer 24-Stunden-Jugendwelle in digitale Netze abschieben. Die Rundfunkorchester würden kaum noch publikumswirksame Sendeplätze finden: "Und all dies für ein Jugendprogramm, das zusätzlich im digitalen Bereich mit allen Schikanen wie einer interaktiven Internetanbindung ausgestattet werden soll, eben weil es auf UKW sowieso niemand hören wird."

Weitere Artikel: Lisa Zeitz berichtet, dass alle Skizzen und Gemälde, die Edouard Manet von der Exekution Maximilians I. anfertigte, erstmals in New York ausgestellt sind. Lutz Wicke, ehemals Leiter des Bundesumweltamtes, fordert in einem dramatischen Appell ein verbessertes internationales Emissionshandelssystem um den Kohlendioxidausstoß und damit die Klimaerwärmung zu bremsen. Gemeldet wird, dass der Bund weitere Forderungen Berlins nach Kulturunterstützung höflich zurückweist. Thomas Wagner gratuliert dem Kunstkritiker Laszlo Glozer zum Siebzigsten. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des russischen Dirigenten Woldemar Nelsson.

Auf der DVD-Seite werden Neuauflagen klassischer, später und postmoderner Western vorgestellt. Und Michael Althen plädiert sehr für den Film den Film "The Three Burials of Melquiades Estrada" von und mit Tommy Lee Jones, der in Cannes letztes Jahr mehrere Preise bekam und dennoch in Deutschland weder im Kino lief noch auf DVD herausgebracht wird. Auf der Medienseite resümiert Eva-Maria Lenz das ARD-Hörspielfestival in Karlsruhe. Michael Hanfeld berichtet, dass der Intendant des Saarländischen Rundfunks Fritz Raff nicht mehr für die WDR-Intendanz kandidiert, weil er lieber ARD-Vorsitzender werden möchte. Und Jürg Altwegg meldet, dass Liberation nun einen neuen Chefredakteur hat, nicht Edwy Plenel, sondern Laurent Joffrin.

Auf der letzten Seite schildert Martin Schlögl, wie Gebärdendolmetscher ein ganzes Konzert in Berlin für Gehörlose übersetzten. Andreas Rossmann berichtet, dass der Lotto-Unternehmer Norman Faber fünf Millionen Euro für den Bau eines Konzerthauses in Bochum spendet, die er allerdings an recht präzise Bedingungen knüpft. Und Sandra Danicke freut sich über die neuesten Konzerte der von einer Krebserkrankung genesenen Sängerin Kylie Minogue.

Besprochen werden ein Konzert des "wohl heißesten Indie-Rocksängers aus Amerika" (so Richard Kämmerlings) Ben Kweller in München, zwei neue CDs der russisch-amerikanischen Komponistin und Pianistin Lera Auerbach, eine Ausstellung mit einigen jener Handschriften, die das Land Baden-Württemberg fast verkauft hätte, um das Haus Baden zu sanieren, in Karlsruhe, der Dokumentarfilm "Jesus Camp" über die Umtriebe fundamentalistisch-protestantischer Jugendorganisationen in den USA und Ingomar Grünauers Oper "Cantor" in Halle.

Tagesspiegel, 14.11.2006

"Die Fixierung auf die Staatsoper wirkt wie ein Fetisch", konstatiert Rüdiger Schaper und schlägt vor, dass man auch einmal über andere Möglichkeiten nachdenken sollte, wie der Bund der Berliner Kultur unter die Arme greifen kann: "Der Bund könnte, wenn er schon sein Engagement in Berlin ausbaut, die freien Mittel für Hauptstadtkulturfonds und Bundeskulturstiftung substanziell erhöhen. Denn diese fördern Projekte, die häufig international angelegt sind und deretwegen Künstler aus aller Welt (und allen Bundesländern) nach Berlin kommen."

Spiegel Online, 14.11.2006

In einem epischen Interview mit den Spiegel-Online-Redakteuren Claus Christian Malzahn und Andreas Borcholte zieht Wolf Biermann auch ein paar paradoxe Lehren aus der DDR-Geschichte: "Die Stasi hatte pro Kopf 20 Mal mehr Spitzel als die Nazis. War die DDR also 20 Mal so schlimm wie der Nationalsozialismus? Natürlich nicht. Dieser gewaltige Spitzelapparat mit diesen unglaublich vielen hoch bezahlten Lumpen, ob offizielle Offiziere, ob inoffizielle Mitarbeiter, sind ein schlagender Beweis dafür, dass es viele Menschen gab, die man in der DDR bespitzeln und unterdrücken musste."

SZ, 14.11.2006

Zwei Texte widmen sich den gruseligen Plänen des Gasprom-Konzern, seinen Machtanspruch in Architektur zu gießen: Vor Petersburg will sich das Imperium eine ganze Stadt errichten: Gasprom-City. An dem internationalen Wettbewerb beteiligen sich alle Büros von Rang: Jean Nouvel, Herzog und de Meuron, RMJM, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind und Massimiliano Fuksas. Gerhard Matzig schaudert: "Diese Energie-Architektur ist ebenso sehenswert wie gespenstisch. Geformt von den bekanntesten Architekten der Gegenwart, wird sich nämlich der hier behauptete Futurismus schon bald seiner eigenen Vergangenheit zuwenden müssen. Das Gasprom-City-Projekt, von dem Jean Nouvel behauptet, es sei so wegweisend wie einst der Bau des Pariser Eiffelturms, ist alles andere als innovativ. Es wirkt, als ob sich eine sterbende Branche auf dem Höhepunkt ihrer Macht schaurigschöne Denkmale setze. "

Sonja Zekri sieht schwarz für Sankt Petersburg: "Während Denkmalschützer den Tränen nahe sind beim Anblick Moskaus, wo Tausende historischer Bauten zerstört wurden, um mal albernen Kopien, mal monströsen Neubauten Platz zu machen, fristete Sankt Petersburg lange Zeit ein Leben in Armut und Unversehrtheit. Erst der 300. Geburtstag vor drei Jahren brachte einen nennenswerten Schub. Andere Projekte folgten: Für das Mariinskij-Theater hat Dominique Perrault einen Anbau entworfen. Norman Foster baut auf dem ehemaligen Militärgelände Neu-Holland ein Amphi-Theater. Ein Siliconvalley-artiges Technologie-Zentrum und ein Miniaturen-Park sind geplant: Petersburg ist aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht. Kein Projekt aber setzt sich so brutal über den Charakter der Stadt hinweg wie Gasprom-City."

Weitere Artikel: Im Interview mit Gerhard Persche spricht Peter Sellars über sein interkulturelles Mozart-Festival "New Crowned Hope": "Solche Explosionen von Kreativität darf man nicht verschlafen." Der Historiker Ingo Haar (mehr) führt vor, wie die Vertriebenenverbände die deutschen Opferzahlen hochgerechnet haben. Auf der Konferenz "Urban Age" hat Florian Urban begriffen, dass Städte nicht unbedingt eine Ansammlung von Belle-Epoque-Stuckfassaden und mittelalterlichen Fachwerkgebäuden sind, sondern eher selbstgebaute Häuser, improvisierte Marktplätze und andere Orte informeller Ökonomie. Auf dem Münchner "Dance"-Festival hat Arnd Wesemann die Säulenheiligen der amerikanischen Avantgarde erlebt und Eva-Elisabeth Fischer einen Abend mit dem Ballett-Theater München. In Venedig sieht Henning Klüver gerade einen "Hahnenkampf internationaler Giganten (Pinault gegen Guggenheim, Tadao Ando gegen Zaha Hadid) sowie lokaler Politzwerge". G.K. gratuliert dem Kunsthistoriker Laszlo Glozer zum Siebzigsten. Hans Schifferle erinnert an Louise Brooks, die "enigmatische Lulu des Stummfilms", die vor hundert Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Bücher, darunter Regina Scheers Geschichte einer Familie "Wir sind die Liebermanns", Erzählungen von den Faröer Inseln "Von Inseln weiß ich...", und Briefen des Architekten und Literaten Paul Engelmann (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).