Magazinrundschau - Archiv

Atlantic

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Magazinrundschau vom 28.05.2019 - The Atlantic

Elizabeth Winkler hat sensationelle Nachrichten - Shakespeare war eine Frau! In der neuen Ausgabe des Magazins sammelt Winkler Indizien und nennt einen Namen: Emilia Bassano. "Ist je jemand auf die Idee gekommen, dass der Schöpfer all der außergewöhnlichen Frauenfiguren selbst eine Frau war? … Die vorherrschende Ansicht war, dass in der Renaissance in England keine Frau für das Theater schrieb, weil das gegen die Regeln verstieß. Religiöse Verse und Übersetzungen wurden als geeignete literarische Aktivitäten für Frauen angesehen, 'closet dramas', die nur für die private Lektüre gedacht waren, waren akzeptabel. Die Bühne war tabu. Wissenschaftler haben allerdings herausgefunden, dass Frauen als Gönner, Anteilseigner, Kostümbildnerinnen und Kassiererinnen in das Bühnen-Geschäft involviert waren. Darüber hinaus wurden 80 Prozent der in den 1580er Jahren gedruckten Stücke anonym geschrieben, und diese Zahl fiel erst in den frühen 1600er Jahren unter 50 Prozent … Bassano wurde 1569 in London als Tochter einer venezianischen Einwandererfamilie - wahrscheinlich jüdische Musiker und Instrumentenbauer - geboren und war eine der ersten Frauen in England, die einen Gedichtband veröffentlichte (angemessen religiös und doch verblüffend feministisch gegen männliche Unterdrückung und für die Befreiung der Frau streitend). Ihre Existenz wurde 1973 vom Oxford-Historiker A. L. Rowse aufgedeckt, der spekulierte, sie sei Shakespeares Geliebte gewesen, die in den Sonetten beschriebene 'Dark Lady'. In dem Stück 'Emilia' geht die Dramatikerin Morgan Lloyd Malcolm noch einen Schritt weiter: Ihr Shakespeare ist ein Plagiator, der Bassanos Worte für Emilias berühmte Verteidigung der Frauen im Othello verwendet. Könnte Bassanos Beitrag noch größer und direkter sein? Die Idee fühlte sich wie eine feministische Fantasie über die Vergangenheit an. Doch Geschichten über verlorene und verdeckte Errungenschaften von Frauen haben oft etwas Traumhaftes, da sie eine andere Geschichte als die enthüllen, die wir kennen. Hatte ich mich hinreißen lassen, Shakespeare nach dem Bild unserer Zeit neu zu erfinden? Oder blickte ich hinter die geschlechtsspezifischen Annahmen, auf eine Frau, die wie Shakespeares Heldinnen eine raffinierte Verkleidung trug? Vielleicht war die Zeit endlich gekommen, sie zu erkennen."

In der Titelstory sieht James Carroll für die Katholische Kirche nur eine Möglichkeit, sich nach den Missbrauchsskandalen zu erneuern: Sie muss ihre Hierarchie und den Klerikalismus abschaffen. "Die Kirche, die ich voraussehne, wird von Laien regiert werden, wobei das Verb dienen angemessener wäre als regieren. Es wird Führer geben, die Gemeinschaften in der Anbetung versammeln, und weil die Tradition reich ist und tief in der Menschheitsgeschichte Akkorde anschlägt, können solche sakramentalen Befähiger durchaus als Priester bekannt sein. Dazu werden auch Frauen und verheiratete Menschen gehören. Sie werden ontologisch allen anderen gleich sein. Sie werden keinem feudalen Übergeordneten Lehnstreue schulden."

Weitere Artikel: Franklin Foer beschreibt Victor Orbans Krieg gegen George Soros' Central European University. Darcy Coutreau erzählt die Geschichte einer Mexikanerin, die es nach Jahrzehnten geschafft hat, legal in Amerika zu leben.

Magazinrundschau vom 04.06.2019 - The Atlantic

Emma Green erkundet die düsteren Perspektiven für Christen in Nahost, eine Gefahr für den Pluralismus in der Region, warnt sie, aber auch eine politische Gelegenheit: "Der prekäre Zustand des Christentums im Irak ist tragisch. Die Welt könnte bald Zeuge der dauerhaften Vertreibung einer uralten Religion und eines uralten Volkes werden. Die Bewohner dieser Gegend teilen mehr als den Glauben: Sie nennen sich Suraye und fühlen sich alten Völkern verbunden, die dieses Land lange vor Christi Geburt bewohnt haben. Das Schicksal des Christentums in der Ninive-Ebene ist von geopolitischer Bedeutung. Religiöse Minderheiten sind ein Test für den Pluralismus eines Landes; eine gesunde liberale Demokratie schützt gefährdete Gruppen und ermöglicht ihnen gesellschaftliche Teilhabe. Ob Christen in Ländern mit muslimischer Mehrheit überleben können, ist ein entscheidender Indikator dafür, ob die Demokratie an diesen Orten lebensfähig ist. Im Irak sind die Aussichten düster, wie auch in anderen Ländern der Region, in denen alte christliche Bevölkerungsgruppen leben, darunter Ägypten, Syrien und die Türkei. Christen an diesen Orten sind Diskriminierung, staatlich gestützter Einschüchterung und dauernder Gewalt ausgesetzt. Sie haben allerdings einen mächtigen Verbündeten: die USA, die unter Trump der Unterstützung des Christentums im Nahen Osten noch höhere Priorität einräumen als unter Bush oder Obama. Unter Trump flossen hohe Investitionen in die Region. Diese außenpolitische Position ist zum Teil innenpolitisch begründet. Den konservativen Trump-Wählern liegen unterdrückte Christen am Herzen, und sie unterstreichen das durch effektives Lobbying. Aber die Notlage der Christen in der Region spielt auch einer Regierung in die Karten, die ihre Außenpolitik als Kampf um die den globalen Einfluss des Westens betrachtet. Für Trump ist das Christentum ein Bollwerk westlicher Werte in einer Region voller Feinde."

Magazinrundschau vom 26.03.2019 - The Atlantic

Douglas Quenqua berichtet über Kindesmissbrauch bei den Zeugen Jehovas und wie die Organisation damit umging, bis ein ehemaliges Mitglied die entsprechenden Dokumente leakte: "März 1997 sandte die Watchtower Bible and Tract Society, die gemeinnützige Organisation, die die Zeugen Jehovas beaufsichtigt, einen Brief an jede ihrer 10.883 US-Gemeinden und an weitere Gemeinden weltweit. Man war besorgt über das rechtliche Risiko durch mögliche Kinderschänder in seinen Reihen. Der Brief enthielt Anweisungen, wie mit einem bekannten Täter umzugehen sei: Schreiben Sie einen detaillierten Bericht, der 12 Fragen beantwortet - War dies ein einmaliges Ereignis, oder hatten die Angeklagten eine Vorgeschichte von Kindesmissbrauch? Wie wird der Angeklagte in der Community wahrgenommen? Weiß noch jemand anderes von dem Missbrauch? - und schickt ihn in einem speziellen blauen Umschlag an das Hauptquartier von Watchtower. Bewahren Sie eine Kopie des Berichts vertraulich in Ihrer Gemeinde auf, so die Anweisungen weiter, und geben Sie sie nicht an Dritte. So bauten die Zeugen Jehovas die vielleicht größte Datenbank der Welt mit undokumentierten Fällen von Kindesmissbrauch auf: Zehntausende Namen und Adressen aus einem Zeitraum von mindestens zwei Jahrzehnten, in einer durchsuchbaren Microsoft-Datei zusammengefasste, detailliert aufgezeichnete Akte möglichen Missbrauchs, von denen die meisten nie an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet wurden. In den letzten Jahrzehnten hat sich ein Großteil der Aufmerksamkeit für Missbrauchsvorwürfe auf die katholische Kirche und andere religiöse Gruppen konzentriert. Weniger beachtet wurde der Missbrauch unter den Zeugen Jehovas, einer christlichen Sekte mit mehr als 8,5 Millionen Mitgliedern. Trotz mehrerer Gerichtsbeschlüsse zur Freigabe der in der Datenbank enthaltenen Informationen hat Watchtower in dieser Zeit Millionen Dollar investiert, um sie geheim zu halten, sogar vor den Überlebenden der betreffenden Geschichten. Diese Bemühungen waren bemerkenswert erfolgreich, bis vor kurzem."

Magazinrundschau vom 02.01.2019 - The Atlantic

Was eint die Rechtspopulisten auf der ganzen Welt? Ihr Rassismus? Kann man zum Beispiel von Rodrigo Duterte nicht sagen. Der Kampf gegen Ungleichheit und Globalisierung? Dann hätten die Polen nie rechts gewählt. Nein, die Rechtspopulisten - von Bolsonaro, über Trump, Duterte bis Victor Orban und Matteo Salvini - haben nur eins gemeinsam, meint Peter Beinart: den Kampf gegen Frauen. Dazu gehört ganz wesentlich die Verschärfung oder Abschaffung des Rechts auf Abtreibung und die öffentliche Verächtlichmachung - bis hin zu offenen Vergewaltigungsdrohungen - von Konkurrentinnen (Duterte forderte seine Soldaten gar auf, weibliche Rebellen "in die Vagina" zu schießen, das würde sie "nutzlos" machen.) "Langfristig erfordert ein Sieg über die neuen Autoritäten mehr als nur die politische Stärkung von Frauen. Er erfordert eine Normalisierung ihrer Ermächtigung, damit Autokraten weibliche Führer und Demonstranten nicht zu Symbolen politischer Perversität machen können. Und er erfordert die Auseinandersetzung mit dem tiefer liegenden Grund, warum viele Männer - und einige Frauen - die politische Macht von Frauen als unnatürlich ansehen: weil sie die Hierarchie, die sie zu Hause sehen, untergräbt. "'Der erste [Geschlechts-]Unterschied, den Individuen bemerken', sagte die Politologin Valerie Hudson mir, 'ist der Unterschied zwischen den Geschlechtern im eigenen Haus. Das schafft die erste politische Ordnung, wie die Dinge natürlicherweise geregelt sein sollten.' Es ist daher nicht verwunderlich, dass Autoritäten oft erfolgreich sind, wenn Frauen - insbesondere feministische Frauen - die männliche Dominanz des öffentlichen Lebens in Ländern bedrohen, in denen Männer noch immer im privaten Bereich das Sagen haben."

Außerdem: Dahlia Lithwick liest Jane Sherrons Biografie der amerikanischen Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg, die zeige, dass man kein Gangster sein muss, um Dinge zu ändern. Und Stephen Metcalf fragt: Warum ist Andy Warhol immer noch so berühmt?

Magazinrundschau vom 19.02.2019 - The Atlantic

Anstatt aus dem Westen Liberalismus und Demokratie zu importieren, infiltriert Russlands Kleptokratie die USA, klagt Franklin Foer. 52 Prozent des russischen Vermögens haben die Oligarchen außer Landes geschafft, sie stecken ihre Milliarden vor allem in Immobilien, denn für diese gelten in den USA - seltsamerweise - nicht die strengen Gesetze gegen die Geldwäsche. Die vornehmen Herren großer Anwaltskanzleien und die Vorsteher von Großstädten, Geschäftsimperien oder Steueroasen können von dem Geld gar nicht genug bekommen: "2013 fragt New Yorks damaliger Bürgermeister Michael Bloomberg: 'Wäre es nicht großartig, wenn all die russischen Milliardäre hierherkämen?' Solch ein Willkommensbekunden hat zu seltsamen Dissonanzen in der amerikanischen Politik geführt. Nehmen wir den Aluminiummagnaten Oleg Deripaska, der immer wieder in der Untersuchungen zu den russischen Einmischung im Präsidentschaftswahlkampf von 2016 auftaucht. Das Außenministerium verweigerte ihm, mit Blick auf die - von ihm bestrittenen - Verbindungen zum Organisierten Verbrechen in Russland, jahrelang die Einreise in die USA. Solche Befürchtungen standen ihm nicht im Weg beim Kauf eines herrschaftlichen Hauses auf Manhattans Upper East Side für 42 Millionen Dollar und eines weiteren Anwesens in der Nähe von Washingtons Botschaftsviertel. Mit der Zeit wurde die Kluft zwischen den noblen Intentionen des Patriot Act und der schmutzigen Realität des Wohungsmarktes so groß, dass sie nicht mehr ignoriert werden konnte. 2016 testete die Regierung Obama ein Programm, um die Immobilienbranche mit dem Bankensektor in Einklang zu bringen und Makler zu zwingen, ebenfalls ausländische Käufer zu melden - das Pilotprojekt in Miami und Manhattan hätte zum Gerüst für eine tragfähige Reglementierung werden können. Aber dann kam ein Präsidentenwechsel und ein Hausbesitzer kam an die Macht. Obamas Nachfolger verkaufte gern Wohnungen an anonyme Käufer aus dem Ausland - und ist vielleicht von ihrem Geld abhängig geworden."

Weiteres: Ross Andersen besucht eine von Jain betriebene Vogelklinik in Delhi, die schon immer ahnten, dass nicht nur die großen Säuger, sondern alle Tiere Bewusstsein haben. In der nicht online stehenden Titelgeschichte pocht Yoni Appelbaum auf ein Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump.

Magazinrundschau vom 11.12.2018 - The Atlantic

Rachel Donadio ahnt zwar den Sturm, den sie in den literarisch-feministischen Twitter-Sektionen auslösen wird, trotzdem möchte sie noch einmal die Frage nach der Identität von Elena Ferrante aufwerfen, deren Neapel-Saga gerade im amerikanischen und italienischen Fernsehen läuft. Der italienische Journalist Claudio Gatti hat zwar herausgefunden, dass die Honorare an die langjährige Christa-Wolf-Übersetzerin Anita Raja gehen, doch Donadio glaubt, dass Raja die Bücher zusammen mit ihrem Mann schreibt, dem in Neapel aufgewachsenen Schriftsteller Domenico Starnone. In einem Offenen Brief an die italienische Autorin trägt sie zahlreiche Indizien zusammen, E-Mails, Interview-Äußerungen, die Bücher von Starnone, aber auch weitere Texte von Raja: "Von George Eliot bis Colette, die ihre Beststeller unter dem Namen ihres Mannes schrieb, gaben sich Frauen zu allen Zeiten männliche Pseudonyme, um veröffentlicht zu werden. Raja erkundet dieses Phänomen in ihrer Einleitung zu einer italienischen Übersetzung von Christa Wolfs Roman 'Kein Ort. Nirgends' von 1979 über zwei Dichter, die gemeinsam Selbstmord begingen: Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode, eine Frau, die im frühen 19. Jahrhundert in der Gestalt eines Mannes schrieb. 'Um dem Schmerz der Existenz etwas entgegenzusetzen', schreibt Raja über Günderrodes Leiden als Frau in einer männlichen Gesellschaft, 'sieht Karoline keine andere Möglichkeit, als sich selbst in einen Mann zu verwandeln ... ihre eigene Identität zu verleugnen'. Wenn 'es in den Augen der Welt erfordert, als Frau zu sterben, um eine Stimme zu haben', dann ist sie bereit, diesen Preis zu zahlen, 'denn sie spürt die Dringlichkeit, sich selbst auszudrücken, so stark, dass es für sie sogar hinnehmbar wird, sich selbst auszulöschen'. Du bist das gegenteilige Phänomen. Du nimmt einen Frauennamen an und bist doch fest entschlossen, jede verifizierbare weibliche Identität zu verwischen. Wenn ein männlicher Autor in Dein Schaffen involviert ist, wie ich nunmehr glaube, hast Du jedoch auch die einfache Vermutung unmöglich gemacht, dass er der Beeinflussende und nicht der Beeinflusste ist."

Magazinrundschau vom 27.11.2018 - The Atlantic

Teenager und junge Erwachsene haben immer weniger Sex, jedenfalls in den USA und in Europa, lernt Kate Julian, die sich für die Titelgeschichte mit dem Thema beschäftigt hat. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber besonders schwerwiegend dürfte die Tatsache sein, dass immer mehr Menschen unfähig sind zu sozialer Interaktion mit Unbekannten. "Ich erwähnte gegenüber mehreren Personen, die ich für dieses Stück interviewte, dass ich meinen Mann 2001 in einem Aufzug getroffen hatte. (Wir arbeiteten auf verschiedenen Stockwerken derselben Institution, und in den folgenden Monaten kamen viele weitere Gespräche zustande - im Aufzug, im Pausenraum, auf dem Weg zur U-Bahn.) Ich war fasziniert, wieviele Frauen daraufhin seufzten und sagten, dass sie gerne jemanden auf diese Weise treffen würden. Und dennoch dachten etliche von ihnen, dass sie es sehr seltsam fänden, würde ein Unbekannter im Aufzug mit ihnen ein Gespräch anfangen. 'Hau ab, du Widerling!', stellte sich eine Frau ihre Reaktion vor. 'Immer wenn wir schweigen, schauen wir auf unsere Handys', erklärte ihre Freundin nickend. Eine andere Frau fantasierte mir vor, wie es wäre, wenn ein Mann sie in einer Buchhandlung anmachen würde. (Sie würde ihr Lieblingsbuch in der Hand halten. 'Was ist das für ein Buch?', würde er sagen.) Aber dann schien sie aus ihrer Träumerei auszubrechen und wechselte das Thema zu 'Sex and the City' und wie hoffnungslos veraltet die Serie heute erscheine. 'Miranda trifft Steve in einer Bar', sagte sie in einem Ton, der darauf hindeutet, dass das Szenario genauso gut aus einem Roman von Jane Austen stammen könnte."

Ausgerechnet der renommierteste Bürgerrechtsverein der USA, die ACLU, hat sich kürzlich öffentlich dagegen ausgesprochen, die Rechte eines Angeklagten auf ein faires Gerichtsverfahren zu stärken. Zumindest auf dem Universitätscampus, schreibt ein entsetzter Conor Friedersdorf. Eine neue Richtlinie von Erziehungsministerin Betsy DeVos soll sicherstellen, dass künftig nach Title IX Angeklagte Zugang zu allen Unterlagen und Beweismitteln bekommen und Ankläger wie Kläger sich gegenseitig oder von ihren Anwälten ins Kreuzverhör nehmen dürfen. Bisher konnte die Universität eine Klage von einem einzelnen Ermittler untersuchen lassen und dem Angeklagten, dem die Ergebnisse nicht mitgeteilt werden, dann nur noch ihren Beschluss überreichen. Die ACLU protestierte gegen die neue Richtlinie auf ihrer Webseite und auf Twitter: Sie schwäche den Schutz vor sexuellen Übergriffen und "'fördert einen ungerechten Prozess, begünstigt unangemessen die Angeklagten und entlässt die Schulen aus ihrer Pflicht nach Titel IX, unverzüglich und fair auf Beschwerden über sexuelle Gewalt zu reagieren. Wir werden weiterhin Überlebende unterstützen.' Vor allem ein Satz war für die Bürgerrechtler schockierend: Die Richtlinie fördere 'einen ungerechten Prozess, der die Angeklagten unangemessen begünstigt'. Seit wann hält die ACLU ein Verfahren, das den Angeklagten begünstigt, für unangemessen oder ungerecht?" Die Rechten jedenfalls freuen sich bereits über diese Argumentationslinie, seufzt Friedersdorf.

Außerdem: Peter Beinart denkt über Chancen und Risiken einer neuen linken Welle (der dritten seit den dreißigern und den sechzigern) bei den Demokraten nach. Mike Mariani wundert sich, dass die Nachfrage nach Exorzisten in Amerika steigt.

Magazinrundschau vom 23.10.2018 - The Atlantic

Im neuen Heft des Magazins erkundet Judith Shulevitz die Möglichkeiten (und Gefahren) von Amazons Voice Service Diensten Alexa und Echo: "Alle Furcht vor dem Unterlaufen der Privatsphäre konnten den Siegeszug dieser Geräte nicht aufhalten. Amazon gibt keine exakten Zahlen heraus, aber ein Sprecher sprach von einigen zehn Millionen Nutzern … Bis 2021, so eine Untersuchung der Firma Ovum, wird es fast so viele Voice-Assistants auf dem Planeten geben wie Menschen. Ein Grund dafür ist Amazons massive Vermarktung zu Discount-Preisen. Es geht um die Kolonisierung des Raumes, Haushalte, Büros, Pkw. In der näheren Zukunft wird alles, von der Beleuchtung über die Klimaanlage und den Kühlschrank bis zum Klo stimmengesteuert sein … Aber diese Geräte haben auch einen Appeal, der über bloßen Konsumismus hinausgeht. Sogar diejenigen unter uns mit einer gesunden Skepsis gegenüber neuen Technologien, kaufen Smart-Speakers … Man könnte denken, Alexa ist nur eine neue Art, das zu tun, was wir ohnehin schon am Bildschirm machen, Einkaufen, Nachrichten lesen, Informationen finden. Doch so einfach ist es nicht. Es geht nicht um den Ersatz von Fingern und Augen durch Mund und Ohren. Wir reden hier von einer Veränderung des Status, den die Technologie bisher hatte, ein Upgrade. Wenn wir mit einem persönlichen Assistenten sprechen, heben wir die Technik auf eine Stufe mit uns."

An anderer Stelle hebt man den Menschen auf die Stufe der Technik, sozusagen. Michael Joseph Gross hat über das Biological Technologies Office von Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency, sie ist dem Pentagon unterstellt) recherchiert, dem der Neurowissenschaftler Justin C. Sanchez vorsteht. Hier versucht man, das menschliche Hirn mit haarfeinen Elektroden zu verdrahten. Ursprünglich sollte das Behinderten helfen, aber man kann es natürlich auf für Soldaten im Einsatz nutzen: "Ein Zweck der Abteilung ist es, 'die Fähigkeiten des Kämpfers wiederherzustellen und zu erhalten', und zwar mit verschiedenen Mitteln, darunter auch solchen, die Neurotechnologie benutzen - also technische Prinzipien auf die Biologie des Nervensystems anwenden. So entwickelt das Programm Restoring Active Memory beispielsweise Neuroprothesen - kleine elektronische Komponenten, die in das Gehirngewebe implantiert werden -, die die Gedächtnisbildung verändern sollen, um traumatischen Hirnverletzungen entgegenzuwirken. Betreibt DARPA auch geheime biologische Programme? In der Vergangenheit hat das Verteidigungsministerium solche Dinge getan. Es hat Tests an menschlichen Probanden durchgeführt, die fragwürdig, unethisch oder möglicherweise sogar illegal waren. Das Big Boy-Protokoll verglich zum Beispiel die Strahlenbelastung von Seeleuten, die auf einem Schlachtschiff über und unter Deck arbeiteten, und informierte die Seeleute nie darüber, dass sie Teil eines Experiments waren. Letztes Jahr fragte ich Sanchez direkt, ob eine der neurotechnologischen Arbeiten der DARPA speziell klassifiziert wurde. Er brach den Augenkontakt ab und sagte: 'Ich kann nicht - wir müssen das Thema vergessen, weil ich so oder so nicht antworten kann.' Als ich die Frage persönlich formulierte - 'Sind Sie an einem klassifizierten neurowissenschaftlichen Projekt beteiligt?' - schaute er mir in die Augen und sagte: 'Ich mache keine klassifizierte Arbeit auf der Seite der Neurotechnologie.'"

Magazinrundschau vom 18.09.2018 - The Atlantic

In einem dunklen Essay erinnert sich Anne Applebaum an ihre Silvesterparty 1999 in Polen: Die Hälfte ihrer damaligen Freunde würden heute nicht mehr mit ihr reden. So viele seien dem Gift der PiS-Lügen erlegen. Applebaum zieht durchaus Parallelen zur Vergangenheit. Aber im Gegensatz zu den Dreißigern "verlangen die polarisierenden Bewegungen des 21. Jahrhunderts in Europa ihren Anhängern sehr viel weniger ab. Sie brauchen keinen Glauben in eine komplette Ideologie, und darum brauchen sie keine Gewalt oder Terrorpolizei. Sie zwingen die Leute nicht zu glauben, dass Schwarz Weiß ist, Krieg Frieden und Staatsbauernhöfe 1.000 Prozent über dem Plan liegen. Die meisten entfalten keine Propaganda, die mit der Alltagsrealität in Konflikt steht. Und doch beruhen sie alle auf einer Lüge, wenn schon nicht auf einer großen, dann auf dem, was der Historiker Timothy Snyder mir gegenüber mal eine 'mittelgroße Lüge' nannte oder einen Haufen mittelgroßer Lügen. Um es anders zu sagen: All diese Regimes ermuntern ihre Anhänger, an einer alternative Realität zu glauben, und sei es von Zeit zu Zeit."

Magazinrundschau vom 10.07.2018 - The Atlantic

In einem interessanten Beitrag der neuen Ausgabe überlegt Jesse Singal, wie wir mit Kindern und Jugendlichen umgehen sollten, die sich als Transsexuelle fühlen (etwa 150.000 der 13-17-Jährigen in den USA beschreiben sich so) und eine Geschlechtsumwandlung möchten. Am Beispiel der 14-jährigen Claire zeigt sie die Probleme - auch der Eltern - auf: Nicht jedes Unbehagen am eigenen Geschlecht ist Ausdruck einer krankhaften Störung der Geschlechtsidentität, manchmal ist es auch einfach nur die Pubertät oder eine verzerrte Vorstellung von den Geschlechterrollen: "Für viele junge Menschen mag die Geschlechtsumwandlung, sozialer Art bei Kindern, physischer Art bei jungen Erwachsenen der richtige Weg sein. Aber eben nicht für alle. Manche Kinder sind seit früher Kindheit dysphorisch, kommen aber irgendwann mit ihrem Körper zurecht. Andere entwickeln die Störung erst in der Pubertät, aber ihr Leiden ist zeitlich begrenzt. Wieder andere identifizieren sich schließlich weder mit weiblich noch männlich. Die Vielfalt dieser Erfahrungen zu missachten, und nur die zu sehen, die anscheinend in einem 'falschen Körper' geboren wurden, kann Schaden anrichten. Das behaupten die sogenannten 'Rückumwandler'. Sie glauben, ihre Störung habe ihre Ursache nicht in einer tief sitzenden Differenz zwischen ihrer Geschlechtsidentität und ihrem Körper, sondern in psychischen Problemen, Traumata oder Frauenhass oder einer Kombination aus allem. Sie kritisieren, sie seien durch Gruppendruck oder Ärzte zu einer hormonellen oder chirurgischen Behandlung bewegt wurden. Einige dieser Eingriffe sind irreversibel; stimmliche Veränderungen, Körperbehaarung, Brustgewebe sind dauerhaft. Kinder, die mit entsprechenden Hormonen behandelt wurden, können unfruchtbar bleiben."

Außerdem: Stephen Metcalf schreibt über das Rätsel Jean-Michel Basquiat, dessen Bilder im Wert immer mehr steigen.