Magazinrundschau - Archiv

The Guardian

443 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 45

Magazinrundschau vom 15.03.2022 - Guardian

Sehr lesenswert ist Keith Gessens kurze Geschichte der Ukraine, die auch durchaus kritisch die Expansion der Nato beleuchtet, ohne damit Putins Angriffskrieg zu rechtfertigen. Schön vor allem, wie Gessen der Ukraine das Recht zugesteht, eine imperfekte Demokratie zu sein: "Die Ukraine erlebte unter den Geburtswehen einer Nation. Viele der postsowjetischen Staaten hatten ihre Probleme - korrupte Eliten, ethnische Minderheiten, eine Grenze mit Russland. Die Ukraine hatten von all dem immer noch ein bisschen mehr. Weil sie groß und industrialisiert war, gab es viel, das man stehlen konnte. Weil sie mit Odessa einen großen Hafen am Schwarzen Meer hatte, gab es einen leicht zugänglichen Seeweg, über den man stehlen konnte. Als die ukrainische Armee 2014 gebraucht wurde, zeigte sich, dass ein Großteil ihrer Ausrüstung aus diesem Hafen hinausgeschmuggelt worden war. Zu all dem kam, dass die Ukraine vielleicht nicht unbedingt gespalten war, aber doch auch nicht unmittelbar als ein geeintes Gesamtes zu erkennen war. Weil das Land so oft erobert und geteilt worden war, war sein geschichtliches Gedächtnis fragmentiert. In den Wortes eines Historikers: 'Verschiedene Gegenwarten hatten unterschiedliche Vergangenheiten.' Ursprünglich waren die Kosaken Kämpfer, die der Leibeigenschaft entkommen waren. Ihr politisches System war eine radikale Demokratie. Darin lag durchaus etwas Schönes. Doch in Sachen moderner Staatlichkeit hatte dies Nachteile. In einer kurz nach der Unabhängigkeit der Ukraine verfassten, mittlerweile berüchtigten Analyse sagte die CIA voraus, dass das Land wahrscheinlich auseinanderfallen würde. Zwei Jahrzehnte lang tat sie es nicht. Auf Gedeih und Verderb war die Demokratie tief in der politischen Kultur der Ukraine verwurzelt, und während in Russland die Macht noch nie an eine Opposition übergegangen war, tat sie es in der Ukraine andauernd."

Außerdem bringt der Guardian einen Auszug aus Oliver Bulloughs Aufsehen erregendem Buch "Butler to the World", das nacherzählt, wie sich die britische Regierung den den Oligarchen andiente und sie gegen Cash mit Immobilien, Ritterschlag und Aufenthaltsrechten ausstattete. Hier geht es um den ukrainischen Geschäftsmann Dmitry Firtash, der dank eines Deals mit Gasprom quasi über Nacht zum Multimilliardär geworden war, sich dann aber doch lieber nach London abseilte.

Magazinrundschau vom 22.02.2022 - Guardian

Selbst Mazar-i-Sharif, einst die liberalste Stadt in Afghanistan, hat sich ohne Widerstand den Taliban ergeben, berichtet Ghaith Abdul-Ahad in einer spannenden Reportage, für die er etwa den Polizeichef der Taliban traf, eine oppositionelle Politikerin und einen verarmten Bauern, der aus Not seine beiden Töchter verkauft hat. Ein früherer Kommandant der regierungstreuen Truppen erzählt ihm sogar freimütig, wie am Ende die Warlords, die mit ihrer Korruption die jungen Männer in die Arme der Taliban trieben, auch noch die Regierung verkauften: "Im Jahr 2020, nachdem die Trump-Administration den Abzug angekündigt hatte, verstärkte sich der Feldzug der Taliban, und die Sicherheitsstrukturen der afghanischen Regierung begannen zu bröckeln. Soldaten erhielten monatelang keinen Sold, und diejenigen, die in isolierten Stützpunkten stationiert waren, hatten manchmal kaum noch militärische Unterstützung. 'Wenn Soldaten während der Kämpfe um Hilfe baten oder tagelang ohne Nahrung und Munition belagert wurden, logen wir und sagten ihnen, dass die Hilfe unterwegs sei und sie warten müssten', so Babak. 'Ich hatte 100 Soldaten in meiner Gruppe, aber sie bekamen ihren Sold nicht. Sogar ich musste mir manchmal Geld leihen. Die Soldaten waren gezwungen, ihre Munition zu verkaufen. Die Taliban haben sie gekauft. Manchmal kauften sie sogar Kontrollpunkte oder Militärposten von Armee- und Polizeibeamten. Sie heuerten jemanden in den Stützpunkten an, um Informationen zu sammeln und die Soldaten davon zu überzeugen, nicht zu kämpfen', sagte er. 'In den letzten Tagen haben die Soldaten einfach aufgehört zu kämpfen.' Er hielt eine Weile inne, bevor er hinzufügte: 'Wir waren diejenigen, die die Regierung mit unserer Korruption zu Fall gebracht haben. Die Taliban haben sie nicht erobert, wir haben sie zum Einsturz gebracht. Wir konnten nicht kämpfen, wir haben sie verkauft.' Zum ersten Mal in der langen Kriegsgeschichte von Mazar folgten auf eine Niederlage keine Massaker. Babak und andere Kommandeure erklären sich den neuen Pragmatismus der Taliban mit ihrem schnellen Sieg: 'In den letzten Tagen haben die Taliban eine neue Politik der Diplomatie betrieben, die uns sehr beeindruckt hat - sie verkündeten eine Amnestie für alle, ließen Gefangene frei und gaben ihnen Geld, etwa 5.000 Afghani, umgerechnet 40 Pfund.'"
Stichwörter: Afghanistan, Taliban, Diplomatie

Magazinrundschau vom 08.02.2022 - Guardian

Der amerikanische Historiker Daniel Immerwahr blickt auf die verheerenden Waldbrände und Buschfeuer, die in den vergangenen Jahren Australien oder Sibirien heimsuchten und stellt fest, dass auch in der Klimakrise der Planet nicht "in Flammen aufgeht". Die Wahrheit sei komplizierter, meint er: "Feuer hat einen langen und produktiven Platz in der Geschichte der Menschheit, aber es gibt jetzt weniger als jemals zuvor seit der Antike. Wir verdrängen das Feuer aus dem Land und aus unserem täglichen Leben, wo es einst ständig präsent war. Aus der einst harmonischen Beziehung zwischen Mensch und Feuer ist eine feindliche geworden. Heute wüten weniger Brände, aber die, die übrig sind, sind gewaltig. Unsere Pyrolandschaft ist aus den Fugen geraten, das Feuer nimmt neue Formen an, sucht neue Orte auf und verzehrt neue Brennstoffe. Die Ergebnisse sind ebenso verwirrend wie beunruhigend, und unsere Instinkte sind dabei schlechte Ratgeber. Obwohl wir oft von Bränden in reichen Gegenden wie dem Süden Australiens und dem Westen der USA hören, fordern Brände dort, wo arme Menschen leben, wie in Südostasien und Afrika südlich der Sahara, mit Abstand die meisten Opfer. Die tödlichsten Brände sind nicht die größten und spektakulärsten, sondern die kleineren, regelmäßigen Brände, über die die internationalen Medien selten berichten. Sie töten eher durch Rauch als durch Flammen, und ihre Hauptursache ist nicht die globale Erwärmung. Viele werden sie durch die von Unternehmen betriebene Landrodung entfacht."

Magazinrundschau vom 11.01.2022 - Guardian

Als Isaac Newton seine Gravitationsgesetze formulierte, verließ er sich nicht nur auf seine Beobachtung, sondern auch auf seinen Verstand und seine Imagination. Künstliche Intelligenz kann aufgrund von Unmengen an Rohdaten Korrelationen erkennen und Vorhersagen machen, die ganz ohne theoretisches Fundament auskommen. Frederick Jelinek, ein Pionier der Spracherkennung, tönte einst sogar: "Jedes Mal wenn ich einen Linguisten rausschmeiße, wird die Software leistungsfähiger". Laura Spinney sieht die Erfolge der KI in der Verhaltensforschung oder der Medizin, aber auch ein Problem: "Wenn eine KI verlässlichere Vorhersagen liefert als eine Theorie, kann man zwar kaum behaupten, dass die Maschine voreingenommener ist. Ein größeres Hindernis für die neue Wissenschaft könnte aber unser menschliches Bedürfnis sein, die Welt zu erklären - in Begriffen von Ursache und Wirkung. Im Jahr 2019 schrieben die Neurowissenschaftler Bingni Brunton und Michael Beyeler von der University of Washington in Seattle, dass dieses Bedürfnis nach Interpretierbarkeit Wissenschaftler davon abgehalten haben könnte, neue Erkenntnisse über das Gehirn zu gewinnen, wie sie nur aus großen Datensätzen gewonnen werden können. Aber sie hatten auch Verständnis dafür. Wenn diese Erkenntnisse in nützliche Dinge wie Medikamente und Geräte umgesetzt werden sollen, so schreiben sie, 'ist es unerlässlich, dass Computermodelle Erkenntnisse liefern, die für Kliniker, Endanwender und die Industrie erklärbar sind und denen diese vertrauen'. 'Erklärbare KI', die sich mit der Überbrückung der Kluft bei der Interpretierbarkeit befasst, ist gerade sehr angesagt. Diese Kluft wird jedoch nur noch größer werden, und wir könnten stattdessen mit einem Kompromiss konfrontiert werden: Wie viel Vorhersagbarkeit sind wir bereit, für Interpretierbarkeit aufzugeben?"

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - Guardian

200 Jahre nach seiner Gründung in Manchester und hundert Jahre nach der berühmten Serie "Reconstruction in Europe" startet der Guardian die Reihe "Reconstruction after Covid" mit Texten der Großdenker unserer Zeit. Die amerikanische Historikerin Jill Lepore zeichnet nach, wie sich im zwanzigsten Jahrhundert in den USA Liberale und Konservative gegenseitig die Schuld am Zerfall der Gesellschaft zuschoben, sie für tot erklärten oder von der Universität aus umwälzen wollten. Am Ende meint sie, dass weder die Neue Linke noch Ronald Reagan oder Margaret Thatcher ("There is no such thing!") so schädlich für die Gesellschaft waren wie Mark Zuckerberg mit seinem Facebook und andere Soziale Netzwerke: "Der Liberalismus hat die Gesellschaft nicht zerstört, und auch nicht der Konservatismus. Denn sie ist noch nicht tot, aber so blass und übellaunig wie jemand, der den ganzen Tag vor seinem Bildschirm hockt und den Spiegel mit einem Fenster verwechselt. Drinnen, online, gibt es keine Gesellschaft, nur eine Simulation von ihr. Aber draußen, auf Bürgersteigen und Wiesen, in Wäldern, auf Spielplätzen und Schulhöfen, in Geschäften, Kneipen und Sozialwohnungen, auf Landwirtschaftsmessen und Gewerkschaftstreffen, da summt und brummt sie noch, wenn auch nicht mit dem ohrenbetäubenden Dröhnen einer Dampfmaschine, so mit dem handgeölten, knarrenden Rattern eines altmodischen hölzernen Webstuhls."

Und der Philosoph Kwame Anthony Appiah schreibt über die Verheerungen, die Corona  für den globalen Süden bedeuten: Die Blumenindustrie in Kenia ist ebenso zusammengebrochen wie die Schokoladenernten in Ghana und der Elfenbeinküste. Aber auch gesundheitlich werden die afrikanischen Länder indirekt, aber schwer getroffen werden: "Eine tödliche Gefahr ist Covid vor allem, weil es das Management anderer Krankheiten wie HIV, Malaria und Tuberkulose einschränkt. Allein in Afrika leben 26 Millionen Menschen mit HIV, in einem ganz normalen Jahr sterben mehreren hunderttausend daran, während Malaria, die besonders für Säuglinge und Kleinkinder tödlich ist, annähernd 400.000 Leben fordert... Experten der Öffentliche Gesundheit erwarten als indirekte Folge der Pandemie, dass an Malaria doppelte so viele sterben könnten. An Tuberkulose könnten in den nächsten Jahren zusätzlich 400.000 Menschen sterben, eine halbe Million mehr an HIV. Kurz gesagt, die Reaktionen auf das Coronavirus haben in der ganzen Welt eine Schattenpandemie eingeleitet. Die wahre Todesrate des Coronavirus sollte daher nicht nur die einbeziehen, die an Covid gestorben sind, sondern auch die, deren Sterben an Malaria, TB, HIV oder Diabetes hätte verhindert werden können."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - Guardian

In einem langen Beitrag fragt sich Marisa McGlinchey, was die weiterhin kampfbereiten militanten republikanischen Dissidentengruppierungen in Irland eigentlich bezwecken: "Obwohl verglichen mit Sinn Fein eher klein, wird die dissidente Neue IRA nicht so schnell verschwinden. In den zwei Jahren nach McKees Tod (die Journalistin Lyra McKee wurde 2019 in Derry von einem republikanischen Schützen ermordet, d. Red.) hat der Brexit die Grenze in Irland wieder in den Fokus gerückt, und die verschiedenen Gruppen beobachten die Entwicklungen sehr genau, auch wenn sie die Grenze in jedem Fall fallen sehen wollen. An der republikanischen Basis hat sich eine Debatte entsponnen darüber, ob es in Irland heute bewaffnete Aktionen geben sollte oder nicht. Einige fragen sich, was solche sporadischen Aktionen, meist gegen die Polizei, bewirken können. Damien (Dee) Fennell, Taxifahrer aus Nord-Belfast, ist ein prominenter dissidenter Republikaner und Gründungsmitglied der Partei Saoradh, die als der politische Arm der Neuen IRA gilt (die Partei bestreitet das). Sich des Ärgers bewusst, den seine Partei nach der Ermordung von McKee auf sich zog, sagt Fennell: 'Saoradh hat damit nichts zu tun' … In einem Bekennerschreiben an die Irish News übernahm die Neue IRA die Verantwortung für die Ermordung … Sie wird oft dafür kritisiert, ohnehin keine Chance zu haben, Irland zu einen. Fennell meint: 'Was sonst hat eine Chance? Jeder nationalistischen Partei in Irland kann man diese Frage stellen' … Ein Ziel der bewaffneten Gruppen ist es, die Etablierung der Normalität in Nordirland zu sabotieren. Nach 1998 wurde Nordirland demilitarisiert, Baracken der britische Armee wurden abgebaut, Schutztruppen abgezogen. Heute fühlt es sich nicht wie ein Kriegsgebiet an. Für die dissidenten Gruppen heißt Normalisierung, die weiter bestehende Teilung Irlands aus dem Blick zu verlieren. Angriffe auf Polizeikräfte sollen demonstrieren, dass Nordirland keine normale Gesellschaft ist; niemand soll sich sicher fühlen."

Magazinrundschau vom 27.04.2021 - Guardian

Noch 2008 landete Christian Landler mit seinem Blog "Stuff White People Like", wo das schlimmste Vergehen weißer Amerikaner ihr schlechter Geschmack war, einen Riesenerfolg. 2017 erklärte Ta-Nehisi Coates Whiteness zur einer "existenziellen Gefahr für die USA und die Welt". Robert P Baird rekapituliert die lange und wechselvolle Geschichte der Whiteness, also die Vorstellung weißer Überlegenheit, von ihrer Erfindung zur Rechtfertigung der Sklaverei über ihre Entlarvung durch W.E.B. Du Bois, die Epochen der Farbenblindheit bis zu den Critical Race Theories. Am Ende hält es Baird mit den Machern der Zeitschrift Race Traitor, die ein für alle mal "die Weißen abschaffen" wollten: "Whiteness als Gruppenidentität muss bedeutungslos werden, Whiteness muss so in der Zeit versinken werden wie das Preußentum oder die etruskische Kultur. Am Ende seines Lebens beschrieb James Baldwin Whiteness als moralische Entscheidung, um zu betonen, dass es nicht nur eine natürliche Tatsache sei. Aber Whiteness ist vielleicht mehr als eine moralische Entscheidung: Es ist ein dichtes Gewebe aus moralischen Entscheidungen, von denen eine große Mehrheit bereits für uns getroffen wurde, oft ohne eigenes Zutun. So gesehen wäre Whiteness ein Problem wie der Klimawandel oder ökonomische Ungleichheit: Sie ist so gründlich in die Struktur unseres alltäglichen Lebens eingearbeitet, dass die Vorstellung einzelner moralischer Entscheidungen ein wenig entrückt erscheint."

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - Guardian

73.000 Menschen gelten in Mexiko als vermisst, viele davon mutmaßlich entführte oder ermordete Frauen. Mexiko ist für Frauen einer der gefährlichsten Orte der Welt außerhalb von Kriegszonen. Meaghan Beatley porträtiert vor diesem Hintergrund die Journalistin Frida Guerrera, die nach allem, was man liest, fast schon als Superheldin durchgehen muss: Sie recherchiert zu den verschwundenen Frauen, hat Mörder überführt, Fälle aufgedeckt und Frauen zurückgebracht. "Guerrera macht diese Arbeit zum Teil auch, weil die Polizei regelmäßig daran scheitert. 'Sie sind unfähig', erzählt sie mir. Die Journalistin Lydiette Carrión, die mehr als sechs Jahre lang dazu recherchierte, wie der Staat von Mexiko Untersuchungen von Morden an Frauen handhabt, hat herausgefunden, dass Fälle oft wie Bälle von einem Ermittler zum nächsten gespielt werden, dass Müttern mitunter die Knochen von Opfern gezeigt werden, mit der Frage, ob sie ihre Tochter identifizieren könnten. Der Anstieg der Gewalt nach dem Beginn des Drogenkriegs vor 15 Jahren hat die mexikanische Polizei überrollt - und die meisten Gewaltverbrechen bleiben unaufgeklärt. Diese Inkompetenz der Polizei wird durch Korruption noch komplizierter: Bundesstaatliche Mittel, die eigentlich für die Ausbildung und Bezahlung fähiger lokaler Polizeikräfte gedacht sind, versickern in den Behörden. Auch spielt Frauenfeindlichkeit eine große Rolle: Viele Polizeibeamte nehmen erst einmal an, dass junge Frauen einfach mit ihren Freunden abgehauen sind, und weigern sich, vor Ablauf einer Frist von 72 Stunden einen Fall aufzunehmen - und das, obwohl ein Protokoll klar besagt, dass mit einer Suche sofort begonnen werden sollte."

Magazinrundschau vom 09.02.2021 - Guardian

Fara Dabhoiwala empfiehlt zwei Bücher, die ziemlich rigoros mit der Geschichte des British Empires ins Gericht gehen. Der Journalist und Autor Sathnam Sanghera beschreibt in "Empireland", wie der Kolonialismus bis heute die britische Gesellschaft präge, vom immensen privaten Reichtum über die Dominanz der City of London bis zu Großmäuligkeit betrunkener Briten im Ausland. Der Wirtschaftshistoriker Padraic Scanlan betont in seinem "Slave Empire" unter anderem, dass sich mit der Abschaffung der Sklaverei die Lage der Schwarzen nicht unbedingt verbesserte: "Die Abschaffung der Sklaverei beendete nicht das gigantische System aus Handel und Ausbeutung, das sie hervorgebracht hat. Im Gegenteil, es sollte sich perfektionieren. Die britische Regierung bezahlte kolossale Summen, um Sklavenbesitzer zu entschädigen - aber nichts an die verklavten Menschen selbst. Diese wurden stattdessen von dem Gesetz, das die Sklaverei abschaffte, gezwungen, weiterhin etliche Jahre auf den Plantagen zu arbeiten, als unbezahlte 'Lehrlinge'. Die Abolitionisten glaubten, dass befreite Sklaven härter arbeiteten und die Plantagen profitabler machen würden. Als der Preis für karibisches Zuckerrohr fiel, wurde ihrer Faulheit die Schuld gegeben. Als sie die Frechheit besaßen, eine bessere Bezahlung zu fordern, wurde Tausende von dunkelhäutigen Vertragsarbeiter aus China, Indien und Afrika eingeschifft, um ihren Platz einzunehmen - wie auch zu zahllosen anderen neuen Plantagen in aller Welt. Freie Arbeit und freier Handel waren mit Sklaverei nicht vereinbar, sehr wohl aber mit fortgesetzter Ausbeutung und dem globalem Verschieben schlechtbezahlter Arbeiter."

Magazinrundschau vom 19.01.2021 - Guardian

Im Guardian schreibt Gulbahar Haitiwaji über ihre Erfahrungen in einem chinesischen Umerziehungslager für Uiguren, in das man sie 2016 steckte, nachdem man sie nach zehn Jahren Exil in Frankreich unter einem Vorwand nach China zurückgelockt hatte: "Wir mussten leugnen, wer wir waren. Wir sollten auf unsere Traditionen, unsere Überzeugungen spucken, unsere Sprache, unsere eigenen Leute. Nach dem Lager sind wir nicht mehr wir selbst, sondern Schatten, unsere Seelen sind tot. Ich wurde gezwungen zu glauben, dass meine Lieben, mein Mann und meine Tochter Terroristen waren. Ich war so weit weg, so allein, so erschöpft und entfremdet, dass ich es fast geglaubt hätte. Mein Mann Kerim, meine Töchter Gulhumar und Gulnigar - ich habe Ihre 'Verbrechen' angeprangert. Ich bat die Kommunistische Partei um Vergebung für Gräueltaten, die weder sie noch ich begangen haben. Ich bedauere alles, was ich gesagt habe, was sie entehrt hat. Heute lebe ich und möchte die Wahrheit sagen. Ich weiß nicht, ob sie mir vergeben können. Wie kann ich ihnen erklären, was mir zugestoßen ist? Man hielt mich zwei Jahre in Baijiantan fest. In dieser Zeit versuchten alle um mich herum, die Polizisten, die uns verhörten, die Wachen, die Lehrer, mir die Lüge aufzutischen, ohne die China sein Umerziehungsprojekt nicht rechtfertigen könnte: dass Uiguren Terroristen sind und ich, die ich seit zehn Jahren im französischen Exil lebte, eine Terroristin. Die dauernde Propaganda nahm mir einen Teil meiner geistigen Gesundheit, Teile meiner Seele brachen entzwei. In den gewaltsamen Polizei-Verhören duckte ich mich unter den Schlägen und machte sogar falsche Geständnisse. Es gelang ihnen, mich davon zu überzeugen, dass ich umso schneller frei wäre, je früher ich meine Verbrechen zugäbe. Erschöpft gab ich schließlich nach. Ich hatte keine Wahl. Niemand kann für immer gegen sich selbst kämpfen. Egal wie sehr man gegen die Gehirnwäsche angeht, sie vollbringt ihre heimtückisches Werk. Alle Wünsche und Leidenschaften verlassen dich. Welche Möglichkeiten gibt es? Ein langsamer, schmerzhafter Tod oder Unterwerfung. Wenn es einem gelingt, die Unterwerfung nur vorzutäuschen, dann bleibt etwas Klarheit übrig, die einen daran erinnert, wer man wirklich ist. Ich glaubte kein Wort von dem, was ich ihnen sagte. Ich gab mein Bestes, eine gute Schauspielerin zu sein. Am 2. August 2019 erklärte mich ein Richter aus Karamay nach kurzem Prozess für unschuldig. Ich hörte die Worte kaum. Ich dachte daran, wie oft ich meine Unschuld beteuert und für sie gelogen hatte."