Magazinrundschau

Der König ist schwanger

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
19.01.2021. Im Guardian schildert Gulbahar Haitiwaji die grauenvollen Umerziehungsmethoden in den chinesischen Lagern für die Uiguren, in denen sie selbst zwei Jahre zubrachte. Nature erzählt, wie wir unsere Körperformen finden. In 168 ora beschreibt der Schriftsteller Janos Hay den Wandel auf dem Land in Ungarn. Im Filmdienst sucht Till Kadritzke nach dem Begehr eines Films. Im New York Magazine wirft der Schriftsteller Nicholson Baker einen gründlichen Blick in die Labore für Virologie auf der Welt.

Guardian (UK), 12.01.2021

Im Guardian schreibt Gulbahar Haitiwaji über ihre Erfahrungen in einem chinesischen Umerziehungslager für Uiguren, in das man sie 2016 steckte, nachdem man sie nach zehn Jahren Exil in Frankreich unter einem Vorwand nach China zurückgelockt hatte: "Wir mussten leugnen, wer wir waren. Wir sollten auf unsere Traditionen, unsere Überzeugungen spucken, unsere Sprache, unsere eigenen Leute. Nach dem Lager sind wir nicht mehr wir selbst, sondern Schatten, unsere Seelen sind tot. Ich wurde gezwungen zu glauben, dass meine Lieben, mein Mann und meine Tochter Terroristen waren. Ich war so weit weg, so allein, so erschöpft und entfremdet, dass ich es fast geglaubt hätte. Mein Mann Kerim, meine Töchter Gulhumar und Gulnigar - ich habe Ihre 'Verbrechen' angeprangert. Ich bat die Kommunistische Partei um Vergebung für Gräueltaten, die weder sie noch ich begangen haben. Ich bedauere alles, was ich gesagt habe, was sie entehrt hat. Heute lebe ich und möchte die Wahrheit sagen. Ich weiß nicht, ob sie mir vergeben können. Wie kann ich ihnen erklären, was mir zugestoßen ist? Man hielt mich zwei Jahre in Baijiantan fest. In dieser Zeit versuchten alle um mich herum, die Polizisten, die uns verhörten, die Wachen, die Lehrer, mir die Lüge aufzutischen, ohne die China sein Umerziehungsprojekt nicht rechtfertigen könnte: dass Uiguren Terroristen sind und ich, die ich seit zehn Jahren im französischen Exil lebte, eine Terroristin. Die dauernde Propaganda nahm mir einen Teil meiner geistigen Gesundheit, Teile meiner Seele brachen entzwei. In den gewaltsamen Polizei-Verhören duckte ich mich unter den Schlägen und machte sogar falsche Geständnisse. Es gelang ihnen, mich davon zu überzeugen, dass ich umso schneller frei wäre, je früher ich meine Verbrechen zugäbe. Erschöpft gab ich schließlich nach. Ich hatte keine Wahl. Niemand kann für immer gegen sich selbst kämpfen. Egal wie sehr man gegen die Gehirnwäsche angeht, sie vollbringt ihre heimtückisches Werk. Alle Wünsche und Leidenschaften verlassen dich. Welche Möglichkeiten gibt es? Ein langsamer, schmerzhafter Tod oder Unterwerfung. Wenn es einem gelingt, die Unterwerfung nur vorzutäuschen, dann bleibt etwas Klarheit übrig, die einen daran erinnert, wer man wirklich ist. Ich glaubte kein Wort von dem, was ich ihnen sagte. Ich gab mein Bestes, eine gute Schauspielerin zu sein. Am 2. August 2019 erklärte mich ein Richter aus Karamay nach kurzem Prozess für unschuldig. Ich hörte die Worte kaum. Ich dachte daran, wie oft ich meine Unschuld beteuert und für sie gelogen hatte."
Archiv: Guardian

Nature (USA), 13.01.2021

Wie entwickelt sich aus einer Zelle eine Körperform? Wie formt sich ein Herz in einem Embryo? Dieser Frage geht Amber Dance in diesem faszinierenden Artikel nach: "Die Gruppe von Timothy Saunders, Entwicklungsbiologe an der National University of Singapore, untersuchte zum Beispiel die Herzbildung in Embryonen der Fruchtfliege Drosophila. Es gibt ein entscheidendes Ereignis, wenn zwei Gewebestücke zusammenkommen, um eine Röhre zu bilden, aus der schließlich das Herz wird. Jedes Stück enthält zwei Arten von Herzmuskelzellen. Damit ein gesundes Herz entstehen kann, müssen sich die Teile richtig zusammenfügen, sich gleich zu gleich gesellt haben. 'Wir haben oft Fehlstellungen gesehen, die dann korrigiert wurden', sagt Saunders. 'Was hat die Korrektur verursacht?' Es stellte sich heraus, dass es eine Kraft im Inneren der Herzzellen selbst ist. Ein Protein namens Myosin II, ein naher Verwandter des Proteins, das Muskelzellen kontrahieren lässt, ist dafür bekannt, dass es während des Aufklappvorgangs von der Mitte jeder Zelle zu ihrem Rand hin und her fließt. Der Wissenschaftler Shaobo Zhang fragte sich, ob das Myosin eine Kraft erzeugen könnte, die an den gepaarten Zellen zerrt und so die Verbindung zwischen nicht zusammenpassenden Typen unterbricht. Um seine Theorie zu testen, schnitt Zhang die gepaarten Zellen mit einem Laser auseinander. Die Zellen zuckten voneinander weg, wie ein gespanntes Gummiband, das mit einer Schere zerschnitten wird. 'Wir konnten einen schönen Rückstoß sehen', sagt Saunders. Aber als das Team Zellen ohne Myosin II auseinander schnitt, 'ging es einfach, mmph, nichts passierte'. Wie Finger, die ein Gummiband auseinanderziehen, erzeugt das Myosin die Kraft, von innen an den Verbindungen zu zerren. Nicht zusammenpassende Zellen, deren Verbindung unterbrochen wird, haben dann eine neue Chance, die richtigen Partner zu finden." Myosin II ist die Thelma Ritter der Zellpaarung!
Archiv: Nature

168 ora (Ungarn), 19.01.2021

Der Schriftsteller János Háy schreibt über die Veränderung des ländlichen Ungarn, aus dem auch er stammt, seit der Wende. "Die Bewohner meines Dorfes haben sich verändert, sie sind ausgetauscht worden. Die Kinder der einstigen Lenker des Dorfes wohnen ausnahmslos in den Städten. Nach der Wende gelangte Grund und Boden zunächst in die Hände von entfremdeten, in den Städten lebenden junger Enkel und Enkelinnen, dann schließlich zu oft in die Hände von profitgierigen Investoren. Vom Grundeigentum profitierten nicht die Dörfer, sondern diese Investoren und das Land verlor nicht nur seine Bräuche, sein Funktionssystem, seine Organisation, sondern auch seine Einkünfte. Arbeit war die Grundlage des gemeinsamen Lebens, des Gemeinschaftslebens, doch diese Arbeiten existierten nicht mehr und anstelle der gemeinschaftlichen Funktionen gelangen keine städtische Bräuche und Beziehungen im bürgerlichen Sinne. Hunderte von Dörfern verkamen und das Entkommen wurde zur Unmöglichkeit, denn die Kultur, die dort gelebt wird, wird vom Bildungssystem nicht honoriert. Die Schule honoriert nur die Kultur der Mittelschicht und vollendet oder konserviert damit die Chancenungleichheit. Entweder kannst du dir diese Kultur aneignen und dann kannst du in der Stadt bleiben, die eine bessere Lebensmöglichkeit verspricht, oder du wirst zurückgeschickt, wo du herkamst, in die Ausweglosigkeit und existentielle Quarantäne. Die Konsequenz ist, dass Mobilität im Lande kaum noch existiert und ein wirtschaftliches Kastensystem etabliert wurde."
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Archiv: 168 ora
Stichwörter: Hay, Janos, Ungarn

En attendant Nadeau (Frankreich), 18.01.2021

Der 2013 mit 68 Jahren verstorbene Patrice Chéreau gehört zu den Künstlern, die heute sehr gut noch leben und das Publikum mit der Präzision und Intensität ihrer Inszenierungen beglücken könnten. Dominique Goy-Blanquet hat ihm nun ein Buch gewidmet, das vorwiegend seiner Theaterarbeit (mit Akzent auf Shakespeare) gewidmet zu sein scheint. Jean-Yves Potel erzählt in seiner Besprechung, mit welcher Gründlichkeit Chéreau auch die Texte seiner Inszenierungen vorbereitete: etwa die "Hamlet"-Inszenierung, für die er mit dem Dichter Yves Bonnefoy eine neue Übersetzung erarbeitete. "Über Monate haben die beiden Männer in langen Sitzungen über die Personen des Dramas und die Handlung diskutiert und zwanzig Passagen überarbeitet. Bonnefoy hat mit dem Autor des Buchs über diese Arbeit gesprochen und über 'seine große Freude, sich ganze Morgende lang über diesen unerschöpflichen Text zu beugen und einen Regisseur zu entdecken, der Shakespeare nicht als Zeitgenossen betrachtete, sondern 'heute vergessene Begriffe entdecken wollte, durch die er einen Blick auf Universalität erhaschen konnte', auch in der Hoffnung sich so von Stereotypen zu befreien."

New Statesman (UK), 15.01.2021

Donald Trump ist kein Nazi, und die chaotische Erstürmung des Kapitols war kein Staatsstreich, donnert der Historiker Richard J. Evans ziemlich erbost über solch oberflächliche Parallelen. Deutschland und Italien waren auf Krieg und Vernichtung ausgerichtete Staaten, militärisch strukturiert und kontrolliert. Von all dem könne bei Donald Trump keine Rede sein, der Mann ist völlig unorganisiert und nur auf seinen persönlichen Vorteil bedacht: "Diese offenkundigen Tatsachen zu benennen, ist keine Selbstgefälligkeit. Anstatt die Dämonen der Vergangenheit zu bekämpfen - Faschismus, Nazismus, die miliraisierte Politik im Europa zwischen den Weltkriegen -, müssen wir die Dämonen der Gegewart angehen: Desinformation, Verschwörungstheorien und das Verwischen von Fakten und Fälschung. Gefährliche und unverantworliche Figuren wie Trump aus den Sozialen Medien zu verbannen, ist ein Anfang - sie stacheln zu Gewalt auf und verbreiten in einem Maße Falschinformationen, die Goebbels wie George Washington aussehen lassen (von dem es heißt, dass er niemals die Unwahrheit gesagt hat). Trumps unaufhörliche und falsche Behauptung, dass die Wahlen manipuliert wurden, haben viele Amerikaner davon überzeugt, dass ihre Stimmen nicht mehr zählen. Dieser Verlust an demokratischem Vertrauen, nicht ein gewaltsamer Griff zur Macht, ist die wahre Bedrohung der amerikanischen Republik."

Le Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 19.01.2021

Der Soziologe Stéphane Beaud und der Historiker Gérard Noiriel blicken etwas verzweifelt auf linke Identitätsdiskurse, die alle sozialen Ungerechtigkeit auf Fragen der Hautfarbe reduzieren. Und schlimmer noch: Anstatt Ziele zu definieren, die gemeinsam verfolgt werden können, werde nur noch um mediale Aumerksamkeit gewetteifert: "Die Rassifizierung der öffentlichen Debatte wurde insbesondere durch die digitale Revolution seit den 2000er Jahren angetrieben. Ihre gigantischen Maschinen zur Informationsproduktion werden rund um die Uhr von Emotionen gespeist, die in uns stecken und uns spontan und instinktiv auf Ungerechtigkeiten, Demütigungen und Übergriffe reagieren lassen. Die Verkürzung des politischen Tagesgeschehens zu kleinen Meldungen, die mit der Entstehung der Massenmedien Ende des 19. Jahrhunderts begann, hat heute ihren Höhepunkt erreicht. An die Stelle von fundierten Analysen sozialer Probleme tritt die Verurteilung der Schuldigen und die Rehabilitierung der Opfer."

Weiteres: Tom Stevenson untersucht die Stellvertreterkriege des 21. Jahrhunderts. Martine Bulard analysiert das Handelsabkommen der EU mit China.

Film-Dienst (Deutschland), 19.01.2021

Im Abschlussessay seines Jahrs als Kracauer-Stipendiat versucht sich Till Kadritzke an einer Synthese des rein ideologiekritischen und rein cinephilen Blicks auf Filme - ein Denken, das beim Filmkritiker und -theoretiker Siegfried Kracauer, der gerade aufs Ungestaltete des Films besonderen Wert legte, schon in Ansätzen vorhanden ist: "Manchmal scheint es, als entsprächen diesen beiden Perspektiven auch zwei Formen von Filmen: auf der einen Seite die wahrhaft filmischen, die selbst souveräne Kunstwerke sind, keine Geheimnisse über die Welt verraten, sondern das Wesen des Films zum Ausdruck bringen und uns dabei sehen lassen; auf der anderen Seite jene 'Durchschnittsfilme', die dem "Filmkritiker von Rang" eine gänzlich andere Mission abverlangen: 'die [in ihnen] versteckten sozialen Vorstellungen und Ideologien zu enthüllen und durch diese Enthüllungen den Einfluß der Filme selber überall dort, wo es nottut, zu brechen.' So drängt mitunter die Ideologiekritik zu Durchschnittsfilmen, und die ästhetische Kritik zu wahrhaft filmischen, als hätten erstere keinen ästhetischen Wert, als hätten letztere kein Gesellschaftsbild. Dabei entsagt Kracauer selbst einer solchen Trennung, wenn er im Hinblick auf den deutschen Expressionismus gerade die formverliebte Rezeption kritisiert, eine 'im wesentlichen ästhetischen Literatur', die Filme behandelte, 'als seien sie autonome Strukturen'. Die politische Cinephilie würde sich genau an dieser Stelle bei Kracauer unterhaken, die ästhetische Literatur über angeblich autonome Werke links liegen lassen, und neue Verknüpfungen suchen. ... Darin besteht die Alternative zur politischen Anklageschrift: Nicht zu fragen, was vermeintlich politische Filme sagen, welche Botschaft sie mit sich führen, und diese moralisch zu bewerten, sondern jeden Film zu fragen, was ihn antreibt, was sein Begehr ist, dieses Begehren unter die affektpolitische Lupe zu nehmen."
Archiv: Film-Dienst

London Review of Books (UK), 18.01.2021

Ursula Le Guins Science-Fiction-Romane gehören zum Besten, was das Genre hervorgebracht hat. Auf Englisch ist ihr Band "The Carrier Bag Theory of Fiction" neu aufgelegt worden, freut sich Colin Burrow, in dem sie selbst ihr Schreiben als einen "großen schweren Sack voller Zeugs" beschreibt, "eine Tragetasche voller Trottel und Heulsusen... voller Anfänge ohne Enden ... voller Raumschiffe, die stecken bleiben, Missionen, die scheitern, und Menschen, die nicht verstehen". Dass es bei ihr gerade nicht um die Eroberung ferner Planeten oder Raumschiffe mit Warp-Antrieb geht, macht sie in Burrows Augen so bewunderungswürdig: "Die Fragen, die Le Guin stellte, waren groß und ihre Antworten subtil. Bereits vor einem halben Jahrhundert fragte sie: 'Was, wenn Menschen die meiste Zeit androgyn wären, und nur zur Paarung zufällig einem Geschlecht bekämen, so dass man Sätze zu lesen bekommt wie 'Der König war schwanger'? (So in 'Die linke Hand der Dunkelheit'). Oder: 'Was wenn ein kapitalistischer Planet von einem Mond umkreist würde, auf dem eine Gesellschaft ohne Gesetze und ohne Privateigentum lebte?' (So in 'Planet der Habenichtse') Abgesehen von diesen großen Fragen stellt ihr Schreiben die Leser aber auch vor weniger offensichtliche Fragen. Steckt in einem so viel unbewusster Rassismus, dass man nicht merkt, dass die Frau oder dieser Zauberer dunkle Haut hat? Warum merkt man nicht, dass die Person, die man für einen Alien hält, tatsächlich von der Erde stammt? Für Le Guin führen solche Fragen fast immer zu den eigenen Vorstellungen über die Menschen. Sie machen es falsch, wenn sie es richtig machen wollen, und je mehr sie glauben, sie hätten alles unter Kontrolle, umso schlimmer sind die Fehler, die sie wahrscheinlich begehen werden."

Perry Anderson beendet seine Serie zum britischen Abschied aus der EU mit einem gehässigen Stück, in dem er in extenso die glorreiche Geschichte der britischer Parteipolitik und die Korruptheit europäischer Eliten darlegt, während er die Geschichte anderer Länder meist mit einem Satz abfertigt. Schließlich klingt er wie Jaroslaw Kaczynski oder Viktor Orban: "Die Europäische Union in ihrer heutigen Gestalt spricht fortwährend von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, selbst wenn sie sie in Wahrheit negiert. Dahinter steckt nicht unbedingt böse Absicht. Sie ist einfach das geworden, was diejenigen im Sinn haben, die von dem Einigungsprojekt Besitz ergriffen haben: Ein Vereinigung des Kontinents von oben, wenn möglich durch List, wenn nötig durch Diktat."

Elet es Irodalom (Ungarn), 15.01.2021

Der britische Historiker Timothy Garton Ash spricht im Interview mit  Tamás Fóti u.a. über die fragwürdige Position Ungarns und Polens nach dem vermeintlich schlechten Kompromiss über den EU-Haushalt, sowie die Verantwortung Deutschlands für die Erosion der Rechtstaatlichkeit bei den östlichen Nachbarn. "Es ist inakzeptabel, dass Länder, die innerhalb der EU sind und diese nicht verlassen, die EU erpressen. Verglichen mit Britannien ist der Unterschied zum Himmel schreiend, wenn wir die sehr magere Übereinkunft betrachten, die London mit dem Brexit bekam und was Ungarn und Polen mit dem überaus vorteilhaften Kompromiss erreichten. Insbesondere ist das Verhalten Deutschlands problematisch im Hinblick darauf, dass Berlin sehr enge, überwiegend wirtschaftliche Beziehungen mit Ungarn pflegt. Ich glaube, dass dies besorgniserregend ist. Denn Deutschland, das Vorbild für Demokratie und Rechtstaatlichkeit, war nicht in der Lage für dieselbe Demokratie und Rechtstaatlichkeit bei den östlichen Nachbarn einzustehen. Dies ist die neue Version von "Mitteleuropa" - eine bedenkliche Version."

New York Magazine (USA), 04.01.2021

Das ist mal ein Longread! Der Schriftsteller Nicholson Baker ist ziemlich überzeugt, dass der Coronavirus in einem Labor entstanden ist - vielleicht unbeabsichtigt, auf der Suche nach einem Impfstoff - aber doch in einem Labor. Einen Beweis hat Baker dafür nicht, aber einen Beweis für die Entstehung des Virus, wie auch immer, gibt es bislang eben nicht. Auch auch im Westen wird in Laboren an tödlichen Viren geforscht: "Im Jahr 2012 warnte Lynn Klotz im Bulletin of the Atomic Scientists, dass angesichts der Tatsache, wie viele Labore damals mit virulenten Viro-Varietäten hantierten, eine 80-prozentige Chance bestehe, dass irgendwann in den nächsten 12 Jahren ein potenzieller Pandemie-Erreger auslaufen würde. Ein Laborunfall - ein fallengelassenes Fläschchen, ein Nadelstich, ein Mäusebiss, eine unleserlich beschriftete Flasche - ist unpolitisch. Die Behauptung, dass bei einem wissenschaftlichen Experiment in Wuhan - wo COVID-19 zum ersten Mal diagnostiziert wurde und wo es drei Hochsicherheits-Virologie-Labore gibt, von denen eines in seinen Gefrierschränken den umfangreichsten Bestand an beprobten Fledermausviren der Welt aufbewahrt - etwas Unglückliches passiert ist, ist keine Verschwörungstheorie. Es ist nur eine Theorie. Ich glaube, dass sie neben anderen begründeten Versuchen, die Ursache unserer aktuellen Katastrophe zu erklären, Beachtung verdient. ... Es hätte Interviews mit Wissenschaftlern geben sollen, Interviews mit Biosicherheitsteams, genaue Durchsicht von Labornotizbüchern, Überprüfung von Gefrierschränken und Sanitäranlagen und Dekontaminationssystemen - alles. Es ist nicht passiert. Das Wuhan Institute of Virology schloss seine Datenbanken mit viralen Genomen, und das chinesische Bildungsministerium verschickte eine Direktive: 'Jede Arbeit, die den Ursprung des Virus zurückverfolgt, muss streng und eng geführt werden.'" Baker geht es aber nicht um Schuldzuschreibung, sondern generell um die Grenzen der Untersuchung und Manipulation tödlicher Viren. Er macht klar, dass dieser Unfall überall passiert sein könnte: "Es könnte in Wuhan passiert sein, aber - weil jetzt jeder einen voll infektiösen Klon einer beliebigen sequenzierten Krankheit 'ausdrucken' kann - könnte es auch in Fort Detrick passiert sein, oder in Texas, oder in Italien, oder in Rotterdam, oder in Wisconsin, oder in irgendeiner anderen Zitadelle der koronaviralen Forschung. Keine Verschwörung - nur wissenschaftlicher Ehrgeiz und der Drang, aufregende Risiken einzugehen und neue Dinge zu machen, und die Angst vor Terrorismus und die Angst, krank zu werden. Und eine ganze Menge Geld von der Regierung."