Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

582 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 59

Magazinrundschau vom 19.01.2021 - London Review of Books

Ursula Le Guins Science-Fiction-Romane gehören zum Besten, was das Genre hervorgebracht hat. Auf Englisch ist ihr Band "The Carrier Bag Theory of Fiction" neu aufgelegt worden, freut sich Colin Burrow, in dem sie selbst ihr Schreiben als einen "großen schweren Sack voller Zeugs" beschreibt, "eine Tragetasche voller Trottel und Heulsusen... voller Anfänge ohne Enden ... voller Raumschiffe, die stecken bleiben, Missionen, die scheitern, und Menschen, die nicht verstehen". Dass es bei ihr gerade nicht um die Eroberung ferner Planeten oder Raumschiffe mit Warp-Antrieb geht, macht sie in Burrows Augen so bewunderungswürdig: "Die Fragen, die Le Guin stellte, waren groß und ihre Antworten subtil. Bereits vor einem halben Jahrhundert fragte sie: 'Was, wenn Menschen die meiste Zeit androgyn wären, und nur zur Paarung zufällig einem Geschlecht bekämen, so dass man Sätze zu lesen bekommt wie 'Der König war schwanger'? (So in 'Die linke Hand der Dunkelheit'). Oder: 'Was wenn ein kapitalistischer Planet von einem Mond umkreist würde, auf dem eine Gesellschaft ohne Gesetze und ohne Privateigentum lebte?' (So in 'Planet der Habenichtse') Abgesehen von diesen großen Fragen stellt ihr Schreiben die Leser aber auch vor weniger offensichtliche Fragen. Steckt in einem so viel unbewusster Rassismus, dass man nicht merkt, dass die Frau oder dieser Zauberer dunkle Haut hat? Warum merkt man nicht, dass die Person, die man für einen Alien hält, tatsächlich von der Erde stammt? Für Le Guin führen solche Fragen fast immer zu den eigenen Vorstellungen über die Menschen. Sie machen es falsch, wenn sie es richtig machen wollen, und je mehr sie glauben, sie hätten alles unter Kontrolle, umso schlimmer sind die Fehler, die sie wahrscheinlich begehen werden."

Perry Anderson beendet seine Serie zum britischen Abschied aus der EU mit einem gehässigen Stück, in dem er in extenso die glorreiche Geschichte der britischer Parteipolitik und die Korruptheit europäischer Eliten darlegt, während er die Geschichte anderer Länder meist mit einem Satz abfertigt. Schließlich klingt er wie Jaroslaw Kaczynski oder Viktor Orban: "Die Europäische Union in ihrer heutigen Gestalt spricht fortwährend von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, selbst wenn sie sie in Wahrheit negiert. Dahinter steckt nicht unbedingt böse Absicht. Sie ist einfach das geworden, was diejenigen im Sinn haben, die von dem Einigungsprojekt Besitz ergriffen haben: Ein Vereinigung des Kontinents von oben, wenn möglich durch List, wenn nötig durch Diktat."

Magazinrundschau vom 12.01.2021 - London Review of Books

Adam Shatz findet es ungerecht gegenüber den großen Verschwörern der Weltgeschichte, den Vandalismus von Donald Trumps Lumpenarmee als Putschversuch zu bezeichnen (die LRB hat eine hübsche Reihe von Texten zu gelungenen und vereitelten Coups zusammengestellt.) Und er bezweifelt, dass die zynische Kehrtwende, die führende Republikaner wie Mitch McConnell und Lindsey Graham so überraschend vollzogen haben, auf ihr Konto geht. Viel wichtiger sei das Wahlergebnis von Georgia, glaubt Shatz, und eigentlich sei Stacey Abrams die Frau der Stunde: "Der 6. Januar markiert den grausigen Schlusspunkt von Trumps vier Jahre anhaltendem Angriff auf die Institutionen der amerikanischen Demokratie markiert, aber er ist auch der Gipfel einer anderen Kampagne: von Stacey Abrams zehnjährigem Bemühen, Georgia in die Hand der Demokraten zu geben. Unter der Führung von Abrams, einer Erbin der Bürgerrechtlerinnen Ella Baker und Fannie Lou Hamer, arbeiteten politische Organizer langsam und geduldig daran, die Wahlbeteiligung zu erhöhen, besonders unter Schwarzen. Etliche Demokraten wollten Abrams nicht glauben, wenn sie beteuerte, dass Georgia sich wandele. Dank der Rückkehr vieler Schwarzen aus dem Norden, bemerkte sie, betrug ihr Anteil an der wahlberechtigten Bevölkerung mittlerweile ein Drittel; in Georgia gab es zudem eine wachsende Anzahl von Latinos und asiatischen Wählerns, die zusammen mit liberalen Weißen eine demokratische Mehrheit bilden könnten. 2018 hätte sie beinahe die Gouverneurswahlen gewonnen, wenn nicht so viele Bürger von der Wahl ausgeschlossen worden wären (ihr Gegenspieler Brian Kemp war als Wahlleiter für den Ausschluss von 1,4 Millionen Wählern zwischen 200 und 2018 verantwortlich). Sie machte den Weg frei, aber sie weigerte sich, ihre Niederlage formal einzugestehen. Sie machte weiter Druck und unterstützte die Kampagnen der beiden Kandidaten für den Senat: Raphael Warnock, Pastor der Ebenezer Baptist Church in Atlanta, wo Martin Luther King gepredigt hatte, und John Ossoff, der als Praktikant bei Georgias im Juli verstorbener Bürgerrechtsikone John Lewis angefangen hatte… Wird das tiefrote Georgia ein blauer Staat? Kommt Texas als nächstes? Ist das der Beginn eines neuen Südens?"

Als eingeschworener Arsenal-Fan liest der Dramatiker Will Frears die Autobiografie des gestürzten Trainergotts Arsène Wenger, der dem schon halb abgeschriebenen Fußballclub den "größten, kraftvollsten und schnellsten" Fußball bescherte, den die englische Liga je gesehen hatte - bis arabisches und russisches Geld auch Wenger hinwegspülte: "Wenger beschreibt sein erstes Spiel als Trainer: 'Wir spielten auswärts bei den Blackburn Rovers. Ian Wright schoss zwei Tore. Sieg! Auf dem Weg zum Stadium skandierten die Spieler: 'Wir wollen unsere Mars-Riegel!' Ich hatte angefangen mit ihnen zu arbeiten und meine Vorstellungen durchzusetzen, auch in Bezug auf die Ernährung. Der Fußball, der in England heute gespielt wird - das Tempo, das Spektakel, die irrsinnige Athletik, die Obsession mit den Entfernungen, die ein Spieler laufen muss, das Gegenpressing, die Statistiken Pep, Klopp, Mo Saleh, Kevin de Bruyne und von links zieht Marcus Rashford rüber - begann mit dem Verbot von Mars-Riegeln."

Weiteres: Hardcore-Israelkritiker Nathan Thrall möchte eine konzeptionelle Mauer zertrümmern: "Die Vorstellung, dass Israel eine Demokratie ist, wie sie von Peace Now, Meretz, der Haaretz-Redaktion und anderen Kritikern der Besatzung aufrechterhalten wird, beruht auf dem Glauben, dass man den Staat in den Grenzen von 1967 trennen kann vom restlichen Territorium unter seiner Kontrolle."

Magazinrundschau vom 05.01.2021 - London Review of Books

Der Historiker und Altmarxist Perry Anderson führt seine recht giftige Geschichte der EU fort, diesmal knöpft er sich den Europäischen Gerichtshof vor, dessen Richter einfach per Deklaration ihre Entscheidungen über nationales Recht gesetzt hätten, unter anderem, um die Verstaatlichung der italienischen Stromkonzerne zu verhindern: "Dank der bahnbrechenden Arbeit der jungen Historikerin Vera Fritz aus Luxemburg kennen wir nun en détail die Zusammensetzung des Gerichtshofs in den ersten zwanzig Jahren seiner Existenz. Die Ergebnisse ihrer Studie sind wirklich erhellend. Es gab sieben Gründungsrichter und zwei Generalanwälte. Wer waren sie? Der italienische Gerichtspräsident Massimo Pilotti war in den dreißiger Jahren stellvertretender Generalsekretär des Völkerbunds. Dort agierte er als langer Arm des faschistischen Regimes in Rom und beriet Mussolini, welche Gegenmaßnahmen ergriffen werden mussten, um Italien vor einer Verurteilung durch den Bund wegen seiner Aktionen in Äthiopien zu bewahren. Als er 1937 von seinem Posten zurücktrat, nahm Pilotti an den Feiern zur Eroberung von Äthiopien teil. Und während des Zweiten Weltkriegs stand er nach der Annektierung Sloweniens dem Obersten Gericht im besetzten Ljubljana vor, wo jeglichem Widerstand mit Massendeportationen, Konzentrationslagern und polizeilicher wie militärischer Unterdrückung begegnet wurde. Der deutsche Richter Otto Riese was ein so ergebener Nazi, dass er ohne jeden Zwang - er verbrachte die Kriegszeit als Forscher in der Schweiz - bis 1945 Mitglied der NSDAP blieb. Sein Landsmann Karl Roemer, Generalanwalt am Gericht, verbrachte den Krieg im besetzten Paris, wo er französische Unternehmen und Banken für das Dritte Reiche leitete. Nach dem Krieg heiratete er Adenauers Nichte und verteidigte als Anwalt Mitglieder der Waffen-SS, die für das Massaker an den Bewohnern des französischen Ortes Oradour verantwortlich gemacht wurde. Der andere Generalanwalt, Maurice Lagrange, war eine hoher Funktionär der Vichy-Regierung und gänzlich der Ideologie der Nationalen Revolution verschrieben, um das Erbe der Dritten Republik zu hinwegzuwischen."

Meehan Crist erklärt, wie sich James Lovelock, der Begründer der Gaia-Hypothese, die Bewahrung der Welt vor der Klimakatastrophe vorstellt. Lovelock zufolge ist die Erde ein sich selbst regulierender Organismus und im "Novazän" wird Gaia, so seine neueste Theorie, einen dritten evolutionären Sprung vornehmen - nach der Entwicklung der Photosynthese und der Erfindung der Dampfmaschine: "Superintelligente Cyborgs werden die Kontrolle über den erhitzten Planeten übernehmen und ihn herunterkühlen, so dass Leben auf der Erde gesichert wird. Dafür muss Gaia eine weitere Wandlung erleben... Im Novazän wird Solarenergie in Information umgewandelt. Diese Konversion von Sonnenlicht in Bits wird von Cyborgs ausgeführt."

Magazinrundschau vom 15.12.2020 - London Review of Books

Zum Abschied von Europa nimmt Perry Anderson in einem ellenlangen Essay das politische Denken unter die Lupe, das derzeit in Europa vorherrscht und das seiner Ansicht nach niemand so sehr verkörpert wie der niederländische Philosoph Luuk van Middelaar, der auch als Redenschreiber für die konservativ-liberalen EU-Politiker Frits Bolkestein und Hermann van Rompuy diente. Unter Vordenkern wie Middelaar, warnt Andersen, habe sich die Europäische Gemeinschaft zur Union gewandelt, aber selten mit demokratischen Mitteln: "Die Alchemie der EU besteht darin, Einstimmigkeit durch die Androhung einer Mehrheitsentscheidung zu erreichen, und nicht wie es die klassische Theorie eigentlich vorsieht, generell von Einstimmigkeit zur Mehrheitsentscheidung überzugehen. Das war die Regel. Es gab jedoch eine entscheidende Ausnahme. 1985 tagte der Europäische Rat in Mailand zu der Frage, ob - zur Erleichterung der Europäischen Einheitsakte, mit der im Grunde der gemeinsame Binnenmarkt für Güter auf Dienstleistungen ausgeweitet wurde - die Römischen Verträge ergänzt werden sollten, was allerdings eine Regierungskonferenz erfordert hätte. Angeführt von Frankreich und Deutschland, die insgeheim bereits eine solche Änderung geplant hatten, waren sieben von zehn Mitgliedsstaaten dafür. Drei - Britannien, Dänemark und Griechenland - waren dagegen. Das war mehr als genug, um diesen Schritt zu blockieren. Über Nacht kündigte Italien, das den Vorsitz über das Treffen führte, in Person seines Premiers Bettino Craxi an, dennoch abstimmen zu lassen, da die Frage, ob ein Regierungstreffen oder ein Ratstreffen stattfinde, eher prozedural als substanziell einen Unterschied mache. Margaret Thatcher schäumte vor Wut, ebenso ihre Verbündeten Andreas Papandreou und Poul Schlüter. Craxi aber war nicht abzuhalten und der Antrag wurde mit sieben gegen drei angenommen. Thatcher nutzte ihr Veto nicht, sie sah in der Einheitsakte ihre eigene Handschaft des Liberalismus, was sie allerdings ihr Leben lang bereuen sollte. Middelaar kann seinen Enthusiasmus über den Ausgang kaum zügeln: Indem er die Gelegenheit beim Schopfe packte, verschaffte Craxis Bluff einen wunderbaren Moment des Übergangs, der Europas permanente Erneuerung in Gang setzte und der Gemeinschaft oberste Autorität verschaffte. Wie er das geschafft hat? 'Ich verrate Ihnen Geheimnis: Es war ein Staatsstreich, der sich als Verfahrensfrage tarnte.'"

Faszieniert liest John Lanchester auch, wie Rebecca Wragg Sykes in ihrem Buch "Kindred" mit etlichen Vorurteilen über die Neanderthaler aufräumt. Denn natürlich waren sie keine dumpfen Höhlenmenschen, die nur hin und wieder ein Mammut jagten: "Die Kunst des Homo Sapiens ist komplexer als die der Neanderthaler, keine Frage, aber vor hunderttausend Jahren war sie es noch nicht. Funde von archäologischen Stätten zeugen von komplexen, symbolischen Handlungen, die auch eine Verbindung zwischen Lebenden und Toten umfassen, ästhetische Präferenzen und die Herstellung von nicht-nützlichen Gegenständen. Sie haben auch ihre Tote bestattet. Sie liebten Klauen und Muscheln und trugen sie als Schmuck, sie mochten Farben, besondern Ocker und Rot."

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - London Review of Books

Fernand Braudels wunderbares Werk über die Renaissance, "Das Modell Italien", wird im Englischen neu aufgelegt (im Deutschen ist es leider noch vergriffen). Erin Maglaque liest es voller Bewunderung, denn eigentlich interessiere Braudel als dem großen Historiker der Longe durée nichts von dem, was die italienische Renaissance ausmachte: fantastischer Reichtum, explosive Politik, aufregende Persönlichkeiten. Doch Braudel findet auf für "Modell Italien" seinen Zugang, wie Maglaque erklärt, und zwar in den ewigen Mustern, nach denen Kulturen sich ausbreiten: "'Spatzen und Florentiner gibt es auf der ganzen Welt', lautete ein Sprachwort der Renaissance. Braudels Buch beschreibt die kulturelle Transformation, die diese Florentiner und Neapolitaner, Venezianer und Genuesen mit sich brachten, als sie über ganz Europa und die Welt des Mittelmeers ausströmten. Es tauchen tatsächlich Menschen darin auf. Hungrige, ehrgeizige Gelehrte aus Italien waren erpicht auf Arbeit, am Morgen unterrichteten sie deutsche Prinzen in Griechisch und Latein, am Abend striegelten sie ihre Pferde. Italienische Kaufleute - Braudels Favoriten - überquerten das Europa, das Mittelmeer und das Rote Meer, sie kauften und verkauften Pfeffer, Arzneien, Seide, Reis, Goldstaub und Straußenfedern. Der Händler Antonia Malfante aus Genua machte sich zu einer quichottisch anmutenden Reise zu den Quellen des Golds im Sudan auf und kam immerhin bis zur Oase Touat in der Sahara. Der venezianische Patrizier Marin Sanudo notierte in seinem Tagebuch, dass der portugiesische Entdecker Vasco da Gama endlich Indien erreichte - nur um herauszufinden, dass die Venezianer dort zuerst waren. Wir erleben Petrarca im Exil in Avignon, der Briefe an die längst verstorbenen Adressaten Cicero und Vergil verfasste und damit auf eine Art das Altertum beschwor, die das intellektuelle Leben in Frankreich verändern sollte, oder Leonardo da Vinci, wie er über das Anwesen des Château du Clos Lucé in Amboise streift, wo er auf Einladung von Franz I. lebte (Leonardo hatte drei Meisterwerke mitgebracht, darunter die Mona Lisa). Braudel beschreibt auch das wendungsreiche Leben des Barockpoeten Giambattista Marino, der unter dramatischen Umstände seine Geburtsstadt Neapel verlassen musste, nachdem er seiner Geliebte Antonella bei einer Abtreibung geholfen hatte und ins Gefängnis geworfen worden war."

Magazinrundschau vom 01.12.2020 - London Review of Books

Ja, die Medien haben sich auf Jeremy Corbyn eingeschossen und der rechte Flügel der Labour Party hat gegen ihn intrigiert, wo und wie er nur konnte, hält James Butler fest, der jedoch erleichtert feststellt, dass in den ersten Bilanzen zu Corbyns Ägide - "This Land" von Owen Jones und "Left Out" von Gabriel Pogrund und Patrick Maguire - der selbstkritische Blick überwiegt. Butler selbst kreidet Corbyn unter anderem Eitelkeit, Führungsschwäche, Planlosigkeit und einen miserablen Pressesprecher an, vor allem aber sein Versagen in der Antisemitismuskrise: "Sie lässt sich nicht wegdiskutieren, und die Aussage des Gründers von Momentum, Jon Lansman, dass er sich 'als Jude benutzt' fühlte, um die Partei zu verteidigen, aber danach ohne Unterstützung dastand, sollte eine Quelle der Schande sein. Pogrund und Maguire berichten von den wiederholten Versuchen, in der Frühphase der Krise die Katastrophe abzuwenden. Nicht jeder Vorschlag war plausibel - es ist schwer vorstellbar, dass Corbyn Jerusalem besucht oder den Besuch einer Schule voller unberechenbarer Teenager riskiert - aber das Versäumnis, auch nur auf einen der Vorschläge einzugehen, ist unentschuldbar. Jones schildert den jämmerlichen Beginn von Shami Chakrabartis erster Untersuchung des Antisemitismus in der Labour Partei im Jahr 2016, als Corbyn laut seinen Kritikern den Eindruck erweckte, Israel und den islamischen Staat gleichzusetzen, und damit einen Streit verursachte, der Chakrabartis Ergebnisse überschattete (die schließlich ins Abseits gedrängt wurden). Die verpasste Gelegenheit, eine Rede im Jüdischen Museum zu halten, und das Versäumnis, auf pro-Corbyn-jüdische Intellektuelle einzugehen, die sich als Ghostwriter oder Berater anboten, waren bestenfalls fahrlässig. Die Streichung jeglicher Entschuldigung aus Corbyns ursprünglicher Erklärung, mit der er seinen zustimmenden Facebook-Kommentar zu einem Wandbild mit einer antisemitischen Karikatur erklären wollte, war, mit den Worten von Corbyns Beraterin Laura Murray, 'verdammt dumm' und 'unsensibel'."

Weiteres: David Runciman bespricht zwei politische Biografien über Henry Kissinger. Andrew O'Hagan liest Don DeLillos Roman "Die Stille" als Ermunterung zu weniger kommunkation.

Magazinrundschau vom 24.11.2020 - London Review of Books

Über zweihundert Jahre war der Blick auf die Geschichte Haitis geprägt von europäischen Zeugnissen. Noch vor vierzig Jahren fanden Historiker keinen Verlag, wenn sie mit haitianischen Quellen arbeiteten, hält Pooja Bhatia fest. Zum Glück ändert sich das gerade, und Bhatia kann eine Reihe von Büchern empfehlen - neben Julius S. Scotts endlich veröffentlichter Geschichte der haitianischen Revolution "Common Wind" auch Johnhenry Gonzalez' "Maroon Nation". Maroons sind eigentlich entkommene Sklaven, im Kreolischen bezeichnet der Begriff aber auch Menschen, die sich nicht festnageln lassen. Gonzalez zeigt in aller Klarheit, meint Bhatia, wie falsch die Entscheidung von Haitis großem Revolutionär Toussaint Louverture war, auch nach der Abschaffung der Sklaverei an der Plantagenwirtschaft festzuhalten: "Die Landarbeiter wurden nach wie vor als Eigentum des Staates betrachtet. Selbst nach der Unabhängigkeit 1804 waren die Lebensbedingungen so drakonisch, dass es mehr Maroons gab als vor dem Aufstand von 1791. Haitis politische Führer wussten um die symbolische Bedeutung von Peitsche und Ketten, sie vermieden ihren Gebrauch. Louverture, Jean-Jacques Dessalines und Henri Christophe waren allesamt selbst Sklaven gewesen. Trotzdem trieben die Aufseher die Landarbeiter gewaltsam an. Wer zu behaupten wagte, dass auch eine Rute eine Peitsche sei oder das neue Agrarsystem der Sklaverei ähnelte, konnte auf Louvertures Anordnung hin verhaftet werden. Und während Louverture einerseits um die Rückkehr weißer Plantagenbesitzer warb, konsolidierte er andererseits seine Macht auf Santo Domingo, indem er verlassene Anwesen an seine Rebellen-Offiziere vergab. Nach seinem Tod verfolgten Dessalines und Christophe eine ähnliche Linie, versuchten aber stärker, die weiße Plantokratie durch eine einheimische zu ersetzen. Für die meisten Haitianer machte es keinen Unterschied, ob die Plantagenbesitzer schwarz, weiß oder gemischt waren, ob sie sich für französisch, britisch oder haitianisch hielten, oder ob das System Sklaverei, Landarbeit oder militarisierte Landwirtschaft hieß. Es kam darauf an, nicht mehr Teil davon zu sein."

Magazinrundschau vom 17.11.2020 - London Review of Books

Katherine Rundell huldigt in einem ihrer schönen Tierporträts der Eleganz der Giraffe, über die Europäer in Verzückung geraten, seit Kleopatra Cäsar eins der Tiere als Geschenk mitgab. Sie werden bis zu fünf Meter groß werden und bringen es auf eine Geschwindigkeit von 40 Meilen pro Stunde, wobei sie aber häufig über ihre eigenen langen Beine stolpern: "Wir wissen nicht, woher sie ihre Gestalt haben. Bis vor Kurzem wurde ihr langer Hals so erklärt, wie Darwin es nahegelegt hatte: Die 'Hypothese konkurrierender Laubfresser' postuliert, dass Konkurrenten wie Impalas und Kudus die stetige Verlängerung des Halses vorantrieben, und es der Giraffe so erlaubten, an Futter zu gelangen, an das andere nicht heranreichten. Es hat sich jedoch gezeigt, dass Giraffen relativ selten Nahrung in voller Höhe suchen, und je langhalsiger die einzelnen Tiere, desto eher sterben sie in Hungerzeiten. Möglicherweise gibt ein langer Hals männlichen Tieren einen Vorteil in Dominanzkämpfen - bei denen sie ihre Hälse gegeneinander schwingen. In den nächsten Jahren wird dazu sicher mehr geforscht werden: Dominanzkämpfe führen oft zu sexuellen Aktivitäten zwischen den rivalisierenden Männchen. Tatsächlich ist der meiste Sex bei Giraffen homosexuell: In einer Studie machten gleichgeschlechtliche Besteigungen 94 Prozent des gesamten sexuellen Verhaltens aus. Aber was auch immer die Ursache sein mag, der lange Hals hat seinen Preis. Jedesmal wenn sich eine Giraffe mit gespreizten Beinen zum Trinken herunterbeugt, strömt das Blut in ihr Hirn; beim Beugen hält die Halsvene das Blut aus dem Kopf heraus, damit sie nicht in Ohnmacht fällt, wenn sie sich wieder aufrichtet. Selbst wenn es reichlich Wasser gibt, trinken Giraffen nur alle paar Tage. Eine Giraffe zu sein ist schwindelerregend."

Weiteres: Ende Oktober hatte Colm Toibín Venedig fast für sich allein, er nutzte die menschenleere Stadt, um sich in allen möglichen Kirchen Tintorettos Kreuzigungen anzusehen. Adam Schatz fürchtet, dass Donald Trump die amerikanische Demokratie nachhaltig geschwächt hinterlässt.

Magazinrundschau vom 10.11.2020 - London Review of Books

Voller Verehrung schreibt Ferdinand Mount über den unendlich großherzigen Gewerkschaftsführer und Labour-Politiker Ernest Bevin, einen entschlossenen, aber undogmatischen Sozialisten, der bereits unter Churchill Arbeitsminister wurde, unter Clement Attlee Außenminister blieb und gegen den Morgenthau-Plan von Churchill und Roosevelt Deutschlands Wiederaufbau durchsetzte. Sehr lesenswert also Andrew Adonis' Biografie, nur ihren Untertitel "Labour's Chuchills" findet Mount irreführend: "Tatsächlich kann man sie kaum zwei unterschiedlichere Männer vorstellen, und zwar nicht nur weil einer der Erbe eines Herzogtums war und der andere der Erbe von nichts. Bevin war unendlich loyal gegenüber den großen Gewerkschaften, die er selbst geschaffen und zwanzig Jahre lang geführt hatte, gegenüber der Labour-Party und Clement Attlee (gegen den andere nicht aufhörten zu intrigieren). Churchill dagegen war notorisch selbstsüchtig und auf schnellen Gewinn aus. Er verließ erst die Konservativen, dann die Liberalen, und zurück bei den Konservativen war er nur in seiner Illoyalität beständig. 'Jeder kann einmal Vereinbarungen brechen', soll er Hände reibend erklärt haben, 'aber man braucht schon Raffinesse, um es wieder zu tun'. Niemand, der sich ernsthaft mit Churchill beschäftigt, kann seine Freude an der Gewalt gegenüber Herausforderern ignorieren. 'Nichts in der Welt bekommt mich aus diesem grandiosen, köstlichen Krieg heraus', sagte er 1915 zu Margot Asquith. Bereits 1917 träumte er von Massenbombardements auf die Zivilbevölkerung, probierte sie 1920 im Irak aus und machte sie zur Politik der Alliierten, sobald er 1940 an die Macht kam. Bevin dagegen opponierte gegen den Ersten Weltkrieg, wollte aber auch Mussolini und Hitler entschlossen Widerstand leisten."

Magazinrundschau vom 03.11.2020 - London Review of Books

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise heuerte die britische Regierung die Beratungsfirma Deloitte an, um den zusammenbrechenden Gesundheitsdienst NHS bei seinem Test-and-Trace-Programm zu unterstützen, berichtet Peter Geoghegan. Tausende Berater sind seitdem im Einsatz, darunter auch vierzig von Boston Consulting, die 6.250 Pfund am Tag verdienen. Eine ihrer cleversten Ideen bestand in dem Versuch, wie der Guardian enthüllte, dem NHS ein privates Konkurrenz-Programm des Serco-Konzerns anzudrehen, für den Deloitte ebenfalls arbeitet: "Covid-19 hat das ganze Ausmaß der Vettern- und Günstlingswirtschaft enthüllt, die den öffentlichen Dienst erfasst hat. Mehr als jeder andere vergleichbare Staat hat Britannien - oder genauer gesagt England - weite Teile seiner Reaktion auf die Pandemie ausgelagert, oft an Firmen, mit engen Kontakten zu Tory-Politikern, aber ohne erkennbar relevanter Erfahrung. Eine Firma, die einem konservativen Spender mitgehört und Schönheitsprodukte an Ketten in den Fußgängerzone verkauft, bekam einem Auftrag über 65 Millionen Pfund zur Lieferung von Gesichtsmasken an das NHS. Ein kleines, Verluste einfahrendes Unternehmen, das medizinisches Gerät liefert und von einem konservativen Stadtrat in Stroud geführt wird, erhielt einen Vertrag über 270 Millionen Pfund für ärztliche Schutzausrüstung. Ayanda Capital, eine auf Devisengeschäfte, Offshore-Besitz und Private Equity spezialisierte Investmentfirma, bekam einen Vertrag über 252 Millionen Pfund für Atemmasken, von denen fünfzig Millionen nicht genutzt werden konnten, nachdem Bedenken aufkamen, ob sie fest genug im Gesicht sitzen. Der Deal wurde über das Handelsministerium eingefädelt, dessen Aufsichtskomitee von Liz Truss geführt wird, die auch im Aufsichtsrat von Ayanda sitzt. NHS-Daten wurden nicht nur Amazon und Google zugeschanzt, sondern auch Palantir Technologies, der von PayPal-Gründer und Republikaner-Spender Peter Thiel gegründeten Big-Data-Firma, und Faculty, einer kleinen KI-Firma, die zuvor für David Cummings Leave-Kampagne gearbeitet hatte."

Weiteres: Patrick Cockburn sieht Syrien durch die von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen tatsächlich kollabieren, betroffen seien aber vor allem die ärmere und mittleren Schichten, nicht die Stützen des Regimes. Sehr zu seinem Ärger: "Anders als Bombardements stellen sich Sanktionen als gewaltloser Weg dar, das Verhalten gefährlicher Regimes zum Besseren zu wenden. Doch in Wahrheit sind sie ein brutales Instrument, sie bestrafen unterschiedslos ganze Gesellschaften." Im Guardian recherchiert Martin Chulov noch einmal den Tod von James Le Mesurier, einem britischem Militär und Mitbegründer der Weißhelme, der sich in Istanbul das Leben genommen hat. Chulov gibt daran einer syrischen Desinformationskampagne die Schuld.