Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

796 Presseschau-Absätze - Seite 53 von 80

Magazinrundschau vom 07.08.2007 - New York Times

Der Historiker Michael Ignatieff hat Harvard verlassen, um in die kanadische Politik zu gehen. In einem bemerkenswerten Essay für das New York Times Magazine zeigt er, dass er das Denken dennoch nicht verlernt hat, im Gegenteil: Er unterzieht sich einer schmerzhaften Selbstbefragung über den Irrtum des Irakkriegs, den er seinerzeit selbst befürwortete, und schärft sich die Notwendigkeit des Realitätssinns ein, der den Politiker vom Intellektuellen unterscheidet: "Als Lektion für die Zukunft nehme ich mit, dass ich mich weniger von Leuten beeinflussen lasse, die ich bewundere, wie zum Beispiel Iraker im Exil, und dass ich mich weniger von meinen Gefühlen leiten lasse. Ich war 1992 im Nordirak. Ich sah, was Saddam Hussein den Kurden angetan hatte. Seit diesem Augenblick glaubte ich, dass er gehen muss. Meine Überzeugungen hatten die Autorität persönlichen Erlebens, aber gerade deshalb verhinderten meine Gefühle harte Fragen wie diese: Können die Kurden, Sunniten und Schiiten friedvoll zusammenhalten, was Saddam Hussein durch Schrecken in Bann hielt?"

Außerdem im Sonntagsmagazin: Emily Bazelon berichtet ausführlich von neuen Forschungen über Autistinnen, deren Symptomatik sich gravierend von der männlicher Autisten unterscheidet. Für die Sunday Book Review liest Walter Kirn einen Band mit literarischen Essays J.M. Coetzees (die sich unter anderem mit Sebald und Benjamin befassen). Außerdem empfiehlt Claire Messud den Roman "The Septembers of Shiraz" (erstes Kapitel) von Dalia Sofer, die Geschichte einer jüdischen Familie in Teheran kurz nach der Revolution von 1979.

Magazinrundschau vom 31.07.2007 - New York Times

Robin Marantz Henig hat sich für einen großen Report in der Humanoid Robotics Group des MIT umgetan und die neueste Generation der Humanoiden kennengelernt, die angeblich auf erste soziale Verhaltensweisen programmiert sind: Zum Beispiel Mertz. "Er hat Kamerasensoren hinter seinen Augen, die darauf programmiert sind, Gesichter zu erkennen; als er meins entdeckte, sollte er mich direkt ansehen, um eine Konversation in Gang zu bringen. Aber Mertz hatte an diesem Tag eine Schraube locker, und eine seiner Designerinnen, eine dunkelhaarige Frau namens Lijin Aryananda versuchte herauszufinden, was mit ihm nicht stimmte. Mertz wurde zappelig, Aryananda frustriert und ich begann mich zu fühlen, als würde ich hinter den Vorhang des Wizards of Oz spähen. Mertz besteht aus einem Metallkopf auf einem biegsamen Nacken. Er hat eine kindliche computergenerierte Stimme und expressive Brauen über seinen Pingpong-Ball-Augen - Züge, die einen Menschen freundlich gegenüber dem Roboter stimmen und die Unterhaltung angenehm machen sollen. Aber wenn etwas mit dem Code nicht stimmt, fängt Mertz an zu brabbeln wie Chatty Cathy auf Speed."

Außerdem erzählt Ayub Nuri von seiner Zeit als Helfer westlicher Journalisten in Bagdad. "Die Aufständischen hassten Fixer. Sie nannten uns Kollaborateure. Dreimal brachen sie in meine Wohnung in Bagdad ein, aber glücklicherwesie war ich nie da. Viele meiner Kollegen erhielten Briefe von bewaffneten Gruppen, in denen sie aufgefordert wurden, zu kündigen, andernfalls würden sie umgebracht. Manchmal wurden Fixer auch ohne Warnung ermordet. Vor zwei Wochen wurde Khalid W. Hassan, ein 23-jähriger Übersetzer und Reporter der New York Times in Bagdad auf dem Weg zu seinem Büro angehalten und erschossen."

In der Book Review kommt Samantha Power nach Lektüre einiger neuerer Bücher zu Islamismus und Terror zu dem Schluss: "Die Herausforderung besteht darin, die Bedrohung nicht herunterzuspielen, nur weil George Bush sie hochgespielt hat. Nach Lesley Chamberlains philosophischen Geschichte Russlands "Motherland" bemerkt Mark Lilla, dass die russischen Denker ihrem Land keinen Gefallen getan haben, als sie statt auf die Aufklärung auf den deutschen Idealismus setzten. Und David Orr rühmt die überfällige Übersetzung von Zbigniew Herberts Gesammelten Gedichten ins Englische.

Magazinrundschau vom 24.07.2007 - New York Times

Bernhard-Henri Levy gibt zu, dass Nicolas Sarkozy vieles richtig macht, selbst die nun in den USA veröffentlichten privat-politischen Bekenntnisse "Testimony". Und doch hätte er Sarkozy niemals wählen können, schreibt er, und zwar wegen seines pragmatischen, vielleicht auch zynischen Verhältnisses zur Vergangenheit (Vichy, Algerien, 68). "Die Leute haben normalerweise Erinnerungen. Sie können komplex, widersprüchlich, paradox und verwirrt sein. Aber es sind ihre. Sie bestimmen zu einem großen Teil ihre Persönlichkeit und die Identitäten, die sie für sich auswählen. Sarkozy ist ein Freibeuter von Identitäten, ein Söldner der Erinnerungen anderer. Er beansprucht alle Erinnerungen für sich, was am Ende heißen könnte, dass er keine hat. Er ist unser erster Präsident ohne Gedächtnis, der erste Präsident, der bereit ist, sich alle Ideen anzuhören, weil sie für ihn tatsächlich nicht zu unterscheiden sind. Wenn es im heutigen Frankreich einen Mann gibt, der das berühmte Ende aller Ideologien verkörpert (oder beansprucht, es zu verkörpern), an das ich nicht so recht glauben kann, dann ist es Monsieur Sarkozy, der sechste Präsident der Fünften Republik."

Weiteres: Wilfrid Sheeds Hommage an das goldene Zeitalter der amerikanischen Musik ""The House That George Built? lässt Garrison Keilor (mehr) verzückt die alten Platten von George Gershwin, Irving Berlin, Cole Porter und Harold Arlen wieder rauskramen. Für das bisher wohl "verstörendste Gemälde der Unfähigkeit der CIA" hält Evan Thomas Tim Weiners kritische Geschichte "Legacy of Ashes". Der ehemalige amerikanische Tennischampion Toure liest zwei Bücher über Schwarze im Tennis.

Im Magazin denkt der einst orthodoxe Jude Noah Feldman über die Widersprüche im orthodoxen Judentum nach. Anlass war das Klassentreffen in seiner Schule in Massachusetts. "Am Ende versammelten wir uns für ein Gruppenbild vom Schulfotografen, der uns von der ersten Klasse bis zum Abschluss begleitet hatte. Als der Alumni-Newsletter ein paar Monate später eintraf, stieß ich auf das Foto. Ich sah hin, und sah nochmal hin. Meine Freundin und ich waren nirgends zu finden."

Im Aufmacher fragt sich Maggie Jones, wie man heranwachsende Sexualstraftäter von Teenagern im vorübergehenden Identitätsstress unterscheiden kann.

Magazinrundschau vom 17.07.2007 - New York Times

Steven Erlanger, Chef des New York Times-Büros in Jerusalem, porträtiert für das Magazine einen Hamas-Funktionär, der eine wichtige Rolle bei der Einnahme des Gaza-Streifens spielte: "Khaled Abu Hilal, ein dünner grauhaariger Kettenraucher, der den Rauch einsaugt wie ein Lungenkranker den Sauerstoff, steht im Zentrum der Revolution. Unter den weltlichen, nationalistischen Fatah-Anhängern ist er eine verhasste Figur. Sie sehen ihn als einen Abweichler, der die Implosion in Gaza mit inszenierte. Aber sein Weg vom Fatah-Kämpfer über den Gefangenen der Israeli zum angeekelten Fatah-Abtrünnigen, der sich mit der Hamas verbündete, ist der Weg von Gaza. Sein Zorn über Mahmud Abbas - Arafats Nachfolger als PLO-Chef und heutiger Chef der Palästinenser-Regierung - und über das, was er als die endlosen, vergeblichen und erniedrigenden Mühen einer korrupten Fatah zur Anerkennung durch Israel sieht, wird von einer wachsenden Zahl von Palästineners geteilt."

Sehr interessant auch Mark Oppenheimers Porträt des Schauspiellehrergurus Milton Katselas aus Hollywood, der auf diskrete Weise eine Menge bekannter Schauspieler zur Scientology-Sekte bekehrte.

In der New York Times Book Review zitiert Rachel Donadio, Redakteurin der ehrwürdigen Beilage, einige kritische Stimmen über Rushdie aus dem Jahr der Fatwa - etwa John Le Carre, der Rushdie aufforderte, die "Satanischen Verse" zurückzuziehen - um zum Ergebnis zu kommen, dass sie angesichts des jüngsten Ritterschlags des Autors durch das britische Establishments womöglich recht hatten. Besprochen werden neue Bücher über Hillary Clinton, eine Reisereportage Colin Thubrons über die Seidenstraße und Tom Segevs Buch über den Siebentagekrieg von 1967.

Magazinrundschau vom 10.07.2007 - New York Times

John Irvings Kritik über Günter Grass' "Beim Häuten der Zwiebel" ist eine einzige Liebeserklärung an den bewunderten Schriftsteller. An der deutschen Kritik über Grass' spätes SS-Bekenntnis will er nichts gelten lassen: "Warum hat er so lange gewartet, bevor er es erzählte, fragen seine Kritiker (als wäre er zu irgendeiner Zeit nicht dafür kritisiert worden)." Und weiter: "Gute Schriftsteller schreiben über wichtige Dinge, bevor sie über sie plaudern; gute Schriftsteller erzählen Geschichten nicht, bevor sie sie aufgeschrieben haben." Und was Irving besonders beeindruckt: "Atemberaubend an dieser Autobiografie ist Grass' Ehrlichkeit über seine Unehrlichkeit."

Im Magazin porträtiert Roger Cohen die israelische Außenministerin und potenzielle neue Premierministerin Tzipi Livni. Desweiteren ist ein Essay von Akiko Busch abgedruckt, in dem die Autorin erklärt, warum es erfüllend ist, einen Fluss zu durchschwimmen. Jaimie Epstein widerspricht John Irving, der in seinem Grass-Artikel behauptet, literarische Kenntnisse hätten im geholfen, Mädchen kennenzulernen. Laut Epstein steht das einer romantischen Annäherung eher im Weg.

Magazinrundschau vom 03.07.2007 - New York Times

Die Autorin Martha Southgate überlegt in der Book Review, warum es so wenig erfolgreiche junge schwarze Schriftsteller in den USA gibt. Toni Morrison etwa habe ihren ersten Roman erst mit fast vierzig veröffentlicht. "Bis dahin hatte sie viele Jahre lang als Lehrerin und Lektorin bei Random House gearbeitet... Was hält uns also auf? Manchmal ist es einfach die ganz normale Schwierigkeit, Familie, Schreiben und Geldverdienen unter einen Hut zu bringen. Doch afroamerikanische Schriftsteller zeugen auch von einem größeren Problem, das man als interne oder kulturelle Sanktionierung bezeichnen könnte. Es ist einfach schwerer, sich für ein Leben als Schriftsteller zu entscheiden, wenn man kein finanzielles Polster oder keine lange Tradition besitzt, sich in die Boheme zu stürzen."

Weitere Artikel: Andrew Meier hat Anna Politkowskajas nun auch auf Englisch erschienenes "Russisches Tagebuch" gelesen, muss aber festellen, dass sie von ihrem Übersetzer und ihrem Lektor kaum besser behandelt wurde als von Putin. Besprochen werden unter anderem auch Mildred Armstrong Kalishs Erinnerungen an ihre Methodisten-Kindheit im Iowa der Großen Depression und Paul Colliers Vorschläge zur Bekämpfung der Armut "The Bottom Billion".

Im Magazin berichtet Jack Hitt, wie die Nasa mit Hilfe von Garagen-Bastlern versucht, ihrer Mondmission neues Leben einzuhauchen. In einem Wettbewerb hat sie fast alles ausgeschrieben, was man so braucht - vom fliegenden Auto bis zur Mond-Sonde. Als einen der Tüftler stellt Hitt den arbeitslosen Peter Homer aus Maine vor, der es mit seiner Erfindung auf ein Preisgeld von 200.000 Dollar gebracht hat: "Ein Raumschiff zu erfinden hatte Homer schnell ausschließen müssen, er entschied jedoch, dass die Erfindung eines neues Weltraum-Handschuhs im Bereich seiner Möglichkeiten lag... Das klingt zwar nicht nach der glamourösesten aller Aufgaben beim Entdecken unbekannter Welten, nicht einmal nach einem großen Problem. Doch ein solcher Handschuh geht mit vielen Widrigkeiten einher, die - wie ein Kieselstein im Schuh - ein Team im Weltraum halb wahnsinnig machen kann. Weil die Luft im Weltraum-Anzug unter hohem Druck steht, muss ein Astronaut jedes Mal, wenn er einen Muskel bewegt, den Widerstand des Anzugs überwinden. Und wenn es wie bei einer Hand um höchst präzise Bewegungen geht, sind die feinen Sehnen schnell erschöpft und die Finger wundgescheuert."

Magazinrundschau vom 26.06.2007 - New York Times

Die Keramiken der Inka aus Machu Picchu mögen ja unelegant sein, aber Peru will sie trotzdem zurück - vom Yale Peabody Museum. Die Fragen, die sich hier stellen, sind freilich, meint Arthur Lubow in der Titelgeschichte des New York Times Magazines. "Auch andere Nationen verlangen die Rückerstattung von Kulturschätzen, die mächtigere Nationen vor langer Zeit außer Landes gebracht haben. Die Griechen wollen den Parthenon-Fries vom British Museum zurück; die Ägypter wollen vom selben Museum den Rosetta-Stein zurückerhalten und außerdem die Nofretete-Büste aus dem Ägyptischen Museum in Berlin. Wo soll das enden? Vielleicht gibt eine umfassende Forderung aus China einen Vorgeschmack. Die chinesische Regierung hat im Kampf gegen die Plünderung der Gegenwart wie der Vergangenheit die Vereinigten Staaten um ein Importverbot für alle chinesischen Kunstgegenstände gebeten, die vor 1911 entstanden sind. Das Außenministerium denkt seit zwei Jahren über diese chinesische Forderung nach."

In der Sunday Book Review bespricht der Historiker Richard Evans die nun erschienene Übersetzung von Saul Friedländers großer Studie "Die Jahre der Vernichtung". Eine makellose akademische Arbeit, lobt Evans - aber auch sehr viel mehr als das: "Was 'Die Jahre der Vernichtung' auf literarisches Niveau hebt, ist die gekonnte Verflechtung individueller Zeugnisse mit der breiteren Beschreibung der Ereignisse. Friedländer lässt den Leser niemals vergessen, was die Prozesse, die er beschreibt, auf menschlicher und persönlicher Ebene bedeuten."

Außerdem gibt es unter anderem Rezensionen zu Per Pettersons Roman "Out Stealing Horses" und einem Buch, in dem Katie Rophie sieben ungewöhnliche Ehen in britischen Literaturzirkeln zwischen 1910 und dem Zweiten Weltkrieg porträtiert.

Magazinrundschau vom 12.06.2007 - New York Times

Das New York Times Magazine hat in dieser Woche einen großen Schwerpunkt zum Thema pekuniärer Ungleichheit. Auf dem Titel ist John Edwards zu sehen, der die Bekämpfung der Armut in den USA zum Schwerpunkt seines Präsidentschaftswahlkampfs gemacht hat. Matt Bai hat ihn unter anderem nach New Orleans begleitet, hält aber wenig von einer Dramatisierung der Lage: "Es ist wahr, dass die offizielle Armutsrate bei manchem Auf und Ab heute ungefähr da liegt, wo sie vor vierzig Jahren schon lag (14,2 Prozent waren es 1967, bei der letzten Zählung knapp unter 13), es ist aber auch wahr, dass sich das, was wir Armut nennen, dramatisch verändert hat. Unter Johnson gab es in ländlichen Gebieten noch Bedürftige, die keine Elektritzität, kein fließendes Wasser, keine Grundschulausbildung hatten. Heute haben die meisten Städte auch in ländlichen Gegenden Satelliten-Fernsehen und selbst die schlimmsten der in den Sechzigern entstandenen Sozialbauten haben, auch wenn das Leben dort furchtbar ist, dichte Dächer und funktionierende Leitungen."

Die präzisen statistischen Daten für die USA, die Roger Lowenstein vorstellt, zeigen freilich das eigentliche Problem: stagnierende Einkommen am unteren Ende - und explodierende am oberen. Oder, wie es David Leonhardt im Porträt des ein wenig wirtschaftsskeptisch gewordenen einstigen Clinton-Beraters Lawrence H. Summers formuliert: "Es ist, als schickte jeder Haushalt aus den unteren 80 Prozent der Einkommensstatistik einmal im Jahr einen Scheck über 7000 Dollar an das eine Prozent an der Spitze." Mimi Swartz hat die von Millionären bewohnte, vor Miami gelegene Luxussiedlung "Fisher Island" besucht, die nur per Fähre, Hubschrauber und Privatflugzeug erreichbar ist. Jason DeParle fragt, wem eine mögliche Globalisierung der Arbeit zugute kommt.

In der New York Times Book Review liefert Irvine Welsh eine begeisterte Besprechung von Andrzej Stasiuks ins Englisch übersetztem Roman "Neun": "Ein Merkmal eines genuinen Autors ist seine oder ihre Fähigkeit, einen Ort zu beschwören, der uns sofort vertraut erscheint, obwohl wir damit keinerlei persönliche Erfahrung verbinden... Andrzej Stasiuk ist so ein Autor." Und Tom Bissell würdigt den kürzlich verstorbenen polnischen Reporter Ryszard Kapuscinski und sein Buch "Meine Reisen mit Herodot".

Magazinrundschau vom 05.06.2007 - New York Times

Wurden Jesus beim letzten Abendmahl Fliegenpilze aufgetischt? Wilde Blüten der Kulturgeschichtsschreibung entdeckt Dick Teresi in Andy Letchers Buch über halluzinogene Pilze ("Shroom"): "Pilz-Mythologen wie Terence McKenna bedienen sich der zweifelhaften Logik der Neo-Darwinisten: Was immer geschehen sein könnte, ist auch geschehen. Daher die Annahme, unsere steinzeitlichen Vorfahren hätten in Viehmist gezogene Psilocybe (Gattung der Kahlköpfe) verspeist und dadurch einen schärferen Blick und einen evolutionären Vorteil erhalten. In mittlerer Dosis beförderten die Pilze die Fortpflanzungsfähigkeit, hohe Dosen brachten die Protomenschen zum Sprechen. Ihre ersten Worte lauteten wohl: Oh, wow!" Mit solchen Märchen, meint Teresi, räumt Letcher auf, ohne allerdings die Lust auf einen Mushroom-Trip zu schmälern.

Weiteres: Jonathan Lethem schwärmt von Ian McEwans Fähigkeit, den Horror des Alltäglichen zu beschwören - in seinem neuen Roman " On Chesil Beach" (Auszug, Autorenfeature). Christgau findet Chris Salewiczs' Biografie über den "Clash"-Frontmann Joe Strummer gut gemeint, aber etwas schwerfällig (Auszug "Redemption Song"). Dick Cavett liest Jeff Wiltses Sozialgeschichte der Badeanstalt (Auszug "Contested Waters") auch als Geschichte des Rassismus in den USA. Und die Times empfiehlt Sommerlektüre: Reiseliteratur, Comics und Kochbücher.

Magazinrundschau vom 29.05.2007 - New York Times

Christopher Caldwell schreibt für das New York Times Magazine eine große Reportage über das Problem der Integration in Deutschland, für das er auch Necla Kelek und Seyran Ates interviewt. Unter anderem staunt er über den großen Erfolg von Erinnerungsbüchern muslimischer Frauen in Deutschland: "Warum die Deutschen diese Bücher in solcher Zahl konsumieren, ist unklar. Deutschland war immer ein Land mit unersättlichem Interesse für andere Kulturen, daher seine Rolle in der Entstehung der Sozialwissenschaften und daher auch die unglaubliche Konzentration von Museen in Berlin. Es kann auch sein, dass die Deutschen die Ethik der Reue nach dem Zweiten Weltkrieg zu tief verinnerlichten, als dass sie genug Selbstvertrauen oder Neigung für pauschale oder kritische Werturteile über andere Kulturen verspürten. Sie brauchen Nichtdeutsche oder Halbdeutsche oder Neudeutsche, um diese Dinge zu sagen." Caldwell bereitet ein Buch über Islam in Europa vor.

Die in Teheran lebende amerikanisch-iranische Autorin Azadeh Moaveni schildert für die New York Times Book Review die Auswüchse der literarischen Kritik im Iran: "Das Ministerium untersucht Buchmanuskripte vor allem auf erotische oder religiöse Verstöße. Wenn es ein Roman heute durch die Zensur geschafft hat, dann vermuten die Iraner, dass darin herumgepfuscht wurde und dass sie besser versuchen sollten, eine Ausgabe aus der Zeit des Schahs oder eine Raubkopie zu bekommen. Auch in der Fiktion müssen alle Beziehungen dem islamischen Gesetz entsprechen. In der jüngsten Ausgabe von 'Madame Bovary' ist Emmas Ehebruch ausgelassen. Figuren, die in westlichen Romanen Champagner oder Whisky trinken, finden sich in der iranischen Ausgabe mit einem Glas doogh, einem Joghurtgetränk (Rezept) wieder, das noch nie jemand beschwipste."

Die Times hat sich mit der Besprechung von Don DeLillos neuem Roman "Falling Man" (erstes Kapitel) bis vorgestern Zeit gelassen.