Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 13.12.2005 - New York Times

Was ist Kunst? Wo beginnt sie, und vor allem: Wo hört sie auf (einige besonders fragwürdige Beispiele)? Zur Beantwortung dieser Frage haben derzeit nur die Künstler etwas zu sagen, die Kunstkritiker haben aufgegeben, zeitgenössische Kunst zu definieren, behauptet Barry Gewen. "Sie sind Experten im Beschreiben und in der Beschwörung aktueller Arbeiten, sie verorten sie im historischen Kontext und schaffen stilistische und intellektuelle Verbindungen zwischen den Künstlern. Aber, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, sie urteilen nicht. Eine Umfrage der Columbia Universität unter 230 Kunstkritikern im Jahr 2002 ergab, dass Bewertungen auf der Prioritätenliste ganz unten stehen. James Elkins ("What Happened to Art Criticism?") nennt diesen Rückzug aus dem Urteil 'eine der bedeutendsten Veränderungen der Kunstwelt im vergangenen Jahrhundert'."

Aus den Besprechungen: Geoffrey Wheatcroft bricht eine Lanze für den umstrittenen Journalisten Robert Fisk. Dessen neues Buch "The Great War for Civilisation" über den Nahen Osten sei zwar viel zu lang und oft peinlich poetisierend, aber stellenweise doch fesselnd und vor allem ehrlich. Shirely Hazard zählt Dan Hofstadters Ode an Neapel "Falling Palace: A Romance of Naples" zu der Handvoll englischsprachiger Bücher, die der alten Metropole Gerechtigkeit widerfahren lassen. In einem Essay fragt sich der Historiker Sean Wilentz, was eigentlich aus der Sympathie geworden ist, die die amerikanischen Parteien und die Literatur seit 1830 füreinander hegten.

Stephen J. Dubner and Steven D. Levitt präsentieren in ihrer Freakonomics-Kolumne im New York Times Magazine eine Studie des Wirtschaftswissenschaftlers Andrew Francis (Zusammenfassung als pdf), der herausgefunden zu haben glaubt, dass unsere sexuelle Orientierung auch von äußeren Umständen abhängt. "Kein einziger Mann, der einen AIDS-infizierten Verwandten hatte, gab an, in den vergangenen fünf Jahren Sex mit einen Mann gehabt zu haben, kein einziger Mann in dieser Gruppe erklärte, er fühle sich hingezogen zu Männern oder sah sich als homosexuell. Frauen in dieser Gruppe vermieden Sex mit Männern ebenso. Bei ihnen war die Rate von Sex mit Frauen, homosexueller Identität und Anziehung zum gleichen Geschlecht mehr als zweimal so hoch wie bei denen, die keinen Verwandten mit AIDS hatten."

Wie seit fünf Jahren schon gibt es zum Ende des Jahres eine Bilanz der besten Ideen und Erfindungen des Jahres, vom Anti-Paparazzi-Blitz bis zu Zombie-Hunden. Hier die Übersicht. Deborah Solomon erfährt zudem von Peter Watson, der alle seiner Meinung nach wichtigen Ideen in sein Buch "Ideas" gepackt hat, was die schlechteste Idee aller Zeiten war: der Monotheismus. Jim Holt fragt sich, wie die Wissenschaft so streitsüchtig und politisch werden konnte. Noah Feldman warnt die notorisch optimistischen Landsleute vor übertriebenem Pessimismus hinsichtlich der Situation im Irak. Auf den Funny Pages gibt es schließlich die 13. Folge von Elmore Leonards Fortsetzungsgeschichte "Comfort to the Enemy".

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - New York Times

In recht alarmierendem Ton schildert Peter Schneider den Lesern des New York Times Magazine die deutsche Debatte um "Ehrenmorde" und die muslimische Parallelgesellschaft aus der Hauptstadtperspektive. "In Berlin wächst eine neue Mauer empor. Um sie zu überschreiten muss man in die zentralen und nördlichen Bezirke der Stadt gehen - nach Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Dort wird man sich in einer Welt wiederfinden, die der Mehrheit der Berliner unbekannt ist. Bis vor kurzem gaben sich die meisten Berliner der Illusion hin, dass das Zusammenleben mit 300.000 muslimischen Einwanderern und ihren Kindern im Grunde funktioniert."

Weitere Artikel: Deborah Solomon erfährt vom ehemaligen Demokraten und Schauspieler Ron Silver, der kürzlich von Bush in das Institute for Peace gewählt wurde, dass er sich nicht um einen Sitz im Parlament bewerben wird. "Ich fürchte, da würde ich das bisschen Einfluss verlieren, den ich jetzt habe." Im Titel erklärt Michael Lewis wie der geniale Trainer der Footballmannschaft Red Raiders der Texas Tech University, Mike Leach, die Begrenzungen von Raum und Zeit aufhebt. Walter Kirn zweifelt, ob das Shoppen der Zukunft noch Spaß bereiten wird. Auf den Funny Pages ist der zwölfte Teil von Elmore Leonards Erzählung "Comfort to the Enemy" zu lesen.

In der New York Times Book Review ist Bescherung. Die Redaktion stellt ihre zehn Favoriten des Jahres vor, darunter Ian McEwans "Saturday", Zadie Smiths "On Beauty" und Tony Judts "A History of Europe Since 1945". Weitere Geschenkempfehlungen gibt es für die Bereiche Fotografie, Entdeckung, Reise und Kochen.

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - New York Times

Jesus hat mit nichts mit dem Sohn Gottes zu tun, meint der Literaturkritiker Harold Bloom in "Jesus and Yahweh", das Jonathan Rosen schon allein wegen der Fülle an Ideen und Widersprüchen empfehlen möchte. "Jesus Christus ist im Gegensatz zu Jesus ein späteres theologisches Konstrukt, das sehr hellenistisch anmutet. Christus ist für Bloom ein Betrug an Jesus dem Menschen, Yeshua, der offensichtlich in einer jüdischen Welt lebte, an den Bund mit Yahweh glaubte, die Gesetze nicht für tödlich hielt und erschrocken oder zumindest verwundert gewesen wäre über die Religion, die in seinem Namen entstand."

Zwei große, schwere und vielleicht endgültige Biografien gibt es diese Woche anzuzeigen. Mit seinen fast 1.000 Seiten mutet Bob Spitz' "The Beatles" wie eine Bibel an (erstes Kapitel), die Geschichte einer Band, die zeitweise bekannter war als Jesus. Und dazu noch durchgängig mit einem Verve geschrieben, der Jean und Michael Stern ab Seite zehn nicht mehr losgelassen hat. John Simon schwärmt haltlos von Richard Schickels Biografie des Regisseurs Elia Kazan (Filme). Hier stimme alles: gesunde Distanz, ertragreiche Nähe, ausreichend viele Details, aber auch die notwendige Diskretion.

Weiteres: Terence Rafferty vermutet, dass John Banville mit "The Sea" (erstes Kapitel) eine "schlaue Parodie auf jene Art von englischen Roman geschrieben hat, die hingerissene Rezensionen im Guardian und Independent einfährt, zu einem stillen, geschmackvollen Film mit Harold Pinter-Drehbuch gemacht wird und den Man Booker Preis gewinnt". David Lipsky findet Robert Kaplans "Imperial Grunts" (erstes Kapitel), für das der Autor das militärgestützte amerikanische Imperium abreiste, ein wenig zu kriegsbegeistert geworden.

Das New York Times Magazine: So schlecht sind die Innenstadtghettos der USA doch nicht, schließt Christopher Caldwell aus den Unruhen in den Banlieues. Der Beweis ist Marseille. Ausgerechnet die Stadt mit den meisten Immigranten sei von den Unruhen verschont geblieben. "Marseille ist nicht wie die meisten französischen Städte, in denen der Stadtkern aus peinlich gepflegten architektonischen Schätzen besteht und die Unordnung an den Rand geschoben wird. Es ist von innen nach außen gestülpt, so dass die 'Innenstadt' und 'Vorstadt' ihren amerikanischen Pendants ähneln. Das könnte Marseille eine Menge Probleme erspart haben."

Ein knappes Jahr nach dem Tsunami besucht Barry Bearak die schwer getroffene indonesische Stadt Banda Aceh, in der allein 90.000 Menschen umkamen. Seine epische Reportage füllt in vier Teilen nahezu das ganze Heft. Gary Rosen kommt von Kazuo Ishiguros "Alles, was wir geben mussten" zur gegenwärtigen Debatte über das therapeutische Klonen in Washington. Und natürlich das elfte Kapitel von Elmore Leonards Fortsetzungsgeschichte "Comfort to the Enemy".

Magazinrundschau vom 22.11.2005 - New York Times

Der Schriftsteller Jonathan Lethem verfasst eine Hymne auf den europäischen Kollegen Italo Calvino, dessen Tod vor zwanzig Jahren er recht persönlich genommen hat. "Calvino, so schien es mir, hatte mühelos geschafft, was kein angelsächsischer Autor von sich sagen konnte: Seine Romane und Erzählungen waren sowohl klassisch modern als auch schwindelerregend postmodern, indem sie Experiment und Tradition vereinten, zugleich konzeptionell und human, intim und mystisch waren. Mit seinen wiederkehrenden Referenzen auf Comics, Volksmärchen und Filme sowie seinen drolligen Erkundungen zeitgenössischer Wissenschafts- und Philosophieströmungen hat er Populäres und Elitäres zu einem international luziden Stil zusammengemischt, den nur er beherrschte."

Weitere Artikel: Julia Briggs' Biografie von Virginia Woolf konzentriert sich erstmals auf das Werk der Schriftstellerin, lobt Curtis Sittenfield, ist aber eher etwas für Kenner. "Wenn Ihr ganzes Wissen über Woolf Nicole Kidmans falsche Nase im Film 'The Hours' umfasst, sollten Sie nicht mit diesem Buch einsteigen." Rafi Zabors Auftakt seiner Lebenserinnerungen "I, Wabenzi" (erstes Kapitel) erreicht laut Liesl Schillinger in Sachen "Opulenz und Abwechslung" die Gefilde von Federico Fellinis Filmklassiker "Satyricon". Jonathan Alter liest die Rechtfertigungschrift "Truth and Duty" der ehemaligen CBS-Reporterin Mary Mapes zum Skandal um gefälschte National-Guard-Dokumente aus George Bush' Jugendzeit als Lehrstück, wie man investigativen Journalismus nicht betreiben sollte.

David Rieff beschäftigt sich im New York Times Magazine mit Evo Morales, der als Indio, Präsidentschaftskandidat Boliviens und Globalisierungskritiker die Riege der USA-Gegner in Lateinamerika entscheidend stärken könnte. Ann Hulbert diskutiert Sinn und Unsinn der Förderung von kleinen Genies. Das private Davidson Institute for Talent Development hat in diesem Jahr etwa den 17-jährigen John Zhou ausgewählt, der die Jury mit seiner Studie von möglichen Interaktionen der Proteine Rev1, Rev3 and Rev7 in Saccharomyces Cerevisiae (alias Bierhefe) überzeugt hatte. Daphne Merkin lobt George Bushs jüngsten Kandidaten für den Supreme Court, Sam Alito, nach einem Blick in das Princeton-Jahrbuch von 1972 als "authentisch uncool", also unabhängig. Deborah Solomon porträtiert Lynne Truss, die mit ihrer Grammatikfibel "Eats, Shoots & Leaves" einen unerwarteten Erfolg hatte. Hier kann man seine Interpunktionskenntnisse testen.

Magazinrundschau vom 15.11.2005 - New York Times

Caravaggios "Taking of Christ" wurde 1603 in Rom für stolze 125 Scudi verkauft. der Maler war auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Als das bis dahin vergessenen Bild 1921 in Edinburgh für lausige acht Guineas unter den Hammer geriet, wurde es für das Werk eines unbekannten Holländers gehalten. Jonathan Harrs Bericht "The Lost Painting" (erstes Kapitel), wie eine italienische Kunststudentin es 1990 wieder aufspürte, liest sich besser als ein Thriller, versichert Bruce Handy. "Wir bekommen hier C.S.I. für Historiker serviert."

A. O. Scott verfasst eine leidenschaftliche Suada nicht nur gegen den National Book Award, der am Mittwoch verliehen wird (hier die Finalisten), sondern gegen das grassierende Auszeichnungswesen überhaupt. "Es wird niemandem entgehen - nicht einmal den 'Gewinnern' - dass die bloße Idee der Vergabe von Medaillen und Preisgeldern für eine ästhetische und intellektuelle Leistung absurd ist, wenn nicht gar obszön. Desweiteren wird die Auswahl unweigerlich die Fäulnis des literarischen Status Quo anzeigen, der entweder hoffnungslos schwerfällig und abgekapselt ist oder von modischen außerliterarischen Überlegungen bestimmt wird, gefesselt also entweder von konservativer Selbstgefälligkeit oder politischer Korrektheit."

Weitere Artikel: David Orr diskutiert salomonisch elitäre und populäre Reaktionen auf Garrison Keillors erfolgreiche Lyrikanthologie "Good Poems". Am Nachfolgeband stört ihn nun aber Keillors Behauptung, der Sinn von Gedichten liege darin, uns Mut zu machen. "Das ist nicht Zweck der Poesie, dafür gibt es Scotch. Zweck der Poesie ist die Poesie." Ansonsten schneiden zwei historische Bände recht gut ab: Gordon S. Wood lobt Sean Wilentz' "monumentale" Studie "The Rise of American Democracy" und Max Boot verneigt sich vor David Reynolds, der in "In Command of History" schildert, wie Winston Churchill den Zweiten Weltkrieg und vor allem seine Rolle darin in seiner historischen Aufarbeitung beschönigte (erstes Kapitel).


Das Kino bestimmt diese Ausgabe des New York Times Magazine. Charles McGrath diskutiert die christliche Grundierung von C.S. Lewis' Fantasy-Zyklus "The Chronicles of Narnia", dessen erster Teil demnächst unter der Ägide von Disney in die Kinos kommt. Lewis' Glaube zeige sich nicht nur zwischen den Zeilen, etwa in der Figur des Löwenkönigs Aslan. "Aslan ist schrecklich und schön zugleich, ernst aber voller Liebe, sein Atem duftet nach Weihrauch, und sein bloßer Anblick bringt die meisten Wesen zum Erzittern. Er ist nichts weniger als Gottes Sohn, der stirbt und dann wieder aufersteht, und über die sieben Bände hinweg die Kinder immer wieder testet, sie aber letztlich rettet und in die ewige Sciherheit führt - alle außer Susan, die sich zu sehr für 'Nylonstrümpfe und Lippenstift und Einladungen' zu interessieren beginnt."

Der Rest des Heftes ist der filmischen Verarbeitung des Irakkriegs gewidmet. Tom Bissell sichtet Dokumentarfilme zum aktuellen Konflikt, und findet keinen so überzeugend wie "The Dreams of Sparrows" von Hayder Mousa Daffar, der Bagdad porträtiert. "Dies ist eine Stadt voller bewaffneter Männer und modischer Frauen, die nervös in ihren Wohnungen Kette rauchen, eine Stadt, in der Kinder einer Privatschule Kritzelbilder hochhalten und sagen 'Hier zielt der Panzer auf den Hubschrauber, und sie feuern mit Granaten und Raketen aufeinander.'"

Weiteres: A. O. Scott meint, dass George Clooney nun die Rolle des liberalen Helden einnimmt, die Warren Beatty und Robert Redford in den 70ern innehatten. Lynn Hirschberg ergründet, wie sich der Schauspieler Peter Sarsgaard auf die Rolle als Scharfschütze der Marines vorbereitet hat. Peter de Jonge beobachtet, wie der Vietnam-Veteran Dale Dye Darsteller auf den Krieg vor der Kamera vorbereitet. Matt Bai gesteht dem überwiegend demokratischen Hollywood zu, in Sachen Irakkrieg die Lage schnell realistisch eingeschätzt zu haben.

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - New York Times

D. T. Max beschäftigt sich im New York Times Magazine mit der relativ neuen Disziplin des literarischen Darwinismus. Deren Vertreter suchen in Büchern nach grundlegenden menschlichen Verhaltensweisen. Jane Austens "Stolz und Vorurteil" ist für sie eine wahre Schatzkammer und hat eine ähnliche Bedeutung wie die Fruchtfliege für Genetiker. "Die meisten Frauen in dem Buch bemühen sich, Männer von hohem Status zu heiraten, was sich mit dem darwinistischen Gedanken deckt, dass Weibchen nach Männchen suchen, deren Rang den Erfolg ihres Nachwuchses sichern wird. Gleichzeitig konkurrieren die Männer üblicherweise um die hübschesten Frauen, was mit der These Darwins übereinstimmt, dass Männchen Jugend und Schönheit als Zeichen reproduktiver Fitness ansehen. Darcys und Elizabeths Hin und Her verdeutlichen die Anstrengungen, die Männchen und Weibchen unternehmen, um zwischen kurzzeitiger Anziehung (ein kesser Gang, ein hübscher Geck), und langfristiger Zweckmäßigkeit (Stabilität, Verpflichtung, Reichtum, grundsätzliche Gesundheit) zu unterscheiden."

Weiteres: David Rieff diskutiert, ob Amerikas Grenzen offen bleiben sollen. Lisa Belkin porträtiert den Kinderarzt Holmes Morton als Mediziner der Zukunft. Morton studiert an seinen Patienten von den isolierten Amish People und Mennoniten seltene Erbkrankheiten und entwirft, basierend auf dem jeweiligen Genbild, individuelle zugeschnittene Therapien, die das Ausbrechen dieser Krankheiten von vornherein verhindern sollen. Alex Witchel stellt Sarah Smiley vor, die in ihrer Zeitungskolumne die Ängste einer Soldatengattin formuliert. Lawrence Ferlinghetti, 86-jähriger Eigentümer des legendären City Lights-Buchladens in San Francisco, klärt Deborah Solomon darüber auf, dass die Beatniks mit ihren Perfomances den Rappern den Weg gewiesen haben.

In der Sunday Book Review kann Terence Rafferty Gabriel Garcia Marquez' "aufgeweckte, perverse kleine Fabel" "Memories of my Melancholy Whores" (hier die deutsche Ausgabe) über einen alten Mann, der für alle Frauen seines Lebens bezahlt hat, nur empfehlen. David Brooks erfährt aus Jerome Karabels Untersuchung der amerikanischen Meritokratie "The Chosen" (erstes Kapitel), wie die Abgänger der amerikanischen Eliteuniversitäten die Aufnahmekriterien so modifiziert haben, dass auch ihrer Kinder wieder nach Yale und Harvard kommen. Charles Peters leuchtet James T. Pattersons historischer Abriss "Restless Giant" der amerikanischen Jahre von Watergate bis zum ersten Wahlkampf George Bushs durchweg ein. "Und Rachel Donadio erzählt ein paar Anekdoten rund um Bücher von Politikern.

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - New York Times

Schwerpunkt dieser Ausgabe ist die aktuelle Literatur rund um den Irak-Krieg. Als "packende" Chronik der Vorgeschichte, des Verlaufs und der Folgen der Invasion empfiehlt Fareed Zakaria George Packers "The Assassins Gate" (erstes Kapitel). Zakaria bewundert die nüchterne Zurückhaltung, mit der Packer die Arroganz des Verteidigungsministeriums beschreibt, die zu fatalen Fehleinschätzungen führte. "Rumfelds Sprecher Larry di Rita reiste im April 2003 nach Kuwait, um den amerikanischen Beamten dort mitzuteilen, dass das Auswärtige Amt schon in Bosnien und dem Kosovo gepfuscht habe und dass die Bush-Regierung deshalb die Macht an die Iraker übergeben und spätestens nach drei Monaten das Land wieder verlassen wolle."

James Traub bespricht zwei Bände, in denen Argumente für den Krieg aufgeführt werden, jeweils von Linken und Konservativen. In Thomas Cushmans "A Matter of Principle" beeindruckt Traub ein Beitrag des polnischen Journalisten Adam Michnik, der den Einsatz von Gewalt für die Verteidigung der Menschenrechte mit folgenden Worten rechtfertigt. "Ich kann mich an keinen Text von mir erinnern, in dem behauptet wird, man sollte Hitler ohne Waffen bekämpfen. Ich bin kein Idiot. In Saddams Staat gab es nur einen Platz für die Opposition - den Friedhof."

Robert F. Worth stellt einen Leseleitfaden mit Klassikern für angehende Irakreporter zusammen. Und Dexter Filkins liest Michael Goldfarbs "Ahmad's War, Ahmad's Peace", mit dem Goldfarb an seinen irakischen Übersetzer Ahmad Shawkat erinnert, der im Oktober 2003 ermordet wurde.

Somini Sengupta berichtet im New York Times Magazine aus Nepal, wo die letzten hundertprozentigen Kommunisten der Erde für die Revolution kämpfen. "Der Guerillakrieg der Maiosten, der von kleinen Kämpfern in Flip-Flop-Springerstiefeln geführt und von der Wut gegen die lange Unterdrückung aufgrund von Kasten und ethnischer Zugehörigkeit genährt wird, begann vor fast zehn Jahren in den Dörfern des Rolpa-Bezirks, im westlichen Vorgebirge des Himalaya. Seitdem hat er eine eigentümliche Mischung aus Terror und Verlangen über das Land getragen, mehr als 12.000 Menschenleben gefordert und ist zu der wahrscheinlich ausdauerndsten und ruinösesten kommunistischen Erhebung in der Welt geworden."

James Traub macht einige Verbesserungsvorschläge für das katastrophale Image der USA im Ausland. Roger Lowenstein schildert, wie die großen Unternehmen die betriebseigene Altersvorsorge gegen die Wand gefahren haben. Maureen Dowd diskutiert das paradoxe aktuelle Frauenbild. Und Deborah Solomon unterhält sich mit dem ehemaligen Leibkoch von George und Barbara Bush Ariel de Guzman über die kulinarischen Vorlieben seiner Schutzbefohlenen.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - New York Times

Der Büroarbeiter des 21. Jahrhunderts verbringt im Durchschnitt nur etwa 11 Minuten mit einer Aufgabe, dann unterbricht ihn ein Anruf oder eine E-Mail und er fängt mit etwas Neuem an. Für das New York Times Magazine hat Clive Thompson Wissenschaftler besucht, die mit großem Aufwand Einfachheit und Ordnung in das Leben der Computerarbeiter bringen wollen. Etwa mit einem E-Mail-Programm, dass die Dringlichkeit einer Nachricht einschätzt. "Als Mary Czerwinksi das Programm zum ersten Mal ausprobierte, verschaffte es ihr drei Stunden ununterbrochenes Arbeiten, bevor es sie mit einer Nachricht belästigte. Die Software bestimmte auch, zur Überraschung zumindest eines Microsoft-Angestellten, dass E-Mail-Botschaften von Bill Gates nicht unbedingt dringend waren. Gates schreibt gerne lange, diskursive Texte, über die seine Angestellten dann meditieren sollen." Hier eine Seite mit Ordnungstipps für Leute, die nicht auf die Wissenschaft warten wollen.

Weitere Artikel: Sean Wilentz verlegt die Anfänge der aktuellen republikanischen Politik zurück auf die Etablierung der Whig Party im Jahr 1830. Jon Gertner beschreibt, wie riesige Baufirmen wie die Toll Brothers mit am Reißbrett entworfenen Luxussiedlungen das Hinterland Amerikas verändern. Und auf den Funny Pages wartet der fünfte Teil von Elmore Leonards gar nicht so lustiger Erzählung "Comfort to the Enemy".

Vorsicht! "Dies ist kein Coffeetable-Kunstband", warnt John Updike in der Book Review. In Jed Perls "New Art City" (erstes Kapitel) über die Hochphase der New Yorker Kunst in der Mitte des 20. Jahrhunderts (Bilder) und ihre Nachwirkungen gibt es auf 550 Seiten zwar viele Abbildungen, aber sie sind klein und schwarz-weiß. Dafür entschädigt Perl, Kritiker bei New Republic, seine Leser mit einer "überwältigenden Kenntnis" der Szene von Willem de Kooning 1948 bis Donald Judd 1982. Und er teilt gerne aus, etwa gegen Jackson Pollock: "'ein Künstler mit einer fein abgestimmten, ziemlich kleinen lyrischen Begabung', der von seinen vielen Unterstützern und Massen an Publicity profitierte. Gegen Ende der 40er 'wurde die Technik des Tröpfelns und Schleuderns der Farbe, die Pollock von den Surrealisten geborgt hatte, repetitiv, ein Gewirr von Linien ("Lavender Mist"), das die Leinwand ein bisschen zu effektiv auffüllt'."

Weiteres: Jonathan Teppermann wagt eine Synopse der aktuellen Werke zur amerikanischen Außenpolitik, die sich in zwei Klassen aufteilen: auf der einen Seite die Bücher mit der einen, großen, sexy Idee, die Bush und Cheney gefallen, sich für die wirkliche Politik aber nicht eignen, auf der anderen Seite die komplizierten, abwägenden Argumentationen, die zwar trocken, aber realitätsnäher sind. Anthony Gottlieb erfreut sich an Tony Judts Arbeit "Postwar", in der der Historiker in ungeheurer Detailtiefe die erstaunliche Entwicklung Europas nach dem Zweiten Weltkrieg schildert. Gottlieb staunt: "Was einst wie die zuckenden Glieder eines Sterbenden aussah, war in Wirklichkeit der Beginn neuen Lebens."

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - New York Times

Für das New York Times Magazine berichtet Elizabeth Rubin aus Afghanistan und von den Frauen, die sich um einen Sitz im Parlament bewerben. Dabei stößt sie auch immer wieder auf Landays, zweizeilige Kurzgedichte, die von den Frauen üblicherweise beim Wasserholen, Waschen, oder auf Hochzeiten rezitiert werden. "Sie sind körperlich und brutal, leidenschaftlich und direkt. Eines, das ich im vergangenen Monat einige Male zu hören bekam, war fast eine Drohung an den Geliebten. Es zeigt, wie tief verwurzelt das Gefühl der Stammesehre sowohl bei Männern als auch bei Frauen ist. 'Hast Du keine Wunde in der Mitte Deiner Brust, werde ich gleichgültig bleiben, selbst wenn Dein Rücken durchlöchert ist wie ein Sieb.'"

Weitere Artikel: Noah Feldman hofft, dass die Iraker bei der Abstimmung über die Verfassung der Demokratie ihre Sympathie erweisen, wenn schon nicht den Amerikanern. Michael Kimmelman besucht den Maler Raymond Pettibon, der glaubt, seine Kunst sei leichter zu verstehen als die meisten Gedichte. Michael Lewis besucht New Orleans und schickt eine Reportage aus der Stadt seiner Jugend. Deborah Solomon plaudert mit Intellektuellenliebling und Regisseur Noah Baumbach über seinen Film "The Squid and the Whale". Auf den Funny Pages gibt es das vierte Kapitel von Elmore Leonards Erzählung "Comfort to the Enemy".

Aufmacher der New York Times Book Review ist die Besprechung von Joan Didions Buch "The Year of Magical Thinking", in dem sie den Tod ihres Mannes verarbeitet. Trotzdem zieht das Buch den Leser nicht runter, versichert Robert Pinsky. "Ihre Art ist verdammt komisch, sie säbelt die Banalität mit einem Stil weg, der rücksichtslos und doch akribisch ist."

Magazinrundschau vom 04.10.2005 - New York Times

1936 konnte Max Schmeling seinen Erzrivalen Joe Louis noch auf die Bretter schicken, 1938 musste er nach nur 122 Sekunden und drei Niederschlägen selbst aufgeben. David Margolicks historische Reportage "Beyond Glory" zu den beiden Kämpfen bejubelt Joye Carol Oates als Schwergewicht von einem Buch, das wahrscheinlich definitive Werk zu einem sportlichen und politischen Weltereignis. "Als der zweite Kampf im Juni 1938 im Yankee Stadion ausgetragen wurde, in dem der 24 jährige amerikanische Schwarze und Titelverteidiger Louis gegen den 32-jährigen Schmeling, Starsportler der Nazis, antrat, ging es ebenso um die Auseinandersetzung zwischen den Vereinigten Staaten und Nazideutschland wie um den Kampf zwischen zwei begnadeten Athleten. Fast 70.000 Zuschauer und geschätzte 100 Millionen Menschen, die das Ereignis vor dem Radio verfolgten: 'das größte Publikum, das es jemals gab.'" Zur Einstimmung die beiden Originalartikel zu den Kämpfen 1936 und 1938 aus der New York Times.

"Alles deutet darauf hin, dass Michelangelo Merisi, Schläger, Gangmitglied, Mörder und großartiger Maler, bekannt als Caravaggio, leicht zu verärgern war", schließt Christopher Benfy aus Francine Proses "flotter" Biografie des italienischen Barockkünstlers ("Caravaggio"). "Es gibt da die kleine Geschichte von dem entgleisten Tennisspiel. Wir wissen alle, dass Tennis frustrierend sein kann, aber Caravaggios Match endete mit dem Mord an seinem Gegenspieler."

Weitere Besprechungen: In J.M. Coetzees Werk fühlt sich Ward Just wie in einer romanischen Kirche an einem Novembertag. Der neue Roman "Slow Man" stehe nun den Vorgängern in Exaktheit und Kühle in nichts nach, aber diesmal glaubt Just, "ein Banjo im Chor zu hören". Rick Moodys "The Diviners" (erstes Kapitel) beschreibt den Entstehungsprozess einer Fernsehserie, in der die ewige Suche des Menschen nach Trinkwasser dargestellt werden soll. Hört sich nach nicht viel an. Aber wenn es wie hier darum geht, "ein Figurenensemble in den Fängen einer angenehmen Hysterie zu schildern", ist Moody in seinem Talent, bezeugt zumindest Stephen Metcalf.


New York ist das wahre politische Gravitationszentrum der USA, behauptet das New York Times Magazine und belegt dies in einer Reihe von Artikeln. Sam Tanenhaus sieht die denkwürdige Bürgermeisterkandidatur von William F. Buckley 1965 als Wendepunkt der amerikanischen Politik. "Es war seltsam genug, dass Buckley, Autor, Chefredakteur der National Review, Kolumnist, Redner und Störenfried - bar jeglicher Erfahrung in praktischer Politik - sich um diesen undankbarsten aller Jobs bemühte. Noch merkwürdiger war, dass sein Wahlkampfstil zu Vergleichen mit Oscar Wilde, Evelyn Waugh, Noel Coward und Mort Sahl einlud. Aber wirklich verrückt war die Tatsache, dass er ernst genommen wurde."

Weiteres: Russell Shorto beharrt darauf, dass der Liberalismus - zumindest die amerikanische Variante - in Manhattan erfunden wurde. Matt Bai warnt die bisher fehlerfreie Hillary Clinton vor neuen Fallstricken in der demokratischen Politik. James Traub vergleicht den Stil des gegenwärtigen Bürgermeisters Michael Bloomberg mit dem seines demokratischen Herausforderers Fernando Ferrer. Auf den Funny Pages wartet der dritte Teil von Elmore Leonards Fortsetzungserzählung "Comfort to the Enemy".