Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 21.02.2006 - New York Times

Religion - ein Naturphänomen? Was Daniel C. Dennett in seinem Buch "Breaking The Spell" nachzuweisen versucht, hält Leon Wieseltier für biologischen Reduktionismus at its best, einen atheistischen Wunschtraum, der die Beziehung zwischen Religion und Vernunft, historisch und philosophisch, unter den Teppich kehrt: "Dennett ist der Meinung, die Erforschung des Glaubens an den Glauben, seiner Ursprünge und Folgen, mache die Untersuchung des Glaubens selbst überflüssig. Ein Fehler. Einzig durch die Widerlegung seiner Inhalte lässt sich der Glaube widerlegen."

Reinstes Rezensentenglück dagegen bei Laura Miller. Sie freut sich über Stephen Wrights vierten Roman, die Bürgerkriegs-Saga "The Amalgamation Polka" (Audiofile und Textprobe). Ein Buch wie "Alice im Wunderland", findet sie: "Ein schwindelerregender Vorstoß ins Unbekannte. So fühlt sich Geschichte an für die, die sie erleben, die nicht wissen, was sie erwartet, wenn das Bekannte sich auflöst und neu zusammensetzt. Das ist Gegenwart." In einem Brief schließlich beschwert sich Bernard-Henri Levy über den bissigen Verriss seiner Reise-Essays "American Vertigo" vor drei Wochen in der Review. Der sei zwar witzig geschrieben, werde dem Ziel des Buches, europäische Vorurteile über die USA zu hinterfragen, aber nicht gerecht: "Was zählt, sind die Fragen, nicht so sehr meine Antworten." Jetzt möchte Levy gern eine Kontroverse lostreten und fordert den Rezensenten zum Rededuell!

Das Magazin der New York Times bringt einen Vorabdruck aus Francis Fukuyamas neuem Buch "America at the Crossroads". Darin beschwört der altkonservative Vordenker das Endes des Neokonservatismus, der in seinem Glauben komplett gescheitert sei, ein leichter Stoß der USA würde die arabischen Staaten quasi in den Urzustand der Demokratie befördern: "Das Problem der neokonservativen Agenda lag nicht in ihren Zielen, die sind so amerikanisch wie Applepie, sondern in den übermilitarisierten Mitteln, mit denen sie sie erreichen wollte." Und Fukuyama plädiert für einen Kurswechsel in der amerikanischen Außenpolitik: "Zuallererst müssen wir den so genannten globalen Krieg gegen den Terror entmilitarisieren und zu anderen Mitteln der Politik übergehen. Wir kämpfen in Afghanistan und Irak gegen schwere Aufstände und gegen eine internationalen Dschihad-Bewegung - Kriege, in denen wir siegen müssen. Aber 'Krieg' ist der falsche Ausdruck für den breiter angelegten Kampf, da Kriege mit voller Intensität und in einem klar begrenzten Zeitraum ausgefochten werden. Die Herausforderung der Dschihadisten anzunehmen, bedeutet, einen langen, nicht eindeutig umrissenen Kampf zu führen, dessen Kern nicht die militärische Kampagne ist, sondern ein politischer Wettstreit um die Herzen und Köpfe der Muslime. Wie die jüngsten Ereignisse in Frankreich und Dänemark nahelegen, wird Europa hierbei ein zentraler Kampfplatz sein."

Der Irak-Korrespondent Dexter Filkins berichtet, wie die Amerikaner im Irak zu später Besinnung gelangen. Vorsichtige Planung, konzentriertes Denken, intensive Auseinandersetzung mit den Problemen des Landes und seiner Bevölkerung sind die neue Strategie: "Der emporgestiegene Held der griechischen Tragödie fällt am Ende der eigenen Hybris zum Opfer. Der Sturz der USA im Irak aber könnte von anderer Tragik sein: Der mächtige Invasor macht unzählige Fehler und opfert Tausende Leben. Nach einer Weile besinnt er sich und macht alles richtig. Und es ist zu spät."

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - New York Times

In der New York Times Book Review stellt Noah Feldman "Messages to the World" vor, einen Band, der die Reden, Interviews und Internetartikel Osama bin Ladens versammelt, stellt uns in der Book Review vor. Eine irgendwie obszöne Lektüre, findet er, erkennt jedoch auch ihren Wert an: "Gleichwohl moralisch verwerflich und unverantwortlich im religiösen Sinn, könnte bin Laden Zuspruch finden bei durchaus logisch Denkenden mit den gleichen Prämissen ... Seine Worte zu drucken bedeutet, ihn zu zeigen als das, was er ist - ein verirrter Moslem, der den Glauben missbraucht, um Mord zu rechtfertigen."

David Brooks bespricht ein Buch ("World as Laboratory: Experiments With Mice, Mazes, and Men"), das die mitunter haarsträubenden Versuche der Wissenschaft dokumentiert, menschliches Verhalten zu steuern: "Diese Forschung wurde großzügig finanziert und gefördert von den renommiertesten Instituten ... Und sie wurde betrieben in der noch immer verbreiteten Ansicht, dass es dies Reiz-Reaktions-Schema im Gehirn gibt und dass man menschliches Verhalten kontrollieren kann, indem man die Reize kontrolliert."

Außerdem: Pankaj Mishra stellt uns "The Inheritance of Loss" von Kiran Desai vor (Kapitelprobe als Audiofile) - für Mishra der "perfekte post-9/11-Roman", erzählt mit "moralischer Intelligenz" und echtem Talent. Und der Autor Curtis Sittenfeld gibt seine Erfahrungen mit Buchclubs zum Besten: "Es gibt nur wenige Orte, wo Cellulitis und Tolstoi im selben Gespräch auftauchen."

Im Magazin der New York Times stellt Joseph Lelyveld Senator Chuck Hagel vor, der möglicherweise der nächste Präsidentschaftskandidat der Republikaner wird: "Hagel war nie eine Taube, aber im republikanischen Aviarium ist er allemal ein seltener Vogel: Ein Internationalist mit einem starken Sinn für Allianzen, für multilaterale Bemühungen, weltumspannende Institutionen und Außenpolitik, der sich um den Rest der Welt schert - und nicht nur wegen des Agrarexports."

Im Gespräch mit Deborah Solomon erklärt die BBC-Legende David Frost, was er täte, wenn seine neuen Arbeitgeber von Al Jazeera International ihn für ein Interview auf Osama bin Laden ansetzen würden: "Ich würde wohl nein sagen. Als pflichtbewusster Bürger müsste man ihn dingfest machen. Das wäre wohl unmöglich. Du würdest vielleicht reinkommen, aber vielleicht auch nie wieder heraus."

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - New York Times

"Ein Buch wie Sprengstoff", urteilt der ehemalige CNN-Chef Walter Isaacson über "State of War" von James Risen. Das auf anonymen Quellen basierende Buch (hier eine Kostprobe) erkundet die verborgene Geschichte der CIA und der Bush-Administration. Abhören, Foltern - wie weit ging das, wie lange und in wessen Namen? Risens Antworten, so vermutet Isaacson, seien "zu achtzig Prozent wahr". Mehr sei nicht drin auf diesem Feld der Geschichtsschreibung: "Wie ein impressionistisches Gemälde stützt sie sich auf Punkte von variierender Schattierung und Intensität. Einige stammen aus 'undichten Stellen', andere aus den Erinnerungen und Gedanken der Beteiligten. Stück für Stück entsteht so ein Bild. Es ist an uns, die Punkte zu verbinden und einen Sinn zu entdecken in dieser Landschaft."

Kennen Sie Malcolm Gladwell? Der Mann ist ein Tausendsassa: Gefragter Journalist und Wirtschaftsberater mit 40.000 Dollar-Lesehonoraren, Mitarbeiter des New Yorker, Autor der Bestseller "The Tipping Point" (Leseprobe) und "Blink" (Leseprobe) und mit seinem Stilmix aus sozialwissenschaftlicher Fallstudie und grell-komischer anekdotischer Charakterschau Erfinder eines neuen literarischen Genres. Rachel Donadio stellt uns den Mann mit der wildesten Mähne im westlichen Publikationszirkus vor (hier). "In Zeiten fortschreitender Spezialisierung ist Gladwell der Vermittler schlechthin, zwischen der New Yorker literarischen Welt und dem übrigen Amerika, zwischen liberal und konservativ, Mann und Frau, oben und unten." (Mehr im Audiointerview)

Außerdem in der Review: Der abschließende Teil von Taylor Branchs monumentaler Trilogie über Martin Luther King und seine Zeit (Leseprobe "At Canaan's Edge"). Und Dave Itzkoff zeigt sich "zu Tode erschrocken" von Stephen Kings neuem Roman "Cell" (Leseprobe). - Ein mysteriöser Ton im Handy verwandelt eifrige Mobiltelefonisten in Zombies.

Was passiert, wenn wir lügen? Und wie lässt es sich erkennen? Im Magazin der New York Times geht Robin Marantz Henig diesen spannenden Fragen nach: "Unglücklicherweise erfassen die gängigen Detektoren nicht die Lüge selbst, sondern die Angst vor ihr ... So kommen die gefährlichsten Lügner davon: Die, die es nicht kümmert zu lügen, die, die nicht wissen, dass sie es tun, die, denen man es beigebracht hat, und diejenigen, die nichts zu verlieren haben, wenn sie erwischt werden - die für die Sache sterben würden, weil sie daran glauben."

Weitere Artikel: Außerdem stellt uns Sara Corbett den Puerto-Ricanischen Raggaeton-Star Daddy Yankee anhand der nach ihm benannten Sneakers vor: "Ein hübsches Stück, mehr Lifestyle- als Sportschuh und dazu geschaffen, Yankee so gut zu repräsentieren, wie es ein genähtes Stück Leder nur vermag." Der Turnschuh kann auch singen (hier und hier). Und Rob Walker wirft einen Blick auf die rasch wachsende Gemeinde der in internationalen Ligen organisierten, in gut dotierten E-Sports-Meisterschaften konkurrierenden Computerspiel-Athleten und ihrer Fans.

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - New York Times

"Eine Art Buch" des französischen Vorzeigeintellektuellen Bernard-Henri Levy annonciert uns Garrison Keillor (Leseprobe "American Vertigo"). Wutschäumend, muss man sagen. Denn was Levy, ursprünglich im Auftrag von Atlantic Monthly, da auf gut 300 Seiten "zusammengestoppelt" hat, untertitelt als "Unterwegs in Amerika auf den Spuren Tocquevilles", bietet für den Rezensenten gerade genug Originalität, um noch die allerdümmsten unter Europäern kursierenden Klischees über die Staaten zu bestätigen. Für einen Amerikaner aber scheint der Wiederkennungswert der journalistischen Miniaturen derart gering, dass Keillor vermutet, es handelt sich hier gar nicht um die USA und seine Menschen: "Kann sein, dies ist ein Buch über Franzosen."

Außerdem in der Review: Zwei neu erschienene Aufsatzsammlungen zur Folter, die Lance Morrow ein bisschen zu tendenziös findet: "Die Position der Rechten hat nur Schein-Befürworter. Insgesamt tendieren die Beiträge beider Bücher zur Frömmelei: Folter = böse, ich = gut." Das uns wärmstens empfohlene Romandebüt der gebürtigen Moskowiterin Olga Grushin, in dem ein russischer Künstler seine Ideale an das System verrät und damit im Tauwetter von Glasnost baden geht. Und Biografien: Über Ronald Reagan (Leseprobe "Triumph der Vorstellungskraft"), über den elisabethanischen Dichter und Dramatiker Christopher Marlowe sowie über den 1989 verstorbenen Independent-Regisseur John Cassavetes (Filmografie lesen).

Das Magazin hat die Grippe im Gepäck. Furchterregend, was Jamie Shreeve da untersucht. Sein Artikel führt uns in die Hochsicherheitslabore der Epidemiologen und lässt uns zweierlei hoffen: Erstens, dass Wissenschaftler bald in der Lage sein werden, die Zusammenhänge von Pandemien besser zu verstehen, um Seuchen wie die Vogelgrippe im Zaum zu halten. Und zweitens, dass diese Leute auf der guten Seite sind, ein ruhiges Händchen haben und sich, wie der Autor das tut, immer wieder fragen, "ob, was wir lernen können, auch das Risiko rechtfertigt, das diese Experimente bergen", wenn sie mit Killern wie dem Grippevirus von 1918 hantieren. Sicher nämlich ist nur soviel: "Die nächste Pandemie kommt bestimmt - wenn nicht durch den H5N1-Virus, dann womöglich von einem anderen, noch nicht bekannten."

Daniel Bergner fragt, ob es amerikanische Christen, die in Kenia versuchen, Angehörige vom Stamm der Samburu zu missionieren, nicht vielleicht zu gut meinen. "Vorgesehen sind Gottesdienste unter Akazien ... und Bibelkurse als eine Form des Geschichtenerzählens, das der mündlichen Tradition der Samburu entspricht." Einen Begriff von Sünde und von der Abgetrenntheit von Gott wollen die Missionare den Samburu vermitteln. Die aber haben ihren eigenen Gott, Ngai, dem sie der Überlieferung nach einst durch eine lederne Leiter verbunden waren. "Ein zorniger Samburu zerschnitt diese Leiter, und seitdem ist der Stamm getrennt von seinem Gott."

Weitere Artikel: Alex Witchel besucht den Broadway-Kostümdesigner und vierfachen Tony Awards Gewinner William Ivey Long, der selbst seit dreißig Jahren immer das gleiche anhat: "Marineblauen Blazer, weißes Hemd, gestreifte Krawatte, Khakis, schwarze Schnürschuh." Eine Uniform. Aus gutem Gund: "Wenn ich etwas trüge, worüber die Leuten reden könnten, das würde bloß ablenken. Mein Blick gilt den Leuten." In einem Interview schließlich gibt der Schwarm aller Schwiegermütter, James Blunt, wertvolle Tipps für Musikmuffel: "Wenn dich mein Album langweilt, kannst du prima Frisbee damit spielen."

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - New York Times

Im Magazin finden sich zwei feine Artikel zum Thema Verhaltenspsychologie: In einem ellenlangen, aber hübsch kurzweilig verfassten Beitrag macht Charles Siebert Bekanntschaft mit echten Tierpersönlichkeiten. Wo immer alle auf die evolutionären Tricks der Tiere schauen, um davon zu lernen, besucht er Verhaltensforscher, die sich mehr für die Deppen der Wildnis interessieren. Für die amerikanische Fischerspinne etwa: Extrem gut beim Jagen, extrem kurzsichtig in puncto Fortpflanzung, jagt und frisst sie doch auch ihre potentiellen Brutpartner. Das geht natürlich nicht. Sex und Dinner, meint auch unser Autor, das sollte man schon auseinander halten können. Als Spinne. Als Persönlichkeit sowieso.

Und Charles McGrath erklärt die Wonnen und Gefahren der Kurznachricht (SMS): Sie ist billig (zumindest in Südostasien) und ein so simples wie effektives Lebenszeichen - einerseits. Andererseits jedoch ist sie depressionsfördernd (weil sie augenfällig macht, dass wir einander nicht allzu viel zu sagen haben) und birgt, in China etwa, durchaus Risiken im Handling. Auf Mandarin nämlich klingen manche Wörter wie Zahlennamen: Für "Ich liebe dich" tippt man 520, für "Geh hin, wo der Pfeffer wächst" die 748. Nur nicht vertippen.

Schlicht begeistert zeigt sich Rezensent David Kamp in der Book Review von einem Buch der L.-A.-Times-Kolumnistin Norah Vincent. Ein gut gedachtes wie gemachtes und sogar unterhaltsames Stück investigativer Journalismus sei das, schreibt er. Eine Portion Mut, kann man sagen, gehört wohl auch dazu, um sich, wie die Autorin, in Männerkleider zu schmeißen, und mit straffem Sport-BH und Stoppelpaste im Gesicht, als Mann unter Männern, zum Bowlen oder ins Striplokal zu schieben. Warum nur tut man sich das an? Um ein bisschen investigativ zu sein, klar. Aber die Autorin ist auch mächtig froh, einmal nicht von allen Seiten begafft zu werden ("Respekt durch Nicht-Beachtung" nennt sie das), und dankbar für einen neuen Blick auf die Dinge: Oder hätten Sie gedacht, dass Männer richtig freundlich zueinander sein können, verbindlich, mit ordentlichem Handschlag und so und Lichtjahre entfernt von den "unterkühlten Luftküssen, die Frauen untereinander austauschen"?

Ferner: Christopher Hitchens liest eine "elegante" Neuübersetzung von Gustave Flauberts "Bouvard and Pecuchet" - jene beiden armen Teufel, die Flaubert gegen Rousseaus "große Geste", das menschliche Los zu verbessern, ins Feld schickt. Hillary Frey stellt fingerlicking "mystery and suspense stories" von Joyce Carol Oates vor. Joshua Clover empfiehlt mit Pound sämtliche Gedichte von Charles Reznikoff ("thematisch, kann man sagen, ist das jüdisch, amerikanisch, urban"). Und Judith Shulevitz heizt die Evolutionsdebatte weiter an: Wenn der Darwinismus wirklich so ein Argument ist, warum trollen sich die Kreationisten dann nicht?

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - New York Times

Julian Barnes ist nicht so leicht zu charakterisieren wie seine Landsmänner, also Martin Amis, Ian McEwan, Salman Rushdie oder Kazuo Ishiguro, konstatiert Terrence Rafferty. Barnes' neues Buch "Arthur and George" handelt von der Begegnung von Arthur Conan Doyle und George Edalji. Edalji, Sohn eines Persers und einer Engländerin, war fälschlicherweise wegen Verstümmelung von Pferden verurteilt worden war. Conan Doyle sorgte dafür, dass er rehabilitiert wurde - eine Art britische Dreyfus-Affäre (mehr hier). Auch diese Geschichte von Barnes ist beschreibungsresistent, aber Rafferty gibt sich Mühe: "Mit großer Geste hat Julian Barnes einen urenglischen Roman geschrieben über jene existenziellen Fragen, die der Engländer üblicherweise den Franzosen überlässt. 'Arthur and George' verbirgt seine Gedanken über das Ungewisse geschickt, er versteckt sie diskret hinter den Vorhängen, während Szenen von Dickenscher Kraft und Farbkraft in kaminfeuerbeleuchteten Räumen spielen."

Weiteres: Auch wenn sich Elias Khoury in "Das Tor zur Sonne" der palästinensischen Flüchtlinge annimmt, ist es keine der üblichen Geschichten von Verzweiflung und Anklage, versichert Lorraine Adams, dieses "wahre Meisterwerk" bleibe der komplizierten Wirklichkeit verbunden. Michael Beschloss ist überzeugt, dass John Lewis Gaddis mit seiner Geschichte des Kalten Krieges "The Cold War" nicht nur ein Standardwerk abgeliefert, sondern auch "wahre Geschichte" geschrieben hat.

Bis zu eine Million junge Japaner sind Hikikomori, teilt Maggie Jones im New York Times Magazine mit. Sie sperren sich in ihrem Zimmer ein und kommen einfach nicht wieder heraus. "Nachdem er in der Schule jahrelang gehänselt wurde und keine Freunde fand, zog sich Y.S. im Alter von 14 Jahren in sein Zimmer zurück und guckte Fernsehen, surfte im Internet und baute Modellautos - 13 Jahre lang. Als er im April vergangenen Jahres endlich sein Zimmer verließ, hatte er sein halbes Leben eingeschlossen verbracht."

David Rieff erinnert daran, dass auch die Demokraten die Demokratisierung der Welt vorantreiben wollen, notfalls mit Gewalt. Die Homosexuellen sind gleichberechtigt, aber deshalb sind noch lange nicht alle Homosexuellen gleich, schreibt der Jurist Kenji Yoshino und plädiert für die nächste Stufe der Emanzipation, das Aufgehen in der Gesamtgesellschaft. Jon Gertner empfiehlt die Kampagne für einen Grundlohn als Wahlkampfthema für die Demokraten, um in der Wertefrage wieder Lufthoheit zu erlangen.

Magazinrundschau vom 10.01.2006 - New York Times

Für das New York Times Magazine begibt sich Arthur Lubow nach Leipzig, um "the hottest thing on earth" zu studieren: die Maler der Leipziger Schule. Lubow trifft auch Gerd Harry Lybke, den Galeristen von Neo Rauch, der eigentlich Kosmonaut werden wollte und mit Kunst nur als Nacktmodell der Leipziger Akademie in Berührung kam. "Lybkes Karriere als Kunsthändler begann 1983, als er in seiner WG die einzige private Galerie in Leipzig eröffnete. 'Eigen + Art' war ein Spaß, kein Geschäft (jetzt schon). 'Ich habe die Galerie nackt eröffnet', erzählt Lybke. 'Ich hatte echte Dreadlocks, weil ich meine Haare nicht wusch, und drei Vogeleier im Haar. Nach dieser Eröffnung hatte ich mit einigen gutaussehenden Mädchen zu tun, und ich fragte mich 'Warum nicht noch einmal?'"

Weiteres: Jonathan Mahler erzählt die Geschichte von Salim Hamdan, der zu einem Erfolg oder Desaster des Anti-Terror-Feldzugs werden könnte, je nachdem, ob er Terrorist oder doch nur Osama bin Ladens Chauffeur ist. Noah Feldmann fordert den Kongress dazu auf, den Präsidenten zu kontrollieren.

Literatur, die das Internet schreibt: Die Sache mit Ana Marie Cox' erstem Roman "Dog Days" ist zwar zunächst verwirrend, aber sehr lohnend, verspricht Christopher Buckley in der Book Review. Ana Marie Cox (Kurzporträt) betreibt den politischen Klatschblog Wonkette ('Politik für Leute mit schmutzigen Gedanken'). Ihr größter Erfolg war 2004 die Identifizierung von Jessica Cutler, die ihre sexuellen Eskapaden in der politischen Welt Washingtons ebenfalls in einem Internet-Tagebuch (hier eine Replika) veröffentlicht hatte. In dem "flotten, schlauen, schmutzigen, informierten und sehr gut geschriebenen Roman wiederum lenkt nun die 28-jährige Protagonistin Melanie Thorton, Mitarbeiterin bei der Kampagne für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten, das Medieninteresse von den politischen Problemen ihres Kandiaten - und ihrem eigenen Liebeskummer - ab, indem sie einen fiktiven Blog entwirft, der angeblich von einer lokalen Freidenkerin geschrieben wird, die sich selbst Capitolette nennt. (Ja, das reimt sich auf Toilette.)" Es gibt sogar schon wieder eine Trittbrettfahrerin, die offensichtlich einen echten Blog unter dem Pseudonym aus dem Roman veröffentlichen wollte.

Liesl Schillinger möchte die boshaftesten Stellen in den drei (!) Bänden der gesammelten Rezensionen des New-York-Magazine-Kritikers John Simon am liebsten rot anstreichen, nur des grausamen Vergnügens wegen. Über Liza Minelli etwa lästerte Simon: "Ihre Nase ist immer auf halbem Weg, ein Rüssel zu werden, ihre Blubberlippen können der Gravitation nichts entgegensetzen und ihr Kinn versucht immer sein Äußerstes, sich in den Hals zurückzuziehen".

Weitere Besprechungen: Die Anthologie "Journalistas" mit Texten von Journalistinnen aus den vergangenen 100 Jahren hat den zunächst skeptischen Jill Abramson vollauf überzeugt, der die Stücke "wunderbar" und die Auswahl "hervorragend" findet. Tommie Shelbys "glänzende" Gedanken zur Identität und den Problemen der Schwarzen in den USA "we who are dark" übertreffen alles bisher dagewesene, schwärmt der Harvard-Soziologe Orlando Patterson. Mit gemischten Gefühlen dagegen begegnet Walter Kirn dem neuesten Streich von Paul Auster, "The Brooklyn Follies".

Rachel Donadio salutiert M. H. Abrams, der 1962 die ehrwürdige "Norton Anthology of English Literature" (mehr), den bekanntesten Kanon englischsprachiger Literatur, gegründet hat und nun die Geschäfte abgibt. Dazu gibt es zum Vergleichen die Inhaltsverzeichnisse der ersten (Teil 1 und 2) und der jüngsten Version (Teil 1 und 2) .

Magazinrundschau vom 03.01.2006 - New York Times

Einen zweiten Einstein wird es aus zwei Gründen nicht geben, vermutet John Horgan. Zum einen gibt es heute so viele brillante Physiker, dass einzelne nicht herausstechen. Zum anderen entfernt sich die Physik zunehmend vom Alltag. "Bei den Bestsellern 'Eine kurze Geschichte der Zeit' von Stephen Hawking und 'Das elegante Universum' von Brian Greene fällt es besonders auf, dass die Physik zunehmend esoterisch, wenn nicht gar eskapistisch geworden ist. Viele der besten und schlauesten Physiker sind damit beschäftigt, eine Aufgabe zu vollenden, mit der sich Einstein in seinen letzten Jahren herumgeschlagen hat. Es geht darum, eine 'vereinte Theorie' zu finden, die Quantenphysik und allgemeine Relativitätstheorie verknüpft, die strukturell und mathematisch aber so inkompatibel sind wie Karo- und Punktmuster."

Besprochen werden heute in erster Linie Literaten-Biografien. Reiner Stach hätte in seiner Schilderung der "Decisive Years" (erstes Kapitel) von Franz Kafka - zwischen 1910 und 1915 - ruhig mehr interpretieren können, meint Marco Roth. James Campbell kommen Jerome Charyns mit "Savage Shorthand" (erstes Kapitel) betitelten, mitunter unterhaltsamen, aber ungeordneten Meditationen über Isaac Babel wie eine Vorab-Materialsammlung für eine größere Darstellung vor. James Fenton lobt die von 971 auf 548 Seiten gekürzte Fassung von Juliet Barkers Porträt des englischen Dichters William "Wordsworth" (erstes Kapitel) zwar als lesbarer, vermisst aber die Anmerkungen und die Bibliografie. Daran, wie Darlene Harbour Unrue das innere Leben der amerikanischen Autorin "Katherine Anne Porter" beschreibt (erstes Kapitel), hat Paul Gray nichts auszusetzen. Für einen tieferen Blick empfiehlt er aber doch Porters eigene Kurzprosa.

Unter dem schönen Titel "Bitter Orange" stellt Audrey Slivka im New York Times Magazine die ehemalige ukrainische Premierministerin Julia Timoschenko vor, die gerade die Opposition gegen die von ihr vor einem Jahr mitgegründete Regierung anleitet. "Timoschenko ist eine zwingende Mischung aus rücksichtsloser Berechnung, eisernem Willen und aufrichtigen Gefühlen. Nachdem sie die Jahrestags-Demonstration der Orangenen Revolution im November gekapert hatte, weinte sie auf der Bühne, als Juschtschenko ihre Arbeit als Premierministerin kritisierte. Imn Frühjahr 2004 beobachtete ich Timoschenko, als sie die Opposition zu einem Erdrutschsieg über das Kutschma-Regime führte. Nach einem Tag brutaler Politik ging sie in die Lobby des Parlaments und weinte, von ihren Gefühlen übermannt, in den Armen einer ihr unbekannten Journalistin. Aber nur für eine Sekunde. Einen Moment später, als die Reporter auf sie aufmerksam wurden, hatte sie sich wieder unter Kontrolle und ließ wiederum meine Kollegin den Tränen nahe zurück."

Weiteres: Der amerikanische Philosoph Kwame Anthony Appiah plädiert in einem Vorabdruck aus seinem neuen Essayband für ein neues Kosmopolitentum. Ein südafrikanischer Tierpräparator versucht die ausgestorbenen Quaggas wieder zu züchten, berichtet D. T. Max mit einiger Sympathie für den hartnäckigen Schöpfer. Und Daphne Merkin beschwert sich mit irritierender Freude am Detail darüber, dass der Schönheitswahn nicht mal mehr vor der Vagina halt macht.

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - New York Times

Der Schriftsteller John Updike hat ein Faible für Kunst. Seine gesammelten Essays über amerikanische Kunst "Still Looking" kann Geoff Dyer mit wenigen Beanstandungen empfehlen. Denn die geografische Beschränkung gereiche dem geistigen Omnivoren Updike im Vergleich zu der ausufernden Essaysammlung "Just Looking" sichtlich zum Vorteil. "Im Endeffekt ist der Band ein hochselektiver Überblick über die amerikanische Kunstgeschichte. Updike weiß eine Menge über Kunst - Updike weiß über vieles eine Menge - was aber am deutlichsten klar wird, ist sein Drang, Neues zu lernen. Seine Berichte von Ausstellungen zu lesen ist so, als würde man in ihnen herumschlendern - nicht mit einem eifrigen Führer, sondern eher mit einem ebenso umgänglichen wie scharfsichtigen und gelehrten Gefährten."

Die letzten Bücher des Comic-Autors Harvey Pekar waren eher mau, meint Dave Itzkoff. Umso begeisterter ist er von Pekars neuem - und bestem Buch - "The Quitter". Der Held ist "ein agressiver, potenziell explosiver Jugendlicher, der sich für seine Eltern, jüdische Immigranten aus Polen, schämt. Sie können sich nicht in das das amerikanische Leben integrieren, und auch der Junge ist unfähig, in den ethnisch gemischten Straßen von Cleveland Freunde zu finden. Als er entdeckt, dass er ein Talent für den Straßenkampf hat, findet Harvey ein geradezu sadistisches Vergnügen daran, seine Fähigkeiten bei der leisesten Provokation zu beweisen" Der entscheidende Unterschied zu anderen Superhelden-Geschichten ist, "dass die Ereignisse den Helden nicht stärker machen, sondern ihn schwächen, weil sie ihm zeigen, wie unzulänglich seine Kräfte eigentlich sind."

Robin Toner stellt zwei neue Bücher über Hillary Clinton vor: "Condi vs. Hillary", in dem Dick und Eileen Morris die Republikaner beschwören, Condoleezza Rice als nächsten Präsidentschaftskandidaten aufzustellen, weil nur sie Hillary stoppen könne, und "The Case for Hillary Clinton" von Susan Estrich, die die Demokraten beschwört, Hillarys Kandidatur nicht zugunsten eines angeblich "sicheren weißen Mannes" auf Eis zu legen. "Estrich nach Dick Morris zu lesen, verursacht eine Art ideologisches Schleudertrauma", erklärt der Rezensent.

Die letzte Ausgabe des New York Times Magazine besteht jedes Jahr traditionellerweise aus Nachrufen. Etwa auf die Origami-Legende Akira Yoshizawa. "Er hatte die (für Origami) revolutionäre Idee, zwei verschiedenfarbige Blätter 'washi' , das handgemachte japanische Papier, zu verleimen und das Papier anzufeuchten, um gegossene, ausdruckstarke Formen herzustellen, wie das Gesicht eines Gorillas, weil das Papier nach dem Trocknen seine Form behält."

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - New York Times

Eine neue Generation von Exil-Tibetanern will nicht mehr nur friedlich gegen die chinesischen Besatzer protestieren, berichtet der Autor Pankaj Mishra in der Titelreportage des New York Times Magazine. "Viele junge Tibetaner sprechen voller Bewunderung von den Khampa-Kriegern des östlichen Tibet, die 1950 gegen die chinesische Invasionsarmee kämpften und 1959 den blutigen Aufstand gegen die chinesische Herrschaft initiierten, der den Dalai Lama schließlich dazu zwang, zwischen einer unterwürfigen Rolle in Tibet und dem Exil in Indien zu wählen. Ein Bericht über die Khampas, der 1987 von dem bekannten tibetanischen Romancier Jamyang Norbu veröffentlicht wurde, veranlasste viele junge Tibetaner, gewalttätigere Lösungen für ihr Problem in Betracht zu ziehen. Oder wie es Norbu, der in den USA lebt, einem Regisseur erzählte, der 1997 einen Dokumentarfilm für PBS produzierte: 'Manche Leute wollen nicht erleuchtet werden, zumindest nicht sofort.'"

Weitere Artikel: Jody Rosen porträtiert Chip Davis und seine Band Mannheim Steamroller, die sich auf Weihnachtslieder spezialisiert und damit immerhin 27 Millionen Alben verkauft haben. Matt Bai fordert eine Neuverteilung der sozialen Aufgaben von Staat und Unternehmen - ersterer soll die Gesundheitsversorgung übernehmen, letztere die Kinderbetreuung. Peter Maass erinnert an die Umweltschäden, die die Ölforderung vor allem außerhalb der USA verursacht. Jesse Green stellt die Eiskunstläuferin Emily Hughes vor, die eine Familientradition fortführt.

Die Book Review: Differenziert, zum Glück nicht hitler-fixiert und wahrheitsgetreu findet Brian Ladd die Geschichte des Dritten Reichs von Richard Evans, deren zweiter Teil "The Third Reich in Power 1933-1939" jetzt erschienen ist. Spannender sei aber immer noch William Shirers epischer Klassiker "Rise and Fall of the Third Reich". Die wirklich großen Erfindungen wurden nicht von berühmten Persönlichkeiten, sondern von unbekannten Arbeitern gemacht, behauptet Clifford Conner in seiner "People's History of Science". Das stimmt nur bis zum Beginn der Neuzeit, widerspricht Jonathan Weiner, den außerdem der penetrant klassenkämpferische Stil Connors Buchs stört. John Horgan hält Chris Mooneys Buch über die Gängelung der Wissenschaft durch die republikanische Regierung "The Republican War on Science" für eine einseitige, aber "grundsätzlich richtige" Schmährede.

Pamela Paul schreibt über die neue basisdemokratische Form der Rezension, die Bücherblogs. Hier eine Liste der meistgebloggten Bücher 2005.