Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

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Magazinrundschau vom 27.09.2005 - New York Times

In diesen wenig gloriosen Zeiten kommt Walter Kirn ein erfolgreicher amerikanischer General wohl ganz recht. Jedenfalls lobt er E. L. Doctorows Nacherzählung des letzten Feldzugs des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 "The March" (erstes Kapitel) in den Himmel. "Historische Romane müssen ohne die übliche Spannung auskommen, die uns durch die Ereignisse treibt. Statt dessen müssen sie uns einfangen, halten und tragen, so wie eine Schlange eine Maus verdaut, in rhythmischen Muskelstößen, die gleichzeitig schieben und ziehen. Nennen wir es peristaltisches Erzählen. E. L. Doctorows packender fiktionaler Report über den letzten Feldzug General William Tecumseh Sherman durch die Städte und die Dörfer der Südstaaten funktioniert genauso - ein Erzählstil, wie er passender nicht sein könnte, weil er die Art veranschaulicht, wie Shermans Eroberungsheer sich bewegte, wie ein höllischer Raubwurm oder eine fleischfressende Schnecke."

Das Entdecken von Fehlern ist bei Filmen schon zu einem beliebten Zuschauersport geworden. Aber auch jedes Buch ist voll davon, meint Nora Krug. Aus den weiteren Besprechungen: John Berendts erstes Buch ("Midnight in the Garden of Good and Evil") über die amerikanische Kleinstadt Savannah, stand mehr als vier Jahre auf der Sachbücher-Bestsellerliste der New York Times ". Und obwohl Berendt in "The City of Falling Angels" (erstes Kapitel) diesmal aus Venedig berichtet, wird er sich damit nicht annähernd so lange halten können, unkt Adam Goodheart. Recht freundlich bespricht Garrison Keillor Paul Hemphills Biografie "Lovesick Blues" über den Country-Musiker Hank Williams. Freundlich auch, dass es Williams-Klassiker wie den "Lovesick Blues", "Move It On Over", "Your Cheatin' Heart" und "Hey Good Lookin" in Auszügen als mp3 zu hören gibt. Ja, auch in den Schulen ist Amerika zwischen Arm und Reich und Schwarz und Weiß geteilt, gesteht Nathan Glazer zu nach der Lektüre von Jonathan Kozols "The Shame of the Nation". Kozols Begründungen kann er aber ebenso wenig folgen wie den Lösungsvorschlägen.

Mehr Demokratie bedeutet in der Türkei traditionellerweise mehr Islamismus, weiß Christopher Caldwell, den die bevorstehenden Beitrittsgespräche der EU mit der Türkei zu einem kompakten Ausblick im New York Times Magazine auf die politische Zukunft des Landes veranlassen. "Nationalismus ist jetzt die plausibelste Alternative zur A.K.P. (Tayyip Erdogans pro-islamischer Partei). Ein böses Erwachen für die alten Verbündeten der Türkei, die alle noch dem Glauben anhängen, dass eine kemalistisch 'loyale Opposition' den Enthusiasmus der A.K.P. 'dämpfen' wird oder dass das Land die Möglichkeit hätte, zu dem halbdemokratischen, westlich-orientierten Regime zurückzukehren, das der freien Welt so gut in den Kram passte. (...) Europa und die USA sind mit der offenen Frage konfrontiert, ob die Reform dieses Staates nach den Wünschen der Gesellschaft zu irgendetwas anderem führen kann als zu einer islamischen Republik."

Abgedruckt ist ein Auszug aus Joan Didions demnächst erscheinenden Buch "The Year of Magical Thinking" über den Tod ihres Mannes. Lynn Hirschberg porträtiert den Modedesigner Alber Elbaz, der das lange vor sich hin kränkelnde franzöische Haute-Couture-Haus Lanvin verjüngt und wiederbelebt hat. Michael Ignatieff identifiziert die gestörten Beziehungen zwischen Staat und Bürgern als schlimmste Folge von Katrina. Deborah Solomon unterhält sich mit Stephen Colbert, der seinen erfolgreichen "renommiert idiotischen" Nachrichtensprecher nun in einer eigenen Show geben wird (Vorschau). Auf den neu eingerichteten Funny Pages ist der zweite Teil von Elmore Leonards Erzählung "Comfort to the Enemy" zu lesen.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - New York Times

Ted Widmer, Leiter des C. V. Starr Center for the Study of the American Experience, macht sich in einem Brief aus Istanbul Sorgen über den Verkaufserfolg des türkischen Thrillers "Metal Firtina" (Metal Storm), in dem ein Krieg der USA gegen die Türkei im Jahr 2007 heraufbeschworen wird. Antiamerikanische Fantasien haben bei Amerikas wichtigem Verbündeten Hochkonjunktur. "Eine türkische Zeitung stellte kürzlich fest: 'Zu keinem Zeitpunkt der türkischen Geschichte gab es eine derartige Antipathie gegen die Vereinigten Staaten.' Der amerikanische Botschafter in der Türkei musste offenbar Wissenschaftler bemühen, die bewiesen, dass der Tsunami in Asien vergangenen Winter nicht von einer amerikanischen Nuklearexplosion verursacht wurde. (Die kulturellen Missverständnisse gehen auch in die andere Richtung; die Fernsehserie 'West Wing' porträtierte die Türkei vor kurzem als Land, in dem Frauen geköpft werden, weil sie Sex mit ihrem Verlobten hatten)."

Mit dem vor 25 Jahren geschriebenen und nun postum erschienenen, trashigen Roman "Fan-Tan" (erstes Kapitel) von Marlon Brando hat Joe Queenan offensichtlich einen Heidenspaß gehabt. "'Ein paar derbe Szenen ausgenommen - in einer entleert sich die Heldin auf der Brust des Helden, in einer anderen benutzt der Held gestohlene Perlen als Liebeshilfe beim Rendezvous mit seiner Geliebten - ist das die Art von Roman, den man locker einem Teenager zum Geburtstag schenken könnte. Mit einem Haufen verwegener, blutrünstiger Piraten, skrupelloser Kriegsherren, pikaresker Huren, unbestechlicher Sikh-Leibwächter und aphrodisierender Mineralien ist 'Fan-Tan' vor allem - eine herrliche Spinnerei."

Frank Rich ist ganz begeistert von Zadie Smith' neuem Roman. In "On Beauty" (Leseprobe) sieht er eines der wenigen komischen Bücher, die den Kulturkampf in den USA mildern können, weil beide Seiten schmunzeln müssen. Arthur Schlesinger jr. erinnert an den Theologen Reinhold Niebuhr (1892-1971), dessen ambivalentes Menschenbild in diesen wild religiösen Zeiten von Nutzen sein könnte. Niebuhr selbst erklärt es kurz: "Die Fähigkeit des Menschen zur Gerechtigkeit macht Demokratie möglich, seine Neigung zu Ungerechtigkeit hingegen macht Demokratie notwendig." Sarah Glazer offenbart, dass nach den Mangas, die eher von Jungs gelesen werden, jetzt auch die für das weibliche Publikum gedachten Shojos weggehen wie warme Semmeln.

Für das New York Times Magazine porträtiert James Traub die NGO Bono, auch als Sänger von U2 bekannt. "Er ist eine seltsame Erscheinung, dieser Rock Star mit dem Stoppelbart und den getönten Gläsern - ein neuer und bisher unerforschter Planet in einer sich gerade herausbildenden Galaxie aus transnationalen, multinationalen und subnationalen Organisationen. Er ist eine Art Ein-Mann-Staat der seine Haushaltskasse mit der globalen Währung des Ruhms füllt. Natürlich ist er auch eine Emanation des Starkults. Aber es ist Bonos Bereitschaft, seinen Ruhm einzusetzen, mit einer zielgerichteten Beständigkeit und einer Toleranz für Einzelheiten, die ihn zur politisch einflussreichsten Figur in der jüngeren Popgeschichte gemacht haben."

Weiteres: "Alle Teenager sind Dogmatiker, ein Teenager mit einer Bibel ist einfach nur ein konsequenterer Teenager." Mark Lilla besucht eine Massenpredigt von Billy Graham, und erinnert sich dabei an seine sieben Jugendjahre als Evangelikaler. Jonathan Dee widmet sich dem Regisseur David Cronenberg, der es einfach nicht schafft, sich dem Mainstream hinzugeben und richtig Geld zu verdienen. Und Deborah Solomon unterhält sich mit dem Begründer der afro-amerikanischen Geschichtsforschung John Hope Franklin über das Rassengefälle in den USA.

In der neu eingerichteten Sektion "Funny Pages" wird der erste Part der 14-teiligen Fortsetzungsgeschichte "Comfort to the Enemy" veröffentlicht, die Krimischriftsteller Elmore Leonard (Website) exklusiv für das Magazine verfasst hat. "Ein deutscher Kriegsgefangener des Lagers mit dem Namen Deep Fork hatte sich das Leben genommen, er hat sich in der vorvorherigen Nacht im Waschraum der Anlage erhängt." Dazu gibt es einen mp3-Podcast mit Leonard im Interview.

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - New York Times

Vier Jahre nach 9/11 zieht Mark Danner im New York Times Magazine Bilanz und muss erkennen, dass der Krieg gegen den Terror die Terroristen zwar verändert, aber auch gestärkt hat. "Die schiere Anzahl und Bandbreite der terroristischen Attacken drängt die Vermutung auf, dass al-Qaida zu einem al- Qaidaismus geworden ist - dass die einst relativ kleine, konspirative Organisation durch den amerikanischen und allierten Angriff zu einer weltweiten politischen Bewegung mutiert ist, mit Tausenden von Anhängern, die ihre Methoden annehmen und ihre Ziele verfolgen. Nennen wir es eine virale al-Qaida, die von hochmotivierten Anhängern der nächsten Generation getragen wird, die sich aus dem virtuellen Trainingscamp des Internet das geeignete Handwerkszeug für den Terror herunterladen... 'Wir haben eine Quecksilberkugel genommen', sagt der Aufstandsexperte John Arquilla, 'und dann mit einem Hammer draufgeschlagen'."

Weiteres: James Traub traut auch einer reformierten UN wenig zu und stellt seine eigene Variante einer multinationalen Organisation vor. Eine "Friedens- und Sicherheitsgemeinschaft" nach Vorbild der NATO, in der sich nur Staaten versammeln, die gewisse Kernprinzipien akzeptieren. Mary Anne Weaver diskutiert die Frage, warum Osama bin Laden weder 2001 in Tora Bora noch in den Jahren danach in Pakistan geschnappt worden ist. A. O. Scott setzt große Hoffnungen auf die zwei neuen Literatur- und Debattenmagazine The Believer und n+1. Deborah Solomon unterhält sich mit dem Schriftstelller Andrei Codrescu, der erst aus Rumänien und nun aus New Orleans fliehen musste.

Auch die Book Review steht im Schatten des Terrors, wenn auch der literarischen Version. Benjamin Kunkel erstellt ein weites Panorama der einschlägigen aktuellen Werke und diskutiert dann die Frage, ob dieses Genre nun am Ende ist, nachdem die Realität die Fiktion überholt hat. Zumindest erfüllt der Terror als Sujet eine wichtige literarische Funktion. "In dem fantastischen Alptraum eines Terror-Romans war der Terrorist jener Setzer öffentlicher Zeichen, der der Romancier gerne sein würde, aber naturgemäß daran scheitert."

Tom Reiss erinnert an Joseph Conrad, der 1911 mit "Under Western Eyes" den wahren Klassiker der Terror-Literatur vorgelegt hat (hier die Besprechung von damals als pdf). Leider kennt ihn kaum jemand. "Das Problem ist vielleicht, dass es nicht um chemische Sprengsätze sondern um die explosiven Bestandteile der Seele geht." Besprochen werden außerdem T. C. Boyles Erzählband "Tooth and Claw", Pamela Pauls Untersuchung zur Pornografisierung unserer Gesellschaft, und zwei Bücher über Bars und Kneipen, die sich diesem archaischen Ort der Gemeinschaft einmal journalistisch nüchtern (erstes Kapitel) und einmal persönlich erinnerungstrunken (erstes Kapitel) annähern.

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - New York Times

E-Mails und Computer sind die neuen Feinde von Biografen und Literaturwissenschaftlern, meint Rachel Donadio. Literarische Briefwechsel und Werkfassungen verschwinden im virtuellen Orkus, und Verlage wie Autoren sind sich meist nicht bewusst, was jeden Tag verlorengeht. Zadie Smith (Bücher) etwa hat 12.000 E-Mails auf ihrem Yahoo-Account gesammelt, weiß aber nicht, wie sie diese dauerhaft konservieren soll. Was bleibt, ist Fatalismus. "Ich denke es wird den Weg gehen, den alles geht, was ich auf dem Computer schreibe - in die Vergessenheit. Ich habe keine einzige Zwischenfassung irgendeines Romans oder einer Geschichte gespeichert. Ich überschrieb die Originale einfach immer wieder, bis ich die endgültige Fassung hatte. Es gibt einzig und allein die Bücher."

Sieben Jahre nach dem ersten Teil hat Hilary Spurling nun den zweiten und abschließenden Band ihrer Monumentalbiografie von "Matisse the Master" (erstes Kapitel) vorgelegt, der sich den Jahren 1909 bis 1954 im Leben des französischen Malers (Bilder) widmet. Richard Howard zittert vor Ehrfurcht. "Ich bin mir sicher, nach diesen feinen Ausführungen über die Versuchungen, Fehler und Triumphe von Matisse kann kein künstlerisches Unternehmen und sicherlich kein zeichnerisches Vorhaben im 20. Jahrhundert untersucht werden, ohne sich darauf zu berufen, was er schon geleistet hat."

Weitere Besprechungen: Uneingeschränktes Lob erfährt Howard Sachars "History of the Jews in the Modern World" (erstes Kapitel). Auf 831 Seiten, notiert Steven Zipperstein, "wird überzeugend gezeigt, wie dieses kleine Volk einen unheimlich großen Einfluss ausgeübt hat, wobei dieser Einfluss aber wiederum oft ein Nebenprodukt der weit übertriebenen Beschäftigung mit den Juden und dem Judentum war". Rich Lowry ist nach Steven Watts' Porträt "The People's Tycoon" (erstes Kapitel) überzeugt: Henry Ford war nicht nur Automobilpionier, sondern mit seinem Gespür für die Bedeutung von Mobilität, Konsum, Freizeit und Imagebewusstsein auch ein kultureller Wegbereiter 20. Jahrhunderts. Colm Toibin vermisst in Lewis Dabneys sorgfältiger Biografie des amerikanischen Kritikerpapstes "Edmund Wilson" (hier alle Artikel aus der NYT zu Wilson) nur die Erklärung, wie Wilson zu seinem Stil gekommen ist. In einem Werk dieser Länge sei das allerdings "ein wenig frustrierend". Und Jim Sleeper macht Republikaner wie David Horowitz (der eine Academic Bill of Rights veröffentlicht hat) darauf aufmerksam, dass Allan Bloom und seine Streitschrift für eine liberalere Universität "The Closing of the American Mind" nicht so konservativ sind wie sie vermuten.


Lynn Hirschberg porträtiert für das New York Times Magazine Leslie Moonves, der CBS zum führenden Sender der USA gemacht hat. Trotz der fortdauernden Fragmentierung des Publikums feiert er ungerührt Erfolge mit Mainstream-Fernsehen. Sein Erfolgsgeheimnis scheinen simple Wahrheiten zu sein wie: "Amerikaner mögen das Dunkle nicht." Nun bastelt er daran, wie man die meist deprimierenden Nachrichten mit einem optimistischen Flair präsentieren könnte.

Daniel Smith verhandelt die Frage, ob die Bush-Regierung wissenschaftsfeindlich ist. David Berreby kommt angesichts schwindelnder Raben ins Grübeln, ob der Mensch seine Einzigartigkeit weiter bewahren kann. Deborah Solomon unterhält sich mit dem Pädagogen Jonathan Kozol über Apartheid in der Schule. David Rieff bezweifelt, ob sich die islamische Welt von westlich-demokratischen Idealen überzeugen lässt. Denn der Islam ist kein so leichter Gegner wie der der Kommunismus. John Hodgman stellt Antony als die diesjährige Entdeckung aus der der alternativen Musikszene vor.

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - New York Times

Jetzt, da die Zeiten der Lyrik vorbei scheinen, wird sie noch einmal in Ruhe durchanalysiert .David Orr hebt in den Briefen von Poeten unbekannte Schätze. "Dichter, die ausschließlich Gedichte schreiben, sind wie Musiker, die nur auf der Kuhglocke spielen: seltsam cool, meistens aber einfach seltsam. Normalerweise arbeiten Poeten an ihrer Lyrik im Verbund mit literarischen und quasi-literarischen Projekten, von Romanen (Hardy) über Dramen (Yeats) und Kunstkritiken (John Ashbery) bis hin zu Werbeslogans für Lay's Kartoffelchips (James Dickey)." Camille Paglia wohnt mit Hilfe von Michael Schmidts "The First Poets" (erstes Kapitel) der Geburt des Individuums in der griechischen Poesie bei.

Benjamin Kunkel könnte der Vorbote einer neuen hippen Ernsthaftigkeit sein, meint Jay McInerney ganz unironisch, nachdem er Kunkels Debütroman "Indecision" über die Wonnen der Verantwortung in der Vergnügungsgesellschaft verschlungen hat (erstes Kapitel). Helen Fisher bestaunt mit Desmond Morris in "The Naked Woman" die evolutionär herausragenden Designmerkmale des weiblichen Geschlechts. Außerdem werden zwei offenbar ganz passable Biografien präsentiert: Charles R. Cross' psychologisch fundiertes Porträt von Jimi Hendrix "Room Full of Mirrors" (dazu gibt es ein kleines Hendrix-Potpourri zum Anschauen und anhören) sowie Leslie Berlins Buch "The Man Behind the Microchip" über Robert Noyce, Mann der ersten Mikrochipstunde und Gründer von Intel.

In der Titelgeschichte des New York Times Magazine inszeniert Jeffrey Rosen den Fall "Roberts vs. Die Zukunft" und fragt sich, ob der von George Bush nominierte neue Verfassungsrichter John G. Roberts den zukünftigen Problemen des Landes gewachsen sein wird. Lauren Kessler beschreibt den Schmuggel mit den nicht unbedingt schönen, dafür aber sehr seltenen Cycadalen. Daphne Merkin ergründet, was Männer hinter Gittern so attraktiv für Frauen macht. Jim Lewis ist überrascht, wie gesittet Soldaten sich heutzutage vom Krieg erholen. Deborah Solomon erfährt vom zukünftigen saudi-arabischen Botschafter in den USA, Prinz Turki Al-Fasal immerhin, dass auch religiöse Männer Anzüge aus Paris tragen können.

Magazinrundschau vom 23.08.2005 - New York Times

Im New York Times Magazine versucht Boris Fishman herauszufinden, warum der britische Arzt Simon Cohen als orthodoxer Jude antisemitische Kunst sammelt und sie nächstes Jahr in London als Warnung ausstellen will. "Jüdische Sammler von antisemitischem Material finden, anders als die meisten anderen ernsthaften Sammler, ihr Thema abstoßend, aber genau wie alle anderen sammeln sie doch wie besessen. Die Nachfrage hat dazu beigetragen, einen Markt zu schaffen, auch wenn der meist im Untergrund stattfindet."

Weitere Artikel: Der Ölverbrauch steigt, die Fördermenge könnte aber bald aus geologischen Gründen stagnieren, wenn nicht sogar fallen, warnt Peter Maass in einer alarmierenden Titelgeschichte. Andrew Rice beobachtet den ehemaligen Starfußballer George Weah, der als Präsidentschaftskandidat für Liberia antritt und hofft, mit seiner Prominenz den seit Jahrzehnten immer wieder aufflackernden Bürgerkrieg beenden zu können. Obwohl sie sich kürzlich praktisch aufgelöst hat, ist die Unterstützerorganisation America Coming Together der Anfang vom Ende der herkömmlichen Parteien, prophezeit Matt Bai. Jack Hitt sieht das steigende Bedürfnis vieler Landsleute, sich einen Indianer im Stammbaum zuzulegen, als Verlangen nach mehr Bodenhaftung im so mobilen und flexiblen Amerika.

Die New York Times Book Review: Reichhaltig, aber ein wenig zu chaotisch findet Daphne Merkin Stephen G. Kellmans Biografie "Redemption" des Schriftstellers Henry Roth. Der Mann bleibt ein Geheimnis, da hilft auch die Enthüllung des inzestuösen Verhältnisses mit seiner Schwester nichts. Es gibt nicht mehr viele gute Porträtisten, meint Jeff MacGregor, weshalb er die Auswahl von neun "Character Studies", die der "grandiose" Reporter Mark Singer für den New Yorker über besessene Magier, Bauern oder Bauherren verfasst hat, auch sehr genossen hat. Die Präsidenten der Vereinigten Staaten haben ihre Macht in Sachen Krieg weit über das, was die Verfassung zulässt, ausgedehnt, da stimmt Emily Bazelon Peter Irons zu. Seinen Rat, in Sachen "War Powers" einfach auf die Gerichte zu vertrauen, hält sie aber für naiv. Dass in Robert Littells neuem Spionagethriller "Legends: A Novel of Dissimulation" weder Hochgeschwindigkeitsjagden noch artistischer Sex eine Rolle spielen, beweist Neil Gordon wieder einmal, dass Littell zu den Besten des Genres zählt. Und Christopher Hitchens stellt drei neue Bücher über Piraten in Amerika vor.

"Die Hölle sind die anderen Kunden", wütet Charles Taylor frei nach Sartre, der nicht in Ruhe bei Barnes and Nobles stöbern kann, ohne über am Boden sitzende Buchladenbewohner zu stolpern. Krimispezialistin Marilyn Stasio seufzt dagegen über ein neues Sub-Genre: Mystery-Chick-Lit. "Dünne Geschichtchen. Witzige Titel. Saftige Umschlagskunst. Na, wird hier ein Muster deutlich?" Vielleicht wird es das in dieser netten kleinen multimedialen Beigabe.

Magazinrundschau vom 16.08.2005 - New York Times

Amanda Hesser besucht Bruno Goussault, um für das New York Times Magazine zu erfahren, warum gute Restaurants ihre Gerichte jetzt einschweißen, bevor sie sie kochen. "Sous vide" heißt die Technik, bei der Vakuumdruck, niedrige Kochtemperaturen und Tiefkühlung nach wissenschaftlichen Vorgaben kombiniert werden. "Für Fleisch und Fisch gibt es ein Fenster zwischen 52 und 62 Grad Celsius. Unter 52 riskiert man Bakterien. Über 52 fangen die Proteine an, zu verfallen. Gossault steckte jeweils ein Stück Forelle in Thermalzirkulatoren, die auf 56 und 53 Grad eingestellt waren, um zu sehen, ob man die endgültige Innentemperatur auf 54 beziehungsweise 50 Grad anheben kann, ohne die Textur zu verändern, die in dem Stück erreicht wurde, das auf 47 Grad erhitzt wurde. Das Kochen in einem Thermalzirkulator sieht ein wenig so aus wie eine animierte Skulptur von Damien Hirst - abstrakte Tierteile schweben in einer vibrierenden Flüssigkeit."

Im Titel beschreibt Daniel Bergner die wachsende Rolle von privaten Sicherheitsfirmen, früher bekannt als Söldner, im Irakkrieg. Jeder siebte Soldat dort gehört nicht dem amerikanischen Militär an. David Rieff erinnert an das größte Problem Europas. "Die europäische Vision des Multikulturalismus, in ihrer gleichzeitigen Gutwilligkeit und Selbstbeweihräucherung, ist nicht länger aufrecht zu erhalten." Der ehemalige Sicherheitsberater Richard A. Clarke gibt Ratschläge, wie man Schläferzellen ausfindig machen kann.

Die New York Times Book Review: Breat Easton Ellis' (mehr) neuer Roman "Lunar Park" hat einen Helden mit Namen Bret Easton Ellis (und eine eigene Website). Der Autor verspricht die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über Drogen, Frauen und das leidige Prominentendasein, doch A.O. Scott sucht vergeblich. "Das Problem dieses Buches ist nicht, dass es eine schnelle, schlingernde Fahrt ins Nirgendwo ist. Natürlich ist es das, es ist ein Roman von Bret Easton Ellis. Das Problem ist, dass es nicht die Ehrlichkeit hat, zuzugeben, dass es mehr sein will, dass es nicht den Glauben aufbringt, dass den Lesern mehr zugemutet werden kann und dass es nicht den Mut hat, dieses mehr zu versuchen. Es ist das Porträt eines Narziss, der endgültig gelangweilt ist von sich selbst; dass dies auch ein Selbstporträt sein könnte, macht es nicht wahrer." Hier liest Ellis aus "Lunar Park" vor.

Barbara Ehrenreich wütet über das explodierende Genre der Ratgeber fürs Berufsleben. Sie wittert eine große Verschwörung der Vorstandsvorsitzenden. "Vielleicht sagen uns die Bücher, was diese Typen ihre Untertanen glauben lassen wollen. Oder - und das ist die wirklich beängstigende Möglichkeit - die CEOs glauben selbst an diese Prinzipien, und es sind die Wahnhaften, Unmoralischen und die Sprachbehinderten, die in der Welt am Drücker sind."

Weitere Besprechungen: Curtis Cates Biografie von Friedrich Nietzsche ist zwar erstklassig, versichert William T. Vollmann, aber auch ein wenig zu freundlich zu dem Alleszermalmer, der mit seiner Philosophie "grausam elitären Ideologien" eine Steilvorlage geliefert habe. Ganz begeistert zeigt sich Elizabeth Schmidt von Mohammed Naseehu Alis Debüt "The Prophet of Zongho Street", ein Erzählband (erstes Kapitel), dessen Geschichten zwischen Ghana und Lower Manahttan hin- und herpendeln.

Magazinrundschau vom 09.08.2005 - New York Times

Rachel Donadio besucht den "jähzornigen Propheten" und Schriftsteller V.S. Naipaul in seinem Haus im englischen Wiltshire. Der wird seiner Charakterisierung vollauf gerecht und schimpft über französische Kollegen wie den "nervtötenden" Proust oder den "empörenden" Stendhal mit ebensolcher Verve wie über das "philosophische Gekreische" der islamistischen Gotteskrieger. Er sagt auch, dass die Moderne und mit ihr die Fiktion am Ende sei. "'Wir haben uns verändert. Die Welt hat sich verändert. Die Welt ist größer geworden.' Was uns zu den Beschränkungen des Romans zurückbringt. Der Schriftsteller müsse das Wohnzimmer verlassen und in die aktive, geschäftige Welt hinaus reisen. Es ist eine tragische Vorstellung, die nur ein Romancier haben kann, dass die Welt nicht in einem Roman eingefangen werden kann." Dazu gibt es Auszüge mit der tabakweichen Stimme Naipauls zum Anhören.

In einem ausgesonderten Kommentar unterlegt Donadio Naipauls These vom Niedergang der literarischen Fiktion mit Beispielen aus der Magazinwelt. Atlantic Monthly etwa hat die seit Jahrzehnten etablierten Kurzgeschichten kürzlich aus dem Heft verbannt. "In den vergangenen Jahren haben wir bemerkt", sagt der scheidende Chefredakteur Cullen Murphy, "dass eine bestimmte Art des Berichtens - die lange und erzählende Reportage - enorm wertvoll geworden ist, um einer komplizierten und zersplitterten Welt Sinn zu verleihen."

Aus den Besprechungen: Beeindruckt zeigt sich Gail Levin von Donna M. Cassidys "mutiger" Biografie des Malers Marsden Hartley (Bilder), in der sie die Faszination Hartleys für die Ästhetik wie die Inhalte des Nationalsozialismus schildert. Immerhin ein Dutzend der 49 Kurzgeschichten von Robert Stern aus 50 Jahren, die jetzt alle im Band "Almonds to Zhoof" (erstes Kapitel) versammelt sind, hält Eric Weinberger für erinnerungswürdig: "Das ist keine geringe Leistung." Tony Hendra dagegen mundet Elin McCoys allzu gläubige und unkritische Biografie des amerikanischen Weinkritker-Papstes Robert Parker, "The Emperor of Wine" (erstes Kapitel), überthaupt nicht.

Im New York Times Magazine stellt Clive Thompson die neueste Variante des unabhängigen Filmemachens vor. In den wöchentlichen Folgen von Red vs. Blue sind die Computersoldaten aus dem Konsolen-Ballerspiel "Halo" die Hauptdarsteller. "Es das 'Rosenkranz und Güldenstern' Prinzip. 'Red vs. Blue' ist das, worüber die Spielfiguren reden, wenn wir nicht mit ihnen spielen. Wie sich herausstellt, sind sie ein Haufen Neurotiker, direkt aus 'Seinfeld'. Ein Rekrut verrät, dass er innerhalb seiner luftdichten Panzerung Kette raucht, ein Sergeant sagt einem Soldaten, dass seine Instruktionen für die Schlacht darin bestehen, wie eine Frau zu kreischen. Und als boshafter Kommentar zum endlosen Gemetzel des Spiels hat keiner der Soldaten die leiseste Ahnung, warum sie sich eigentlich bekämpfen."

Weiteres: Die kalifornische Firma Enologix hat eine Formel gefunden, mit der Winzer ihren Wein nach dem Geschmack einflussreicher Kritiker wie Robert Parker trimmen können, berichtet David Darlington. Im Titel diskutiert Robin Marantz Henig die Zukunft der Sterbehilfe. A.O. Scott kommentiert das Verschwimmen der Grenzen von Werbung und Unterhaltung, unter anderem sichtbar in den Charterfolgen kommerzieller Handy-Klingeltöne. In ihrer Freakonomics-Kolumne erklären Stephen J. Dubner and Steven D. Levitt die Entwicklung des Crack-Markts.

Magazinrundschau vom 02.08.2005 - New York Times

Konventionelle Medien wie Zeitungen und Fernsehsender stecken in der Klemme, konstatiert Richard A. Posner in einer umfangreichen Bestandsaufnahme. Die wachsende Konkurrenz zwingt dazu, sich politisch eindeutiger zu positionieren. Das wiederum führt zu einem stetigen Vertrauensverlust, weil die Zuschauer hinter der Berichterstattung nur mehr politische Motive vermuten. Und dann sind da noch die Blogs und die anderen neuen Medien, die es mit sich bringen, "dass die etablierten Medien ihre Geschichten schneller herausbringen müssen und für die Überprüfung weniger Zeit bleibt. Während die Blogosphäre also ein wunderbares System ist, um Fehler schnell zu korrigieren, ist es nicht klar, ob sie wirklich dazu beitragen, die Netto-Fehlerquote im Mediensystem zu verringern."

Weiteres: Was haben Herman Melvilles Bartleby (Originaltext und mehr von Melville) und Astrid Lindgrens (mehr) Pippi Langstrumpf gemeinsam? Beide waren Autisten, behauptet Polly Morrice und hat auch eine Erklärung, warum Autismus nach wie vor sehr angesagt ist im Literaturbetrieb: Die Krankheit bleibt ein Rätsel. Liesl Schillinger glaubt, dass Joanne K. Rowlings Erfolg mit Harry Potter darin gründet, dass ihre Fantasiewelten so viel mit der Wirklichkeit zu tun haben. Weshalb die Bücher auch immer düsterer werden.

Aus den Besprechungen: Joe Queenan tut Edward Kleins offenbar recht kritische Biografie von Hillary Clinton als "schmierig" ab. Und Joseph J. Ellis bewundert Harvey J. Kayes Porträt des Journalisten und Verfassungsvaters Thomas Paine, in dem Paine als linker und "klarsichtiger Radikaler" geschildert wird.

Lynn Hirschberg trifft für das New York Times Magazine die Independent-Ikone Jim Jarmusch, der für seinen neuem Film "Broken Flowers" Bill Murray engagiert hat. "Als Jarmusch über seine Vergangenheit sprach, tat er das oft in der abwägenden Manier eines Kulturanthropologen. Sein ganzes Leben hindurch hat er Einflüsse und Mentoren gesucht und kultiviert, und obwohl viele seiner Lehrer nun gestorben sind, scheinen sie in seinem Kopf herumzuschwirren wie weise, eigensinnige und deklamierende Geister."

Außerdem erwartet Noah Feldman von den Irakern keine perfekte Verfassung. Das haben nicht mal die Amerikaner geschafft. Carlene Bauer fragt sich, ob die vielen Mormonen-Komödien auch Ungläubige ansprechen. Richard Rubin erinnert an den berüchtigten Mord an dem vierzehnjährigen Schwarzen Emmett Till vor fünfzig Jahren. Die weißen Täter wurden von einer weißen Jury freigesprochen, um gleich darauf alles gegenüber einem Reporter zuzugeben. Im Titel beschäftigt sich Jonathan Mahler mit der Lateinamerikanisierung des Baseballs.

Magazinrundschau vom 26.07.2005 - New York Times

"Bob Woodwards Buch über Deep Throat ist die beste Kurzdiskussion über den Unterschied zwischen dem Reporter als Schnüffler und dem Reporter als Stenograf, die je veröffentlicht wurde." Mit einer Prise Sentimentalität beschreibt Christopher Hitchens in seiner begeisterten Besprechung von Woodwards "The Secret Man" (erstes Kapitel), wie er und all seine jungen Kollegen in der Kinovorführung von "All the President's Men" davon träumten, auch einmal einen so potenten Fink, einen "Friendly Insider with Necessary Knowledge" an der Hand zu haben, wie Mark Felt einer war. Bald wurde ihm aber auch klar, wie machtlos die Presse ist, wennn keiner etwas sagen will. "Die folgenden 25 Jahre in Washington überzeugten mich davon, dass es nie einen guten Skandal (hier die offiziellen Dokumente zu Watergate) geben kann, wenn es keine Verwerfungen im politischen Establishment gibt."

Weiteres: Walter Kirn dankt Cormac McCarthy übrschwenglich dafür, dass er es in "No Country for Old Men" gewagt hat, die ehernen Gesetze des Noir-Genres auszudehnen, und feiert ihn deshalb im Aufmacher. Gary Kamiyas Lesesessel wurde bei der Lektüre von William Queens Bericht seiner beiden Jahre als Undercovercop bei der Motorradgang "Mongols" zeitweise zur Harley-Davidson, wenn man seiner respektvollen Rezension von "Under and Alone" glauben darf. Und in ihrem Essay überraschen Naomi Wolf die bösen Kommentare zum Erfolg Hillary Clintons nicht sonderlich. "Wenn man sich ansieht, wie in der Geschichte auf Frauen reagiert wurde, die die Grenzen westlicher Gesellschaften gedehnt oder gebrochen haben, sieht man immer wieder die gleichen Argumente auftauchen, und zwar aus den gleichen Gründen."

Für das New York Times Magazine hat Charles Siebert ein ganz besonderes Altersheim im Dschungel von Lousiana besucht. Dort können, gesetzlich geregelt, Labor-Schimpansen ihr wohlverdientes und recht luxuriöses Gnadenbrot genießen. Mit Animateuren, Spielzeug, CD-Spielern und natürlich Fernsehen. "Jüngere Schimpansen bevorzugen Kinderfilme, Disney-Specials, 'Barney' und so was. Die Vorlieben der erwachsenen Schimpansen tendieren eher zu Melodramen und allem mit viel Action und Aggressivität. Seifenopern wie 'Passions' und 'General Hospital' sind große Hits, letztere wohl, weil Laborschimpansen so an Leute in weißen Mänteln gewöhnt sind. Die 'Jerry Springer Show' und N.F.L. Football-Übertragungen sind ebenfalls ziemlich populär, Golf, Baseball und das Programm des öffentlichen Rundfunks (Natursendungen natürlich ausgenommen) eher nicht."

Weiteres: Jeffrey Rosen beruhigt die Demokraten: Der mit der Ernennung von John Roberts wieder ein wenig konservativer gewordene Supreme Court ist gar nicht so einflussreich wie befürchtet. Robert Mackey wartet auf den Durchbruch von Minigolf als ernstzunehmender Sport. Und Zev Chafets stellt den orthodoxen Rabbi Yechiel Eckstein vor, der es kurioserweise geschafft hat, sich in seiner Mission für die jüdische Sache von republikanischen Christen unterstützen zu lassen.