Gestern wurde
Darja Dugina, die Tochter des rechtsextremen Philosophen
Alexander Dugin, durch eine Autobombe getötet. Der Anschlag galt wohl Dugin selbst, der nach einer Veranstaltung im letzten Moment in ein anderes Auto gestiegen war. Seine Tochter galt als seine rechte Hand und war selbst in der nationalistischen Szene aktiv,
berichten Dan Sabbagh und Luke Harding im
Guardian. Die Ukraine weist jede Beteiligung an dem Attentat zurück, dennoch werden jetzt
russische Repressionen befürchtet: Das ukrainische Militär des Landes habe gewarnt, "dass Russland fünf mit Marschflugkörpern bestückte
Kriegsschiffe und U-Boote ins Schwarze Meer entsandt habe und dass Moskau Luftabwehrsysteme in Weißrussland in Stellung gebracht habe. Große Versammlungen wurden in Kiew ab Montag für vier Tage verboten. In der Nacht zum Samstag hatte der ukrainische Präsident Selenski davor gewarnt, dass 'Russland in dieser Woche, in der das Land den
31. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert, versuchen könnte, etwas besonders Böses, etwas besonders Grausames zu tun'." Die
Guardian-Autoren berichten auch über Gerüchte, dass eine russische Untergrundgruppe, die "Nationale republikanische Armee", die Putin stürzen wolle, für das Attentat verantwortlich sei.
Hier der
taz-Bericht zum Mord.
In einer erstaunlichen Koinzidenz legt eine Reportergruppe im
Newlines Mag eine Recherche zur Organisation
Zargrad vor, die dem fundamentalistisch orthodoxen Oligarchen und Putin-Freund Konstantin Malofejew untersteht. Die Organisation betreibt auch den Sender
Zargrad TV, wo
Alexander Dugin 2015 zum Chefredakteur ernannt wurde. Zargrad, so schreiben die Autoren, spielte eine maßgebliche Rolle bei der Anbahnung von Kontakten zwischen dem Putin-Regime und
rechtsextremen Parteien in Westeuropa: "Zargrad und seine Offiziere in Moskau fungierten weiterhin als Ansprechpartner für rechtsextreme Parteien in Russland. Sie ergriffen geheime Maßnahmen, um Verbindungen zwischen europäischen Politikern und Dugin... zu verschleiern. In einigen Fällen suchten die rechtsextremen Parteien Rat bei ihren so genannten 'russischen Freunden', um
antirussische Vorschläge im Europäischen Parlament zu verhindern." Auch Darja Dugina wird in den Artikel einmal als Anlaufstelle für Kontakte erwähnt.
Russland spielte in vergangenen Kriegen meist einen
strategischen Vorteil aus, den es im aktuellen Krieg nicht mehr aufbieten kann,
lernt Peter Beaumont im
Observer im Gespräch mit dem Militärhistoriker
Lawrence Freedman. Anders als in früheren Kriegen kann es nicht mehr
eine übergroße Zahl von Soldaten verheizen: "Während sich russische Militäroperationen seit in den letzten hundert Jahren häufig auf den Einsatz einer überwältigenden Zahl von Soldaten stützen (oft ohne Rücksicht auf Verluste), scheint Russland in der Ukraine durch innenpolitische Erwägungen gehindert zu sein, eine
allgemeine Mobilisierung einzuleiten, was den Umfang der Streitkräfte, die es einsetzen kann, begrenzt hat."
Wie konnten die europäischen Politiker so
blind gegenüber Putin sein,
fragt sich im
Guardian der russische Autor
Michail Schischkin. Und warum sind sie immer noch blind gegenüber dem
ganzen russischen System, egal, wer regiert? "Wer Teil dieser Machtstruktur ist, scheut sich nicht,
den Westen anzugreifen. Denn vor wem sollten sie Angst haben? Wenn eine Rakete auf dem Gebiet eines Nato-Mitglieds landet, was dann? Weitere Treffen, Erklärungen, Erklärungen, Aufrufe zum Frieden? Es ist höchste Zeit, dass die freie Welt begreift, dass sie es nicht mit einem verrückten Diktator zu tun hat, sondern mit einem autonomen und
sich selbst regenerierenden aggressiven Machtsystem."
Das auf dem russischen Social-Media-Dienst
VK.com veröffentlichte Tagebuch des (mittlerweile aus dem Land geflohenen) russischen Fallschirmspringers
Pawel Filatjew sorgt gerade für einiges Aufsehen: Der Text ist eine große Kritik am
russischen Krieg in der Ukraine. Er berichtet von erheblichen Defiziten in der Armee, vom durch die Propaganda angestachelten Glücksrausch der ersten Kriegstage und der Ernüchterung, als sich nicht mehr verleugnen ließ, dass Russland sein Land und seine Armee in einen Krieg geschwindelt hat. "Die Erzählperspektive von unten erinnert an Tolstois berühmte Darstellung der Schlacht von Borodino in 'Krieg und Frieden', die als
unüberblickbares Chaos erscheint",
schreibt Ulrich M. Schmid in der
NZZ. Schließlich mündet der Text in eine scharfe Anklage: "Russland habe kein 'moralisches Recht' gehabt, die Ukraine anzugreifen. In der russischen Militärorganisation herrschten 'schreckliche Korruption und Chaos'. Im
Zerfall der Armee spiegle sich
die Dekadenz des Staates. Filatjew benennt offen die Sinnlosigkeit des Kriegs: 'Hat Russland nicht genug Territorium? Haben nicht alle, die in Russland leben wollen, schon russische Pässe erhalten und sind zu uns gezogen?' Filatjews Bericht gipfelt in einer
Schmährede gegen die 'Biomassen mit russischen Pässen', die der Schlächterei in der Ukraine gefühllos gegenüberstehen: 'Wo wart ihr, als wir ums Leben kämpften, verletzt wurden und Entbehrungen litten? Wo?! Ihr habt
um eure Behaglichkeit gebangt und wart nicht in der Lage, zum Verwaltungsgebäude zu gehen und 'Kein Krieg!' zu sagen.'"
"Immer wenn sich die Russen aus einem Ort zurückziehen mussten oder eine Massenevakuierung aus besetzten Gebieten stattfand, schwappte eine
Welle von Vergewaltigungen hoch",
erzählt in der
NZZ die ukrainische Kulturwissenschaftlerin
Kateryna Botanova. Und die russischen Soldaten haben eine Spezialität daraus gemacht, dies
öffentlich zu tun: "
Mütter sind gezwungen, mit anzusehen, wie ihre Töchter vergewaltigt werden, oft tagelang, oft von Gruppen von Soldaten.
Kleine Kinder werden genötigt, den Vergewaltigungen ihrer Mütter zuzuschauen ... selbst wenn der Körper es übersteht, werden Augen, Ohren, Geist und Seele vergewaltigt. Wie einem
Vater, der tagelang in einer Küche eingesperrt ist, während eine Gruppe russischer Soldaten seine Tochter und seine Frau vergewaltigt. Die Nachbarn hören die Geräusche durch die dünnen Wände. Die
Großmutter kocht für die Besatzer, die sich in ihrem Haus verschanzt haben, während sie ihre Enkelinnen vergewaltigen.
Männer werden in Präsenz ihrer Kollegen oder ihrer Familien vergewaltigt." Worauf es jetzt ankommt, so Botanova, "ist, die Vergewaltigungen nicht zur 'Normalität' zu erklären und diesen Krieg nicht einfach mit anderen Kriegen gleichzusetzen, sondern die Untaten der russischen Besetzer schonungslos als Verbrechen zu benennen und zu verfolgen. Es darf
keine Milde und kein Wegschauen geben."
taz-Autor Daniél Kretschmar wuchs in
Rostock-Lichtenhagen auf. Das Pogrom vor dreißig Jahren
prägt ihn bis heute: "Ein hohes Fest für organisierte Neonazis aus der gesamten Bundesrepublik, genauso wie lokale Gelegenheitsfaschisten, war das Pogrom eben auch eine beunruhigende
Aufführung der Staatsgewalt. Unter wohlwollendster Betrachtung war sie überfordert, wenn man sie nicht sogar der offenen Kumpanei beschuldigen muss. Im Nachgang dann war Lichtenhagen der willkommene aktuelle Hebel für die lange geplante faktische Abschaffung des
allgemeinen Asylrechts. Volkes Stimme hatte schließlich mit Nachdruck ihren Debattenbeitrag abgeliefert."