Die
Ukraine hat mit den neuen amerikanischen Waffen "gute Chancen, in diesem Herbst eine wichtige Schlacht zu gewinnen; aber sie ist noch weit davon entfernt, den Krieg zu gewinnen",
meint im
Guardian Timothy Garton Ash, der sich sorgt, dass im sich abzeichnenden langen Krieg den westlichen Unterstützern der
politische Wille eher ausgeht als den Russen die Waffen. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann wird
Feldmarschall Zeit auf der Seite der Ukraine sein. Putins Vorräte an seinen modernsten Waffen und am besten ausgebildeten Truppen sind bereits aufgebraucht. Wenn wir den Druck aufrechterhalten, wird er - so sagen uns Militärexperten - auf 40 Jahre alte Panzer und rohe Rekruten zurückgreifen. Die westlichen Sanktionen treffen die High-Tech-Bereiche seiner Wirtschaft, die für den Nachschub benötigt werden. Könnte er den Verlust qualifizierter Truppen durch eine allgemeine Mobilisierung kompensieren? Wird China ihm mit modernen Waffenlieferungen zu Hilfe kommen? Kann er eskalieren? Diese Fragen müssen natürlich gestellt werden, aber der Druck würde auf ihn zurückfallen. In Demokratien müssen die Staats- und Regierungschefs ein solches groß angelegtes, strategisches Engagement
vor den Wählern rechtfertigen und erklären, sonst werden sie es auf Dauer nicht unterstützen. Putin würde dann mit seiner Diagnose, dass
Demokratien schwach sind, Recht behalten. Estlands Kaja Kallas gibt ein Beispiel für eine solche Führung, aber ihr Volk weiß bereits genug über Russland. Im Moment sehe ich
keinen Führer einer großen westlichen Demokratie, der das Gleiche tut", kritisiert Ash auch mit Blick auf Deutschland, "außer vielleicht Mario Draghi - und der geht gerade."
"Putin will die Ukraine als kulturell selbstständiges Land mit seiner reichen Tradition wegwischen und
russifizieren. Ganz so wie früher die Zaren",
erklärt der
Schriftsteller und Übersetzer
Martin Pollack im Interview mit der
FR. "Gerade in Osteuropa waren
Autoren immer Träger der Identität. In Polen zeigt sich das ganz stark. Ohne die
polnische Literatur - natürlich spielt auch noch die Kirche eine große Rolle - wäre die polnische Identität viel schwächer ausgeprägt. Es war die Literatur, die über Jahre der Unterdrückung die Identität weitergetragen hat. Das ist auch in der Ukraine so. Wenn die Okkupation gelänge, würden die Russen ganz sicher als erstes die
ukrainische Intelligenz liquidieren. Nach altem stalinistischen Vorbild wäre sie die erste, die drankommt, da wird nicht lange gefackelt."
"Russland ist
Feind der Menschheit geworden", geworden, schreibt
Claus Leggewie in der
FAZ. Auch wenn natürlich nicht alle Russen den Krieg gegen die Ukraine unterstützten, die Mehrheit tut es wohl doch, so Leggewie, der das Bild der Russen in der Welt mit dem der
Deutschen nach 1945 vergleicht. "Für einen kühlen Vergleich oder gar Analogieschluss auf die russische Lage heute fehlen noch die Grundlagen. Pessimisten sehen die
dortigen politischen Eliten nicht als Opfer oder Geiseln Putins, sondern als seine Handlanger, die sich die aktuelle Radikalisierung des großrussischen Imperialismus zunutze machen. Darüber, wo die Armee und Geheimdienste stehen und die diversen Oligarchenklubs, wird so wild spekuliert wie seinerzeit bei 'Kreml-Astrologen'. Zusammen mit der noch kaum von den Sanktionen getroffenen Extraktionswirtschaft, den autoritären Traditionen einer 'orientalischen Despotie' sowie dem Einfluss der Orthodoxie bestünde da kaum eine Hoffnung auf eine
innere Demokratisierung. Welche Rolle kann da, wie im Falle Thomas Manns, die 'Diaspora' übernehmen?"
Den
russischen Umfragen, wonach eine überwältigende Mehrheit für den Krieg ist, kann man nicht trauen, meint
Leonid Wolkow, Mitstreiter des russischen Oppositionsführers Alexej Nawalnyj, im Interview mit der
FAS. Er ist optimistisch, dass viele Russen den Krieg ablehnen: "Diese Umfragen waren unprofessionell. Man kann die Leute doch nicht einfach fragen: 'Bist du für den Krieg oder nicht', wenn die wissen, dass die
falsche Antwort sie ins Gefängnis bringen kann. Bei einer Telefonumfrage wissen die Leute nicht, wer mit ihnen spricht. Wir, also Nawalnyjs Antikorruptionsstiftung, machen auch Umfragen. Früher wollten etwa 20 Prozent der Leute sprechen, heute nur noch sechs bis sieben Prozent. Man kann allerdings durch
indirekte Fragen die wirklichen Einstellungen sichtbar machen. Zum Beispiel fragen wir: Wenn der Staat
mehr Geld hätte, wie sollte das ausgegeben werden? Wir stellen diese Frage an Menschen, denen die Propaganda ständig sagt: Es gibt einen Dritten Weltkrieg, Russland kämpft gegen die NATO. Und trotzdem wollen weniger als sieben Prozent mehr Militärausgaben. Wichtiger sind ihnen Gesundheit, Bildung, Renten, Straßen."
In der
NZZ erklärt Marion Löhndorf am Beispiel des indischstämmigen Tory-Politikers
Rishi Sunak, der beste Chance hat, britischer Premier zu werden, warum auch Briten mit Migrationshintergrund wie Sunak eine ausgesprochen
restriktive Einwanderungspolitik befürworten. "Vor allem der
sichtbare Aufstieg in der Politik macht deutlich, dass die Berichte von Armut, Gewalt und Gegengewalt unter den Einwanderern inzwischen nur noch ein Teil der Geschichte sind.
Sajid Javid war der erste Brite asiatischer Herkunft in einem der vier führenden Ämter Großbritanniens. Der Sohn einer aus Pakistan stammenden Familie kam in Lancashire zur Welt. Javid war Innenminister der Tory-Regierung und anschließend Schatzkanzler.
Sadiq Khan, Londons Bürgermeister, wurde im Süden der Stadt in eine britisch-pakistanische Arbeiterfamilie geboren. Während seiner Tätigkeit als Anwalt begann er seine politische Karriere bei der Labour-Partei, die ihn bis an die Spitze der Londoner Stadtregierung führte. Auch die indischstämmige
Priti Patel, Innenministerin in Boris Johnsons Kabinett, wurde in London geboren. Die Inspiration zu ihrer politischen Karriere verdankt sie Margaret Thatcher. Beim Thema Immigration vertritt Patel eine harte Linie. Wer selber einen Migrationshintergrund hat, muss nicht zwangsläufig eine Politik der offenen Tür vertreten."