Heute ist
Unabhängigkeitstag der Ukraine. Der Krieg dauert seit
genau sechs Monaten.
Friedrich Schmidt
berichtet für das
FAZ.Net von der Trauerfeier für
Darja Dugina, auf der ihr Vater Alexander Dugin sagte, der "höchste Preis", den seine Tochter bezahlt habe, könne nur durch einen Endsieg gerechtfertigt werden. Der FSB tue unterdessen so, als sei sie das
eigentliche Ziel des Attentats gewesen, so Schmidt: "Jetzt wird sie von Putins Apparat zu einer
großrussischen Version der Jungfrau von Orléans stilisiert. Den Ton gab eine Erklärung Dugins vor, in der es am Montag hieß, seine Tochter habe ihr 'jungfräuliches Leben' auf dem 'Altar' des Sieges Russlands 'geopfert', was 'die Söhne unseres Vaterlandes zu Heldentaten inspirieren' solle. Putin verlieh Dugina postum einen Orden 'für Mut und Selbstaufopferung bei der Ausübung der Berufspflicht'
wie einer Soldatin."
Je länger der Krieg in der Ukraine andauert, desto weniger scheint ein
Verhandlungsfrieden möglich, meint ein ratloser Stefan Kornelius in der
SZ. "Die russische Führung hat ein furchteinflößendes Bild von 'Recht' und 'Humanität' entwickelt. Wie zur Illustration dröhnt nach dem Anschlagstod der Ideologentochter Darja Dugina dieses
Zerrbild einer Gesellschaftsordnung aus allen Kommunikationskanälen des russischen Staates.
Unwerte Menschen,
Auslöschung,
Ehrentod und der patriotische Opferaltar - das zur Philosophie stilisierte Weltbild nährt den Mythos eines Überlebenskampfes gegen eine feindselige Welt. Die endzeitliche Auseinandersetzung mit dem vermeintlich Bösen zwingt die russische Öffentlichkeit zum
ultimativen Opfergang, zur bedingungslosen Solidarisierung mit dem Drachentöter an der Spitze des Staates. ... Der ideologisch-propagandistische Überbau verbietet dem Präsidenten den kontrollierten Rückzug, es bleibt nur der Sieg oder die
eigene Zerstörung."
"Russland muss durch
militärische Misserfolge zu Gesprächen mit der Ukraine gezwungen werden",
meint der Soziologe
Herfried Münkler im Interview mit der
Berliner Zeitung. Deshalb würden Waffenlieferungen an die Ukraine einen Frieden eher fördern als Passivität. "Mit Waffenlieferungen aus dem Ausland beschleunigt man also einen Prozess, an dessen Ende
Verhandlungen stehen. In Deutschland gibt es offenbar keine Kultur des militärisch-strategischen Denkens, deswegen werden diese aus Expertensicht absurden Forderungen nicht als falsch erkannt. Der Weg an den Verhandlungstisch führt einzig über militärische Erfolge der Ukraine, die Russland die Aussicht auf den großen Sieg nehmen."
David Patrikarakos
setzt für
Unherd seine Berichterstattung (mehr
hier) über die besetzte Stadt
Cherson fort, wo ihm mehrere Quellen berichten, dass die Russen nun versuchen, die Ukrainer mit
kleinen Bestechungen für sich zu gewinnen, etwa in dem sie Renten an die Alten zahlen: "Dies gilt nun für alle Bereiche - vor allem für
die Bildung. Die Schulen werden im September wieder eröffnet, und im Moment wollen die meisten Ukrainer in Cherson nicht, dass ihre Kinder zurückkehren. Da Moskau russische Lehrer schickt, um sie nach einem vom Kreml genehmigten Lehrplan zu unterrichten, haben die Eltern ihre Kinder zu Hause behalten, um stattdessen
online mit dem ukrainischen Lehrplan zu lernen. Doch jetzt bieten die örtlichen Behörden finanzielle Unterstützung für Bücher und Uniformen an - alles, um sie durch die Schultür zu bekommen."
Die
taz bringt ein Dossier zu
sechs Monaten Krieg gegen die Ukraine. Dominic Johnson
resümiert das bisherige Geschehen: "Inzwischen tritt der Krieg schleichend in
eine dritte Phase ein, die die zweite ergänzt. An den Fronten bewegt sich seit Juli wenig: Die russische Großoffensive im Donbass ist erlahmt, die angekündigte ukrainische Gegenoffensive im Süden beschränkt sich auf Nadelstiche. Der Fokus liegt auf
gegenseitiger Destabilisierung, aus dem Stellungskrieg erwächst ein
beweglicher Psychokrieg mit dem Ziel der Verunsicherung. Die Ukraine, jetzt mit Artillerie größerer Reichweite, zerstört russische Militärinfrastruktur weit hinter den Frontlinien, sogar auf der Krim. Russland zerbombt ukrainische Städte - wenn man sie schon nicht einnehmen kann, dann
wenigstens plattmachen."
Die
taz-Autorin Anastasia Magasowa, die von der Krim stammt,
erzählt in dem Dossier, wie in ihr
der Hass wuchs, besonders wegen der ausbleibenden Reaktion der russischen Zivilgesellschaft: "Dieses bösartige Gefühl kann einen von innen zerstören, aber in einem Krieg gibt es
Kraft,
nicht aufzugeben. Es ist mir unangenehm das zuzugeben, aber dieses Gefühl wächst in mir - gegen meinen Willen. Dazu beigetragen hat der große Krieg Russlands gegen mein Land. Der brutale Angriff dringt so tief ein, dass er sogar ein
lange entwickeltes Weltbild verändern kann."
Die Behauptung, die meisten Russen würden den Krieg gegen die Ukraine unterstützen, ist
russische Propaganda, behauptet
Maria Aljochina von Pussy Riot im
Interview mit der
NZZ. "Viele Russen hassen das Regime. Aber nur wenige glauben daran, dass man etwas ändern kann. Und viele haben Angst. Unterdessen kann man schon für Anti-Kriegs-Statements in den sozialen Netzwerken zu bis zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt werden. Tatsächlich hat die Repression aber nicht erst mit dem Krieg begonnen. Wir von Pussy Riot waren vor zehn Jahren vielleicht eine Art Protestpioniere, aber viele Leute haben
Putin ebenfalls bekämpft und mussten ihr Engagement mit Haftstrafen bezahlen oder noch teurer." Der Westen müsse sich jedoch gegen Putin wehren: "Die ganze Erfahrung des politischen Protests in Russland zeigt: Es wird
nie besser, wenn man
Eingeständnisse macht dem Regime gegenüber. Putin versteht nur die Sprache der Gewalt. Und sonst nichts!"
Sergej Michailow
beschreibt die Haltung der russischen Bevölkerung in
Deskrussie eher als
passiv. Den Krieg verfolge von der heimischen Couch wie ein entferntes Ereignis. Die
hetzerischen Talkshows aber erfreuen sich großer Beleibtheit beim Publikum. "Offensichtlich geht das Putin-Regime gerade den Schritt von der Wahldiktatur zur nächsten, noch kaum erkennbaren Stufe. Diese Art der Staatsführung lässt - wie wir wissen - weder Raum für politische Freiheiten noch
für Politik überhaupt. Doch die Russen sind offenbar nicht besorgt über diese Entwicklung und haben
kaum Lust,
ihre Meinung zu irgendeinem Thema zu äußern. Abgesehen von einigen Monaten im Jahr 1917 und dem kurzen Zeitraum zwischen 1991 und 1993 kennt die russische Geschichte keinen nennenswerten demokratischen Aufbruch im öffentlichen Leben, was Begriffe wie Wahllegitimität oder Gewaltenteilung unhörbar macht."
In der
SZ findet Sonja Zekri das diskutierte
Visa-
Verbot für Russen unklug: "Tatsächlich sind es vor allem die
Stimmen der Opposition in und außerhalb Russlands, die ein europäisches Einreise-Verbot glaubhaft in Zweifel ziehen. Der Ex-Unternehmer Michail Chodorkowskij, Ex-Schach-Weltmeister Garri Kasparow, der Satiriker Viktor Schenderowitsch und die Publizistin Julia Latynina, die sich mit anderen zum 'Anti-Kriegs-Komitee' zusammengeschlossen hatten, warnten, dass
auch jene betroffen sein könnten, die durch die Ablehnung des Krieges
langjährige Gefängnisstrafen riskierten. ... Aus der Sicht der Ukrainer stellt sich das alles erwartungsgemäß anders dar. Ein Russe, der weder ausgereist ist noch im Gefängnis sitzt,
tue nicht genug gegen den Krieg, hört man auch von vielen Ukrainern."