Putin muss gar nicht mehr einmarschieren. In den bangen Herzen des Westens hat er
längst Terrain gewonnen,
meint der britische Politologe
Keir Giles ( Autor des
Buchs " Moscow Rules - What Drives Russia to Confront the West") im
Guardian. Gerade dass der Aufmarsch seiner Truppen
so massiv ist, dass Putin scheinbar nicht mehr zurückkann, ist sein Sieg: Es "hat zu der Ansicht geführt, dass die Stationierung nicht nur zur Schau gestellt werden kann, da sie '
zu groß ist, um nicht genutzt zu werden'. Dabei wird jedoch übersehen, dass sie bereits eingesetzt wurde - gerade diese Konzentration russischer Truppen hat die USA
an den Verhandlungstisch gebracht, um darüber zu sprechen, was Russland will. Abgesehen von den unmittelbaren und ausdrücklichen Forderungen, die mit der Truppenaufstockung verbunden sind, hat Russland andere, sekundäre Ziele erreicht. Themen, die zuvor im Mittelpunkt des westlichen Interesses standen, wie die
Besetzung der Krim durch Russland und die anhaltenden Verletzungen des Waffenstillstands in der Ostukraine, wurden durch dringendere Sorgen über eine drohende Eskalation verdrängt."
Der Westen kann eine Menge gegen den Mafia-Clan tun, der Russland im Griff hat, sagt die ebenfalls britische Autorin
Catherine Belton im Gespräch mit Thielko Grieß im
Deutschlandfunk: "Die Hauptsache ist
Einigkeit im Westen, die wir jedoch besonders an der deutschen Position wohl gerade nicht erkennen können. Ich habe erst vor kurzem mit einem früheren russischen Banker gesprochen, der nun im Ausland lebt. Seine Bank wurde ihm vom russischen Staat weggenommen als Teil der Versuche, die Cashflows zu kontrollieren. Und er sagt, der einzige Weg, um das Verhalten der russischen Führung zu verändern, ist, sie von den
Gewinnen aus dem Energiegeschäft abzuschneiden." Beltons Buch "Putin's People" kam ins Gespräch, weil es von russischen Oligarchen mit "Slapp-Klagen" überzogen wurde, unsere
Resümees. Bei Harper's wird es nächsten Monat
auf deutsch erscheinen.
Apropos Slapp-Klagen: Auch der britische Millionär
Arron Banks, der die Brexit-Kampagne maßgeblich finanzierte, überzieht die
Guardian-Journalistin Carole Cadwalladr mit eine Slapp-Klagen, damit sie sein Agieren nicht benennt,
berichtet Daniel Zylbersztajn-Lewandowski in der
taz.
In der
NZZ warnt der Schriftsteller
Christoph Brumme vor einem völlig
irrational agierenden Putin: "Die Zerstörungskräfte, über die dieser Mensch heute verfügt, übersteigen das Vorstellungsvermögen. Putin
kokettiert inzwischen gern mit der Apokalypse, mit einem nie da gewesenen Schrecken für die Menschheit, sollte Russland sich bedroht fühlen. Und wann fühlte sich Russland in seiner Geschichte nicht bedroht, obwohl es insgesamt weit mehr Angriffs- als Verteidigungskriege führte? Wir werden nicht warten, bis die Raketen gegen uns starten, so Putin. Schon wenn man von Angriffsplänen erfahre, könne man vorauseilend 'antworten'. Schließlich glaubt er zu wissen, dass Russlands Gegner einige Sekunden früher sterben werden, während die Russen als Märtyrer in den Himmel kommen werden. Aber wozu brauche es die Menschheit ohne Russland?, fragte er. Er kann letztlich
ganz allein über einen Atomkrieg entscheiden. Kein Kontrollgremium kann ihn stoppen, keine Öffentlichkeit ihn daran hindern. Das ist neu in der Weltgeschichte."
Der bei der SPD so beliebte Bezug auf die
Entspannungspolitik ist unsinnig, denn diese fand in einem
ganz anderen Kontext statt,
schreibt Bernd Rheinberg bei den Salonkolumnisten, und übrigens mutierte die Entspannung schon in den Achtzigern bei der SPD in eine ungute Nähe zu den Regimes, "als die SPD in der Opposition war und sich in der DDR eine Friedens- und Bürgerrechtsbewegung bildete. Während
die Grünen den Kontakt zu den Regimekritikern aufnahmen und diese aktiv unterstützten, pflegte die SPD quasi stolpehaft an der Bundesregierung vorbei ihre guten Beziehungen
zum Honecker-Regime. Was dieses als Ermunterung verstehen durfte, die DDR-Opposition weiter zu bekämpfen, zu unterwandern und zu zersetzen. Diesen Fehler hat die SPD bis heute nicht eingesehen."
Nein,
Olaf Scholz war in seinen Juso- und Stamokap-Zeiten weder Stasi-IM, noch wurde er systematisch von der Stasi bespitzelt, wie es mehrere Medien behauptet hatten, schließt
Hubertus Knabe in der
FAZ nach akribischer Durchsicht der Akten. "Die eigentliche Bedeutung der Unterlagen liegt denn auch auf anderer Ebene: Sie belegen, dass Scholz jahrelang enge und regelmäßige Beziehungen zu
hohen Funktionären in der DDR unterhielt. Dokumente der FDJ bestätigen das. Aus den Vermerken über Scholz' Gespräche in Ost-Berlin wird deutlich, dass er im Kampf gegen die Nato, die USA und die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung den
Schulterschluss mit Moskau suchte."
Dem deutschen Journalisten
Deniz Yücel wurde vom Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bescheinigt, dass er von der Türkei widerrechtlich inhaftiert wurde (Berichte
hier und
hier). Aber er kam auch frei, weil er in Deutschland ein prominenter Fall war,
schreibt Christian Rath in der
taz: "Das aktuelle Verhältnis zwischen Europa und der Türkei wird sich deshalb eher an den Fällen des regierungskritischen Mäzens
Osman Kavala und des prokurdischen Oppositionspolitikers
Selahattin Demirtaş entscheiden. Beide sind aus offensichtlich konstruierten Gründen schon
seit Jahren in Haft. Bei beiden hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) die Inhaftierung beanstandet und die Freilassung gefordert. In beiden Fällen schiebt die türkische Justiz immer wieder neue Anschuldigungen nach, um die Freilassung zu verhindern."