Die
Kriegsangst wächst in der Ukraine,
berichtet Bernhard Clasen für die
taz aus der Ukraine. Und sie wächst nicht nur dort: "
35 Staaten haben mittlerweile ihre Bürger:innen aufgerufen,
die Ukraine zu verlassen, da sie einen militärischen Konflikt befürchten. Dazu gehörten Australien, Großbritannien, Lettland, Kanada, Griechenland, Neuseeland, die Niederlande, Norwegen, Finnland, Südkorea, Japan, Belgien, Deutschland, Litauen, Kuwait und der Irak. Deutschland hat sein Konsulat von der ostukrainischen Stadt Dnipro
nach Lwiw verlegt, auch das US-Konsulat ist bereits nach Lwiw umgezogen, wo es allerdings nur sehr eingeschränkte Leistungen anbietet." Mehr
hier.
In
Belarus ist die Angst fast genau so groß,
schreibt Janka Belarus ebenfalls in der
taz aus Minsk: "Am 4. Februar hatte Lukaschenko dem russischen Journalisten Wladimir Sowoljow, einem der einflussreichsten Vertreter der Kreml-treuen Medienwelt, auf dessen Youtube-Kanal 'Sowoljow Live' ein
Interview gegeben. Thema: Die Schaffung eines Gegengewichtes zum 'kollektiven Westen' und der Nato, die die belarussisch-russischen Beziehungen zerstören wollen. An die Ukraine gewandt, deren Präsidenten Wolodimir Selenski er als kopflos bezeichnete, sagte Lukaschenko: 'Ihr wärt verrückt, euch
mit Russland anzulegen. Und wir werden nicht an eurer Seite stehen. Minsk wird sich genauso verhalten wie Moskau.'"
In Russland sind die Bürger nicht beunruhigt,
schreibt dagegen Inna Hartwich im
taz-Dossier. Dennoch: "Der
Begriff '
Krieg' ist alltäglich geworden im TV. Und der Krieg wird nach und nach zum notwendigen Übel erklärt."
Die
FAS befragte am Wochenende mehrere Autoren aus osteuropäischen Ländern. Der polnische
Schriftsteller Szczepan Twardoch schreibt: "Wir wissen nicht, wo die russischen Panzer anhalten werden, sobald sie sich einmal in Bewegung gesetzt haben. In Mariupol? In Kiew? In Lemberg? In Przemyśl? An der Oder? In Berlin? Weiter westlich? Ist es nicht an der Zeit, dass wir uns
das Unvorstellbare vorstellen, um unserer selbst willen?"
Auf
Zeit online fragt sich der ukrainisch-britische Autor
Peter Pomerantsev, warum die Haltung der Deutschen, die sich so vorbildlich ihrer Vergangenheit gestellt hätten, gegenüber Russland so
zwiespältig ist: "Politische Strategien scheitern manchmal, das ist unvermeidlich. Vor allem, wenn man es mit Russland zu tun hat. Weit beunruhigender ist aber, dass der deutsche Diskurs über Russland und die Ukraine mit
postfaktischen Unwahrheiten Trumpschen Ausmaßes durchsetzt ist, einer Realitätsverweigerung sowohl in Bezug auf die Vergangenheit als auch auf die Gegenwart, die zu lauter
Selbstwidersprüchen führt. Deutschland beansprucht, für den Frieden zu sein - und ermutigt gleichzeitig zur Invasion. Es spricht sich dafür aus, historische Fehler wiedergutzumachen - und leugnet gleichzeitig historische Tatsachen. Es glaubt, es garantiere Sicherheit - und gibt in Wirklichkeit die Freiheit auf." Sind wirklich
Schuldgefühle aus dem Zweiten Weltkrieg der Grund, rätselt er. Dann übersähen die Deutschen, "dass
Hitlers Ziel immer die Besetzung und Versklavung des 'Brotkorbs' Ukraine und nicht Russlands war und dass die menschlichen Opfer in der Ukraine ähnlich grauenhaft waren wie jene in Russland. Es ist, als sei der heutige deutsche Diskurs
historisch farbenblind: Er kann nur Schwarz und Weiß sehen, Deutschland und Russland, die bunten Farben der Ukraine hingegen werden darin ausgelöscht."
Richard Herzinger
nimmt in seinem Blog die wenig anheimelnde
politische Achse Moskau-Peking in den Blick, die kurz vor den den Olympischen Spielen demonstrativ gefestigt wurde: "Gut möglich, dass beide Autokraten sogar ihre
aktuellen Aggressionspläne koordinieren werden: die Eroberung
Taiwans durch China und die Wiedereinverleibung der
Ukraine in den russischen Machtbereich durch den Kreml. Wissen sie doch, dass gleichzeitig durchgeführte oder zeitlich aufeinander abgestimmte kriegerische Akte beider Mächte den Westen vor verdoppelte Probleme stellen würden, darauf adäquat zu reagieren."
Sergej Lawrow hat neulich seine britische Kollegin
Liz Truss in einer Pressekonferenz nach einem fruchtlosen Gespräch bloßgestellt. Anne Applebaum
malt sich in
Atlantic die Antwort aus, die sie Lawrow gegeben hätte. Truss, findet Applebaum "hätte eine
kleine persönliche Beleidigung im Stil von Lawrow hinzufügen und laut fragen können, ob
Lawrows offizielles Gehalt tatsächlich ausreicht, die verschwenderischen Immobilien zu bezahlen, die seine Familie
in London nutzt. Sie hätte die Namen der vielen anderen russischen Staatsbediensteten aufzählen können, die ihre Kinder auf Schulen in Paris oder Lugano schicken. Sie hätte verkünden können, dass diese Kinder nun allesamt auf dem Weg nach Hause sind, zusammen mit ihren Eltern:
Keine amerikanische Schule mehr in der Schweiz!"
In Frankreich stehen die Fernsehmoderatorin
Ophélie Meunier und der Jurist
Amine Elbahi nach Morddrohungen unter Polizeischutz, nachdem sie in einer Reportage für den französischen Fernsehsender
M6 den
radikalen Islam in Roubaix kritisiert hatten. "Man sollte in diesem Zusammenhang vielleicht darin erinnern, dass in Frankreich
rund dreißig Personen aus ähnlichen Gründen wie Ophélie Meunier und Amine Elbahi unter Polizeischutz stehen",
schreibt der Philosoph
Pascal Bruckner in der
NZZ. Zum Beispiel der Journalist Mohamed Sifaoui, die Journalistin Zineb El Rhazoui, der Imam Hassen Chalghoumi, Journalisten und Anwälte von
Charlie Hebdo oder "Mila, eine junge lesbische Gymnasiastin, die beschuldigt wird, den Propheten beleidigt zu haben". Die
neue Linke schweigt, oder stellt sich auf die Seite der Islamisten, so Bruckner. "Und noch etwas anderes machen die Vorfälle rund um Roubaix einmal mehr deutlich: Meinungsverschiedenheiten werden heute nicht mehr in öffentlichen Debatten oder vor einem Gericht ausgetragen. Sie werden
durch Ermordung '
geregelt'. Die geringste Kritik an der islamischen Religion kann inzwischen auf diese Weise vergolten werden. Wir kennen diese Form der 'Justiz' vom Attentat auf
Charlie Hebdo - sie passiert
hier und heute, auf französischem Boden, im 21. Jahrhundert."
Wirklich
souverän ist nur Gott, alle anderen müssen sich an die Gesetze halten, selbst nationale Regierungen
erinnert der Politikwissenschaftler
Felix Heidenreich in der
NZZ die polnische Regierung, die sich mit dem Beharren auf ihre "Souveränität" gegen Vorgaben der EU wehrt. "Man muss nicht bis zu Ludwig XIV. und Jean Bodin zurückgehen, um zu sehen, dass der Begriff der Souveränität
aus der Zeit gefallen ist. ... Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki warnte in der
Financial Times die EU davor, einen 'dritten Weltkrieg' zu beginnen. Würde die EU die in Aussicht gestellten Gelder nicht auszahlen, werde man sich mit 'allen Mitteln' wehren. Bestünde wahre Souveränität nicht darin,
auf das Geld aus Brüssel zu verzichten? Ganz offenbar hört dort der Anspruch auf Eigenständigkeit dann doch auf. Die EU-Mitgliedschaft stößt in Polen auf eine überwältigende Zustimmung. Ein Polexit scheint da wie eine absurde Schimäre."