Claus Leggewie erklärt Macrons Debakel in der
taz unter anderem mit Fehlfunktionen der
Fünften Republik, einer Mischung aus bonapartistischer Machtfülle des Präsidenten bei Unterentwicklung demokratischer Gegengewichte. Aber "sein Scheitern beruht auch auf
externen Faktoren. Macrons Ambitionen waren stets auf eine
Vertiefung der Europäischen Union gerichtet, deren Notwendigkeit der russische Angriff auf die Ukraine (und damit auf die westlichen Bündnisse Nato und EU) deutlich gemacht hat. Dazu gehört der Schulterschluss mit Deutschland, den sowohl
Angela Merkel wie
Olaf Scholz ungerührt ablehnten." Die beiden haben damit in Frankreich
die Extreme gestärkt, so Leggewie: "Das antieuropäische Ressentiment ist nicht nur der Stoff, aus dem der ansonsten kontinuierlich erfolglose
Front National seine Ausdauer bezog, sondern auch die von Protesten der Gelbwesten und Landwirte animierte '
souveränistische'
Linke. In der Bevölkerung ist weder die Unterstützung der Ukraine noch die Israels populär; auch die Eliten bevorzugen die Kooperation mit Russland und arabischen Staaten."
Auch
FAZ-Korrespondentin Michaela Wiegel warnt: "Für Deutschland bedeutet das Ergebnis, dass die
EU-feindlichen Kräfte eine deutliche Mehrheit in Frankreich bilden. Knapp zwanzig Jahre nach dem Nein zum europäischen Verfassungsvertrag knüpft das Land an eine
europafeindliche Grundstimmung an. Am 29. Mai 2005 hatten knapp 55 Prozent der Franzosen Nein zu einer Vertiefung der EU gesagt. Nicht nur der RN will jetzt weitere Integrationsschritte verhindern und den EU-Erweiterungsprozess mit der
Ukraine und Moldau beenden."
Lena Bopp trifft in Paris den Autor
Pierre-Stéphane Fort, der ein erstes
Porträt über den RN-Kandidaten
Jordan Bardella veröffentlicht hat. Sein Aufstieg sei über die Frauen erfolgt, zitiert sie Fort, "vor allem Bardellas Ex-Freundin Kerridwen Chatillon, die Tochter des berüchtigten
Frédéric Chatillon, Unternehmer und Freund der Familie Le Pens, der als einer der radikalsten Vertreter der extremen Rechten gilt. Und er meint
Nolwenn Olivier, Nichte von Marine Le Pen, die Bardella die Tore zur Domaine de Montretout geöffnet habe, dem Landsitz der Le Pens westlich von Paris. 'Damit wurde er ein Teil der Familie.' Halb erinnere er ihn an Maupassants Bel-Ami, halb an Balzacs Rastignac."
Ebenfalls in der
FAZ beteuert Niklas Bender, dass "
La France Insoumise" trotz ihres Antisemitismus "
nicht so weit links steht wie der RN rechts; insgesamt ist die Partei verfassungstreu". Und er warnt: "Die Projekte des Rassemblement National sind
haarsträubend; sie widersprechen französischem und europäischem Recht. Bardella will Besitzer doppelter Staatsbürgerschaften von Verantwortungsposten ausschließen; betroffen wären davon mehr als drei Millionen Franzosen."
In der Wirtschaft herrscht dagegen Erleichterung berichtet Daniel Mohr auf den Finanzseiten der
FAZ. "Gerade der Auftrieb der Linken hatte zuletzt einige Börsianer besorgt, da deren Programme noch weniger wirtschaftsfreundlich wirkten als die der Rechten. Zwischen Pest und Cholera, so lautet die Interpretation am Markt, erscheint vielen ein
gelähmtes Parlament noch die bessere Wahl."
"Die Möglichkeit, dass die
Rechtsextremen sogar mit einer
absoluten Mehrheit an die Macht kommen, ist real", warnt im
Tsp-Gespräch der an der Science Po in Nancy lehrende Politologe und Historiker
Samuel Hayat: Und er betont, "dass Teile des Programms des
RN verfassungswidrig sind, insbesondere die Benachteiligung von Ausländern bei der Sozialversicherung oder die Einschränkungen für Doppelstaatler. Sie müssten also die Verfassung ändern - was aber nur geht, wenn der Präsident ein Referendum ausruft oder beide Kammern das fordern. Was beides nicht passieren wird. Das ist aber nicht unbedingt eine gute Nachricht. Denn die Rechtsextremen würden in der Zeit ihre
Leute in die Ministerien setzen, an die Spitze wichtiger nationaler Organisationen. Und dann werden sie sagen: Seht her, wir können noch immer unser Programm nicht durchsetzen, wir brauchen bei der Präsidentschaftswahl 2027 eine Mehrheit."
Frankreich, Anfang Juli, ist ein "
Trümmerfeld",
schreibt auch
Pascal Bruckner in der
NZZ: "Am wütendsten sind die
Macronisten selber, die von der
Laune des Prinzen im Flug niedergemäht wurden. (…) Das präsidiale Lager ist von einem allgemeinen '
Rette sich,
wer kann' betroffen und droht zu verschwinden, während Jordan Bardella mit dem Gesicht eines idealen Schwiegersohns am Abend des 8. Juli vielleicht Premierminister wird. (…)
Jordan Bardella ist zwar ein politisches Naturtalent und ein geschickter Redner, aber er scheint vor allem von den Belastungen, die auf ihn zukommen, in
Panik versetzt zu werden. Und
Marine Le Pen, die bereits ihre Zähne zeigt und eine Säuberung verspricht, hat in den jüngsten öffentlichen Debatten mit Macron genauso inkompetent gewirkt, wie sie es 2017 oder 2022 war. Am erschreckendsten ist die
krasse wirtschaftliche Ignoranz dieser Bewegung in Verbindung mit der Demagogie ihres Programms." Die neue
Volksfront ist nicht besser: "Die Umsetzung ihres Programms würde die Schulden ohne zusätzliche Einnahmen laut einer Schätzung um 233 Milliarden pro Jahr erhöhen. Außerdem ist der Zusammenschluss durch das Bündnis mit France insoumise diskreditiert. Diese antisemitische und proislamistische Gruppierung, angeführt vom schrillen, aber talentierten
Jean-
Luc Mélenchon, der lachend dazu aufruft, 'die Polizisten zu töten', verkörpert immer mehr den
Linksfaschismus."
========= Immerhin:
Orban ist angezählt,
glaubt in der
NZZ der Politikwissenschaftler
Janos I. Szirtes. Die EU geht härter gegen Orban vor, und auch den Rechten in Europa sagt seine Politik nicht zu: "Um der
Isolation wegen seiner Haltung gegenüber Russland, der Ukraine und dem Nato-Beitritt Schwedens zu entgehen, bemühte sich Orban um die Diversifizierung seiner Außenpolitik. Zunächst wurde der '
globale Süden'
anvisiert, was einiges Geld kostete, aber kaum Ergebnisse brachte. Als Ersatz öffnete Ungarn sich gegenüber der
Türkei, er fand sogar ganz und gar unwissenschaftlich, dass man eigentlich zu den Turknationen gehöre, trat sogar dem Turkenrat bei. Von der Türkei abgesehen fiel Orbans Sympathie für diese autokratisch geführten Länder letztlich wenig ins Gewicht.
Russland und China mussten daher weiter in den Mittelpunkt des Interesses rücken."
Die russische Autorin und Kuratorin
Anna Narinskaya, die seit 2022 in Berlin lebt, erzählt in der
FAZ am Beispiel ihrer eigenen Geschichte, wie man vom Putin-Regime zum "
Inoagenten", zum "ausländischen Agenten" gestempelt wird, und was das heißt: "Wer in Russland Inoagent ist, darf nicht an Schulen oder staatlichen Universitäten
lehren und in
keine Machtorgane gewählt werden, selbst auf kommunaler Ebene. Verstöße ziehen Geldbußen nach sich; als Nächstes winken Strafverfahren, die
Haftstrafen nach sich ziehen können. Das Gesetz ist ein wirksames Repressionsinstrument. Mehr als vierhundert Russen haben heute den Status des 'Inoagenten'." Narinskaya erzhält überdies, wie sie durch Betrug in einem Machwerk des russischen Staatsfernsehen auftaucht - sie wurde von einem "Journalisten" interviewt, der sich als
Russlandkritiker ausgegeben hatte. Auch bekannte Autoren wie Boris Akunin oder Ljudmila Ulizkaja wurden durch solche Fakes denunziert.