Macron hat sich
verkalkuliert, glaubt in der
Welt Jacob Ross von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: "Mit Blick auf die politischen Gegner, die die Aussicht auf Revanche schneller geeint hat als gedacht. Vor allem aber mit Blick auf seine Mitbürger. In der aktuellen Situation Frankreichs und der EU war es für Macron und seine Berater offenbar unvorstellbar, dass die Wähler den Rechts- oder Linkspopulisten zur Mehrheit verhelfen könnten." Und auch
Berlin ist mal wieder so
überrascht wie nach dem Brexit oder der Trump-Wahl, konstatiert Ross: "Dabei gibt es gute Gründe für die Annahme, dass eine
RN-
Präsidentschaft ab 2027 dramatischere Folgen für Deutschland und die EU hätte als die Rückkehr Trumps. (...) Während in Deutschland die Trennung in 'demokratische Parteien' einerseits und die AfD andererseits in Kommentierungen zum guten Ton gehört, ist es in Frankreich undenkbar, dem RN
demokratische Legitimität abzusprechen. (...) Ein zweiter Grund für die Überraschung ist die Tabuisierung von Positionen, die eigenen Überzeugungen widersprechen. Die betrifft bei Weitem nicht nur die französische Politik. In Berlin ist es schwierig, ernsthaft Szenarien zu diskutieren, in denen sich die EU radikal verändert und Nationalstaaten an Gewicht gewinnen."
Macron ist zum Symbol für alles geworden, was man in Frankreich nicht mehr möchte, meint auch Nils Minkmar, der in der
SZ ein Stimmungsbild aus einem Land im "
Fieber" sendet: "Jede und jeder befürchtet eine
dystopische Zukunft, wünscht sich aber etwas Besseres, und das sieht meist aus wie eine imaginierte Vergangenheit. Die einen wünschen sich François Mitterrand zurück, die anderen den Général de Gaulle. Eine
europäische Zukunft, wie sie Emmanuel Macron beschworen hatte, gehört nur für eine kleine
Minderheit zu den sinnvollen Perspektiven. Vielmehr ist Frankreich zum Schauplatz des letzten Gefechts zwischen verfeindeten Weltanschauungen geworden."
Unser Antisemitismus ist irgendwie besser, schreiben der Anwalt
Arié Alimi und der Historiker
Vincent Lemire in
Le Monde, um die "
Neue Volksfront" in Frankreich in Schutz zu nehmen: "Es gibt keine Äquivalenz zwischen dem kontextuellen, populistischen und
wahltaktischen Antisemitismus, der von einigen Mitgliedern von La France insoumise eingesetzt wird, und dem grundlegenden, historischen und
ontologischen Antisemitismus des Rassemblement National." Anders als Mélenchons Partei selbst leugnen die beiden Autoren zwar nicht, dass es linken Antisemitismus gibt, aber er werde "
instrumentalisiert, um die Neue Volksfront zu diskreditieren; eine Instrumentalisierung, die die Bedrohung durch den RN verstärkt."
Bernard-Henri Lévy ruft dagegen in
Le Point auf, gegen die "doppelte populistische Infamie" zu stimmen und systematisch für gemäßigt linke oder rechte Politiker zu stimmen, die es in allen 577 französischen Wahlkreisen schließlich auch gibt. Ich sehe nicht, was uns bei dieser Parlamentswahl einer fragmentierten Wahl mit zwei Wahlgängen, hindert, bereits im ersten Wahlgang für Frauen und Männer zu stimmen, die bereit sind, nach ihrer Wahl eine
dritte Art von Union zu bilden: die der Demokraten der Redlichkeit und der Republikaner der Ehre." BHL rät, nicht
auf Umfragen zu hören, die einzig nach der falschen Alternative zwischen Rechts- und Linkspopulismus fragen. "Selbst wenn diese Projektion sinnvoll wäre - seit wann stimmen die Umfragen an unserer Statt?"
Mit dem "Bündnis
Sahra Wagenknecht" hat sich in Deutschland deine
weitere Kreml-Partei etabliert,
konstatiert Richard Herzinger in seiner
Perlentaucher-Kolumne. "Als akute Bedrohung für die Demokratie gilt hierzulande jedoch weiterhin fast ausschließlich die AfD. Dagegen wird die Gefahr, die von der Wagenknecht-Partei ausgeht, beharrlich unterschätzt. Denn obwohl sie die
Widerstandskraft gegen totalitäre Aggressoren nicht weniger aktiv unterminiert als ihr Pendant auf der äußersten Rechten, rechnet man sie in der öffentlichen Meinung und der etablierten Politik meist noch immer dem demokratischen Spektrum zu." Das Bündnis sei um so gefährlicher als es Wähler anlocke, "die der prorussischen Haltung der AfD zuneigen, aber nicht mit deren neonazistischen Tendenzen in Verbindung gebracht werden wollen. Das sich '
antifaschistisch'
gerierende BSW füllt damit auf effektive Weise eine Lücke im Desinformationskriegsnetzwerk des Kreml."
Dass die
Jugend bei der
Europawahl rechter als bisher wählte, hat auch mit "politischem Desinteresse an Demokratiebildung" zu tun, glaubt im
Tagesspiegel-Gespräch
Sabine Achour, Professorin für Politikdidaktik und Politische Bildung an der FU: "Politische Bildung an Schulen war und ist in vielen Bundesländern stark marginalisiert, die Nachwirkungen davon sind bis heute spürbar."
Der ungarische Soziologie
Tibor Dessewffy befürchtet im
Tagesspiegel, dass eine "neue
illiberale Internationale nach ungarischem Modell entstehen könnte". Denn nicht nur, aber vor allem Trump und sein Team orientieren sich daran, wie Orban den Rechtsstaat umbaute. Die Ungarn nennen es das "
Budapester Handbuch": "Dazu gehört, das Wahlsystem und die Wahlbezirke zugunsten der Regierungspartei zu manipulieren, die
Geheimdienste politischer Kontrolle unterzuordnen, die
Staatsanwaltschaft auf den politischen Willen auszurichten, richterliche Unabhängigkeit und das Verfassungsgericht zu unterhöhlen, das mit Parteifreunden besetzt wird. Die
Medien werden durch ein
Propagandaministerium kontrolliert. Zusammengenommen schafft dies alles eine nahezu unbegrenzte Machtfülle, hilft aufstrebenden Autokraten, ihren Einfluss langfristig aufrechtzuerhalten, während die demokratischen Institutionen nach und nach ihre Unabhängigkeit verlieren."
Bülent Mumay spricht in seiner
FAZ-Kolumne seine Leser manchmal direkt an, zum Beispiel heute, wo er
Erdogan in einer Bredouille schildert, die uns betreffen könnte: Denn Erdogans rechtsextreme Partner haben ihn in der Hand, wenn er an der Macht bleiben will, und sie drohen mit einem Ausstieg der Türkei aus dem
Flüchtlingsabkommen mit der EU, das der Grund ist, warum die EU Erdogans Eskapaden weiter duldet: "Aufgrund des Rückübernahmeabkommens lebt ein
erheblicher Teil der Geflüchteten in der Türkei. Im Verhältnis dazu ist die Zahl in Ihrem Land gering. Es liegt auf der Hand, wie stark das Thema der Flüchtlinge
den Rechtsruck befeuert hat. Sie können sich ausrechnen, wozu es führte, zöge sich die Türkei aus dem Abkommen zurück und öffnete sie die Grenzen. In unseren
Mafiafilmen gibt es einen klischeehaften Spruch. 'In diese Welt kommt man leicht rein, aber schwer wieder raus', warnt der Mafiaboss Aussteigewillige. Dieser Spruch ist nachgerade zu einem Motto für Erdogans Türkei geworden."