9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.01.2021 - Gesellschaft

Nicht allein um der Gendergerechtigkeit willen, sondern auch um die Belastungen für die gesamte Gesellschaft zu reduzieren, müssten Männer bei den Impfungen gegen Corona bevorzugt werden, schreibt Ralf Bönt in der Zeit: 70 Prozent der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen sind Männer. "In den Altersgruppen, in denen gleich viele Frauen und Männer anzutreffen sind, nämlich denen unter 70 Jahren, starben in Deutschland doppelt bis zweieinhalbmal so viele Männer wie Frauen, obwohl sich Frauen sogar etwas häufiger ansteckten als Männer. Allein aus dieser simplen Zahl ergibt sich die Folgerung, dass Männer in diesem Verhältnis zuerst geimpft werden müssten, um die Ressourcen des Gesundheitssystems möglichst ökonomisch einzusetzen und möglichst viele Leben in allen Gruppen zu retten."

Ebenfalls zur Coronakrise schreibt in der Zeit Herfried Münkler - mit bewunderdem Blick auf China: "Die Zeiten eines arroganten Überlegenheitsdünkels im Westen, der sich durch die Kombination von individueller Freiheit, politischer Partizipation und Rechtsstaatlichkeit allen anderen politischen Ordnungen für überlegen hielt, sind vorbei. Das ist, politisch betrachtet, die erste und wichtigste Lehre aus der Pandemie."

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat vor zwei Jahren eine Studie beauftragt, die psychische Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen untersuchen sollte und wollte damit seine abtreibungsfeindliche Politik untermauern. Die mit der Studie beauftragten Forscher haben die Fragestellung inzwischen komplett verändert, berichtet Patricia Hecht in der taz. Nun wird eher eine Studie zur Lage abtreibender Frauen insgesamt erstellt. Spahn, der bei Frauenrechten, anders als bei Rechten für Homosexuelle eine eher kirchennahe Position vertritt, hat ein Eigentor geschossen, schreibt Eiken Bruhn in der taz: "Spahn hat sich wiederholt gegen das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen positioniert, unter anderem gegen die rezeptfreie Abgabe der Pille danach. Den Kampf hat er verloren, dafür aber verhinderte er 2019, dass Ärzt*innen über Schwangerschaftsabbrüche informieren dürfen. Und er nimmt hin, dass Frauen in einigen Regionen Hunderte Kilometer für einen sicheren Schwangerschaftsabbruch reisen müssen."

Mit dem Hipster ist es vorbei. Verdrängt wird er von den woken Schneeflöckchen, die den sympathischen Hedonisten skrupellos zur Seite drängen, diagnostiziert Ijoma Mangold in der Zeit: "Wo die Hipster-Kultur auf Distinktion setzte, setzt die Wokeness-Kultur auf Inklusion. Wo Erstere danach strebten, als Individuen unverwechselbar zu sein, beschreiben sich Letztere bevorzugt in Kategorien kollektiver Identitäten - als People of Color, als Trans*Person, als queer. Und wo die jungen woken Leute heute dezidiert links sind und überall, wo ihre eigene Sprachsensibilität nicht geteilt wird, den Extremismus der Mitte wittern, war der Hipster politisch nie festzulegen, ein unsicherer Kantonist."

Niemand fragt, ob die Einschränkungen der Grundrechte richtig sind, es gibt nicht mal Verfassungsrechtler in den Corona-Beratergremien der Kanzlerin, zudem kaum Beschwerden beim Verfassungsgericht, wundert sich Jörg Phil Friedrich in der Welt: "Offenbar interessiert sich auch eine Mehrheit der Bevölkerung nicht sonderlich für die Frage, ob da Verfassungsprinzipien verletzt werden. In der Krise, in der Ausnahmesituation, soll die Regierung handeln, und zwar richtig und schnell, damit die Krise bald wieder vorbei ist. Die Stärke der Krise und ihre aktuelle Dramatik werden definiert durch ein paar Zahlen, die die Medien täglich senden - und so lange diese Zahlen noch nicht das Ende der Krise besagen, sollen Störenfriede, die das Grundgesetz hochhalten, bitte ruhig sein."

Derweil gibt es immer mehr "Lockdown-Fanatiker", dabei ist es ein "gigantisches Risiko für die moderne liberale Gesellschaft, die kulturelle Selbstverständigung des vernunftbegabten Tiers dauerhaft in den Lockdown-Modus zu versetzen", schreibt der Philosoph Markus Gabriel in der NZZ und wirft der Regierung "extremistische Auffassungen wissenschaftlicher Allmacht" vor. Dabei sei es "keineswegs unvernünftig, wenn Kinder und Jugendliche in die Schule gehen oder an Universitäten echte soziale Kontakte in realen Lehrveranstaltungen knüpfen wollen. Es ist auch nicht unvernünftig, wenn Menschen, die in ihren engen nationalen Grenzen gefangen sind, in die Skigebiete strömen, um zu rodeln oder Langlauf zu betreiben. Ja, es ist vielmehr vernünftig, wenn gefordert wird, den Kulturbetrieb endlich zu öffnen, da es schlichtweg nicht wissenschaftlich zwingend bewiesen ist, dass die Schliessung von Theatern, Opern, Kinos Ansteckungscluster signifikanter verringert als kulturfreundlichere Modelle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.01.2021 - Gesellschaft

Für den Duden sind Ärzte jetzt Männer, immer. Und Ärztinnen Frauen, immer. Das generische Maskulinum hat er damit nicht abgeschafft, meint leicht müde die Schriftstellerin Nele Pollatschek in der SZ, das kann er nicht, aber er hat es sozusagen unsichtbar gemacht. Ist das ein Gewinn? Pollatschek hat Zweifel: "Die meisten Menschen wollen nicht, dass jeder Aspekt ihrer Identität immer sichtbar ist. Schafften wir das generische Maskulinum nach Dudenvorbild ab, dann wäre jeder Berufsausübende in jeder Berufsbezeichnung männlich oder weiblich markiert. Ob wir wollen oder nicht. Und es gibt Menschen, die das nicht wollen. Nicht nur nicht-binäre Menschen ... Sondern auch alle Menschen - und zu denen gehöre ich -, die einfach nicht in jeder Berufsbezeichnung eindeutig männlich oder weiblich markiert werden wollen. Weil sie Geschlecht für nicht sehr wichtig halten ... Weil sie denken: Mein Geschlecht gehört mir. Nicht der Öffentlichkeit, nicht meinem Arbeitgeber."

Warum kann man die oft riesigen, jetzt leer stehenden Museumsräume, Theater oder Konzerthäuser in Deutschland nicht für die Schulen öffnen, fragen Catrin Lorch und Paul Munzinger noch einmal in der SZ und unterhalten sich mit NRWs Jusovorsitzender und Lehrerin Jessica Rosenthal, die erklärt, wie wichtig das wäre: "Nein, auch Rosenthal will die Schulen nicht einfach wieder öffnen. Aber sie will sich auch nicht einfach damit abfinden, dass bis Mitte Februar und womöglich noch darüber hinaus Lernen nur auf Distanz möglich sein soll. Das sei 'fatal', findet sie. Für viele Kinder heiße das nämlich, dass überhaupt kein Lernen möglich ist. Weil die Schule kein Wlan hat, weil die Eltern sich zwar Mühe geben, aber kaum Deutsch sprechen, weil die Kinder sich mit vier Geschwistern ein Zimmer teilen müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.01.2021 - Gesellschaft

Im Prozess zum Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke wird jetzt ein Urteil erwartet. Der Angeklagte Stephan Ernst ist geständig, unsicherer ist die Lage beim zweiten Angeklagten Markus H. Konrad Litschko porträtiert in seinem großen Bericht in der taz vor allem die Familie des Opfers: "Im Prozess erzählte die Familie, dass sie nach dem Mord ganz bewusst nicht weggezogen sei. Um nicht nachzugeben. Sie lebt weiter im gleichen Haus, die Witwe im Erdgeschoss, Jan-Hendrik mit seiner Familie oben. Die Söhne gehen ihrer Arbeit nach. Die Mutter ist pensionierte Lehrerin. Und doch ist alles anders. 'Das Haus ist nicht mehr das Haus. Das Leben ist nicht mehr das Leben', sagt Irmgard Braun-Lübcke, die vierzig Jahre mit ihrem Mann verheiratet war. 'Er fehlt uns unendlich.' Jan-Hendrik sagt, der Mord habe die Familie 'innerlich zerrissen'."

Fatina Keilani, Redakteurin im Tagesspiegel, hatte kürzlich scharf kritisiert, dass der Rassismusvorwurf zu einer Art Geschäftsmodell verkommen sei (unser Resümee). Daraufhin schlug ihr in den sozialen Medien ein derartiger Shitstorm entgegen, dass sie in einem zweiten Artikel den Rassismus aufs Korn nahm, dem eine Migrantin ausgesetzt ist, die nicht konform geht mit der linken Opferagenda (mehr hier). In der Welt benennt Don Alphonso einige Wortführer dieses Shitstorms, die oft in der Politik arbeiten. Dazu gehören Niema Movassat, Bundestagsabgeordneter von der Linkspartei, Charlotte Obermeier, Koordinatorin Social Media der Grünen-Bundesfraktion, die laut Don Alphonso schon eine Autorin des Westfalen-Blatts zu Fall gebracht haben soll, sowie zwei Personen, die ihre Funktion in ihren Twitterprofilen nicht so offensichtlich machen: Krsto Lazarevic, Pressesprecher des grünen Europaparlamentsabgeordneten Erik Marquardt, und eine gewisse Sarah, die tatsächlich Mitarbeiterin des Bundestagsabgeordneten der Linkspartei Stefan Liebich sei. Für Don Alphonso ist die "Botschaft offensichtlich: Wer vom gewünschten Meinungskorridor abweicht, wird von Politikern angegriffen, von bezahlten Mitarbeitern der Politik mal verdeckt, mal offen verleumdet, und die Pöbler im Netz besorgen den Rest. Es gibt momentan jede Menge Vorwürfe, die konstruiert werden, um Fatina Keilani und ihren Ruf zu zerstören: Natürlich ist das ein Angriff auf die Pressefreiheit, und bei Linken und Grünen hat man offensichtlich auch keine Hemmungen, das mit Leuten zu betreiben, die für den Bereich Presse und Social Media angestellt sind."

Außerdem: In der NZZ fürchtet Adrian Lobe die Smart City, in der wir bald alle leben sollen: "Eine kleine Clique von Programmierern definiert Probleme und Sollwerte: Tempolimit, Grenzwerte und anderes mehr. Was in den Modellen nicht als Problem auftaucht, ist schon gar nicht problemlösungsfähig, geschweige denn politisierungsfähig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.01.2021 - Gesellschaft

Vor einigen Tagen sind im Wald von Seevetal in einem Versteck einige Dokumente gegfunden wurden, die den Revolutionären Zellen zuzuordnen sind. Viel Hoffnung für eine weitere Aufklärung bisher ungeklärter Verbrechen des Linksterrorismus macht sich Anne Ameri-Siemens, Autorin des Buchs "Für die RAF war er das System, für mich der Vater" nicht. Sie fordert statt dessen viel mehr Druck auf jene, die bis heute beharrlich schweigen: "Der moralische Anspruch, Antworten zu geben, richtet sich natürlich auch an die Mitwisser und Unterstützer, von damals und heute. Denn wer schweigt, unterstützt jeden Tag aufs Neue. (...) Man kann nur erahnen, wie viel Kraft es kostet, mit den Fragen zu leben, wenn man unmittelbar davon betroffen ist, weil man einen Familienangehörigen durch die Verbrechen der RAF oder der RZ verloren hat, und wie schwer zu ertragen das Schweigen derer sein muss, die etwas sagen könnten, noch heute, wenn sie nur wollten."

Frauen in MINT-Berufen (also  Berufen aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sind nach wie vor eine Seltenheit, berichtet Achim Sawall bei golem.de und zitiert aus einer Expertise, dier der Gender-Forscher Yves Jeanrenaud für die Bundesregierung anfertigte: "Viele Frauen fürchten sich davor, von ihrer 'Weiblichkeit' einzubüßen, wenn sie sich auf dieses männlich besetzte Terrain vorwagen." Zwar steigen die Frauenanteile in MINT-Studiengängen und -berufen kontinuierlich an, so Sawall, "doch bleiben die Zahlen teils noch immer weit unter den Erwartungen. In den Technikfächern sieht es mit einem Frauenanteil von 26,3 Prozent weiter bescheiden aus. Das Schlusslicht ist hier die Informatik mit einem Anteil an weiblichen Studierenden von 22 Prozent."

Im Interview mit Zeit online erklärt der Kulturhistoriker Michael Butter, der viel über Verschwörungstheorien geforscht hat, warum er gegen eine Abschaltung von Verschwörungungstheoretikern in den sozialen Medien ist: "Ich glaube aber, dass man diesen Erzählungen etwas entgegensetzen kann: klare Kommunikation. Wir haben eine Chance, die Skeptiker zu erreichen. Gerade die, die gar nicht mal allen Impfungen gegenüber skeptisch sind, aber gegenüber dieser spezifischen. Ihre Sorgen sind vielleicht sogar nachvollziehbar, nur man kann sie entkräften. Anders ist es bei einem Verschwörungstheoretiker, der an ein großes Komplott der WHO oder des Merkel-Regimes glaubt: Den erreicht man sowieso nicht."

Seit der Duden Personenbezeichnungen gendert, reißt die Kritik nicht ab, berichtet Marcus Lorenz in der Welt. Tatsächlich sei mit dem Gendern viel Unsinn entstanden, doch gebe es einen einfachen Lösungsweg: "Das Online-Wörterbuch des Instituts für Deutsche Sprache geht ihn schon seit Jahren. Dort werden bei Lexemen wie Lehrer, Arzt usw. beide Wortbedeutungen angegeben: an erster Stelle die geschlechtsneutrale, an zweiter die männliche. Lehrer ist demnach eine 'Person, die  unterrichtet', und kann ebenso bedeuten 'männliche  Person, die unterrichtet'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2021 - Gesellschaft

Deutschland hat in der Regel keine überzeugenden Formen, seiner Toten zu gedenken. Bei größeren Ereignissen fassen sich ein Priester, ein Rabbi und ein Mufti bei der Hand. Auch in der jetzigen Pandemie wird im Grunde sehr diskret gestorben, die Toten sind Zahlen. Es brauche einen "zivilreligiösen Akt", wie ihn der Bundespräsident jetzt angekündigt hat, findet die Theologin Petra Bahr, Mitglied im Deutschen Ethikrat, im Gespräch  mit Tanja Tricarico von der taz: "Vor hundert Jahren, nach der letzten Pandemie, sind die Toten oft einfach aus dem Dorf- oder Familiengedächtnis verschwunden. Das droht nun auch. Gedenkorte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs gab es überall, auch in den Kirchen. Tafeln oder Erinnerungsorte für die Toten der Spanischen Grippe gibt es kaum. Eine Pandemie ist zwar kein nationales Unglück wie ein Terroranschlag oder ein entgleister ICE, aber trotzdem wäre so eine öffentliche Geste gut, nicht nur gegen das Vergessen der Toten, sondern auch als Mahnung an die Davongekommenen. Wie verletzlich wir doch sind, unsere Körper, unsere Freiheit, mitten in den Steuerungsfantasien und der Fortschritte in der Medizin."

Die Juristin Fatina Keilani hatte in einer Tagesspiegel-Kolumne recht kräftig auf das Geschäftsmodell einiger AntirassistInnen geschimpft, die ihren Opferstatus zu ihrem Unique Selling Point gemacht hätten und dabei Argumentationsstategien entwickelten, die ihr Gegenüber in einen permanenten Double bind versetzten. Heute schreibt sie über die wilden Reaktionen auf den Text auf Twitter: "Mir warfen sie nun vor, ich sei ein 'Token'. Überhaupt musste ich einige neue Vokabeln lernen. Ein 'Token' ist ein Migrant, der im Establishment angekommen ist. In meinem Weltbild ist das eine gute Sache, wenn Migranten in der Gesellschaft ankommen. In dem Weltbild meiner neuen Gegner jedoch nicht, ein Token hat sich nämlich sozusagen selbst versklavt, durch Überanpassung an die Unterdrücker, das ist natürlich schlecht. Aber was ist denn dann gut? Ausgegrenzt sein ist schlecht, aber drin sein - ist auch schlecht?"

In der NZZ denkt Hans Ulrich Gumbrecht etwas wehmütig an den Stierkampf, der bald Geschichte sein wird: "Wie kann man jene längst fremd gewordene Faszination historisch erklären? Wahrscheinlich war sie aus einer Konzentration auf den Tod als Teil der menschlichen Existenz entstanden, wie sie sich in der Philosophie seit Nietzsche angebahnt hatte und durch die Materialschlachten des Ersten Weltkriegs auch Teil der breiten Kultur geworden war. Boxen, Bergsteigen oder das Durchschwimmen des Ärmelkanals mit den jeweiligen Risiken zogen nach 1918 die Aufmerksamkeit von Millionen auf sich, als der Fußball noch kein Trendsport war - und die Feuerbestattung zu einem Hauptthema der öffentlichen Debatten wurde." In der Welt hat Gumbrecht ebenfalls einen Text: Nach der Amtseinführung Joe Bidens hofft er auf eine Normalisierung in der amerikanischen Politik.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2021 - Gesellschaft

Die Kulturwissenschaftlerin Naïla Chikhi erklärt bei hpd.de, warum gerade für muslimische Kinder ein übergreifender Ethikunterricht besser wäre als ein konfessionsgebundener Religionsunterricht: "Es ist nicht außer Acht zu lassen, dass viele Kinder mit Migrationshintergrund sowohl in der Ursprungsgesellschaft der Eltern als auch in der Aufnahmegesellschaft nicht als dazugehörig anerkannt werden. Die geistige Entfremdung, die mit einem konfessionsgebundenen Religionsunterricht einhergeht, würde meines Erachtens diese ethnische Trennung nur noch verschärfen. Denn in einem religionstrennenden Unterricht erfahren Kinder meistens nur eigene Glaubenssätze, Bräuche und Werte und nicht die ihrer MitschülerInnen. Dies hat nicht selten zur Folge, dass Unterschiede, Aus- und Abgrenzungen intensiviert werden."

Daniel Bleich nimmt bei den Ruhrbaronen die "Zerocovid"-Bewegung (Aufruf) unter die Lupe, die ein komplettes Einfrieren der Wirtschaft fordert, um die Infektionsrate auf null zu senken. Finanziert werden soll das durch eine Vermögensabgabe. Die Arbeitspflicht für Arbeitnehmer soll so lange aufgehoben werden, und die Produktion von Impfstoffen soll qua Dekret vorangebracht werden. "Es gehört zur Eigenart autoritärer, sozialistischer Allmachtsfantasien zu glauben, dass die Wirtschaft ein bösartiger Tumor ist, der die Gesellschaft zerfrisst, während man am iPhone über Twitter in einer warmen Wohnung die Weltrevolution plant." In der taz hatte Daniel Gerlach schon diese "halbtotalitäre Fantasie" kritisiert.

Viele Schriftsteller, Philosophen, Künstlerinnen, Theologen, Ärztinnen, Soziologen, Klimaaktivistinnen und Journalisten, haben den "Zerocovid"-Aufruf unterschrieben. Auf Sueddeutsche.de fragt sich Nikolaus Piper, ob sie den Text überhaupt gelesen haben: "Impfstoffe seien ein 'globales Gemeingut', heißt es da, sie sollten der 'privaten Profiterzielung' entzogen werden. In der Realität ist die Suche nach Corona-Impfstoffen und deren Verteilung von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt von Regierungen und Privatwirtschaft gewesen. Aber kein Unternehmen hätte dabei mitmachen können, wenn man ihm verboten hätte, Gewinne zu erzielen. Der Satz in dem Aufruf kann also nur so verstanden werden, dass man die Firmen enteignet, nachdem sie etwas erforscht haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.01.2021 - Gesellschaft

Nachdem vergangene Woche in Frankreich ein Buch erschien, in dem dem Juristen, einstigen Europa-Parlamentarier und France-Culture-Politkommentator Olivier Duhamel von dessen Stieftochter Camille Kouchner sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, hat nun auch eine Aussage von Alain Finkielkraut einen Shitstorm ausgelöst, berichtet Claudia Mäder in der NZZ: "Genau wie Duhamel war der 71-Jährige beim Fernsehsender LCI als regelmäßiger Kommentator tätig, und genau wie Duhamel hat er diesen Posten nun verloren. Während knapp zwanzig Minuten hat Finkielkraut mit einem Moderator über die Vorgänge rund um Kouchners Buch gesprochen. Nach einer Verurteilung von Duhamels 'unentschuldbarem' Vergehen ist er auf die Art und Weise eingegangen, in der sich Medien und Öffentlichkeit zu Richtern aufschwingen. Er hat sich gegen eine 'Lynchjustiz' ausgesprochen und darauf hingewiesen, dass die echte Justiz, jene in den Gerichtssälen, keine Generalurteile treffe, sondern jeden Fall in seinen Details prüfe - um das Verbrechen zu spezifizieren, müsse man zum Beispiel wissen, ob es eine Einwilligung ('consentement') gegeben habe oder nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2021 - Gesellschaft

Das Land Berlin - genauer die Integrationssenatorin Elke Breitenbach - will eine MigrantInnenquote im öffentlichen Dienst durchsetzen, berichtet Ralf Pauli in der taz. Auch diverse MathematikerInnen sollten dann allerdings unter den Eingestellten sein, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten! "Befürchtungen, es werde nicht nach Qualifikation ausgewählt, sondern nach Herkunft, wies Breitenbach zurück. 'Nur bei gleicher Qualifikation und Punktzahl wird am Ende der Mensch mit Migrationshintergrund bevorzugt - es sei denn, dem steht ein anderes Gesetz entgegen, etwa das Landesgleichstellungsgesetz', erklärte die Senatorin. Letzteres regelt die Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst. Bei gleicher Qualifikation würde demnach weiterhin eine 'biodeutsche' Frau vor einem migrantischen Mann eingestellt werden. Aber auch die 'biodeutschen' Männer 'müssen nun nicht heulen', so Breitenbach: 'Die letzten Hunderte Jahre waren immer sie es, die alle Stellen bekommen haben. Und auch bei 35 Prozent Quote bleibt noch viel für sie übrig.'" In einem Kommentar begrüßt Pauli die Idee. Antirassistische Organisationen machen allerdings darauf aufmerksam, dass in einer Migrantenquote noch keine "Menschen mit Rassismuserfahrung, etwa Schwarze Deutsche oder Sinti" berücksichtigt seien.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2021 - Gesellschaft

Die Coronakrise ist auch eine Krise der Öffentlichkeit und des öffentlichen Raums, fürchtet Adrian Lobe in der taz: "Die Soziologin Jane Jacob schreibt in ihrem Klassiker 'Tod und Leben großer amerikanischer Städte', dass Städte 'Generatoren von Vielfalt' seien. Büros, Fabriken, Schulen locken Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft an. Wenn diese Einrichtungen aber geschlossen sind, wenn die Kontaktfunktion der Gehwege, wie Jacobs es nennt, wegen des Lockdowns außer Kraft gesetzt ist, bleibt die Vielfalt auf der Strecke."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Gesellschaft

Im Tagesspiegel berichtet Hannes Soltau vom Kampf der Autorin Franziska Hauser mit der KSK (Künstlersozialkasse). Weil ihr während der Pandemie die Einnahmen wegbrachen, unterrichtet sie nebenbei Deutsch als Fremdsprache, mit der Folge, dass die KSK ihr kündigte, weil sie zuviel mit nicht-künstlerischer Tätigkeit verdiene: "Hatte Hauser zuletzt 230 Euro im Monat an die KSK überwiesen, sollte sie nun einen Betrag von 160 Euro an die Rentenversicherung entrichten und zusätzlich gut 220 Euro Krankenversicherung an eine Kasse ihrer Wahl. Das war die versprochene staatliche Unterstützung für notleidende Kreative? Im Gegenteil, sagt Hauser, so werde Eigeninitiative bestraft."

Die Theologieprofessorin Dorothea Wendebourg verkompliziert in der FAZ mit Blick aufs Englische noch mal die Debatte um Gendergerechtigkeit in der Sprache. Wörter wie "Politician" werden im Englischen von vornherein auf beide Geschlechter bezogen. Es gebe zwar für einige Berufe auch weibliche Formen wie "actress, waitress, senatress und andere neben actor, waiter, senator und so weiter. Aber solche Ableitungen werden kaum noch gebraucht, eine abgeleitete Separatform für Frauen wird als abwertend empfunden. So fragte mich eine englische Freundin einmal erstaunt, warum wir Angela Merkel denn als 'Kanzlerin' (chancelloress) bezeichneten, das sei doch herablassend, so als habe diese Frau nicht das eine, selbe hohe Amt inne wie ihre männlichen Vorgänger (immerhin amtiert sie im 'Kanzleramt', nicht im 'Kanzlerinnenamt')."