9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2772 Presseschau-Absätze - Seite 122 von 278

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2021 - Gesellschaft

In der taz erkennt Michael Brake analog zu den fünf Phasen der Trauer auch fünf Phasen der Corona-Bewältigung: "1. Daran wachsen wir als Gesellschaft! 2. Alle scheiße, außer mir! 3. Irgendwann ist es geschafft! 4. Das hört niemals auf! 5. Lalala, ich schaue Serien und tue so, als wäre nix passiert." Brake plädiert für mehr Gelassenheit gegenüber den Schwächen der anderen: "Seit Beginn der Pandemie sind Misstrauen und Missgunst, Beurteilung und Belehrung unsere selbstgerechten Begleiter. Wir blicken auf Nachbarn und Kneipengäste, beurteilen Instagram-Feeds, analysieren die Bevölkerungsdichte von Liegewiesen und Fußgängerzonen, und unsere Reaktionen oszillieren zwischen 'Wenn die das dürfen, will ich aber auch' und 'Schau, die reißen mit dem Arsch ein, was wir über Wochen aufgebaut haben'."
Stichwörter: Corona, Pandemien, Instagram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2021 - Gesellschaft

Danke, mir geht's gut, schreibt die Medizinstudentin Marisa Kurz, die vor zehn Tage eine Corona-Impfung mit dem Biontech-Impfstoff erhalten hat, bei den Salonkolumnisten: "Mir sind noch keine Spikes aus dem Kopf gewachsen. Die einzige Nebenwirkung, vor der ich Angst hatte, war eine allergische Reaktion. Diese Nebenwirkung ist nicht aufgetreten - und da bin ich nicht allein. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC hat ausgewertet, wie oft es nach den knapp 1,9 Millionen bisher in den USA verabreichten Biontech-Impfungen zu schweren allergischen Reaktionen gekommen ist. Die Antwort ist: 21 mal."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.01.2021 - Gesellschaft

In der NZZ untersucht der Soziologe Tilman Allert verschiedene Formen des Leugnens im Allgemeinen - und die Verschwörungstheoretiker im Besonderen: "Das Trauma, unter einer permanent erzwungenen Zwangskonformität gelebt zu haben, wie sie für die Diktatur des Nationalsozialismus sowie diejenige der DDR charakteristisch war, filtert das Verständnis der Gegenwart und verhindert eine angemessene Situationswahrnehmung. Die Tatsache etwa, dass die wegen der Corona-Pandemie derzeit geltenden Einschränkungen des täglichen Lebens vorübergehend und als solche vom Souverän, also dem Parlament, legitimiert sind, wird notorisch übersehen. Das setzt die Bereitschaft zu einer Art nachträglichem Ungehorsam frei, einer Geste, der sich auch und gerade die Generation anschließt, die die DDR, die 'Ungeheuerlichkeit eines historisch durch und durch kontaminierten Raumes' (Durs Grünbein) mittlerweile nur noch aus Erzählungen kennt - Sachsen wäre ein Beispiel, aber Sachsen gibt es anderswo auch."

Verfassungsschutz und Politik müssen mehr gegen Verschwörungstheoretiker tun, fordert Ibrahim Naber in der Welt: "Der Terrorismusforscher Peter R. Neumann warnt davor, dass Teile dieser Bewegung um QAnon in den kommenden Jahren zur größten terroristischen Bedrohung für die USA werden könnten. 'Eine größere Gefahr als der Dschihadismus', schreibt Neumann auf Twitter und führt mehrere Gründe für seine These an. Die Verschwörungsbewegung vereine mehr Menschen, mehr Waffen und kämpfe gleichzeitig gegen einen Gegner im eigenen Land. Das verstärke die Polarisierung. Zudem geht der Forscher davon aus, dass QAnon bereits Polizei und Militär infiltriert hat. Auch in Deutschland hat QAnon bereits Tausende Anhänger. Sie glauben an ein im Verborgenen agierendes Netzwerk an Pädophilen, das die Gesellschaft unterwandert und Kinder tötet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2021 - Gesellschaft

Mit der Intensivierung der Corona-Epidemie stellt sich die Frage der Triage wieder neu. Katja Gelinsky von der Adenauer-Stiftung sieht hier in der FAZ noch riesigen Diskussionsbedarf: "Während die Bundesärztekammer eine gesetzliche Triage-Regelung weder für sinnvoll noch für passend hält, weil individuell vor Ort entschieden werden müsse, würde die 'Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin' (DIVI) Vorgaben des Gesetzgebers begrüßen, da die derzeitige Rechtsunsicherheit für Ärzte unerträglich sei. Die Politik ist indes selbst unsicher und zerstritten, ob und wie der Bundestag einen rechtlichen Rahmen für Triage-Entscheidungen setzen könnte und sollte."

Die extreme Rechte hat mit dem Sturm aufs Kapitol auch in Deutschland Auftrieb erhalten, warnt David Begrich vom Magdeburger Verein Miteinander e. V. im Interview mit der SZ. Auch wenn der Sturm am Ende recht kläglich verebbte: "Von Bedeutung ist die Bild- und Begriffssprache selbst, die Fähigkeit, kurze ideologische Brühwürfel schnell reichweitenstark aufzulösen in eine schmackhafte Suppe. Es geht nicht darum, ideologische Traktate unter die Leute zu bringen, sondern mit Kurzbotschaften, Slogans und Bildern Ressentiments zu bestätigen, Emotionen zu schüren und ein Level der aufgeregten Euphorie zu halten. ... Diese Bilder werden auf Jahre hinaus in der extremen Rechten als Ikonen und Trophäen herumgereicht werden." (Aber auch die SZ garniert ihren Artikel damit)

In der Welt fordert Khulud Alharthi dazu auf, endlich die Genitalverstümmelung von Frauen weltweit zu unterbinden: "Der Weg zu einem gesellschaftlichen Bewusstsein für dieses Leid ist noch lang. Verschiedene internationale Organisationen kämpfen gegen Genitalverstümmelung. Doch es bedarf unseres gemeinsamen Einsatzes, damit diese Praxis der Vergangenheit angehört. Wir müssen jene unterstützen, die dagegen kämpfen und darüber sprechen. Genitalverstümmelung ist die Wirklichkeit von Millionen von Frauen weltweit. Wir sollten die Generation sein, die dem ein Ende setzt."

Auch in Berlin - die Stadt scheint hier mal wieder recht spät zu sein - müssen Katzen künftig kastriert sein und einen Chip tragen, wenn sie draußen unterwegs sein wollen. Heiko Werning fordert in der taz, dass sie zusätzlich zuhause eingesperrt werden: "Katzen wollen draußen nicht nur vögeln, sondern auch Vögel. Zudem Kleinsäuger, Reptilien und Amphibien. Die fangen sie sich, egal ob sie kastriert sind oder nicht. Natürlich gibt es viele Argumente, die die Katzen in Schutz nehmen. Was die Debatte vereinfacht: Sie sind alle Quatsch. 'Fressen und gefressen werden, so ist eben die Natur.' - Richtig, aber Hauskatzen sind ein Produkt des Menschen wie Synthetikwolle oder Kunstleder. Sie erreichen absurd hohe Populationsdichten, weil sie in ihrer Homebase gefüttert und tiermedizinisch betreut werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2021 - Gesellschaft

Der Ausdruck "Bananenrepublik", mit dem die jüngsten Ereignsse in Washington beschrieben wurden, ist rassistisch, er erwartet Demokratie nur von westlichen Ländern, schreibt Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram in der taz. Ursprünglich aber beschrieb er kritisch das Wirken des westlichen Imperialismus: "Die 1899 gegründete Firma United Fruit Company, die heutige Chiquita Brands International, erwarb im frühen 20. Jahrhundert in zahlreichen Ländern Mittelamerikas Land und kontrollierte das Transportsystem von Südfrüchten, vor allem von Bananen. Länder wie Honduras, Guatemala, Nicaragua, Panama und Costa Rica wurden abhängig von den Geldern und Netzwerken des Unternehmens. Sie firmierten daher als 'Bananenrepubliken'. Der Name war mehr ein mitleidiger Ausdruck für die Abhängigkeit von korrupten Unternehmenspraktiken als eine Beschreibung der jeweiligen politischen Kultur in diesen Ländern."

Einige Kirchenleute haben gestern in der FAZ vorgeschlagen, Suizidbeihilfe in eigenen Palliativeinrichtungen selbst zu übernehmen, um sie nicht der weltlichen Konkurrenz zu überlassen (unser Resümee). Christian Geyer ist bei der FAZ nicht mit von der Partie: "Kurzerhand wird hier ein kirchliches Monopol für regulierte Suizidbeihilfe nahegelegt und den weltlichen Mitbewerbern um Sterbewillige ein Schmuddelimage angehängt. Tatsächlich jedoch hat das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber eine Regulierung der Suizidhilfe für sämtliche Anbieter nahegelegt."

Keine Sorge, die Amerikaner sind zu alt für einen Bürgerkrieg, beruhigt in der Welt der Demograf Gunnar Heinsohn ängstliche Gemüter wie NYT-Kolumnist Thomas Friedman: "Ob es in einem Land ein Potenzial für Bürgerkriege oder bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen gibt, darüber kann unter anderem der Kriegsindex Auskunft geben, der die Zahl der jungen Männer im Lande mit denen der alten Männer vergleicht." Im Jemen etwa liege der "aktuell bei 5,4 und wird im Jahr 2030 immer noch 4,4 erreichen. Folgen heute auf 1000 ältere Männer (55 bis 59 Jahre) rund 5400 Jünglinge (15 bis 19 Jahre) am Beginn des Lebenskampfes, so werden es 2030 immer noch 4400 sein. Weil stetig mehr nachwachsen als umkommen, sprang Jemens Bevölkerung ungeachtet aller Verluste seit 1950 von gut fünf auf knapp 30 Millionen Einwohner. Der deutschsprachige Raum hat gegenwärtig einen Kriegsindex von 0,65 bis 0,77, was sich bis ins Jahr 2030 kaum ändern wird. Auf 1000 Alte folgen durchweg weniger als 800 Jünglinge." Und in Amerika sei der Kriegsindex zwischen 1970 und 2020 von 2 auf 1 abgesunken, in der Zeit des Bürgerkriegs habe er um die 6 betragen, meint Heinsohn.

Ein Arzt ist laut Duden neuerdings eine "männliche Person, die nach Medizinstudium und klinischer Ausbildung die staatliche Zulassung (Approbation) erhalten hat, Kranke zu behandeln (Berufsbezeichnung)". Patrick Bahners macht in der FAZ auf einige Paradoxa dieser neuen Gendergerechtigkeit aufmerksam: "Die Reform erfasst auch Wörter, die keine Berufe bezeichnen. 'Dieb': laut Duden 'männliche Person, die fremdes Eigentum heimlich entwendet'. Aber solange der Dieb nicht gefasst ist, kann man nicht wissen, ob er männlichen oder weiblichen Geschlechts ist - und für die Eigenschaft des Diebes kommt es darauf nicht an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2021 - Gesellschaft

Von Franziska Augstein, einst FAZ, dann SZ, hat man ewig nichts gehört. Nun scheint sie eine neue Kolumne bei Spiegel online zu haben und attackiert die bei Corona angeblich alarmistischen Medien: "Was für die Öffentlich-Rechtlichen gilt, trifft auch auf viele andere Medien zu: Angstmache war und ist Programm. Jene Fachmediziner, die nach Auffassung von Journalisten Covid-19 nicht ernst genug nahmen, bekamen gelegentlich ein wenig Raum, ihre Ansichten darzulegen. Aber prominent wurden jene vorgestellt, die über Covid-19 reden, als befänden wir uns im 14. Jahrhundert und es handele sich um die Pest."

Dem in der FAZ schreibenden Soziologen Wolfgang Streeck fehlt der Beitrag seiner Zunft zur Aufklärung über die Pandemie: "Am Geld kann es nicht liegen, dass wir nichts über die Sozialstruktur des 'Infektionsgeschehens' wissen. Geld gibt es seit Corona wie Sand am Meer, nichts ist mehr zu teuer. Warum wissen wir dann nicht, was wir wissen könnten, wenn wir die eine oder andere repräsentative Umfrage veranstalten würden, um herauszufinden, wie viele infiziert sind, wie viele davon es nicht wissen, wie die Infizierten sich von den Nichtinfizierten in Sozialprofil und Kontaktverhalten unterscheiden, wer die Risikogruppen sind und welches die Risiko-Orte?

Die Kirchen sollen sich dem Spruch des Bundesverfassungsgerichts zu Sterbehilfe anpassen und in ihren Palliativeinrichtungen (die ja auch in Konkurrenz zu anderen Anbietern stehen) selbst Angebote für assistierten Suizid machen, fordern die Theologen Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie auf der Gegenwart-Seite der FAZ: "Anstatt durch eine Verweigerung Suizidwillige dazu zu zwingen, sich auf die Suche nach - möglicherweise durchaus eigennützig und nicht im Interesse des Lebensschutzes handelnden - Organisationen zu machen, dürfte es sehr viel eher Ausdruck verantwortlichen Handelns sein, entsprechende Möglichkeiten durch besonders qualifizierte interdisziplinäre Teams in den Einrichtungen zuzulassen und dabei das familiäre Umfeld einzubeziehen."

Ludger Weß greift bei den Salonkolumnisten nochmal die Beiträge der Demeter-Zeitschriften und Websites zu Corona auf (unser Resümee), die bereits neulich zum Thema wurden. Und er konstatiert: Anthroposophie hat Macht in Deutschland: "Die von Steiner inspirierte Anthroposophie, die zum Wirtschaftsimperium von Demeter, Alnatura, DM, Dennree, tegut, Rapunzel, Wala-Arzneimittel, Voith und Mahle, zur GLS-Bank, der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, der Software AG Stiftung, den Waldorfschulen, der Universität Witten-Herdecke, zahllosen Lehrstühlen, Vereinen und Initiativen führte, hat in Deutschland mächtigen Einfluss - auf die Querdenker-Bewegung ebenso wie auf die Umweltbewegung, die Anti-Gentechnik-Bewegung (die ohne anthroposophische Unterstützung in Deutschland längst kollabiert wäre), auf Diskussionen über Landwirtschaft, die Alternativmedizin und die Anti-Impfbewegung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2021 - Gesellschaft

"Wie konnte es passieren, dass ein Buch geradezu klammheimlich vom Markt genommen wurde", fragt Jan Drees, Literaturredakteur des Deutschlandfunks. Kurz vor Weihnachten hatten sich die Verlage Hanser und dtv von Robert Greenes Buch "24 Gesetze der Verführung" distanziert und dies in einer kurzen Erklärung begründet (unser Resümee). Sie reagierten auf Druck feministischer Blogs, die sich diesen Ratgeber aus irgendwelchen Gründen vorgeknöpft hatten. Es ist ein Buch über Verführungsstrategien. Wer es vom Markt nimmt, sollte gleich auch die Werke verbieten, auf die es sich bezieht, meint Drees: "den 'Tristan' des Gottfried von Straßburg, Flauberts 'Madame Bovary', Stendhals 'Über die Liebe' - sie alle erzählen von verführerischen Mächten, und können zu psychischer Gewalt motivieren. Auf dem Klappentext des Buchs ist die Dialektik augenfällig durch diesen Hinweis: 'Ein Muss für alle, die Einfluss gewinnen oder sich vor falschen Verführern schützen wollen.'"
Stichwörter: Cancel Culture

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2021 - Gesellschaft

Die Wirtschaftsredakteurin der taz Ulrike Herrmann behauptet zwar immer mal wieder, dass es überhaupt kein Problem sei, Nöte der Wirtschaft wie akut etwa die Coronakrise mit immer neuen Schulden zu stopfen (Resümee). Nur leider muss die Wirtschaft dafür wachsen, und da ist der Idee einer nachhaltigeren Wirtschaft nicht gerade zuträglich. Im Leitartikel der taz gibt Herrmann zu, dass es für dieses Problem keine Lösung gibt: "Wachstum ist ein Dilemma. Am Wachstum hängen Arbeitsplätze, Investitionen, Gewinne, Renten, Schulden und Vermögen. Also alles. Gleichzeitig kann man in einer endlichen Welt aber nicht unendlich wachsen. Doch bisher hat niemand gezeigt, wie man aus dem Wachstum aussteigen kann, ohne dass es zum Crash käme."

Fast unbemerkt hat die Duden-Redaktion bereits im vergangenen Jahr begonnen, 12.000 Berufsbezeichnungen zu gendern, weiß Marcus Lorenz in der Welt. Das generische Maskulinum soll Stück für Stück getilgt werden. SprachwissenschaftlerInnen sind empört, auch Lorenz hält nichts davon: "Wenn der Duden der Welt schreibt, die Bedeutungsangaben würden auf 'redaktionellen Recherchen zum aktuellen Sprachgebrauch' basieren, muss man sich fragen, wo recherchiert wird. Und welche Schlussfolgerungen für die Bedeutungsangaben eines Wörterbuchs das zulässt. Die erdrückende Mehrheit der deutschsprachigen Medien verwendet bei Personenbezeichnungen fast immer das generische Maskulinum."

Auf einer ganzen Seite im FAZ-Feuilleton ärgert sich auch der Linguist Peter Eisenberg über anonyme Initiativen, die "geschlechterinklusive Schreibung" fordern, den Glottisschlag, den Genderstern - lediglich "ein sprachlicher Gesslerhut, mit dem signalisiert wird, dass sein Träger einer von den Proponenten vertretenen Geschlechterideologie folgt" und den Vorstoß der Duden-Redaktion: "Die Genderlinguistik verhält sich zu großen Teilen wie ein Schlosser, der seinen Hammer wegwirft und versucht, ihn durch einen Feldstein zu ersetzen. Damit kommt er nicht zurecht, so wie die Genderlinguistik viele untaugliche Versuche unternimmt, sich geschlechterneutral auszudrücken, obwohl wir das generische Maskulinum haben. Wenn etwa die Präsidentin der Universität Leipzig Anreden wie Herr Professorin einführt, etabliert sie nicht ein generisches Femininum, sondern ungrammatische Ausdrücke."

Im sauerländischen Olpe liegt der kleine Ort Neger im Negertal, unterteilt in Unterneger, Mittelneger und Oberneger. Nun ist eine kleine identitätspolitische Debatte entbrannt, es wird vorgeschlagen, den Ort in "Nager" umzubenennen, auch wenn der Ortsname kleinerlei rassistischen Kontext aufweist, wie Harry Nutt in der FR schreibt. Ihn ärgern die "gönnerhaften Einlassungen" von Sprachforschern und Vertretern der Initiative ISD, die keinen "Gedanken daran verschwenden, wie überfordert die Bewohner eines Dorfes sein müssen, wenn sie in derlei Kämpfe um symbolische Terraingewinne hineingezogen werden. (…) Indem die Dörfler ein Stück ihrer Identität hergeben, leisten sie einen Beitrag für eine höhere identitätspolitische Gerechtigkeit, die in den erstaunlichsten Gegenden ausgefochten werden kann und sich dem kaum mehr zu entziehen vermag.(...) Eine derart auf schnelle Triumphe zielende Identitätspolitik verkennt das eigene Dominanzgebaren, das in diesem Fall nicht über Autoritarismus und Gewalt verläuft, sondern auf Diskursmacht setzt."

In der SZ dreht sich Karl-Markus Gauss angesichts der Coronaleugner und Verschwörungstheoretiker, die sich als "Widerstandskämpfer" bezeichnen, der Magen um: "Was geht da vor, wenn sich junge Männer und Frauen, die frei von historischer Bildung sind, politische Mandatare einer Partei, die sonst gerne allerlei Zwangsmaßnahmen für missliebige Menschengruppen fordert, und honorable Bürger, die sich das Klassenvorrecht herausnehmen, zu tun, was dem Pöbel untersagt ist, in einem einig sind? Darin nämlich, dass sie tapfer für die Freiheit einstehen, während die anderen sich als willfährige Untertanen dem neuen Faschismus ergeben haben. Natürlich verharmlosen sie alle auf grässliche Weise den Nationalsozialismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2021 - Gesellschaft

Über das isolierte Sterben mit Covid-19 unter den Besuchsverboten spricht kaum jemand, meint die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr in der FR und fordert eine Diskussion darüber, "ob die Besuchsverbote mit unseren Auffassungen von unserem liberalen Rechtsstaat übereinstimmen. Mit den Besuchsverboten werden nämlich nicht nur Eingriffe in die Autonomie der Sterbenden und ihrer Angehörigen vorgenommen; es werden vor allem auch bedrängende Situationen des Sterbens gestiftet. Im schlimmsten Fall kann die Isolation die Betroffenen daran hindern, in Selbstrespekt zu sterben. Zu einem Sterben in Selbstrespekt gehört, den eigenen Tod zu sterben: die Akte und Formen des Sterbens auszuüben, um die es individuell hier und jetzt geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2021 - Gesellschaft

Die allerneuesten Zahlen sind laut Spiegel online mal wieder alarmierend, über 21.000 Neuinfektionen und über tausend Tote. Bund und Länder haben Verschärfungen des Lockdown beschlossen, doch die MinisterpräsidentInnen haben mal wieder gebremst, kritisiert Klaus Hillenbrand in der taz: "Wenn Ende Januar absehbar die Infiziertenzahl nicht so deutlich gesunken ist wie erhofft, wird nichts anderes übrig bleiben als eine Verlängerung und Verschärfung dieses verlängerten Kampfs gegen das Coronavirus. Dann hocken wir noch den ganzen Februar und vielleicht den März über in einem nicht enden wollenden Lockdown. Dann werden noch mehr Betriebe diese Durststrecke nicht länger durchhalten und aufgeben müssen, noch mehr Menschen ihren Job verlieren und noch mehr Staatsgelder verpulvert werden müssen. Und dann werden noch mehr Menschen an Covid-19 gestorben sein."

Hanna Vatter gehört zu den Herausgeberinnen des Sammelbands "Was kostet eine Frau? Eine Kritik der Prostitution". Im hpd.de-Gespräch mit Martin Bauer erklärt sie sie das "nordische Modell", das Prostitution verbietet und Freier bestraft  gegenüber dem deutschen Prostitutionsschutzgesetz bevorzugt. "Wenn das Verhalten der Frauen reguliert und kontrolliert wird, ist die transportierte Botschaft deutlich: Wenn ihr von Gewalt betroffen seid, liegt das nicht an strukturellem männlichem Missverhalten. Ihr Frauen in der Prostitution habt euch nicht richtig an unsere Maßnahmen gehalten. Sexkauf wird hier nicht als Problem einer patriarchalen Gesellschaft, sondern als individuelles, zum Teil tragisches - aber eben 'freiwillig' und damit selbstverschuldet gewähltes Schicksal definiert. Deshalb werden auch vorwiegend die Frauen reguliert."