9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2021 - Ideen

Die Autorin Judith Sevinç Basad, die allein schon für ihren halb gegenderten Titel "Schäm dich! Wie Ideologinnen und Ideologen bestimmen, was gut und böse ist" von links und recht angegriffen wird, betont im Welt-Interview mit Anne-Marie Goldmann, dass sie Foucault und Bourdieu wirklich für tolle Theoretiker hält. Aber die Abgehobenheit und der Dogmatismus der woken Linke geht ihr trotzdem gegen den Strich: "Den meisten Migranten helfen die Gendersternchen genauso wenig wie die Scham der Weißen, die irgendwelche privilegierten Rich Kids im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Schau stellen. Man sollte sich viel eher fragen: Wo liegen  die wahren Probleme? Warum werden zum Beispiel gut integrierte Flüchtlinge mit Ausbildungsvertrag immer noch einfach so über Nacht abgeschoben? Aber mit einem Milieu, das nichts mit Foucault und Bourdieu anfangen kann, will sich die Anti-Rassismus-Bewegung nicht wirklich auseinandersetzen. Realpolitik ist ihnen viel zu anstrengend. Leichter ist es, mit dem Finger auf den alten, weißen Mann zu zeigen und dafür viele Likes auf Twitter und Facebook abzuräumen. Es gibt also eine Diskrepanz zwischen realen Problemen und dem abgedrehten Diskurs, den wir momentan führen, der immer mehr ins Rassistische und Reaktionäre abdriftet."

Schnellschreiber Jan-Werner Müller mokiert sich in der NZZ über die Kritiker der Wokeness und wehleidige Liberale: "Es heißt, diese aufmüpfigen Minderheiten würden immer nur an Macht statt an die Wahrheit denken. Schon Foucault habe gepredigt, dass es gar keine Wahrheit gebe. Erstens hat Foucault gar nichts 'gepredigt'. Und zweitens ist an dem Gedanken, dass sich unsere Konzepte und Kategorien des Normalen und Abnormalen, des Gesunden und Kranken, mit der Zeit ändern, vielleicht etwas, na, wie könnte man sagen: Aufklärerisches?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2021 - Ideen

Nicht nur in Ungarn, sondern in ganz Europa "bahnt sich eine Krise der akademischen Freiheit an", schreibt Liviu Matei, Politikwissenschaftler und Kanzler der Central European University in Wien, im Tagesspiegel: Das liege auch daran, dass nie ein europäisches Konzept Konzept für akademische Freiheit entwickelt wurde. "Stattdessen wurde sie einfach vernachlässigt, und es mangelt sogar an Einigkeit darüber, was sie eigentlich bedeutet. So gibt es in der Hochschulpolitik oder an den Universitäten selbst weder eine gemeinsame Definition dieses Konzepts, noch eine Übereinkunft darüber, warum es benötigt wird."

Aus der Opferrolle müssen sich jene, die sie sich gern zuschreiben, eigentlich selber befreien, schreiben der Theologe Mouhanad Khorchide und der Soziologe Detlef Pollack in einem gemeinsamen FAZ-Text zu den Widersprüchen von Identitätspolitik: "Es ist keine Frage, dass es in unserer Gesellschaft Hass gegen Muslime gibt. Indem sich manche Muslime als nichts anderes denn als Opfer stilisieren, verdrängen sie jedoch die Diskriminierung, die von ihnen selbst ausgeht. Identitäre Kategorien lassen keinen Platz für Selbstkritik, denn schuld sind stets die anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2021 - Ideen

Thomas Schmid zerpflückt in der Zeit (online in seinem Blog) ein weiteres Mal die letzte Woche von Jürgen Zimmerer und Michael Rothberg vorgebrachte These, der Holocaust stehe in einer Linie mit den Kolonialverbrechen (unser Resümee): "Die Untaten des deutschen, des europäischen Kolonialismus rücken heute, wenn auch sehr spät, stärker ins öffentliche Bewusstsein als je zuvor. Das geschieht, weil die Völker Europas, in unterschiedlichem Ausmaß, allmählich bereit sind, sich auch mit den düsteren Kapiteln ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Und es geschieht auch, weil die jahrzehntelange Beschäftigung mit den NS-Verbrechen die Öffentlichkeiten in bisher ungekanntem Maß für historisches Unrecht sensibilisiert hat. Dieser Sensibilisierung hilft es nicht, gegen die historische Wahrheit eine direkte Linie vom Massenmord an den Herero und Nama zum Holocaust zu ziehen."

Ähnlich wie Zimmerer und Rothberg, die die Behauptung der Singularität des Holocaust irgendwie provinziell finden, legen auch die jüngst vielfach angegriffene Historikerin Hedwig Richter (unsere Resümees) und Zeit-Redakteur Bernd Ulrich in einem Zeit-Artikel dar, dass eine deutsche Schuldobsession den Blick auf die Geschichte verstelle: "Dass die These vom Sonderweg, von der schicksalhaften Anfälligkeit der Deutschen für die Barbarei und von einem unausweichlichen Weg vom Kaiserreich zum Nationalsozialismus wenig stimmig ist und in der Geschichtswissenschaft kaum noch vertreten wird, vermindert ihre Wirkmacht in Politik und Medien bislang nur unwesentlich. Denn die politisch und medial tonangebenden Generationen sind mit diesem Deutschland- und Weltbild groß geworden und haben es mit der Raison d'Etre der Bundesrepublik verkettet. Allein die Sonderweg-Erzählung schütze vor einer Relativierung des Holocausts, so der Kurzschluss, und bewahre daher vor einem Rückfall in den Faschismus."

Jürg Altwegg versucht in der FAZ, die Wirrnisse in der Diskussion um den Begriff des "Islamo-gauchisme" aufzuklären. Erfinder des Begriffs ist der Antisemitismusforscher Pierre-André Taguieff, der ihn etwa zur Zeit der UN-"Weltkonferenz gegen Rassismus" in Durban Anfang des Jahrtausends prägte, wo sich Linke und Islamisten gegen Israel zusammenfanden: "Taguieff definiert den 'Islamo-Gauchismus' als antikapitalistisch, antikolonialistisch und antizionistisch. Der Antisemitismus, den die extreme Rechte und die katholische Kirche verkörperten, wurde zum Merkmal der Linksradikalen und der Islamisten. Sie halten Taguieff 'Islamophobie' entgegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2021 - Ideen

Es ist keineswegs der Holocaust, der den Blick auf die Verbrechen des Kolonialismus versperrt, schreibt Ruhrbaron Stefan Laurin in Antwort auf einen Artikel von Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der Zeit (unser Resümee). Dass sie in Vergessenheit gerieten liegt eher daran, dass Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg keine Kolonialmacht mehr war. Und auch daran, dass die Kolonien in der Bevölkerung eher unpopulär gewesen waren: "Die Nachrichten aus den Kolonien sorgten immer wieder für Skandale, die im Reichstag von Abgeordneten von SPD und Zentrum angeprangert wurden. Kolonialisten wie Carl Peters, eine Mischung aus Gewaltverbrecher und Abenteurer, der seine afrikanische Geliebte wegen eines Seitensprungs erhängen ließ, wirkten auf weite Teile der Bevölkerung abstoßend. Trotz hoher Prämien war es schwer, Beamte für den Einsatz in den Kolonien zu finden. Es herrschte Bewerbermangel, wer auf seinen guten Ruf Wert legte, mied die Kolonien und strebte eine Karriere in Berlin an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.04.2021 - Ideen

Frauke Steffens porträtiert für die FAZ den Journalisten Charles Blow, der die Schwarzen Amerikas in seinem Buch "The Devil You Know" aufruft, massenhaft in die Südstaaten zu ziehen, um dort die Mehrheit zu bilden und so endlich die Diskriminierungsverhältnisse zu ändern. "Die Lösung der strukturellen Probleme bestehe nicht darin, sich zu deren Bedingungen gut mit den Weißen zu arrangieren. Ebenso gut könnten ja auch Weiße die Minderheit in manchen Orten bilden." Tatsächlich, so Steffens, gibt es einen demografischen Trend Richtung Süden.

Die Wirklichkeit, die Realität existiert, das konnte man in der Pandemie lernen, wenn man wollte, meint der italienische Philosophieprofessor Maurizio Ferraris in der NZZ. Und ihre Gesetze gelten auch für Coronaleugner oder Quantenphysiker: "Erstere können jederzeit behaupten, das Virus sei nichts anderes als ein politischer Schachzug, sie müssen allerdings - genauso wie jene, die das Virus als natürliches Phänomen betrachten - Vorkehrungen treffen, um nicht daran zu erkranken. Die Quantenphysiker können ihrerseits getrost behaupten, die Wirklichkeit an sich existiere nicht, weil sie auf rätselhaften, unsteten Objekten fuße. Sie wissen allerdings, dass diese ungreifbaren Objekte sehr wirkungsvoll sind, indem sie es beispielsweise erlauben, die Hochleistungsrechner zu erzeugen, ohne die ihre Disziplin nicht wesentlich relevanter wäre als jene der 'Anti-Masken-Philosophen'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.04.2021 - Ideen

Populismus arbeitet immer mit der Enttäuschung der Menschen, mit Verlusten, die sie spüren oder befürchten, sagt Anne Applebaum in einem langen Interview mit Peter Unfried in der taz. Aber in ihrem Buch "Die Verlockung des Autoritären. Warum antidemokratische Herrschaft so populär geworden ist" wolle sie sich eher die Eliten ansehen, die den Populismus in die Tat umsetzen: "Ich versuche zu zeigen, wie lächerlich und falsch die Idee ist, dass autoritärer Populismus das sogenannte wahre Volk repräsentiert gegen die sogenannten Eliten. Alle Leute, die für diese Bewegungen arbeiten, sind hochgebildet, bestens vernetzt und kommen oft von Elite-Universitäten. Wer hat die Kampagnen für Trump gemacht und die Propaganda erfunden? In den meisten Fällen hochgebildete Leute von der Ostküste. Wenn Sie sich die Propagandisten der PiS-Partei in Polen anschauen, ist es genau das gleiche. Das sind keine übersehenen armen Provinzmenschen, die beim Übergang aus dem Kommunismus vergessen wurden, das sind hochgebildete und alles andere als arme Leute. Es ist eine absurde Vorstellung, dass diese Leute die Vergessenen repräsentieren."

Ebenfalls in der taz ist jetzt aus dem Themenheft "Futurzwei" ein langes Gespräch mit Peter Sloterdijk freigeschaltet, in dem er seine Zeit als Sannyasin im Bhagwan Shree Rajneesh um 1980 als Übertritt von der einen in die andere Sekte beschreibt: "Damals gab es eine Phase, als bei uns die marxistisch codierten Rechthabe-Gefühle gegenüber dem Lauf der Welt am Verblassen waren, aber die Bereitschaft für eine alternative Wahrheit immer noch aktuell blieb, ob sie aus Indien kam oder von einem anderen Ende der Welt."

Thomas Wessel liest für die Ruhrbarone Michael Rothbergs Buch "Multidirektionale Erinnerung". Darin findet er viel Kritikwürdiges, aber auch starke Passagen, gerade über W.E.B Dubois, dessen Innehalten vor dem Denkmal des Warschauer Ghettos gewissermaßen der Inbegriff von Rothbergs Idee sei: Das Erkennen des eigenen Leids im Leid des anderen. Aber Rothberg blendet auch Entscheidendes aus, so Wessel: "Neun Jahre nach seinem Besuch des Warschauer Ghettos  -  das sind fünf Jahre nach Chruschtschows Enthüllungen über Stalins Untaten, fünf Jahre auch nach dem ungarischen Freiheitskampf, den wiederum Chruschtschow zusammenschießen ließ  -  trat Du Bois der kommunistischen Partei bei. Warum erwähnt Rothberg das alles nicht? Ist auch er, was er Du Bois attestiert, nicht 'gänzlich frei von Taktik und politischem Kalkül'? Will er die postkolonialen Linken, deren Diskurse auf Identität geeicht sind, nicht schon beim Einstandsbesuch überfordern?"

"Identitätspolitik ist nicht, wie es ein Gerücht will, ein anderer Name für den Kampf gegen die Unterdrückung marginalisierter gesellschaftlicher Gruppen. Vertreterinnen und Vertretern von Identitätspolitik geht es, im Gegenteil, um den - narzisstischen - Gewinn, den die Unterdrückung 'ihres' jeweiligen Kollektivs abwirft", schreibt der Psychoanalytiker Sama Maani im Standard. Er argumentiert mit dem afroamerikanischen Autor Adolph L. Reed: "Reed schreibt seit Jahrzehnten gegen den 'race reductionism' und jene Identitätspolitik an, die Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner unter Ausblendung der Klassenfrage als homogene Masse darstellt. Und deren Nutznießer, wie er schon 1979 für den Zeitraum zwischen den späten 1960ern und dem Ende der 1970er-Jahre nachweisen konnte, schwarze Eliten waren - und heute noch sind."

Außerdem: Im anderthalbseitigen Aufmacher des FAZ-Feuilletons erzählt der Historiker Frank Rexroth aus nicht ganz nachvollziehbarem Anlass die Entstehung des Individuums im Mittelalter am Beispiel des Mönchs Abaelard: "Die Erfahrung der menschlichen Zerrissenheit und die Theorie vom Individuum traten in der europäischen Geschichte in allernächster Nachbarschaft voneinander auf, Hand in Hand sozusagen, oder besser: wie siamesische Zwillinge. Zufall ist ausgeschlossen." In der NZZ erinnert Hans Ulrich Gumbrecht an Reinhart Koselleck, dessen Begriff "Hypokrisie der Aufklärung" viel zur heutigen Debatte beitragen könne, wenn er auch nicht sagt, was genau. Und Hannes Stein erklärt bei den Salonkolumnisten, was "Cancel Culture" alles nicht ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.04.2021 - Ideen

Eigentlich ist die Forderung nach "multidirektionaler Erinnerung" ein Gemeinplatz, findet in der taz Jan Feddersen, der unter anderem auf einen Artikel von Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der Zeit antwortet (unser Resümee). Denn das passiere ja längst, "das ist keineswegs ein Undergroundprojekt, ein Gros deutscher (und europäischer) Kulturinstitutionen widmet sich der Aufarbeitung kolonialer Politiken, das heißt: imperialer Verbrechen. Problematisch wird dies noble Ansinnen deshalb, weil es faktisch gegen die Kritik des Antisemitismus ausgespielt wird: Kolonialismus hat seine Wurzeln in damals wissenschaftsunterfütterten Versuchen, Afrika, Lateinamerika und Asien auszubeuten; Antisemitismus lebte als ideologische Wahnwelt immer von der Verteufelung der aufkommenden Moderne - ein Dämonisierungsprojekt durch und durch, unausrottbar, meist von rechts, sehr oft von links. Und was die von Rothberg so verfochtene 'multidirektionale Erinnerung' anbetrifft, eine, die nicht allein Jüdischem (nicht nur) in Deutschland gewidmet werden möge: Ja, das soll doch sein, gern und immer wieder - aber muss es, dieses hölzerne Wortgeschöpf namens 'multidirektionale Erinnerung', immer wieder sich gemein machen, Israel als Vorhof des Bösen zu markieren?"

Einige Teile der USA werden 2050 wegen der großen Trockenheit versunken sein, während nicht nur die Zukunft, sondern schon die Gegenwart in Asien liegt, prophezeit der indisch-amerikanische Politikwissenschaftler Parag Khanna im FR-Gespräch mit Michael Hesse: "Wir werden in den kommenden Jahren beobachten, wie sich die ökonomischen Bedingungen zwischen Asien und dem Rest noch deutlicher auseinander entwickeln werden. Asiatische Staaten werden im Vergleich zu anderen Regionen noch schneller wachsen. Politisch und ideologisch war es vor der Pandemie sehr schwierig, die Leute von den Argumenten meines Buches zu überzeugen, besonders, dass die asiatischen Demokratien die beste Regierungsform darstellen. Jetzt versteht es sich von selbst. Die ganze Welt hat es live erfahren, wie alle Staaten zur gleichen Zeit mit ein und derselben Krise umgehen. Und es hat sich objektiv gezeigt, dass das asiatische Modell den anderen überlegen ist."

Vor fünf Jahren hätte man das für einen Aprilscherz gehalten, heute ist man sich über gar nichts mehr sicher: "Ist der Erwerb einer Fremdsprache eine kulturelle Aneignung", fragt Uwe Rada in der taz: "Ja, meint Kevin Kühnert und entfacht in der SPD den nächsten Streit über Identitätspolitik. Unterstützung bekommt Kühnert von AfD und Grünen. Dagegen halten Wolfgang Thierse und die polnischen Versager."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2021 - Ideen

Man kann es nicht anders sagen: Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer aus der postkolonialen Ecke der modischen Linken werden nicht müde sich zu wiederholen (mehr hier und hier). Auch in einem gemeinsamen Text in der Zeit tun sie wieder so, als sei es eine speziell deutsche Marotte, an der Singularität des Holocaust festzuhalten, und als verböten ihre Diskursgegner Holocaustvergleiche. Wie immer klingen ihre Argumente weich wie Watte: "Wir verneinen keineswegs die singulären Elemente des Holocausts, allerdings glauben wir nicht, dass sie vergleichende Ansätze zur Geschichte und Erinnerung des Holocausts allgemein verhindern. Im Gegenteil: Vergleichende Perspektiven, die Ähnlichkeiten und Unterschiede herausarbeiten, bieten die besten Voraussetzungen dafür, zu verstehen, was am Holocaust singulär war. Und sie bieten somit die besten Chancen zur Prävention von Genoziden." Perlentaucher Thierry Chervel analysierte diese Diskursstrategie - "der Holocaust war sowohl singulär als auch nicht" - neulich als den Relativismus des "Sowohl als auch".

Im übrigen Teil ihres Artikels versuchen die beiden Autoren dann den Holocaust wie gehabt in einen größeren Kontext der Kolonialverbrechen einzubetten. Die eigentliche Antwort darauf gibt ebenfalls in der Zeit Joachim Gauck, der im Aufmacher des Feuilletons mahnt, den Rassismus - wahrlich ein großes Übel - nicht als Hauptwiderspruch der Geschichte zu beschwören. Denn es gibt eine Menge Ereignisse, so Gauck, die sich nicht in dieses Schema einordnen lassen. "Am nachhaltigsten wurde das Jahrhundert von den zwei Weltkriegen und den totalitären Herrschaftssystemen geprägt, für die die Namen von Hitler, Stalin und Mao Zedong stehen. Ich denke an viele, viele Millionen, die ihr Leben als Soldaten oder Zivilisten im Krieg verloren, an viele Millionen, die umgebracht wurden, weil sie der falschen 'Rasse' oder der falschen Ethnie oder Religion angehörten, die ins Gefängnis oder ins Lager kamen, wenn sie die falsche Meinung vertraten, die ermordet oder ausgehungert wurden, wenn sie der falschen Klasse angehörten, und die vertrieben wurden, weil sie für die Verbrechen ihrer Führer büßen sollten. Dutzende von Millionen haben in Gulags, Konzentrationslagern und in verbrecherischen Kriegen ihr Leben gelassen - in Europa und der Sowjetunion fast alles Weiße als Opfer weißer Gewaltherrscher."

Die Öffentlichkeit sollte nicht einfach die Behauptung nachbeten, die "Jerusalem Declaration on Antisemitism" (unsere Resümees)  sei von führenden Holocaustforschern verfasst worden, meint Matthias Küntzel im Perlentaucher: "Abgesehen von Michael Wildt hat kein einziger der renommierten Holocaustforscher die Erklärung unterschrieben - weder Yehuda Bauer, noch Peter Longerich, weder Saul Friedländer noch Christopher R. Browning, weder Ulrich Herbert noch Deborah Lipstadt. Von diversen Instituten, die den Antisemitismus weltweit untersuchen, sind nur zwei - das Berliner Zentrum und das Birbeck-Institut aus London - vertreten. Es ist weniger der spezifische Sachverstand, der die diversen Unterzeichner dieser Erklärung zusammenbringt, als vielmehr der politische Wille, den Israelhass vom Stigma des Antisemitismus zu befreien."

Außerdem: Klaus Walter untersucht in der taz die  "neue Rhetorik des Normalen", wie sie ihm - etwa bei Wolfgang Thierse - aus der Polemik gegen linke Identitätspolitik entgegenschlägt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.03.2021 - Ideen

Der Historiker Gil Shohat möchte in der taz zwischen postkolonialen Positionen und ihren Kritikern vermitteln (sieht die doktrinäre Versteifung allerdings nur auf der Seite der Kritiker): "Gebietet die ambivalente historische Realität es nicht, dass wir uns auch im erinnerungspolitischen Kontext über Kontinuitäten und Brüche von Holocaust, Antisemitismus, Kolonialismus und Rassismus wenigstens Gedanken machen, uns die (mal besseren, mal schlechteren) Argumente für eine stärkere Verschränkung anhören, ohne gleich auf der Absolutheit der eigenen Position zu beharren?"

Hurra, nun haben wir eine dritte Option. Wir können antisemitisch, nicht antisemitisch, und - neu! - nicht "per se" antisemitisch sein. So will es die von einem Kreis von Kulturrelativisten lancierte "Jerusalemer Erklärung" zum Antisemitismus, die den Ehrgeiz hat, die Definition der International Holocaust Remembrance Association (IHRA) zu erstzen. Dabei geht es ihr besonders darum, etwa die BDS-Bewegung als  nicht "per se" antisemitisch gelten zu lassen. Aber was nicht "per se" antisemitisch ist, ist es eben meistens doch, schreibt Alan Posener in der Welt: "Die Unterzeichnenden finden Bezeichnungen Israels als 'Siedlerkolonialismus' oder 'Apartheid' nicht 'per se' antisemitisch. Dabei dienen solche Bezeichnungen der Delegitimierung und Dämonisierung des jüdischen Staates. Die Welt begrüßte die Beseitigung der Apartheid-Siedlerregimes in Südafrika und Rhodesien, heute Simbabwe. Indem Israel völlig unhistorisch mit diesen Überresten des europäischen Kolonialismus gleichgesetzt wird, soll seine gewaltsame Beseitigung moralisch gerechtfertigt werden. Was ist das, wenn nicht antisemitisch?"

Auch Weiße können Opfer von Rassismus sein, schreibt Erica Zingher in der taz und verweist auf die ungute deutsche Tradition von antislawischen Ressentiments. Sie zitiert dazu etwa den Historiker Hans-Christian Petersen: "Diese deutsche Tradition findet ihren Ausdruck in dem Begriff des 'deutschen Ostens'. Der wird damals als ein zur freien Verfügung stehender Raum imaginiert, ein 'im Grunde kulturell leerer Raum, den man komplett neu aufbauen und mit der eigenen Kultur und Höherwertigkeit füllen könnte', sagt Petersen. Seinen negativen Höhepunkt findet das später unter den Nationalsozialisten und dem im kollektiven Wissen kaum verankerten 'Generalplan Ost'.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.03.2021 - Ideen

200 Universitätsleute, darunter Aleida Assmann oder Wolfgang Benz, aber auch viele jüdische und israelische Autoren haben eine "Jerusalem Declaration" zur Definition des Antisemitismus vorgelegt, deren Zweck es ist, Israel-Boykott nicht "per se" als antisemitisch gelten zu lassen - und also zuzulassen (unser Resümee). Die Deklaration schließt an die Mbembe-Debatte in Deutschland und ein Papier von Kulturintendanten, die den Israelboykott verteidigen, an (mehr dazu hier). In der taz verteidigt Hanno Loewy, selbst Unterzeichner, das Papier: "Nein, es geht beim Streit um BDS in Wirklichkeit überhaupt nicht um BDS, es geht darum, ob man eine andere Verfasstheit Israels fordern darf und ob Juden über ihr Leben in der Diaspora selbstbestimmt entscheiden dürfen oder nicht."

In der SZ erklärt Felix Stephan, warum die Antisemitismus-Definition so umstritten ist: Rechte Revisionisten versuchten seit Jahren den Holocaust zu relativieren und "die Vorstellung durchzusetzen, dass Genozide nun einmal etwas seien, was in der Geschichte hier und da vorkomme, und es sich bei der intensiven deutschen Beschäftigung mit dem Holocaust folglich nur um einen 'Schuldkult' handeln könne, eine von den Alliierten - und damit nicht zuletzt: den Juden - installierte Ideologie zur Entmannung des deutschen Volkes. ... In diesem Sinne ist es nicht ohne Ironie, dass die deutschen Revisionisten nun einen deutungsstarken Verbündeten ausgerechnet in der internationalen, linken, postkolonialen, akademischen Klasse gefunden haben. Ihr Vorwurf lautet, dass die deutsche Erinnerungspolitik heute einer Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte im Wege steht."

Im Interview mit Zeit online hält Michael Rothberg, Autor des bei diesem Thema viel zitierten Buches "Multidirektionale Erinnerung", das nicht wirklich für ein Problem. Man müsse einfach nur genau hingucken, warum jemand vergleicht: "Das Problem mit Nolte und den anderen konservativen Intellektuellen der Achtzigerjahre bestand nicht einfach darin, dass sie den Holocaust verglichen, sondern wie und warum sie ihn verglichen. Anders gesagt: Wir brauchen eine Ethik des Vergleichens in solchen Fällen: um sehen zu können, wann ein Vergleich im Namen der Solidarität zwischen verschiedenen Opfergruppen durchgeführt wird und wann er dem ausdrücklichen Zweck der Entlastung dienen soll, wie es bei Nolte der Fall war. Wir müssen Vergleiche vergleichen!" Führt das am Ende nicht darauf hinaus, dass der ethische Vergleich des einen zum Entlastungsvorwurf bei einem anderen wird? Kurz: die Ethik hängt dann ganz davon ab, wer spricht?

Außerdem: Ebenfalls in der taz verteidigt die Linguistin Lann Hornscheidt ihre neue Vorschläge zum Gendern. Und Katja Gelinsky beleuchtet in der FAZ den Streit um Freiheit und Gleichheit in der Corona-Pandemie.