Der
Charlie-Hebdo-Prozess offenbart auch einen bitteren Streit in der
französischen Linken, berichtet Jürg Altwegg in der
FAZ unter Bezug auf den
Charlie-Anwalt Richard Malka: "
Edwy Plenel, der Gründer der Online-Zeitung
Mediapart und frühere Chefredakteur von
Le Monde, wird der geistigen Mitverantwortung bezichtigt. Und die Schriftstellerin
Virginie Despentes zitiert. Sie hatte eine
Liebeserklärung an die Terroristen veröffentlicht und ihren 'Mut' gelobt: 'Lieber als geduckt leben wollten sie aufrecht sterben.' Richard Malka spricht vom großen 'Verrat der Linken': 'Solange es gegen die
bourgeoisen Katholiken ging, unterstützte sie
Charlie Hebdo. Heute inszeniert sie ihren Gesinnungsterror und schreit nach Zensur.'"
Charlie Hebdo veröffentlicht unterdessen einen
Aufruf zur Meinungsfreiheit, der von vielen wichtigen französischen Medien unterzeichnet ist und sich auf die
Erklärung der Menschenrechte von 1789 bezieht: "Es ist das gesamte Rechtsgebäude, das über mehr als zwei Jahrhunderte zum Schutz Ihrer Meinungsfreiheit entwickelt wurde, das angegriffen wird wie nie zuvor in den letzten fünfundsiebzig Jahren. Und diesmal durch
neue totalitäre Ideologien, die manchmal behaupten, von religiösen Texten inspiriert zu sein. Natürlich erwarten wir von den staatlichen Behörden, dass sie die notwendigen polizeilichen Mittel einsetzen, um die Verteidigung dieser Freiheiten zu gewährleisten und Staaten, die gegen die Verträge verstoßen, die Ihre Rechte garantieren, scharf verurteilen. Aber wir befürchten, dass die
berechtigte Angst vor dem Tod ihren Zugriff ausdehnt und die letzten freien Geister unaufhaltsam ersticken wird."
Yannick Haenel
erzählt in seinem fortlaufenden Bericht vom 15. Tag des
Charlie-Prozesses. Es geht um die vier Morde im "
Hyper cacher". Viele Überlebende seien nach Israel emigriert und wollten bei dem Prozess nicht aussagen. Einige tun es doch. Amedy Coulibaly hatte in dem koscheren Supermarkt in 15 Minuten einen Menschen angeschossen, dann drei Menschen erschossen, bevor er zum Angeschossenen zurückging, um auch ihn zu töten. Unter anderem sagt die Frau des ersten Opfers aus: "Der erste,
Philippe Braham, wird hingerichtet, nachdem Coulibaly ihn nach seinem Namen gefragt hat und er darauf befunden hat, dass dieser Name jüdisch ist. Seine
Ehefrau Valérie ist in den Zeugenstand gekommen, weil 'ich das Bedürfnis empfinde, über meinen Mann zu sprechen'. Sie erzählt, dass sie ihrem Mann eine Einkaufsliste für den bevorstehenden Sabbat gegeben hatte. Er ist schon am Donnerstag einkaufen gegangen, hat aber nicht alle Artikel gekauft. Sie hat 'mit ihm geschimpft', sagt sie in einem schrecklichen Ton der Schuld, und am folgenden Tag 'ist der Arme
nochmal zurückgegangen, um mich nicht in Verlegenheit zu bringen'."