Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

3682 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 369

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2025 - Literatur

Die Journalistin und Romanistin Sigrid Brinkmann verweist in tachles.ch auf die antisemitischen Aspekte der Inhaftierung Boualem Sansals durch das algerische Regime. Sansal wurde es in Algerien sehr übel genommen, dass er nach Israel gereist war und sich dort mit Schriftstellern wie David Grossman traf, die das Gespräch mit palästinensischen Intellektuellen suchten. Sansal hat auch in seinem Roman "Das Dorf des Deutschen" von 2008 auf jene islamistisch-faschistischen Kontinuitäten hingewiesen, die bis heute mit aller Kraf verdrängt werden. "Bei den Recherchen für seinen Roman fand er heraus, dass muslimisch-arabische Bataillone an der Seite der Nationalsozialisten gekämpft hatten und sich auch nach der Kapitulation Deutschlands keinesfalls von der menschenverachtenden, rassistischen Ideologie lossagten. Das mit der Ausschleusung ehemaliger SS-Angehöriger aus Europa beauftragte Fluchthilfe-Netzwerk Odessa wurde, so Sansal, nicht nur von Südamerikanern, sondern auch von Ägyptern und Syrern kontaktiert, die Führungskader zum Aufbau ihrer Armeen brauchten. Radikaler Islamismus und Nationalsozialismus bilden für Sansal auch in der Gegenwart ein Brüderpaar."

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"Dieser Roman ist ein Abschied", sagt Marlene Streeruwitz über ihren New-York-Roman "Auflösungen" in einem ziemlich epischen Standard-Gespräch gegenüber Mia Eidlhuber. Denn das nur noch zu bizarren Preisen bewohnbare New York ist nicht mehr, was es war. Das Buch "beschreibt, wie Manhattan als Zuhause nicht mehr funktioniert. Auch für mich nicht mehr. Ich habe ich mich immer für die Zukunft interessiert - und die hat selten in Wien stattgefunden. Seit den Siebzigern war New York für mich die schönere Welt der Kultur als Wien. Wien war immer ausschließender, in New York war es egalitärer." Auch eine spezifische New Yorker Flanierkultur ist abhanden gekommen: "Das viele Gehen, das immer wieder Stillhalten und das viele Überlegen. Aber dieser Genius Loci, der ist jetzt zerstört.  ... Früher war das mitreißende Energie auf der Straße, aber die gibt es nicht mehr. Es ist nicht mehr das New York, das mich inspiriert hat. Und deshalb die Frank-O'Hara-Zitate. Die kommen aus dem Aufbruch in den Sechzigerjahren in New York, und es ist dieses kulturell führende New York, das nun in einen Immobilienstandort der Superklasse verwandelt ist."

Weitere Artikel: Der Standard dokumentiert die Rede, mit der der Büchnerpreisträger Oswald Egger am 3. Juni das in Wien stattfindende Internationale Poesiefestival Erich Fried eröffnen wird. Roman Bucheli erinnert in der NZZ (online vom Samstag nachgereicht) daran, wie Thomas Mann sich 1936 - eben in der NZZ - öffentlich gegen die Nazis bekannte. Außerdem durchleuchtet Mann-Forscher Dieter Borchmeyer in der NZZ (ebenfalls online nachgereicht) Manns "Doktor Faustus". Roger Abrahams erinnert in den "Actionszenen der Weltliteratur" an eine Nacht, die nicht im Sinne Casanovas verlief. NZZ und Welt präsentieren ihre besten Sachbücher des Monats, der Standard gibt Sachbuch-Tipps.

Besprochen werden unter anderem Rie Qudans japanischer Science-Fiction-Roman "Tokyo Sympathy Tower" (NZZ), Sebastian Haffners "Abschied" (FR), Raoul Schrotts "Atlas der Sternenbilder" (FR), Robert Macfarlanes Essay "Sind Flüsse Lebewesen?" (Welt), Daniel Clowes' Comic "Monica" (Jungle World), Martin Suters "Wut und Liebe" (Standard), Tor Ulvens "Grabbeigaben" (NZZ) und neue Kriminalromane, darunter Joe Thomas' "White Riot" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2025 - Literatur

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Sebastian Haffners Sohn Oliver Pretzel hat zur Freude der Feuilletons den bereits 1932 entstandenen (und von Hilmar Klute in der SZ und Andreas Kilb in der FAZ besprochenen) Roman "Abschied" zur Veröffentlichung freigegeben. Anders als seine postum veröffentlichte und eher düstere "Geschichte eines Deutschen", für die der Autor heute berühmt ist, handelt es sich um einen autobiografisch grundierten Liebesroman in der Pariser Bohème der Dreißiger, den Pretzel nach den vagen Angaben seines Vaters erst angestrengt suchen musste, bis er das Manuskript tatsächlich auftat. Von der Romanze erzählt hat ihm der Vater zwar nicht, sagt Pretzel im SZ-Gespräch, "aber nach dem Krieg, als wir zusammen eine der ersten Reisen nach Paris machten, hat uns mein Vater lauter Orte gezeigt, die in dem Buch vorkommen. Dieses Paris, das da beschrieben wird, war noch zu sehen, die Straßenbahnen, die kleinen Hotels, die eher unkomfortabel, aber freundlich waren. Aber er hat nicht von seinen Erlebnissen erzählt. ... Ich bin sicher, dass er im Frühjahr 1932 zwei Wochen in Paris verbracht hat. Ich kann nicht garantieren, dass jede Episode, die er beschreibt, so stattgefunden hat und er nicht eine gewisse romanhafte Lizenz walten ließ. Aber da ist eine historische Grundlage, und die Personen gab es." Haffners Biograf Jürgen Peter Schmied ist sich in der FAZ sehr sicher, dass dies der Roman werden sollte, mit dem Haffner, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Raimund Pretzel, literarisch reüssieren wollte, was sich dann aber - nicht zuletzt aufgrund der Katastrophe des Nationalsozialismus und da Haffner bereits journalistisch Fuß gefasst hatte - zerschlug.

Julia Hubernagel ist für die taz auf den Philippinen gereist, um sich dort in der Literaturszene umzusehen - in Vorbereitung auf den Herbst, wenn die Philippinen Gastland der Frankfurter Buchmesse sind. Erlebt hat sie ein Land, dessen tausende Inseln insbesondere mit Blick auf den Klimawandel vor gewaltigen Herausforderungen stehen - was der Climate Fiction, "im westlichen Literaturraum immer noch eher randständiges Phänomen", Zulauf beschert. Im übrigen regt sich auch Kritik am Ausflug nach Frankfurt:  Der Schriftsteller Peter Solis Nery etwa engagiert sich dafür, "das marode Bildungssystem zu verbessern. 'Wir müssen vor allem etwas gegen das Analphabetentum tun', so Nery. Dass die Einladung nach Frankfurt an der Situation im Land etwas ändert, glaubt er nicht. Hier biete sich bloß die Gelegenheit, die Philippinen im Ausland gut aussehen zu lassen, meint er. Bevor größere Summen in die Hand genommen werden, um Übersetzungen von philippinischen Autor:innen zu fördern, sei es erst mal wichtig, sicherzustellen, dass alle Schulen auf den Philippinen überhaupt über Bücher verfügen würden."

Mit sanftem Spott nimmt der frühere Verleger Jörg Bong in der SZ zur Kenntnis, dass die AfD und ihre Lakaien die Lektüre deutscher Klassiker nicht nur, aber besonders an den Schulen einfordern, während doch die allermeisten und zumal die namhaftesten Autoren der deutschen Klassik von Ideen einer deutschen Nation rundheraus wenig, von einer europäischen Einheit hingegen aber sehr viel hielten: "Also ja! Lasst uns die deutschen Klassiker wieder lesen, alle - in den Schulen, Universitäten, überall, auch in den Parlamenten! Verwirklichte sich etwas von dem Geist Goethes, Schillers, Herders und Heines, gäbe es - oh wunderbare Ironie der AfD-Forderung - die AfD nicht mehr."

Weitere Artikel: Für die FAS spricht Tobias Rüther mit der Germanistin Veronika Fuechtner über Thomas Mann, die Mann wegen seiner brasilianischen Mutter als "Schriftsteller mit Migrationshintergrund" verstanden wissen will. Najem Wali vom PEN Deutschland spricht mit der taz über Boualem Sansal, der nunmehr seit über einem halben Jahr von Algerien eingekerkert ist. Ueli Bernays arbeitet sich für die NZZ durch die migrantisch geprägte Popliteratur der letzten Jahre, die er einerseits für ihren Erfolg beglückwunscht, wobei er ihr andererseits auch "antideutsche Ressentiments und literarische Karikaturen" vorhält. Jens Ulrich Eckhard erzählt in der Welt, wie der DDR-Schriftsteller Reinhardt O. Hahn, eigentlich selbst ein Stasi-Opfer, aufgrund einer überaus saumseligen Presseauswertung jahrzehntelang und ohne sein Wissen als Stasi-Täter ausgewiesen wurde. Sepinud Poorghadiri porträtiert für den Tages-Anzeiger die Schriftstellerin Laura Leupi, die mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wird. Richard Kämmerlings hat sich für die WamS mit dem Science-Fiction-Schriftsteller Nils Westerboer getroffen. In "Bilder und Zeiten" der FAZ imaginiert sich die Autorin Johanna Dombois ein Gespräch zwischen Philippe Jaccottet und Christoph Meckel. Und die "Lange Nacht" im Dlf Kultur widmet sich Thomas Manns BBC-Reden.

Besprochen werden unter anderem Birgit Weyhes Comic "Schweigen" (Tsp), Till Raethers "Disko" (taz), Lothar Müllers "Spinnen" (Tsp), neue Comics aus Finnland und Japan (taz), Adelheid Duvanels Briefsammlung "Nah bei Dir" (Intellectures), Barbi Markovićs "Stehlen Schimpfen Spielen" (FAZ) und Robert Macfarlanes Essay "Sind Flüsse Lebewesen" (WamS). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Nadja Küchenmeister über Tom Schulz' "Niemand ist vor dem anderen gestorben":

"Niemand ist vor dem anderen gestorben. Alle haben gelebt.
Die Blumen gegossen, die Scheine in den Tiefkühler gelegt ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2025 - Literatur

Ngũgĩ wa Thiong'o, 2012 bei einem Besuch im Literaturhaus München (Bild: Wikipedia, CC 1.0)

Die Feuilletons trauern um den kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o, dessen beeindruckendes Leben von Kenia bis zu einer Professur in Yale reicht, in dessen Leben und Schaffen sich die politischen Emanzipationen und Tragödien des afrikanischen Kontinents im zwanzigsten Jahrhundert abzeichnen. Sein Meisterwerk ist der 2006 erschienene Roman "Der Herr der Krähen", in dem Ngũgĩ seine Exilierungserfahrung verarbeitet, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. "Wer wissen will, wie eine genuin afrikanische Erzählweise klingt, die zugleich mit allen Wassern der literarischen Moderne gewaschen ist und über einen Witz verfügt, wie ihn nur die größten Satiriker aufweisen (Jonathan Swift ist das unerklärte Vorbild), der lese dieses Buch." Ngũgĩ galt lange als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. "Doch als 2021 der um zehn Jahre jüngere Abdulrazak Gurnah aus dem Nachbarstaat Tansania ausgezeichnet wurde, war klar: Ngũgĩ, damals schon 83 Jahre alt, würde den Nobelpreis nicht mehr bekommen. Er kam ja nicht aus einer der klassischen Literaturnationen der nördlichen Hemisphäre, die albernerweise als voneinander kulturell unabhängige Entitäten betrachtet werden und deshalb munter nacheinander Literaturnobelpreise einheimsen."

Auch Michael Bitala kommt in der SZ auf diesen Roman zu sprechen, der Ngũgĩs "internationalen Ruhm" maßgeblich begründet: "Im Zentrum von "Herr der Krähen" stehen die fiktive afrikanische Republik Aburiria und ihr despotischer Diktator, der immer nur 'Herrscher' genannt wird. Selbst der Vergleich mit Gott beleidigt ihn. Natürlich ist der kenianische Autokrat Moi das Vorbild. Aber nirgendwo in diesem Roman gibt es verbitterte Anklagen, nirgendwo blanke Wut über all das Unrecht und die Schamlosigkeit der Herrschenden. Nein, das Buch ist voller beißendem Spott über die Lächerlichkeit der Mächtigen." Ein Nachruf im Spiegel erinnert daran, dass Moi Ngũgĩ ins Gefängnis werfen ließ und ihn schikanierte, bis er 1982 in die USA emigrierte, wo er auch starb.

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Ngugi wa Thiong'o stand "für einen radikalen Begriff von Emanzipation, der weit über Unabhängigkeit hinausgeht", hält Dominic Johnson in der taz fest. "Der Kenianer forderte eine 'Dekolonisierung des Denkens', wie auch eine berühmte Aufsatzsammlung von ihm heißt. Für wahre Freiheit müssten Afrikaner sich von kolonialen Sprachen und kolonialer Leitkultur lösen, deren Überlegenheit ihnen nicht nur während der Kolonialzeit, sondern auch danach von klein auf eingeimpft werde." Sein Übersetzer Thomas Brückner erinnert in der NZZ an das Theaterstück, das Ngũgĩ wa Thiong'o 1977 über die Lage im unabhängigen Kenia schrieb. Und hier eine Leseprobe aus seinem Memoir "Träume in Zeiten des Krieges". Die Romane gibts derzeit auf Deutsch nur antiquarisch. Warum können Verlage hierzuland solche Bücher nicht wenigstens als E-Book vorrätig halten?

Weitere Artikel: Susanna Bastaroli spricht für die Presse mit der italienischen Schriftstellerin Dacia Maraini, Sylvia Staude in der FR mit dem britischen Nature-Writer Robert Macfarlane. Paul Ingendaay (FAZ) und Paul Jandl (NZZ) gratulieren dem Lyriker Colm Tóibín zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Sulaiman Addonias "Die Sehenden" (Perlentaucher), Marlene Streeruwitz' "Auflösungen" (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (Freitag, Standard), Jonathan Lethems "Der Fall Brooklyn" (online nachgereicht aus der FAS), Nick Harkaways Thriller "Smiley", mit dem John le Carrés Sohn die berühmte Thrillerserie seines Vaters um den Agenten George Smiley fortsetzt (Freitag), Ursel Brauns "Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel" (NZZ), Katharina Greves Web-Comic "Mutter und Tochter" (FAZ.net), die Susan-Sontag-Ausstellung im Literaturhaus München (FAZ) und Cordt Schnibbens "Lila Eule" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.05.2025 - Literatur

Gregor Dotzauer berichtet im Tagesspiegel von der Buchmesse in Abu Dhabi, wo Haruki Murakami "als kulturelle Persönlichkeit des Jahrzehnts ausgezeichnet wurde". Besprochen werden unter anderem Patrik Bangas "Zigeuner lügen" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Katia Mann (FAZ), Cordt Schnibbens "Lila Eule" (Zeit) und Svealena Kutschkes "Gespensterfische" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Stichwörter: Mann, Thomas

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2025 - Literatur

Gaby Coldewey führt in der taz durch die nicht sonderlich rühmliche Geschichte der Übersetzungen ukrainischer Literatur ins Deutsche. Insbesondere Elisabeth Kottmeier und Anna-Halja Horbatsch erlebten jahrelang ein "absolutes Desinteresse der literarischen deutschen Öffentlichkeit", erzählt sie. "Oft können oder wollen auch gebildete Chefredakteure den Unterschied zwischen russischer und ukrainischer Sprache und Dichtung nicht verstehen. Der Kalte Krieg einerseits und der Einfluss der Sowjetunion auf die deutschen Linken tun ein Übriges", zitiert Coldewey Petra Köhlers Eintrag zu Elisabeth Kottmeier im Germersheimer Übersetzerlexikon. "Doch trotz des großen Krieges, den Russland seit Februar 2022 gegen die Ukraine führt, ist für die meisten großen deutschen Verlage ukrainische Literatur noch immer ein weißer Fleck im Programm. Oder, wie es die Schriftstellerin Oksana Sabuschko schreibt: 'Es dreht sich immer noch um Russland. Die Ukraine als vollwertiges Subjekt ihrer Geschichte und des Geschehens ist auch in den Kriegsjahren nicht zum Gegenstand eines gesteigerten Interesses oder einer gründlichen Revision geworden'."

Weitere Artikel: In der NZZ porträtiert Nadine A. Brügger die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die Literaturkritikerin Sibylle Cramer.

Besprochen werden unter anderem Patrick Modianos "Die Tänzerin" (Standard), Jörg Piringers "verbrenner" (Standard), Lars Gustafssons Gedichtband "Variationen über ein Thema von Silfverstolpe" (FAZ) und Olivier Schrauwens international gefeierter Comic "Sonntag" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2025 - Literatur

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Lars von Törne porträtiert für den Tagesspiegel den französischen Comiczeichner Luz, der beim islamistischen Anschlag auf Charlie Hebdo durch blanken Zufall mit dem Leben davonkam. Kürzlich erschien sein Comic "Zwei weibliche Halbakte" auch auf Deutsch, der strikt aus der Perspektive von Otto Muellers gleichnamigem Bild von der Geschichte der sogenannten "entarteten" Kunst erzählt. Zehn Jahre lang hatte er sich auch aus Sicherheitsgründen von der Öffentlichkeit weitgehend ferngehalten, erzählt Luz. "'Nach dem Angriff auf Charlie Hebdo gab es viele Karikaturen, auf denen Stifte als Waffen dargestellt wurden', erinnert sich Luz. 'Das fand ich unheimlich.' Denn darum gehe es für ihn nicht beim Thema Meinungsfreiheit. 'Freiheit ist aus meiner Sicht nicht ein Stift, der ein Gewehr ist - sondern es geht darum, neue Räume zu schaffen, in denen man mit Menschen in Kontakt treten kann', sagt Luz. Comics seien eine der besten Arten, das zu tun. 'Dieses Buch ist für mich ein Weg zurück in die Freiheit, auch künstlerisch."

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Weitere Artikel: Die italienische Schriftstellerin Dacia Maraini erzählt im NZZ-Gespräch mit Roman Bucheli von ihrer Kindheit, die sie während des Zweiten Weltkriegs zum Teil in einem japanischen Gefangenenlager verbringen musste, worüber sie aktuell auch ein Buch veröffentlicht hat. "Ich habe eine Vorliebe für Reduktion und Klarheit", erzählt die vergangenen Herbst mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Schriftstellerin Martina Hefter im Standard-Gespräch mit Mia Eidlhuber. Lothar Müller schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Literaturwissenschaftlerin und Kritikerin Sibylle Cramer.

Besprochen werden neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Clemens J. Setz' von Stefanie Jeschke illustriertes Bilderbuch "Mopsfisch" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Maier über Michelangelo Buonarrotis "Schon angelangt":

"Schon angelangt ist meines Lebens Fahrt
im schlechten Schiff durch Stürme übers Meer
am Hafen Aller, wo die Wiederkehr ..."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2025 - Literatur

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Tilmann Lahmes große Thomas-Mann-Biografie speist sich vor allem aus "Voyeurismus", schimpft Roman Bucheli in der NZZ. Dass die Germanistik Manns Homosexualität lange Zeit unterschlagen habe, decke Lahme nicht nur auf, er sei regelrecht von ihr besessen, so Bucheli. Der Autor "ist mit seiner nur notdürftig drapierten Leidenschaft nicht allein. Gerade jüngst machten sich Editoren über Joan Didions Gesprächsprotokolle her, welche die amerikanische Autorin von 46 Therapiesitzungen bei ihrem Psychiater angefertigt hatte. ... Diese Dokumente schließen keine Bildungslücken. Sie waren nicht für die Nachwelt bestimmt, und die Nachwelt braucht sie auch nicht zu kennen." Aber "die Hyänen der Nachwelt sind unerbittlich. Sie geben erst Ruhe, wenn bis auf die letzte Pollution alles auf dem Tisch liegt."

Fürs Literarische Leben der FAZ spricht Matthias Jügler mit dem Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, der aus dem Norwegischen und Französischen übersetzt und sein Glück noch gar nicht richtig fassen kann, dass er eben in Norwegen mit dem hochdotierten (im Zuge des Literaturnobelpreis für Jon Fosse ins Leben gerufenen) Fosse-Preis ausgezeichnet wurde. Dass künftig KI, die im Alltag bei Sprachbarrieren mittlerweile verblüffend pragmatisch Abhilfe schaffen kann, seinen Job überflüssig macht, glaubt er nicht: Gerade ließ er seine auf Norwegisch verfasste Dankesrede durch eine KI schnell ins Deutsche rückübersetzen: "Was dabei herauskam, war sehr interessant: ein fast perfekter Text mit einer Reihe echter Fehler, die man ja leicht rausredigieren kann, aber auch mit einem vollkommen verloren gegangenen persönlichen Zungenschlag. Das, was meinen Text im Wesen ausgemacht hat, war weg. Für mich ist das ein schöner Beleg - Kunst ist in so hohem Maße das Unerwartete! KI ist Statistik, sie kann nur das Erwartbare."

Weitere Artikel: Bei seinem Auftritt beim Jerusalem International Book Forum murmelte Michel Houellebecq vor sich hin, dass Westeuropa wohl auch mal wieder einen Krieg bräuchte, um zu alter Lebensfreude zurückzukehren, berichtet Rewert Hoffer in der NZZ. In den USA hat Daniel Kehlmann bei einer Veranstaltung mit Ian McEwan die englische Übersetzung seines Romans "Lichtspiel" vorgestellt, berichtet Martin Wittmann in der SZ. Vor 80 Jahren betrat Pippi Langstrumpf die Bühne der Literatur, erinnert Christine Knödler in der SZ. Und Lothar Müller schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Germanisten Albrecht Schöne.

Besprochen werden unter anderem Jean-Baptiste Andreas 2023 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneter Roman "Was ich von ihr weiß" (Freitag), Heike Geißlers Essay "Arbeiten" (taz), Alejandro Zambras "Nachrichten an meinen Sohn" (taz), Ines Berwings Lyrikband "zertanzte schuhe" (taz), Faruk Šehićs "Von der Una" (NZZ), Katja Riemanns "Nebel und Feuer" (FR), Lauren Elkins "Fassaden" (FAS), Maxim Billers Novelle "Der unsterbliche Weil" (FAZ) und Angela Carters "Die blutige Kammer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2025 - Literatur

Besprochen werden unter anderem Kaveh Akbars "Märtyrer!" (NZZ), Georg Kreislers "Zufällig in San Francisco" mit "unbeabsichtigen Gedichten" (FR), Mercedes Lauensteins "Zuschauen und Winken" (Freitag), eine Ausgabe des Briefwechsels von Paul Klee und Wassily Kandinsky (FAZ) sowie Taffy Brodesser-Akners "Die Fletchers von Long Island" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.05.2025 - Literatur

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Es ist "ein Glücksfall", dass der International Booker Prize in diesem Jahr an Banu Mushtaq für ihr Buch "Heart Lamp" geht, freut sich David Pfeifer in der SZ und stellt die in Deutschland kaum bekannte, 77-jährige indische Autorin vor: Sie "ist Anwältin, Aktivistin und Journalistin. Sie setzte sich etwa für das Recht von Frauen ein, in Moscheen beten zu dürfen, und wurde nicht zuletzt deshalb schon Zielscheibe einer Fatwa. Daneben schrieb sie immer literarisch, die zwölf Kurzgeschichten, aus denen nun 'Heart Lamp' besteht, entstanden zwischen 1990 und 2023. In ihnen verdichten sich mehr als 30 Jahre Erzähl- und Lebenserfahrung. ... Die Schicksale von Frauen in Indien sind ihr Kernthema, doch auch den Männern in ihren Geschichten geht es nicht gut. Sie sind ebenso Gefangene des Patriarchats. Sie haben mehr Rechte, aber sie durchblicken das Gewebe, das die Gesellschaft zusammenhält, weniger als die Frauen."

Weitere Artikel: Marc Reichwein porträtiert für die Welt den Verleger Thomas Schumann. Die Comiczeichnerin Katharina Kulenkampff füllt den Tagesspiegel-Fragebogen aus. Tilman Krause schreibt in der Welt zum Tod des Germanisten Albrecht Schöne.

Besprochen werden unter anderem Maren Kames' Neuübersetzung von Angela Carters Erzählungssammlung "Die blutige Kammer" (taz), Cordt Schnibbens "Lila Eule" (taz), Fern Bradys Autobiografie "Strong Female Character" (Standard), eine originalgetreue Umsetzung des Szenarios des Mosaik-Comics "Das Duell an der Newa", das in den Sechzigern wegen Bedenken der SED-Obrigkeit nicht gebracht werden konnte (FAZ.net), das von Marcel Beyer und Peer Trilcke herausgegebene Sonderheft von Text + Kritik zur 2021 gestorbenen Schriftstellerin Friederike Mayröcker (FAZ), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (Zeit) und Joan Didions "Notes to John" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.05.2025 - Literatur

Gestern zirkulierte auf Twitter die Meldung, dass der Berufungsprozess gegen Boualem Sansal noch am Tag selbst stattfinden sollte. Nun nennt Youcef Khedim, Korrespondent des algerisch-französischen Portals rupture-mag.fr, dass die Verhandlung auf den 24. Juni verschoben wurde. Das Urteil wird für den 1. Juli erwartet. Der Staatsanwalt war in Berufung gegangen, weil ihm die fünf Jahre Haft, die Sansal für seine Meinungsäußerung erhalten hatte, zu wenig waren - aber auch Sansal selbst soll in Berufung gegangen sein. Khedim zieht aus den neuen Daten eine gewisse Hoffnung: "Zu den Terminen des Berufungsverfahrens ist anzumerken, dass der von uns angekündigte Termin für die Urteilsverkündung am 1. Juli aufschlussreich für den weiteren Verlauf der Ereignisse sein kann, wenn man bedenkt, dass vier Tage später, am 5. Juli, der algerische Nationalfeiertag ist, an dem es üblich ist, dass Gefangene vom Präsidenten begnadigt werden." Das Urteil wäre dann rechtskräftig, erst dann ist auch eine Begnadigung möglich.

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Im Perlentaucher stellt Angela Schader in einem "Vorwort" den afroamerikanischen Autor William Gardner Smith vor, dessen Roman "Gesicht aus Stein" demnächst auf Deutsch erscheint. Smith lebte in den 50er und 60er Jahren in Paris, das ihm weniger rassistisch erschien als sein Heimatland. Doch auch Frankreich verlor für ihn Anfang der 60er viel von seinem Glanz: "Grund war der eskalierende Konflikt zwischen der Kolonialmacht und der algerischen Befreiungsbewegung; Smith realisierte, dass die Grande Nation gegenüber den Arabern praktisch dieselben Mechanismen der Diskriminierung und Repression einsetzte, denen er mit seinem Weggang aus den USA hatte entkommen wollen. In Frankreich gipfelte die Gewalt im 'Massaker von Paris' vom 17. Oktober 1961", bei dem die Polizei mehrere hundert Demonstranten tötete. "Den staatlichen Gewaltakt überträgt Smith mit leicht veränderter Datumsangabe ins Schlusskapitel seines Romans. Er mag dessen dramatischer Höhepunkt sein, aber die interessanteste Bewegung findet auf einer breiter ausgesteckten Ebene statt. Als Hauptfigur schickt der Autor Simeon Brown vor, dessen Geschichte er eigene Erfahrungen einschreibt - nicht nur den Weg von der Euphorie zur Ernüchterung in Paris, sondern auch frühere, gewaltsame Konfrontationen mit dem amerikanischen Rassismus."

Weiteres: Die indische Autorin und Frauenrechtsaktivistin Banu Mushtaq und ihrer Übersetzerin Deepa Bhasti wurden für die Kurzgeschichtensammlung "Heart Lamp" gestern Abend mit dem International Booker Prize ausgezeichnet, meldet die FAZ. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Matthias Politycki zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Luz' Comic "Zwei weibliche Halbakte" (NZZ), Ruth Zylbermans "Rue Saint-Maur 209. Ein Pariser Wohnhaus und seine Geschichten" (Standard), Tarjei Vesaass "Frühlingsnacht" (online nachgereicht von der FAS), Andreas Maiers "Der Teufel" (FR), der von Felix Lindner zusammengestellte Zitateschatz "Mit Thomas Mann durch das Jahr" (FR), Tilmann Lahmes Thomas-Mann-Biografie (FAZ) und Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.