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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.06.2003. In der taz unterzieht Emmanuel Todd die USA einer Psychoanalyse. Die NZZ fragt: Gibt es überhaupt indische Literatur? Die FAZ freut sich, dass jetzt auch in Texas Schwule legalen Sex haben dürfen. In der FR findet sich der Filmregisseur Paul Schrader originell. Die SZ fährt Rad mit den Windhunden der Tour de France.

TAZ, 28.06.2003

Tolle taz heute: Der Historiker und Totengräber Amerikas (Weltmacht USA - ein Nachruf) Emmanuel Todd (zur Person) bekräftigt im Interview auf der Tagesthemenseite noch einmal seine These von der Schwäche der Supermacht. "Hören Sie einfach mal US-amerikanischen Politikern zu - den immer wiederkehrenden Beschwörungsformeln, wie stark, mächtig und unbesiegbar die USA sind und dass sie die Fähigkeit haben, überall auf der Welt zu intervenieren. Ich möchte Ihr Vertrauen in die Psychoanalyse nicht überstrapazieren, aber wenn ein Mann sagt: Ich hasse Frauen, ich hasse Frauen, ich hasse Frauen, dann liegt doch die Vermutung nahe, dass er auf Frauen fixiert ist. (...) Die Therapie ist es, zu sagen: Ihr seid nicht so stark, wie ihr tut. Seit einfach mal ein bisschen leiser als sonst."

Weiteres: Brigitte Werneburg ist froh, dass aus der Zusammenlegung der Kulturstiftungen von Bund und Ländern vorerst nichts wird, denn die Länder hätten die neue Stiftung am liebsten "bundesfrei". Alexander Haas porträtiert die junge Theatermacherin Ingrid Lausund und ihre Suche nach der Wahrheit in Shopping-Malls und Polit-Shows.

Besprechungen widmen sich dem neu-alten Album "Methodology 74/78" der Sheffielder Industrialband Cabaret Voltaire, "Wheres my Space Age?", Sean Tophams Studie zum Einfluss der Weltraumforschung auf das Design und sehr ausgiebig Burkhard Spinnens wirklichkeitsnaher Roman aus der Unternehmerwelt "Der schwarze Grat".

Auf der Medienseite goutiert Frank Stier die Entdeckung, dass ein Tagesspiegel-Reporter ganze Passagen der New York Times übernommen hat. Mareke Aden widmet der Deutschen Welle einen Artikel zum Fünfzigsten.

Für das tazmag besucht Philipp Gessler das schwäbische Hechingen, wo die Alte Synagoge wieder in Betrieb und das jüdische Kulturleben in vollem Gange ist (mehr zum deutsch-jüdischen Wiederbeginn nach 1945). Am schönsten aber sind die Zitate aus Adolf Vees' "Das Hechinger Heimweh" (mehr), eine Reminiszenz an die goldenen Zeiten der Hechinger Juden. "'De Juda ombrenga, des war ourecht.' - 'Aber misshandeln, verjagen, verschleppen, war das recht?' - 'Au it. Aber es hot so viele troffa, die oschuldig gsei send. Fascht älle vo meim Johrgang sen gfalle. Hots do Schuld ond Oschuld geba?' - 'Denkst du noch immer so?' - 'Ich woiß it. I möchts vergessa.'"

Zudem informiert uns Mehmet Mihri Özdogan über die repressive Kurdenpolitik der Türkei (Landeskunde) und die Angst der Elite vor einer kurdischen Emanzipation. Jan Kahlcke verfasst einen Nachruf auf das Stadtbad in Bremerhaven (Stadtgeschichte), dass seit dieser Woche abgerissen und von "Leichenfledderern" heimgesucht wird. Arno Frank beklagt sich, dass es egal ist, wie die neue Platte von Eros Ramazotti klingt, wenn er sogar mit grauen Schläfen noch so gut aussieht (ein paar andere männliche Sexsymbole hier).

Schließlich Tom.

NZZ, 28.06.2003

Die Beilage Literatur und Kunst widmet sich an diesem Wochenende schwerpunktmäßig der indischen Literatur. Aber was ist das überhaupt? 1997 hatte Salman Rushdie (mehr hier) in seiner Anthologie "The Vintage Book of Indian Writing 1947-1997" behauptet, "dass die Prosa englisch schreibender indischer Schriftsteller überzeugender und bedeutender sei als alles, was in den letzten fünfzig Jahren in den indischen Regionalsprachen erschienen ist - die er erklärtermaßen nicht lesen kann", erzählt Claudia Wenner. Das gab Ärger! "Rushdies Abkanzelung der Regionalsprachen hat das Klima der Verdächtigungen zusätzlich angeheizt, so dass es längst nicht mehr um Literatur geht, sondern um Stellungnahme in einem Kulturkampf, bei dem die Kulturnationalisten die auf Englisch für den Weltmarkt schreibenden Kosmopoliten als Verräter an schwer definierbaren indischen Werten betrachten. Wieder wird ihnen Elitismus vorgeworfen und mangelnde Verwurzelung in der Tradition, vor allem aber mangelnde Authentizität, die nur in einer indischen Sprache möglich sei." (Ein Interview mit Rushdie zu seinem Vorwort finden Sie hier, ein böser Kommentar dazu in Outlook India hier)

In einem zweiten Artikel zum Thema stellt Angela Schader neue indische Romane in deutscher Übersetzung vor.

Weitere Artikel: Helmut Mayer führt uns über einige Wege und Straßen der Philosophie. Abgedruckt ist die "Verteidigung der Poesie wider ihre Verächter", erster Teil einer Rede, die Raoul Schrott vergangene Woche beim 34. Internationalen Poesie-Festival in Rotterdam gehalten hat. Besprochen werden Bücher, darunter Jay Martins bisher nur auf Englisch erschienene Biografie "The Education of John Dewey" und Theodor W. Adornos Vorlesung über Negative Dialektik von 1965/66 (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton kommentiert Derek Weber den Abgang von Karen Stone, deren Vertrag mit der Grazer Oper aus finanziellen Gründen nicht verlängert worden ist. Sie geht jetzt nach Dallas, um dort an der Planung für den Neubau eines Opernhauses mitzuarbeiten, das 2008 eröffnet werden soll. Und Joachim Güntner denkt über den Begriff "Generation" nach, zu dem das Hamburger Institut für Sozialforschung kürzlich eine Tagung veranstalt hatte. Besprochen werden zwei Ausstellungen mit Zeichnungen von Leonard de Vinci einmal im Louvre und einmal im Metropolitan Museum in New York, Robert Guediguians Filmballade "Marie-Jo et ses 2 amours" und der Narrenroman "Bevor gestorben wird" des bulgarischen Autors Dimitar Korudciev.

FAZ, 28.06.2003

In den Ruinen von Bilder und Zeiten ist ein Text des polnischen Autors Mariusz Wilk abgedruckt. Hier der Anfang: "Die Melniza ist in Archangelsk im fünften Stock aus dem Fenster gesprungen. Beim Aufprall zerplatzte ihr Schädel. Dubrawa erzählte nachher, sie sei vor dem Ende traurig gewesen, habe oft von den Inseln gesprochen und leere, abwesende Augen gehabt. An jenem Unglückstag ging er, wie gewöhnlich, nach dem Abendessen in sein Zimmer, um noch ein wenig zu arbeiten, und sie blieb in der Küche, um das Geschirr abzuwaschen. Plötzlich roch es in der Wohnung nach frischer Luft. Von böser Vorahnung gepackt, rannte er aus seinem Kabinett. Das Küchenfenster stand sperrangelweit offen, der Wind bauschte die Vorhänge, und unten, vor dem Haus, lag im weißen Schnee eine dunkle, formlose Gestalt - wie eine Puppe aus Werg..."

Im Fall "Lawrence gegen Texas" (hier finden Sie das Urteil als pdf-Dokument) hat der Oberste Gerichtshof der USA nicht nur zugunsten der schwulen Kläger entschieden, sondern zugleich ein notorisches Sodomie-Urteil aus dem Jahr 1986 zu widerrufen, freut sich Jordan Mejias. "Zwei Männern, in deren Schlafzimmer ein Sheriff eingedrungen war, billigte er endlich 'ein Recht auf Respekt für ihr Privatleben' zu: 'Der Staat kann sie nicht in ihrer Existenz demütigen oder ihr Schicksal kontrollieren, indem er ihr privates sexuelles Verhalten zum Verbrechen erklärt.' Kennedy und seine vier Kollegen aus dem eher liberalen Lager beschränkten sich also nicht darauf, 'Lawrence gegen Texas' auf einen Kampf ums Gleichheitsprinzip zu reduzieren ... Mit der viel weiter gehenden Entscheidung, jede gesetzliche Regelung von sexuellem Verhalten im gegenseitigen Einvernehmen und in der Privatsphäre als verfassungswidrig zu erklären, erfüllte Kennedy die kühnsten Wunschträume aller Schwulenorganisationen."

Weitere Artikel: Die Fusion der Kulturstiftungen ist vorerst geplatzt, berichtet Ilona Lehnart. Wie Michael Naumann am Donnerstag in der Zeit sieht auch Lehnart die Schuld bei den Ländern, die vom Bund Geld wollen, aber sich gleichzeitig jede "Einmischung" verbitten. Dieter Bartetzko annonciert den "Tag der Architektur". Regina Mönch berichtet vom ruhmlosen Ende eines Streiks der IG Metal im ostberliner Aufzugskonzern Otis. Gina Thomas erzählt leider nur sehr kurz vom einzigen Auftritt J.K. Rowlings in der Royal Albert Hall. Ebenfalls kurz berichtet Si. über den zweiten kulturpolitischen Bundeskongress, in dem gefordert wurde, dass mehr Zuwanderer in städtischen Theatern, Museen und Konzerthäusern arbeiten sollen. Und Thomas Wagner resümiert die Kunst-Biennale in Venedig.

Auf der Medienseite ärgert sich Michael Hanfeld über die "Fußballsteuer" der Öffentlich-rechtlichen. Heinrich Wefing meldet, dass der Konzern Wal Mart nach der Reinigung seiner Regale von einschlägigen Männermagazine wie Maxim oder FHM, die gern spärlich bekleidete Frauen auf dem Titel tragen, jetzt auch Frauenzeitschriften wie Cosmopolitan auf den Pelz rückt. Hier haben die Titelmädchen oft auch nicht mehr an, weshalb Cosmopolitan bei Wal Mart jetzt nur noch in einem blickdichten Schutzumschlag verkauft wird.

Besprochen werden "Onkel Wanja" im Münchner Residenztheater ("Voila, ein Talent", schreibt Gerhard Stadelmaier über die Regisseurin Barbara Frey), Max Färberböcks Film "September", eine Aufführung des Rings am Petersburger Mariinski Theater und Bücher, darunter Friedrich Gundolfs "Die deutsche Literärgeschicht reimweis kurz fasslich hergericht" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite wird die neue CD von Steely Dan vorgestellt, weiter die Philipps-Aufnahmen von Nina Simone, eine Aufnahme von Benjamin Brittens "Albert Herring", Rachmaninows "Etudes-tableaux" mit Lugansky und de la Salle und zwei Orchesterwerke von Olivier Messiaens, die "Eclairs" und die "Canyons".

In der Frankfurter Anthologie stellt Klaus Cäsar Zehrer ein Gedicht von Konrad Weichberger vor:

"Abschied

Laß du doch das Klavier in Ruhe;
Das hat dir nichts getan;
Nimm lieber deine Gummischuhe
Und bring mich an die Bahn.

Der Wind bläst ei'm ans Eingeweide;
Die Straßen voller Schlamm.
Mein Herze und das Wetter,
beide Sind wenig auf dem Damm.
..."
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FR, 28.06.2003

Irgendwie bin ich originell geblieben, sagt der Drehbuchautor Paul Schrader ("Taxi Driver", alle seine Filme hier) im Zeit-und-Bild-Gespräch, während er über die Entwicklungen in Hollywood sinniert. Die Jungen jedenfalls verstehen ihn und seine Bilder nicht mehr, meint er. "Jemand in Ihrer Generation, oder sagen wir ruhig, jemand der 15 oder 16 ist: Wie viel tausend Stunden hat er der visuellen Unterhaltung gewidmet? Während die Generation Ihrer Eltern vielleicht noch ins Kino ging, nun aber nur noch vor dem Fernseher sitzt. Es wird den Leuten bewusst, dass sie ihre Gefühle eher aus Filmen bekommen als aus dem Leben. Die Filme werden entsprechend dazu immer selbstreferenzieller, weil ihr Publikum eben auch mehr aus dem Fernsehen weiß als aus dem Leben."

Weiteres: Christian Broecking war im Jazz-Monat Juni in New York und hat eine selbstbewusste Szene getroffen, die sich auf ihre alten Größen zurückbesinnt. Petra Kohse scheint das "Gewimmel von zauberischem Ungeziefer" im neuen Harry Potter genossen zu haben, selbst wenn die alte Frage nach dem Gottesbeweis wieder nicht beantwortet wird. Martina Meister bedauert, dass die Kulturstiftungen von Bund und Ländern nicht zur potentesten Stiftung Europas fusioniert sind. Renee Zucker fragt sich in Zimt, ob der Wille zur sofortigen und totalen Bedürfnisbefriedigung das Einzige ist, was vom Großen Aufbruch übrig geblieben ist. Nikolaus Merck hat bei der Voraufführung der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" am Berliner Ensemble beobachtet, dass die "heilige Dreifaltigkeit BrechtMüllerSchleef in den Peymann gefahren" ist. Gemeldet wird, dass der italienische Schriftsteller und Literaturkritiker Giuseppe Pontiggia gestorben ist, dass der amerikanische Minimal-Art-Künstler Fred Sandback sich das Leben genommen hat, und dass die Auflösung der drei Berliner Opernensembles immer wahrscheinlicher wird.

Navid Kermani präsentiert uns das Neunundzwanzigste seiner Vierzig Leben. "Sie war etwas und konnte nicht zu nichts werden, das war der ganze Jammer, und im Meer mit seinen Farben und Geräuschen konnte sie sich schon deshalb nicht versenken, weil sie aufschrieb, was sie wahrnahm."

Auf der Medienseite spricht WDR-Intendant Fritz Pleitgen über das Geld und den Fußball. "Mit der Bundesliga haben die Privaten ein verrücktes Spiel getrieben. Erst haben sie die Preise irrwitzig hochgejagt, nun wollen sie die Liga unter Wert absaufen lassen." Oliver Gehrs verrät, dass ein Reporter des Tagesspiegel ganze Absätze aus der New York Times übernommen hat.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Tschechows "Onkel Wanja" am Münchener Residenztheater, und Bücher, darunter zwei Bände mit neu entedeckten Texten von Jorge Luis Borges, Iris Hanikas intellektuell wachsame Chronik des Alltags "Das Loch im Brot" sowie eine Neuauflage von Gabriel de Tardes Soziologieklassiker "Die Gesetze der Nachahmung" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Im Magazin doziert der notorische Ex-Bunte-Chefredakteur und derzeitige Medienberater Hans-Hermann Tiedje über den Fall Friedman und lässt kein gutes Haar an dessen Kritikern. "Wenn Kollege Osterkorn meint, dem Zentralrat solche Ratschläge erteilen zu müssen, soll er es tun. Ich tue das nicht. Ich habe Friedman nie als Mitglied der jüdischen Gemeinde gesehen, sondern als rigorosen Journalisten. Jetzt mal zum Punkt: Wenn Klaus Wowereit sich von Friedman lächerlich machen lässt, ist er selbst schuld, wenn aber der Steffel eine Woche später auch noch hingeht und sich ebenfalls auseinander nehmen lässt, dann ist dem nicht zu helfen."

Außerdem: Silke Hohmann weiß, warum Kopenhagen die neue Modehauptstadt Nordeuropas wird. Und Ulla Schickling erklärt, warum die Kanarieninsel Gomera und ihre Gespenster in Zauberwäldern eine Reise wert sind.

SZ, 28.06.2003

Als eine Heimatkunde auf Rädern versteht Alex Rühle die Tour de France, deren Mythos er zum hundertsten Geburtstag mit zahlreichen Anekdoten und einer kleinen Kulturgeschichte der Fahrer feiert. "Unglaublich schwer sind die Metaphern zu Beginn, die Fahrer gleichen in den Beschreibungen eher bleiernen Rittern als Sportlern, plumpe Männer wälzen sich schwitzend durchs Land. So schwärmt Desgrange von Maurice Garin, dem ersten Sieger der Tour, er sei ein 'Schlachtross', ein 'Eber', eine 'Bulldogge'. Als die Tour nach weltkriegsbedingter fünfjähriger Pause 1919 wieder auflebt, ist plötzlich von grazilen Männern die Rede. Nirgends mehr wird von ihrer dumpfen Schwere geschrieben. 'Zäh' sind sie jetzt, pfeilschnell und ausdauernd, 'schlanke Windhunde', Flitzer und Sprinter, die neue Sachlichkeit ist Trumpf. Seit Anfang der Achtziger werden die Helden der Tour dann wie Generalmanager beschrieben: Hinault, Indurain und vor allem Armstrong sind in den Beschreibungen von L'Equipe, dem Nachfolgeorgan von L'Auto, kühle Strategen des Erfolgs, Chefs, die ihr Team dirigieren, Führungskräfte an der Spitze eines 'Trusts'."

Weitere Artikel: Till Briegleb begrüßt den mutmaßlichen neuen Intendanten des Hamburger Schauspielhauses Matthias Hartmann als "sanften Dissidenten des Zeitgenössischen", was ihn aber nicht daran hindert, Hamburg eine zweifelhafte Kulturpolitik zu bescheinigen. "cbs" schildert dazu die Verdienste des umworbenen Theatermachers in Bochum. Ulrich Raulff sieht die geplatzte Fusion der Kulturstiftungen als schönes Beispiel von Machtpolitik. Der 38-jährige Architekt Sebastian Knorr erklärt, wie man Erfolg in Amerika haben kann und warum sich sein Stand neu definieren muss. "RJB" verurteilt die Berliner Versuche, den Bund für ihre eigene Misere in der Kulturpolitik verantwortlich machen zu wollen. Peter Burghardt beobachtet die staatliche Stärkung der Religion in Spanien, die zu einem neuen Kulturkampf führen könnte. Detlef Schöttker kommentiert in der Reihe Briefe aus dem 20. Jahrhundert ein Schreiben von Bernhard Reich an Walter Benjamin aus dem Jahr 1936. Ralf Berhorst berichtet von ersten Ergebnissen zweier zeithistorischer Projekte, die sich mit der Geschichte der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland befassen. Dirk Peitz fasst einen Kongress über Verfall und Dauer der Medienkunst zusammen. Jürgen Berger war überrascht von der Vitalität der schon öfter totgesagten Schillertage in Mannheim. Holger Liebs verkündet die Wiedereröffnung der Staatlichen Antikensammlung in München. Gemeldet wird, dass die traditionsreiche Bonner Buchhandelsgruppe Bouvier Gonski zahlungsunfähig ist und dass der Eröffnung des "Museums Moderner Kunst Kärnten" ein Skandal vorausgeht.

Auf der Literaturseite fragt sich der Philosoph Erich Hörl, ob die Rezeption von Adornos Minima Moralia heute überhaupt noch möglich ist. "Heute wird, so scheint es, nicht einmal mehr die Aufgabe begriffen, die Beschädigtheit des Lebens durchzuarbeiten und sein Irrsinnspotential zu erfassen." Cjos ätzt ein wenig über Links-Rothfelsianer, Rechts-Rothfelsianer und das geplante Nachspielen der Spaltung der russischen Sozialdemokraten vor hundert Jahren.

Die Filmseite ist dem Münchner Filmfest gewidmet. Fritz Göttler beurteilt die ambivalente Entwicklung des Festivals unter dem scheidenden Leiter Eberhard Hauff. Empfohlen werden David C. Thomas' elektrisierender Dokumentarfilm über Aufstieg und Fall der konsumkritischen Rockband "MC5", Andre Techines Streifen "Les egares", Im Kwon-taeks meisterhaftes Genieporträt "Chihwaseon" sowie Shari Springer Bermans und Robert Pulcinis Comicverfilmung "American Splendor".

Auf der Medienseite informiert uns Peter Münch über den schwierigen Aufbau einer unabhängigen Wochenzeitung im Irak. Hans-Jürgen Jakobs stellt uns den politikaffinen Kommunikationsstrategen Reinhard Abels vor.

Besprochen werden Barbara Freys Version von Tschechows "Onkel Wanja" als Sommerfest der Theaterkunst, das surreale Kaleidoskop "Sentimenti" auf der Ruhr-Triennale in Bochum, die nun in München gastierende Ausstellung "Grotesk" über die Moderne und ihr Wesen der Übertreibung und Verzerrung, und Bücher, darunter Iain Pears? historische Schmonzette "Scipios Traum", ein Hörbuch zu Italo Svevos Roman "Zeno Cosini" sowie die willkommenen "Sämtlichen Gedichte" von H.C. Artmann (mehr in unserer Bücherschau).

In der SZ am Wochenende erinnert sich Wolfgang Hilbig (Bücher) an seine Heimat, das Altenburger Land, auch wenn ihm das schwer fällt. "In mir selbst steckt ein sonderbarer Widerstand gegen das Erinnern. Als hätte ich ein Böses in mir zu verdrängen ... aber es gab nichts Böses: es gab vielleicht eine grundsätzliche Asozialität, eine Geschichtslosigkeit, eine Verachtung historischer Zusammenhänge. Ich komme aus einer Klasse, die den Boden, auf dem sie fußte, bis in die tiefsten Unergründlichkeiten aufgerissen, umgekrempelt und beraubt hat. Wir haben Wälder gefällt und zerstückt, und haben, um der Kohle willen, zahllose Dörfer abgerissen und überbaggert, wie dies im Sprachgebrauch der Kohleindustrie hieß. - Und ich habe meine Erinnerungen von mir abgewaschen, immer wieder, wie mein Großvater sie von seiner Haut spülte, in den Waschkauen der Kohlegruben, die er allesamt mit dem Fahrrad bereiste, kilometerweit in der Umgegend um das Zentrum Meuselwitz."

Weiteres: Kurt Kister hat den Pointe du Hoc in der Normandie besucht und ist froh, dass schon Gras über dieses blutgetränkte Schlachtfeld gewachsen ist. Claudia Fromme porträtiert die amtliche Bild-Hellseherin Marija Schwepper. Der Österreicher Künstler Gottfried Helnwein unterhält sich mit Joachim Bessing über seine zweite Begegnung mit der Kunst in Gestalt von Mickey Mouse und die Widerstandspflicht des Künstlers.