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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.04.2004. Die Zeit bereitet uns literarisch auf die neuen EU-Länder vor. In der SZ fordert Slavoj Zizek die Europäer auf, gegen Amerika Widerstand zu leisten. Die taz unterhält sich mit Norman Manea über die undurchdringliche Ambiguität rumänischer Intellektueller.. Die FAZ findet die Frage, ob Thor Kunkel die Nazipornos in seinem Roman "Endstufe" nur erfunden hat, nicht interessant. Die NZZ bringt uns auf den Stand über westafrikanische Popmusik.

Zeit, 15.04.2004

Zur literarischen EU-Erweiterung hat die Zeit zehn Autoren aus den Beitrittsländern aufgefordert, uns psychologisch auf sie vorzubereiten. Über Polen schreibt immerhin die große Olga Tokarczuk. Den polnischen Nationalcharakter schildert sie so: "Auf den ersten Blick sind die Polen ziemlich brummig, manchmal wirken sie arrogant. Häufig sind es Individualiten, zuweilen sogar Exzentriker. Jedwede Macht weckt ihr Misstrauen, sie sind geborene anarchisten. Achtung: Sie mögen es nicht, wenn man Witze über sie macht." Na dann, willkommen im Club! Alle Artikel aller Schriftsteller finden Sie hier.)

Im Feuilletonaufmacher besucht Jörg Lau den Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Klaus-Dieter Lehmann und den Architekten David Chipperfield, um sich über den Stand im unendlichen Projekt der wieder herzurichtenden Berliner Museumsinsel zu informieren, und schon im Niobidensaal im Neuen Museum gibt er jeden Widerstand auf: "Wer die atemberaubende Ruinenschönheit des bunten Mosaikfußbodens, der dunkel-karmesinroten Wände, der von goldlackierten gusseisernen Sehnenbogen gehaltenen Decke gesehen hat, ist ein für alle Mal für den Masterplan gewonnen."

Weitere Artikel: Thomas E. Schmidt legt in der Leitglosse dar, dass der Westen nur im Rekurs auf seine laizistische Tradition mit dem Islamismus zurechtkommen kann. Petra Reski unterhält sich mit dem italienischen Dichterclown Dario Fo, der verspricht, mit seinen Berlusconi-Satiren fortzufahren. Ulrich Greiner schreibt zum Tod des Malers Wolfgang Mattheuer. Auf einer Seite dürfen fünf (also keineswegs alle) der jetzt bei der Zeit in Brot stehenden Ex-tazler ihre Reminiszenzen an die inzwischen 25-jährige Zeitung darbieten.

Besprochen werden Peter Zadeks "Peer Gynt"-Inszenierung am Berliner Ensemble, Patty Jenkins' Film "Monster" mit einer zur Unkenntlichkeit entstellten (und dafür oscar-gekrönten) Charlize Theron, Tim Burtons neuer Film "Big Fish" und die Baselitz-Retro in der Bonner Kunsthalle.

Im Aufmacher des Literaturteils liest Susanne Mayer mehrere Neuerscheinung zum hochaktuellen Thema des Alterns.

Das Dossier veröffentlicht Auszüge aus einem Buch des Historikers Douglas Brinkley über den demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry. (Einen sehr langen Artikel von Brinkley über Kerry brachte im Dezember schon Atlantic Monthly.) Im politischen Essay fürchtet der Politologe David Cole, dass die USA in Guantanamo gegen ihre hehrsten Prinzipien verstoßen. In den Zeitläuften erinnert Thomas Schmid an die portugiesische Nelkenrevolution vor dreißig Jahren..

TAZ, 15.04.2004

"An allem, was geschehen ist, sind immer nur Fremde schuld", erklärt der im amerikanischen Exil lebende Schriftsteller Norman Manea ("Die Rückkehr des Hooligan") das Prinzip der Vergangenheitsbewältigung in Rumänien. "Fremde haben uns den Kommunismus aufgezwungen, wir hingegen waren immer Opfer der Geschichte. Gewiss enthält diese Ansicht auch ein Tröpfchen Wahrheit. Aber es handelt sich um eine manipulierte und an eine gewisse Konjunktur angepasste Wahrheit." Der "totalitäre Pulsschlag" der rumänischen Kultur sei niemals ganz verstummt, meint Manea: "In Rumänien bestehen die alten Tabus, und es herrscht wie immer ein undurchdringliches Klima der Ambiguität. Jede offene, konkrete und klärende Diskussion verläuft sich in Vereinfachungen, weil die intellektuelle Elite am liebsten in rhetorischen Subtilitäten schwelgt. Diese Elite meint, die Ambiguität sei ein Markenzeichen des Intellektuellen."

Weitere Artikel: Daniel Bax berichtet, dass die Weltmusikmesse "Strictly Mundial" in Istanbul zwei Wochen vor dem geplanten Termin abgesagt worden ist. "Nun ist die neue Pardon tatsächlich erschienen," erfahren wir auf der Medienseite von Dieter Grönling, bei dem sie schon beim ersten Durchblättern jeden Argwohn hinweg fegte. "Allein schon Roger Willemsen, wie er auf vier Seiten Hellmuth Karasek mit großer Akribie fertig macht, allein das ist die vier Euro wert."

Besprochen werden eine Otto-Steidle-Ausstellung in der Berliner Architekturgalerie Aedes, Dito Tsintsadzes Film "Schussangst", Marceline Loridan-Ivens' Film "Birkenau und Rosenfeld" und Zack Snyders Film "Dawn of the Dead".

Und noch TOM.

FR, 15.04.2004

Alfred Hackensberger befasst sich mit den Thesen des Sprachwissenschaftlers Christoph Luxenberg, für den der Koran "ein syro-aramäisches liturgisches Buch mit Auszügen aus der Heiligen Schrift zur Verwendung im christlichen Gottesdienst" ist. "Er habe Aufforderungen zur Teilnahme an der Abendmahlliturgie und Hinweise auf das Weihnachtsfest gefunden. 'Der Koran war von Anfang an nicht als Grundlage einer neuen Religion gedacht. Er setzt vielmehr den Glauben an die Schrift voraus und hat insoweit eine Vermittlerrolle.' Der Koran also nur eine arabische Version der Bibel? Eine gewagte These, nicht nur heute, in der Zeit islamischer Militanz."

Weitere Artikel: In der Kolumne Times Mager wünscht Elke Buhr, Joachim Bessing hätte Alexa Henning von Langes Ex-Mann, also seinen Vorgänger, zum Duell gefordert, statt seine Klage "Rettet die Familie" zu schreiben. Stephan Hilpold sieht unter Wiens Museen einen Verdrängungswettkampf toben, angezettelt von der Albertina, die mit einer ehrgeizigen Ausstellung nach der anderen aufwartet: "Das Konzept der Albertina, eine Ikone der Kunstgeschichte nach der anderen auszuschlachten, erst Munch, dann Dürer, jetzt Rembrandt und bald Michelangelo, ist allerdings nur unter Ausnutzung jeglicher Fetischqualitäten von Kunst zu toppen."

Besprochen werden Christian Schuberts Band über "Großbritannien" und Reinhard Sieders Studie "Die Rückkehr des Subjekts in den Kulturwissenschaften" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

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FAZ, 15.04.2004

Peter Körte nimmt einen "leicht hysterischen" Beitrag von 3sat aufs Korn, wonach es die NS-Pornos, über die Thor Kunkel in seinem Roman "Endstufe" schreibt, nie gegeben habe: "... was immer man von 'Endstufe' hält, es gehört zum Tagesgeschäft des Schriftstellers, Fundstücke zu fiktionalisieren, ganz gleich, ob schon der Fund erfunden war oder nicht."

Weitere Artikel: Klaus Ungerer war bei einer Vorlesung Oliver Bierhoffs, der an der Humboldt-Uni erklärte, "was die Gesellschaft vom Sport lernen kann", nämlich: "Teamplay. Fairness. Leadership". Iring Fetscher meldet die Versteigerung von "fünfundneunzig Büchern Vladimir Nabokovs mit handschriftlichen Widmungen und überwiegend sorgfältig gezeichneten und exakt bezeichneten Schmetterlingen" am 5. Mai im Hotel des Bergues zu Genf. Stephan Sahm wirft einen Blick in bioethische Zeitschriften, die die Beziehung von Kunst und Medizin analysieren. Kerstin Holm meldet die späte Rehabilitation des Komponisten Wladimir Vogel (mehr) in Russland. Gerhard Rohde gratuliert dem Dirigenten Sir Neville Marriner zum Achtzigsten. Wfg. schreibt zum Tod des Wiener Architekten Roland Rainer (mehr).

Auf der Filmseite berichtet Bert Rebhandl von einer filmhistorischen Tagung in Wien, die sich mit der Schwierigkeit der Archivierung befasste: "Nach welchen Kriterien werden Filme gesichert, wenn aus einem riesigen Bestand nur Teile auf alterungsbeständiges Material umkopiert werden können? Welche Schwerpunkte gelten, wenn die Kultur allgemein immer stärker von einem 'Meisterwerk-Effekt' (so der italoamerikanische Restaurator und Historiker Paolo Cherchi Usai) erfasst wird?" Die Antworten, so Rebhandl, waren außerordentlich differenziert. Andreas Kilb verabschiedet die Pleite gegangene Produktionsfirma Senator Film und stellt in einem zweiten Artikel Giuseppe Tornatores "Cinema Paradiso" vor, der jetzt auf DVD erschienen ist.

Auf der Medienseite meldet Gina Thomas, dass Stephen Glover, Mitgründer des Independent aus Verzweiflung über die sinkende Qualität der angloamerikanischen Presse eine neue überregionale Zeitung gründen will. Auf der letzten Seite beschreibt Regina Mönch, wie sich das einzige deutsch-tschechische Gymnasium - das Schiller-Gymnasium im sächsischen Pirna - unbemerkt zur Eliteschule entwickelt hat. Jordan Mejias widmet sich der fatalen Krawatte, die George W. Bush bei seiner letzten Rede trug: "Sie flimmerte ... Bushs irgendwie silbrige Krawatte flimmerte ihres Musters wegen, mit dem das immer noch übliche Zeilenraster eines gewöhnlichen Fernsehmonitors nicht zurechtkommt - ein Garderobefehler, der einem Talk-Show-Debütanten unterlaufen mag. Aber dem bis in die rollenden Schultern durchchoreografierten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika?" Heinrich Detering wundert sich überhaupt nicht, dass Bob Dylan in dem "Angels"-Werbespot für die neueste Unterwäsche von Victoria's Secret aufgetreten ist: "Denn dass der Verrat Dylans Markenzeichen gewesen ist, immer schon, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Der Trickster und Romantiker des Rock 'n' Roll hatte das ironische Selbstdementi schon zum Prinzip erhoben, als ihm zum ersten Mal das 'Judas!' entgegengeschleudert wurde".

Besprochen werden eine Ausstellung früher Zeichnungen von Albert Marquet in der Münchner Staatlichen Graphischen Sammlung, die Ausstellung "Mouse on Mars reviewed & remixed" in der Kunsthalle Düsseldorf und Marceline Loridan-Ivens' Film "Birkenau und Rosenfeld" mit Anouk Aimee und August Diehl.

SZ, 15.04.2004

"Was für ein Europa ist das, dem wir beitreten werden?" fragt Slavoj Zizek stellvertretend für viele osteuropäische EU-Beitrittsstaaten und will Euroskeptiker beruhigen. "Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der wir nur die Wahl haben zwischen einer Zivilisation amerikanischer Art oder der chinesischen, autoritär-kapitalistischen? Für alle, die mit Nein antworten, ist Europa die einzige Alternative. Von der Dritten Welt kann nicht erwartet werden, dass sie einen nennenswerten Widerstand gegen die Ideologie des Amerikanischen Traums leistet. Bei der derzeitigen Konstellation kann das nur Europa. Heute stehen sich nicht wirklich die Dritte und die Erste Welt gegenüber, sondern einerseits die Erste und die Dritte Welt als Einheit (das amerikanische Imperium und seine Satelliten) und die restliche Zweite Welt (Europa)... Für das multikulturelle amerikanische Weltimperium ist es ein Leichtes, vormoderne lokale Traditionen zu integrieren - der Fremdkörper, den es tatsächlich nicht assimilieren kann, ist das moderne Europa. Der Dschihad und McWorld sind die beiden Seiten einer Medaille. Der Dschihad ist bereits jetzt der McDschihad.sind die beiden Seiten einer Medaille. Der Dschihad ist bereits jetzt der McDschihad."

Weitere Themen: Jens Bisky kommentiert belegte Zweifel, dass es die NS-Pornos, aus denen Thor Kunkels Roman "Endstufe" seine zweifelhafte Sensation bezieht, wirklich gegeben hat und sieht ihn nun endgültig "von jener zwielichtigen Atmosphäre eingeholt, auf die der Roman spekuliert: Koketterie mit Verkommenheit, die Mischung aus Dokument und Fälschung, Stammtischkühnheiten." Diese Atmosphäre hört für Bisky im Deutschen auf den Namen "Schtonk". Alexander Kissler macht sich Gedanken, warum das einstige "material girl" Madonna plötzlich Esther genannt werden will. Gottfried Knapp verabschiedet den 94-jährig verstorbenen Wiener Architekten und Stadtplaner Roland Rainer.

Besprochen werden Marceline Loridan-Ivens Film "Birkenau und Rosenfeld" (zu dem es auch ein Interview mit Loridan-Ivens gibt), die Uraufführung von Siegfried Matthus' Michael-Ende-Oper "Die unendliche Geschichte" im Deutschen Nationaltheater Weimar, eine Ausstellung über das das Zeitalter unter Karl VI. im Pariser Louvre, D.J. Carusos Film "Taking Lives" (eine schöne Verbindung von amerikanischem Polizeithriller und dem französischem Neonoir, wie Anke Sterneborg findet), Audrey Wells Film "Unter der Sonne der Toskana" und Bücher, darunter ein Sammelband über 50 Jahre Internationale Kurzfilmtage Oberhausen und die Briefe Alfred Webers, die für Rezensent Joachim Radkau u.a. auch ein Schlaglicht in ein Tabu-Thema der weltweiten Max-Weber-Industrie werfen: die Weber-Rezeption im Nationalsozialismus (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Welt, 15.04.2004

Per Ahlmark, ehemaliger stellvertretender Premierminister Schwedens, liefert eine bittere Abrechnung mit der UNO und insbesondere Kofi Annan, den er für die Massaker in Srebrenica und Ruanda verantwortlich macht: "Dies ist die Kultur der UNO: Denke von den Barbaren das Beste; tue nichts, was Meinungsstreitigkeiten unter Vorgesetzten auslösen könnte; und überantworte hinterher andere der Kritik. Selbst die späteren Enthüllungen über Annans Verantwortung für die Katastrophen in Ruanda und Bosnien taten seinem Ruf keinen Abbruch. Im Gegenteil, er wurde einstimmig wieder gewählt und erhielt den Friedensnobelpreis. Alles perlt an ihm ab."

NZZ, 15.04.2004

Das Feuilleton steht heute unterm Stern der Weltmusik. Frank Wittmann berichtet über westafrikanische Popmusiker, die er zu Symbolfiguren für die nicht eingelösten Versprechen der Globalisierung avancieren sieht. "Dies betrifft nicht bloss Reggae oder Hip- Hop, die immer wieder politische Botschaften transportierten, sondern auch Volksmusikstile wie den senegalesischen Mbalax. Die ivoirischen Reggaesänger Alpha Blondy (mehr hier und hier) und Tiken Jah Fakoly setzten sich auf ihren letzten Alben für eine selbstkritische Analyse des politischen Konfliktes in ihrem Heimatland ein. Die gambische Hip-Hop-Formation Da Fugitivz plädiert für eine offene Auseinandersetzung mit den Leistungen der gegenwärtigen Regierung. Und senegalesische Mbalax-Stars wie Youssou N'Dour oder Oumar Pene (mehr hier) versuchen ähnlich pädagogisch auf ihr Publikum einzuwirken. Trotz unterschiedlichen Traditionen speisen sich die Texte der drei populären Musikarten dabei aus demselben thematischen Reservoir. Diese Hybridität lässt sich nur mit Blick auf den sozialen Wandel in Westafrika verstehen. Gewisse Themen konnten erst kritisch angesprochen werden, als dazu ein Forum offen stand."

Weitere Artikel: Im "Schauplatz Kolumbien" stellt Knut Henkel die "Filiale des Himmels" nach den "fetten Jahren" vor - Cali. Die einstige Hauptstadt des Salsa, die ihren letzten Wirtschaftsboom den Drogenbaronen verdankt, bietet inzwischen kaum noch Perspektiven für Kunst und Kultur. "Viele internationale Investoren sind abgewandert, seitdem Cali ähnlich wie Medellin für Kokain und Gewalt steht. Und auch der Bürgerkrieg ist näher an die Metropole gerückt, in der nach Schätzungen weit über drei Millionen Menschen leben", berichtet Henkel, der sich in einem weiteren Text in die Wiege des jüngsten kubanischen Musikstils begeben hat - nach Santiago de Cuba, so sich Salsa und Reggae zum Reggaeton vermischt haben. Henkel stellt uns die kubanische Dancehallszene und ihre ersten Aufnahmen vor, die auch in Europa zu erhalten sind (mehr hier).

Besprochen werden außerdem Muriel Sparks Essays über die Bronte-Schwestern "In sturmzerzauster Welt" und die Ausstellung des Architekturgurus Rem Koolhaas und seines Büros OMA in Rotterdam (mehr hier).