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Heute in den Feuilletons

"grau und einsam auf der Türschwelle"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.10.2007. Die FAZ bringt Martin Mosebachs Büchner-Preisrede: Saint-Just. Büchner. Himmler. Die NZZ beugt sich über die Stigmata des Padre Pio. Spiegel Online bringt eine Replik auf Frank Schirrmachers Rede gegen das Internet. Die SZ schildert das schwierige Leben der zeitgenössischen Kunst im Iran. In der Welt analysiert Adam Krzeminski die Wahlen in Polen, dessen Westen wächst und wächst.

Welt, 30.10.2007

Im Forum analysiert der Publizist Adam Krzeminski den Wahlsieg des liberalen und modernen Donald Tusk: "Ein Blick auf die Karte Polens nach diesen Wahlen zeigt im Vergleich zu 2005 eine wichtige Verschiebung. Der 'Westen', der auch vor zwei Jahren schon von der Bürgerplattform (PO) gewonnen wurde, wird sichtlich größer. Er nimmt geografisch weitaus mehr Raum ein als die 'Ostwand' entlang der Grenze zur Ukraine und Weißrussland, die bäuerlich, euroskeptisch und eben 'östlich' ist. Dort - und in den ländlichen Gebieten Zentralpolens - haben die Bruder Kaczynski ihre Hochburgen. Wenn man diese Karte mit der Mitteleuropas des 19. Jahrhunderts vergleicht, wird man sofort feststellen, dass die PiS in den früheren russischen und österreichischen Teilungsgebieten Polens dominiert, Tusks PO dagegen in den einst preußischen."

Der Künstler Jonathan Meese setzt sich in seinem neuesten, in Neuhardenberg gezeigten Werk mit dem preußischen Gelehrten, Alkoholiker und Narren Jacob Paul von Gundling auseinander, der 1731 auf Geheiß des Soldatenkönigs in einem Weinfass, gezogen von sechs Schweinen, beerdigt wurde. Und Uta Baier schildert die Reaktionen auf Meeses politische Kunst: Seine "laute Präsenz zieht natürlich auch die Kritiker an. Die einen meinen, er sei nicht ernsthaft genug. Die anderen stört, dass er im Chaos seines Privatkosmos', der sich aus der dunklen deutschen Geschichte speist, selbst und gern schwanzwedelnd und Scarlett Johansson verehrend auftaucht. Selbst für den Kunstmarkt, auf dem seine wuchernden Installationen angeboten und verkauft werden, ist er in den Augen seiner Kritiker, irgendwie verantwortlich. Einer, der sich als Revolutionär gibt, muss arm sein."

Weitere Artikel: Peter Dittmar erzählt die Geschichte des Hotels Lux in Moskau, eines der Hauptorte der stalinistischen "Säuberungen" - es wird jetzt zu einem "Luxus-Fashion-Hotel" umgebaut. Thomas Hahn porträtiert die Schauspielerin Anne Tismer, die zusammen mit dem Dramatiker Lars Noren ein Stück über den Amokläufer Bastian Bosse entwickelte und auf Französisch und bald auch in Berlin auf Deutsch zur Aufführung bringt - nebenbei erfahren wir, dass Noren ein Stück über Anna Politkowskaja vorbereitet. Michael Stürmer war dabei, als das Deutsche Historische Museum sein zwanzigstes Jubiläum feierte. Peter Dittmar meditiert in der Leitglosse über die Stille der Bahnhöfe während des Streiks. Gemeldet wird, dass die russische Menschenrechtsgruppe Memorial die Namen von mehr als zwei Millionen Opfern des Stalinismus ins Netz stellt. Und Sven Felix Kellerhoff hat die neue Gedenkstätte in Bergen-Belsen besucht.

Besprochen werden die große Courbet-Ausstellung in Paris ("dieses Fleisch lockte - und lockt noch", schreibt Manuel Brug über Courbets Frauenakte), Tschaikowskis Oper "Pique Dame" in Wien, Michael Wildenhains Stück "Dutschke" in Bielefeld und anderswo.

Auf der Magazinseite steht Jörn Lauterbachs Nachruf auf die Schauspielerin Evelyn Hamann.

TAZ, 30.10.2007

Am Massaker von Rechnitz waren vor allem Österreicher beteiligt, stellt Robert Misik fest: "Podezin und seine Mittäter waren österreichische Nazis, die von österreichischen Gerichten laufen gelassen wurden oder laufen gelassen werden mussten, weil ihnen österreichische Nachbarn offenkundig die Stange hielten. Das Bedürfnis, einen grotesk übertriebenen Anteil der Schuld auf eine deutsche Großbürgerstochter zu schieben, die sich in ungarisches Grafengeschlecht hochgeheiratet hat, ist unter Österreichs antifaschistischen Historikern nicht extrem stark ausgeprägt - schließlich war es ja die Raison d'etre der Nachkriegsrepublik, dass 'die Deutschen' schuld waren."

Weiteres: Jan Feddersen würdigt Evelyn Hamann in seinem Nachruf als das "deutsche Antifräuleinwunder". Andreas Resch bleiben von den Hofer Filmtagen vor allem Filme übers Erwachsenwerden in Erinnerung. Besprochen wird eine Retrospektive zum Maler Blinky Palermo in der Kunsthalle Düsseldorf.

Und Tom.

NZZ, 30.10.2007

Franz Haas berichtet von Aufruhr unter Italiens Katholiken und Devotionalien-Produzenten. Grund ist ein Buch des Historikers Sergio Luzzatto über Padre Pio, das bisher unveröffentlichte Quellen aus dem Vatikan zitiert, nach denen der Kapuzinerpater "bei einem lokalen Apotheker große Mengen von Karbolsäure kaufte, vielleicht um durch Verätzung der Hände dem Wunder ein wenig nachzuhelfen. Der Apotheker wandte sich vertraulich an den örtlichen Bischof; der schrieb 1920 an den entsetzten Papst Benedikt XV., doch die Briefe schwiegen bis vor kurzem in den Archiven des Heiligen Offiziums. Padre Pio ist in Italien ein derart beliebter Heiliger, dass solch böse Fakten nicht ohne Widerspruch bleiben. Vor allem die rechtskonservativen Medien protestieren gegen diese 'Verleumdung', und im Dickicht der Leser-Blogs werden auch antisemitische Töne laut, wie etwa in der Online-Ausgabe des Berlusconi-Blattes Il Giornale, wo in Anspielung auf die persönliche Herkunft Sergio Luzzattos von einem 'jüdisch-freimaurerischen Komplott' die Rede ist."

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Mark Rothko im Palazzo delle Esposizioni in Rom, eine Berliner Tagung zur Figur des Märtyrers und Bücher, darunter Christoph Ransmayrs Bildergeschichte "Damen und Herren unter Wasser", Werner Oechslins Studie über den Palladianismus und Michael von Brücks Band "Einführung in den Buddhismus" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FAZ, 30.10.2007

Gestern herrschte in den Reaktionen weithin Begeisterung über Martin Mosebachs Büchner-Preis-Rede. Heute druckt die FAZ sie ab, leicht gekürzt, aber doch zwei Seiten fast füllend. Im Zentrum steht eine Lektüre von "Dantons Tod", insbesondere von Luciles Schlusssatz "Es lebe der König". Wir zitieren eine Zitatmontage Mosebachs, die einen Satz Saint-Justs mit Himmler konfrontiert: Saint-Just, so Mosebach, habe dem Massenmord zugestimmt, "dessen Doktrin (er) in einzigartig zukunftsträchtigen Deduktionen verkündet hat: 'Soll eine Idee nicht ebenso gut wie ein Gesetz der Physik vernichten dürfen, was sich ihr widersetzt? ... Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphäre unserer Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane oder Wasserfluten gebraucht.' (...) Wenn wir diesen Worten nun noch das Halbsätzchen einfügten: '... dies erkannt zu haben, und dabei anständig geblieben zu sein ...', dann wären wir unversehens einhundertfünfzig Jahre später, und nicht mehr in Paris, sondern in Posen, in Himmlers berüchtigter Rede vor SS-Führern."

Weitere Artikel: Andreas Kilb war dabei, als zur Zwanzigjahrfeier des Deutschen Historischen Museums Giovanni di Lorenzo Altkanzler Helmut Kohl bekannte und unbekannte Anekdoten entlockte. Heinrich Wefing ist der sich an der ausbleibenden Debatte über das Soldatenmahnmal manifestierende "Unwille zu trauern" nicht geheuer. Bei den Hofer Filmtagen hat Michael Althen gute - und nicht so gute - deutsche Filme fürs Fernsehen gesehen. Von der Musikbiennale in Venedig berichtet Gerhard R. Koch. Edo Reents kommentiert einen jetzt aufgetauchten Brief Thomas Manns vom 26. Oktober 1933, in dem dieser Deutschlands Zukunft klarer ins Auge sieht, als man bisher gedacht hätte. Hannes Hintermeier ist sehr einverstanden damit, dass jetzt Franz Jägerstätter, der den Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg verweigert hatte, selig gesprochen wurde. Von chinesischer Begeisterung für deutsche Rockbands und Waschmaschinen weiß Mark Siemons zu berichten.

Ernst Horst berichtet über eine Ausstellung zur Mikroskopie am Deutschen Museum und eine dazugehörige Tagung. Karen Krüger informiert über die Eröffnungskonferenz einer mit Gewaltforschung befassten Gruppe von Wissenschaftlern des Bielefelder Zentrums für Interdisziplinäre Forschung. Ein Wohnareal für Frauen namens Beginenhof hat sich in Berlin Kreuzberg Robert Kaltenbrunner angesehen. Niklas Maak gratuliert dem Filmregisseur Claude Lelouch zum Siebzigsten. Für die Seite "Forschung und Lehre" hat sich Tilmann Lahme an der Eliteuniversität Göttingen unter die Germanistik-Studienanfänger im neuen Bachelor-System gemischt.

Besprochen werden das Solodebüt "Marry Me" von St. Vincent alias Anni Clark, eine der Landschaftsmalerei Renoirs gewidmete Ausstellung in Wuppertal, Samirs Zürcher Inszenierung von Tennessee Williams' "Die Glasmenagerie", der Auftakt der Europa-Tournee der Foo Fighters in Oberhausen und Lisa Nielebocks Bochumer "Gespenster"-Inszenierung.

FR, 30.10.2007

"Erfreulich souverän und wagemutig" findet Jörg Plath die Art, wie Verleger Michael Klett die Nachwuchsprobleme bei Klett-Cotta löst. "Einem Romanautor würde man vorwerfen, diese Geschichte klinge unglaubwürdig - so süßlich klinge sie. Aber es ist wahr: Der erst vor elf Jahren in Köln gegründete, heute in Berlin ansässige Tropen Verlag und der ehrwürdige Klett-Cotta Verlag aus Stuttgart gehen zusammen; aber nicht etwa so, dass der Große den Kleinen aufkauft. Nein, Michael Zöllner und Tom Kraushaar bringen ihren Tropen Verlag im Tausch gegen Anteile von Klett-Cotta als Imprint unter das Dach des Stuttgarter Hauses und werden außerdem am 1. November dessen verlegerische Geschäftsführer. Das Berliner Büro wird zu Ende März geschlossen."

Weitere Artikel: Harald Keller lobt die liebevoll gestalteten US-Serien im Allgemeinen und den neuen RTL-Einkauf "Psych" im Besonderen. Der Direktor des Frankfurter Städel-Museums Max Hollein erzählt von den Vorbereitungen für die in vier Wochen beginnende Cranach-Ausstellung. Harry Nutt kommt in einer Times mager auf neue Ideen im Bestattungsgeschäft zu sprechen.

Besprochen werden Hamburger Aufführungen von Lessings "Minna von Barnhelm" am Schauspielhaus und Shakespeares "Maß für Maß" am Thalia Theater, eine "beeindruckende" Retrospektive über den jung verstorbenen Blinky Palermo in der Düsseldorfer Kunsthalle sowie George Steiners Essays "Meine ungeschriebenen Bücher" und David Mitchells Jugendroman "Der dreizehnte Monat" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Spiegel Online, 30.10.2007

Bei Spiegel Online antwortet Christian Stöcker auf FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, der in seiner Dankesrede für den Grimm-Preis das Internet als große Gefahr für die Jugend und den Qualitätsjournalismus erkannt hat. Stöcker fragt sich allerdings, ob Journalismus wirklich durch die Druckerpresse gehen muss: "Die Tatsache, dass jemand einen Text schreibt, der über Nacht auf Papier gedruckt und am nächsten Morgen zum Leser nach Hause gefahren wird, steigert dieser Argumentation zufolge die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen. Das Transportmedium gerät zum Qualitätsmerkmal. Vielleicht deshalb, weil die Zeitung morgens nüchtern, grau und einsam auf der Türschwelle oder im Briefkasten liegt, während Nachrichten, Analysen und Kommentare im Internet ständig umgeben sind von dem immer mitzudenkenden Moloch, der um sie herum lauert. Von den körperverletzenden Bildern, dem 'pornografischen und gewalttätigen Extremismus' und all den halbseidenen Nachrichten. Mit gleichem Recht könnte man behaupten, die Qualität der Tagesschau werde davon beeinflusst, dass auf anderen Kanälen nachts Sexfilme laufen. Oder die Qualität der Frankfurter Allgemeinen Zeitung davon, dass ein Kioskbesitzer daneben auch noch Bild und Erotikheftchen im Angebot hat." (Schirrmachers Rede kann man jetzt in leicht abweichenden Fassungen sowohl in der SZ als auch in der FAZ online lesen.)

SZ, 30.10.2007

Im Teheraner Museum für zeitgenössische Kunst wurde gerade die Ausstellung "Manifestations of Contemporary Art in Iran" eröffnet. Dass es seine Schätze zeigt, ist eine Ausnahme, erzählt der iranische Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan, ganz geschlossen wurde es jedoch nie. Die Sammlung muss "im Verborgenen weiterbestehen, um den Mullahs ein mahnender Hinweis auf die nach wie vor geleugnete Moderne zu sein. Denn gerade jetzt vollziehen viele einstige Revolutionäre einen Wandel, erleben eine Rückbesinnung auf die Moderne. Es ist ein Prozess, dem sie sich nicht entziehen können. Beispielhaft lässt sich diese Wandlung an einem auch im Westen bekannten Regisseur beobachten, der einst ein muslimischer Revolutionär war und im ersten Jahrzehnt der Revolution nach Vorführung des Films eines säkularen Regisseurs erklärt hatte, er sei bereit, sich Handgranaten umzubinden, den betreffenden Kollegen zu umarmen und sich mit ihm in die Luft zu sprengen. Dieser revolutionäre Muslim hat kürzlich die französische Staatsbürgerschaft angenommen und in seinem letzten Film eine nackte Frau vor die Kamera gesetzt!"

Weitere Artikel: Franziska Augstein studiert beim zwanzigjährigen Jubiläum des Deutschen Historischen Museums in Berlin Helmut Kohls Stimmungsrhetorik. Dirk Peitz spricht mit Blixa Bargeld über das neue Album der Einstürzenden Neubauten. Joachim Kaiser schwärmt in einer "Zwischenzeit" von der Amazonenraserei in Kleists "Penthesilea". Burkhard Müller verfolgt eine Tagung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in der es um das menschliche Proprium der Sprache ging. Fritz Göttler überbringt dem französischen Regisseur Claude Lelouch Glückwünsche zum siebzigsten Geburtstag.

Auf der Medienseite findet sich Hans Hoffs Nachruf auf die Schauspielerin Evelyn Hamann, die immer am besten gewesen sei, "wenn es galt, Haltung zu bewahren, obwohl diese erst zart, dann zunehmend heftiger von verunsichernder Wucht erschüttert wurde". Online zu lesen ist Ruth Schneebergers Resümee von Loriots Abschied von Hamann in der Talkshow von Reinhold Beckmann. Christian Fuchs klärt über den Hintergrund einer Geschichte in der Bild-Zeitung über Studentenverbindungen auf.

Besprochen werden zwei Hamburger Aufführungen, Gotthold Ephraim Lessings "Minna von Barnhelm" am Schauspielhaus und Shakespeares Komödie "Maß für Maß" am Thalia Theater, die Inszenierung von Tschaikowskys "Pique Dame" unter der musikalischen Leitung von Seiji Ozawa und der Regie von Vera Nemirova an der Wiener Staatsoper, Bilder von Bob Dylan in den Kunstsammlungen Chemnitz und Bücher, darunter Borwins Bandelows "Buch für Schüchterne" sowie Jakob Ullmanns Studie "Logos agraphos. Die Entdeckung des Tones in der Musik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).