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Heute in den Feuilletons

Das sieht aus wie Erhabenheit

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2010. Die Existenz Gottes ist zwar widerlegt, wie die SZ heute meldet, aber die FAZ plädiert trotzdem unverdrossen für Religion an deutschen Schulen. Die FR fürchtet sehr um die Hamburger Kultur. Die taz staunt über bürgerliche Revolutionäre in Stuttgart und anderswo. Nur die Blogs berichten, dass die Zeitungen zwar für Leistungsschutzrechte sind - aber der gesamte Rest der Wirtschaft sehr heftig dagegen. Stefan Niggemeier entschuldigt sich für ein Lob von Bernd Neumann. Und außerdem: Druckt alle, alle Benjamin. Ab Montag ist es erlaubt.

Welt, 24.09.2010

Stephan Wackwitz legt zum siebzigsten Todestag Walter Benjamins (die Rechte werden frei!) einen lesenswerten Essay über Benjamin-Kult und Benjamin-Kitsch vor. Als Theoretiker, so Wackwitz, ist er kaum mehr zu genießen, und sein Einfluss war fatal: "Man kann es ja an sich selber beobachten: der Unwille, einen Texte weiterzulesen, wenn über dem ersten Absatz ein Prunkzitat aus Benjamins Trauerspielbuch steht und Reizwörter wie 'Aura', 'Flaneur' und 'Choc' großzügig über den danach folgenden Gedankenmatsch verteilt sind. Man will dann ja nie mehr irgendetwas mit derlei zu tun haben." Wackwitz' Rat: Vergesst den Theoretiker, der den historischen Materialismus mit der Kabbala verquirlte und lest den Schriftsteller!

Weitere Artikel: Gerhard Richter äußert im Gespräch mit Cornelius Tittel Verständnis für das Bremer Museum Weserburg, das eines seiner Gemälde versteigern lässt ums sich zu sanieren. In der Leitglosse freut sich Christoph Wenzel auf die Ausstellung "300 Jahre Wissenschaft in Berlin", die ein ereignisreiches Wisssenschaftsjahr abschließt. Besprochen wird eine neue CD der Manic Street Preachers (mehr hier).

NZZ, 24.09.2010

Wieder einmal sehr weltläufig die NZZ heute: Ho Nam Seelmann beleuchtet die Niederlage von Südkoreas konservativem Präsidenten Lee Myong Bak bei den Provinzwahlen. Und das, obwohl Nordwind herrschte! "In Korea bringen jene Ereignisse 'Nordwind' hervor, die sich kurz vor Wahlen ereignen und mit Nordkorea zu tun haben. Der 'Nordwind' kommt meist der konservativen Partei zugute. Angefangen beim Sprengen von Spionageringen kennt man in Südkorea eine lange Liste von Vorkommnissen, die in den letzten Jahrzehnten 'Nordwind' hervorriefen und wahlentscheidend waren. Um die Gunst der Stunde zu nutzen, hielt der koreanische Präsident eine Woche vor der Wahl im Kriegsmuseum eine Rede an die Nation und verurteilte Nordkorea scharf, dem er die Schuld am Untergang des Kriegsschiffs gab. Sieben von zehn Südkoreanern glauben dies nach neueren Umfragen nicht."

Weiteres: Peter Kammerer erzählt von der besonderen Beziehung des französischen Filmemachers Jean-Marie Straub zum toskanischen Ort Buti. Die Architekten Bracha und Michael Chyutin aus Tel Aviv  sollen das Museum of Tolerance in Jerusalem bauen, berichtet Roman Hollenstein. Caroline Kessler hat die Ausstellungen "Tempi passati" und "Yesterday will be better" im Kunsthaus Aarau besucht.

Besprochen werden Joseph Roths Stück "Legende vom heiligen Trinker" am Theater Basel, Brahms' Klavierkonzerte mit Pianist Rudolf Buchbinder in der Zürcher Tonhalle, Mavis Staples' Gospelplatte "You are not alone" und das Album "False Priest" von Of Montreal.

Perlentaucher, 24.09.2010

Antje Vollmer hat Bundeskanzlerin Merkel wegen ihrer Rede für den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard kritisiert, berichtet Thierry Chervel: "Ich halte es für unklug. Für eine Staatsfrau halte ich es für sehr unklug", sagte die Grünen-Politikerin in einer SWR-Sendung. Wie das Buch von Thilo Sarrazin sieht Vollmer die Mohammed-Karikaturen als Kriegserklärung und tritt für eine Distanzierung von Westergaard ein: "Aber würde dieser Krieg mal ausbrechen, wir würden ihn niemals gewinnen können. Dann muss man doch einmal nüchtern sein, und sagen: Schluss mit dieser Art von Theater!"
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Aus den Blogs, 24.09.2010

Der Thalia-Intendant Joachim Lux hat in einem offenen Brief dem Welt-Kritiker seiner Hamlet-Inszenierung, Alan Posener, Volksverhetzung vorgeworfen, die Worte Islamophobie und Kristallnacht fallen ebenfalls. Esther Slevogt rät auf der Nachtkritik zur Abrüstung: Posener lästere zugegeben polemisch "über die musikalische Begleitung des Abends: 'Da die Leute vor lauter Chargieren nicht zum Spielen kommen und ihnen der hechelnde Text ohnehin nichts zu sagen gibt, sitzt vor der Bühne ein Mann am Klavier und deutet mit einer Mischung aus mongolischem Obertongesang, Muezzin-Ruf und Jodeln deren Gemütslage an. Die ist oft verzweifelt, also geht es obertonmäßig ziemlich oft zur Sache. Entsetzlich.' Posener fühlt sich also lediglich von der Musik an einen Muezzin-Ruf erinnert. Unter anderem. Aber Lux verschweigt uns die Verunglimpfung der Mongolen und der Bayern im selben Satz. Warum? Weil es sich eben überhaupt gar nicht um Verunglimpfung von Minderheiten, sondern einer Theateraufführung seines Hauses handelt? Oder weil man mit einem Verweis auf Mongolen- und Bayernverunglimpfung hierzulande keine Öffentlichkeit skandalisieren kann?"

Peinlich peinlich. Der Blogger Stefan Niggemeier ist von Bernd Neumann gelobt worden, und das in einer Rede gegen das Internet. Aber er wehrt sich: "Ich kann nicht glauben, dass man das im Jahr 2010 immer noch hinschreiben muss: Der Print-Journalismus ist dem Online-Journalismus nur insofern überlegen, als der Print-Journalismus jahrzehntelang ein lukratives Geschäftsmodell hatte, das dafür sorgte, dass Redaktionen gut ausgestattet wurden und sich relative hohe Standards entwickeln konnten."

Die deutschen Zeitschriften- und Zeitungsverleger machen unermüdlich Lobbyarbeit für ihre Leistungsschutzrechte und werden werden dabei nach Kräften von Bundeskulturminister Neumann (siehe oben) unterstützt. Aber andere Branchen (die für die Leistungsschutzrechte bezahlen müssten) finden das nicht so gut, berichtet Florian Treiß in turi2: "Eine 'milliardenhohe Abgabenlast' für 'jedes in Deutschland ansässige Unternehmen' beklagt eine gemeinsame Erklärung von 22 Verbänden (u.a. BDI, Bitkom und BVDW, Spitzenverbände für Handwerk, Einzelhandel, Bauern, weitere Branchenverbände)." Hier die BDI-Erklärung als pdf-Dokument. Mehr zum Thema auch bei Carta.

FR, 24.09.2010

Steht das Hamburger Schauspielhaus vor dem Aus? Mit Entsetzen reagiert Peter Michalzik auf den Beschluss des neuen und offenbar noch kulturfeindlicheren Senats, dem Theater die Zuschüsse um 1,2 Millionen Euro zu kürzen: "Das sind sechs Prozent der Zuschüsse von 19,9 Millionen und ist mehr als die Hälfte des künstlerischen Etats. Es hat schlicht etwas Mieses: Treffsicher hat man in der Politik das führungslose Haus als zur Zeit schwächstes Glied der Hamburger Kulturkette ausgemacht und ist dabei, es endgültig sturmreif zu schießen. Geht es also wirklich, wie man jetzt überall befürchtet, um die Zerstörung eines großen Theaters? Oder agiert die Kulturbehörde unter dem neuen Senator Reinhard Stuth einfach nur planlos und inkompetent?"

Weiteres: Hans-Jürgen Linke fordert in Times mager höhere Literaturpreisgelder. Marcus Stäbler unterhält sich mit dem Dirigenten Kristjan Järvi über das von ihm gegründete Orchester Baltic Youth Philharmonic. Christian Schlüter berichtet von einem Vortrag des spanischen Religionssoziologen Jose Casanova in Frankfurt. Besprochen werden die Ausstellung "Weltenwandler" in der Frankfurter Schirn und Tim B. Müllers Marcuse-Studie "Krieger und Gelehrte" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 24.09.2010

Auf den Tagesthemenseiten besucht Peter Unfried die "neuen Revolutionäre", bürgerliche Protestler in Stuttgart, Hamburg oder Lüchow, die sich nicht den Entscheidungen der Politik zufrieden geben wollen. "Dass die Entfremdung der Gesellschaft mit ihren Parteien und Repräsentanten voranschreitet, ist im Moment Konsens. Die Bewegungen gehen dabei in alle Richtungen: Gegen Atomkraft, gegen Verlängerung der Grundschule, gegen städtischen Wohnraumverkauf, für und gegen Rauchverbot, für und gegen Thilo Sarrazin. Wer die gemütliche Links-rechts-Orientierung braucht, wird verzweifeln. Aber grundsätzlich haben immer mehr Leute das Gefühl, Politik arbeite intensiver und professioneller - aber nur daran, sie zu bescheißen."

Im Kulturteil unterhält sich Christoph Haas mit den Zeichnerinnen Ludmilla Bartscht, Claire Lenkova und Stephanie Wunderlich über ihre Anthologie "Spring", die seit 2004 im Eigenverlag erscheint und ausschließlich Beiträge von Zeichnerinnen, überwiegend aus dem deutschsprachigen Raum, beinhaltet. Thomas Winkler porträtiert das neunköpfige Heidelberger Punk-HipHop-Kollektiv Irie Revoltes. In tazzwei erzählt Ulrich Gutmair, wie sich Welt-Kritiker Alan Posener und Intendant Joachim Lux über die "Hamlet"-Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg in Haare bekommen haben (hier unser Resümee).

Besprochen wird das Album "Sir Luscious Left Foot: The Son Of Chico Dusty? des Rappers Big Boi.

Und Tom.

SZ, 24.09.2010

Tja, tut mir leid, aber "Stephen Hawking hat in seinem neuen Buch 'Der große Entwurf' gemeinsam mit seinem Koautor Leonard Mlodinow die Existenz Gottes widerlegt", meldet Ralf Bönt im Aufmacher. Und weiter: "Mit traumwandlerischer Sicherheit umreißen Hawking und Mlodinow schon in wenigen ersten Sätzen die letzten Fragen. Die Philosophie erklären sie für tot, damit die Physik die Macht übernehme. Man kennt solchen Atem sonst nur aus Bekehrungstexten, deren sprachliche Ökonomie sich dem Mangel an Zweifeln verdankt. Das sieht aus wie Erhabenheit."

Weitere Artikel: Till Briegleb fürchtet die Totalabwicklung der Hamburger Kultur durch den neuen Senat. Reinhard J. Brembeck feiert Roger Woodwards wiederaufgelegte CD-Edition der Präludien und Fugen von Schostakowitsch.

Besprochen werden der "Sommernachtstraum" in Oberhausen und "Die Möwe" in Düsseldorf, der Film "Kinshasa Symphony" (mehr hier) über ein Orchester, das im Kongo klassische Musik spielt, eine Ausstellung mit dem druckgrafischen Werk des amerikanischen Künstlers Al Taylor in München, die Ausstellung "300 Jahre Wissenschaft in Berlin" ebendort, neue Inszenierungen in Leipzig und Bücher, darunter Michael Chabons Abenteuergeschichte "Schurken der Landstraße".

Meist feiern unsere an sich recht nekrophilen Feuilletons gar nicht die richtigen Todestage. Der siebzigste ist der wichtigste, denn da erlöschen die Urheberrechte. In diesen Tagen ist das bei Walter Benjamin der Fall: "Und wie inzwischen Kafka auch bei Suhrkamp verlegt wird, hat nun S. Fischer ein Taschenbuch angekündigt, das Walter Benjamins 'Einbahnstraße' und 'Berliner Kindheit um 1900' im Doppelpack für nur acht Euro enthält, schreibt Lothar Müller auf Seite eins der SZ.

FAZ, 24.09.2010

Religionsunterricht an deutschen Schulen ist nicht deskriptiv, sondern dogmatisch, schrieb der Völkerrechtler Karl Doehring bereits gestern in der FAZ. Aber widerspräche ein derart verkündender Islamunterricht nicht Grundwerten der Verfassung? "Viele Vorschriften des Korans und der Scharia sind mit den Werten des Grundgesetzes nicht vereinbar. Es sei nur an Regeln des Familienrechts erinnert, an das grundsätzliche Verständnis von dem Verhältnis der Geschlechter zueinander, an die Strafempfehlungen der Scharia oder an die Konsequenzen für den Abfall vom islamischen Glauben." (Etwas krumm ist allerdings Doehrings Begründung, warum das für die christliche Religion nicht gelten soll. Doehrings Artikel bitte schon wegen der Karikatur anklicken!)

In der heutigen Leitglosse wendet sich Patrick Bahners gegen Doehring und warnt die Kirchen davor, sich mit Islamkritikern einzulassen, die für eine Trennung von Staat und Religion eintreten. Andreas Kilb erlebte mit, wie der berühmteste Ossi unter den Autoren, Alexander Osang, in einer Lesung des Berliner Literaturfestivals ein "Herzschmerz-Pastiche in Orwo-Farben" entfaltete. Gerhard Stadelmaier muss angesichts zahlreicher zurückgetretener und -tretender Intendanten konstatieren, dass es in der Hamburger Theaterlandschaft zur Zeit nicht zum besten steht. Ulf Stuberger wirft einen ausführlichen Blcik auf den am 30. September beginnenden Prozess gegen Verena Becker, der helfen soll, endlich den Mord an Siegfried Buback aufzuklären und damit "die größte Schlappe der deutschen Strafjustiz zu korrigieren". Und Nina Rehfeld hat für die Medienseite die ersten Folgen der nächsten großen HBO-Serie gesehen, das von Martin Scorsese produzierte "Boardwalk Empire" über die Zeit der Prohibition.

Besprochen werden zwei Fotografieausstellungen im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, eine Dramatisierung von Joseph Roths "Legende vom heiligen Trinker" in Basel, Ereignisse der Nordischen Musiktage in Kopenhagen, eine Ausstellung über politisches Kabarett in der Bundesrepublik nach 1945 in Bonn, Jay Roachs Filmkomödie "Dinner für Spinner" und Bücher darunter ein Gedichtband von Michael Krüger (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).