Im Kino

Was will man sehen, was hält man aus

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
15.09.2026. Der Vater wird wegen Verdacht auf Besitz von Kinderpornografie verhaftet, die Mutter versucht ein Bild von ihm zu bekommen, mit dem sie weiterleben kann. Marie Kreutzers "Gentle Monster" erzählt von einer Normalität, in der das Monströse einen Platz finden kann.

Wann immer ein Fernsehteam Nachbarn vor die Kamera zerrt, die erzählen sollen, wie der Mörder, Vergewaltiger oder Folterer so war, der seine Tochter für Jahre im Keller eingesperrt und missbraucht hat, hört man sehr ähnliche Formulierungen: "ganz normal", "unauffällig", "freundlich" und so weiter. Auch hundert Jahre nach Fritz Haarmann und nach jahrzehntelangem True-Crime-Training nimmt die Faszination an dem Umstand, dass Gewalttäter möglicherweise nicht aussehen wie Leatherface aus "Blutgericht in Texas", sondern wie stinknormale Angestellte, nicht ab.

Warum auch sollte ein Mann, dessen Triebstruktur im Legalen und Konsensuellen nicht aufgeht, weniger auf Höflichkeits- und Umgangsformen (und die entsprechende Unauffälligkeit) angewiesen sein als einer, dessen Wünsche und Praktiken im Bereich eben des Normalen bleiben? Wenn, dann doch eher mehr.

Das Kino erzählt gerne vom Auseinanderfallen von Normalität und Maskerade. Das Besondere an der Variation, die die Regisseurin Marie Kreutzer dem sanften Monster in ihrem neuen Film gibt, liegt in einem anders austarierten Verhältnis von Monstrosität und Normalität.

Lucy (Léa Seydoux), ist eine erfolgreiche Konzertpianistin, ihr Mann Philip (Laurence Rupp) ein eher erfolgloser Filmemacher. Das Paar ist mit dem neunjährigen Sohn Johnny (Malo Blanchet) aufs Land gezogen, nachdem Philip einen Burn-out hatte. "Gentle Monster" hält sich nicht lange mit der Exposition auf, bald steht die Polizei vor der Tür und nimmt Philips Laptop mit. Verdacht auf Besitz und Weitergabe von Kinderpornografie.

Die Kamera begleitet Lucy bei ihrem Versuch, ein Bild vom Vater ihres Kindes zu bekommen, das die Wahrheit enthält und mit dem sie weiterleben kann. "Gentle Monster" gelingt es, die verschiedenen Phasen dieses Versuchs, die immer wieder aufs Neue mit eigentlich nicht aushaltbaren Erkenntnissen beginnen, mit großer Genauigkeit zu zeigen und zu erzählen. Das gelingt so gut, weil in Léa Seydoux' Spiel die Intensivierung die Nuancen nicht plattmacht. Die Kamera hilft: weder aufgeregtes Verzweiflungsgeschrei noch Haneke-artige Kühle, sondern ein gleichermaßen analytischer und empathisch-interessierter Blick.

Es geht Schritt für Schritt. Philip versucht zu retten, was noch zu retten ist. Lucy ahnt, dass da nicht mehr viel bleibt, wehrt sich aber und nimmt die Erklärungsversuche, die Philip gemeinsam mit seinem Anwalt entwickelt hat, erst einmal an. Nichts davon stimmt, und die Drohung, dass der Vater sich auch an seinem Sohn vergangen hat, schwebt über dem gesamten Film.


Marie Kreutzer zeigt mehr, als ausgesprochen wird. Im deutschsprachigen Kino ist das nicht der Normalfall. Erklärt wird nichts, aber der Rahmen ändert alles und setzt Zuschauerin und Zuschauer in die Rolle der Ermittlerin. Eigentlich harmlose Szenen (der Vater rennt nackt durch die Wohnung, der Vater geht nachts hinüber ins Kinderzimmer) wirken mit dem Verdachtswissen wie beklemmende Hinweise.

Trotzdem geht es in "Gentle Monster" auch um Sprache. Die Familie redet Französisch, Deutsch und Englisch miteinander und mit anderen. Auch in Lucys Kunst geht es um Übersetzungen: Sie spielt Popsongs, verlangsamt und reduziert, auf dem Flügel, der Glasharfe und dem Harmonium, alle von männlichen Komponisten, deren Stücke sie, wie sie sagt, dekonstruiert. Weil Männer über ihre Gefühle normalerweise nicht sprechen, aber in den Songs wären sie dann da, sagt Lucy. Wobei "Would I Lie to You?" von Charles & Eddie und "Boys Don't Cry" nicht klingen, als würden Gefühle ausgedrückt, sondern wie weitere Zeugnisse von Verschleierung. Vielleicht wirkt Lucy auch deswegen zunehmend müde in den Konzerten: Jedes weitere Sprechen (und Singen) ist eine Lüge. "Don't you know it's true / There is no one else but you".

In diesem künstlerischen Verfahren Lucys bildet sich die Unternehmung des Films ab. Die Anordnung ist eine analytische. Parallel zur Geschichte von Lucy und Philip begleitet die Kamera die Kommissarin Elsa, die - gegen ihren Typ besetzt - sehr kontrolliert von Jella Haase gespielt wird. Elsa kümmert sich um ihren zunehmend dementen Vater (Sylvester Groth als bildungsbürgerlicher Sleazebag), der routiniert die Haushaltshilfe befummelt. Auch hier fallen Bild, Selbstbild und eine männliche Sexualität, der der Übergriff nicht nur Mittel, sondern Zweck ist, auseinander. (Es ginge bei sexualisierter Gewalt nicht primär um Sex, sondern um Macht, erklärt ein Beamter, und das stimmt.)

Beide Frauen müssen erkennen, dass sie von den jeweiligen Männern wenig wussten. Dieses Nichtwissen aber bringt der Film ins Schweben: Was will man sehen, was hält man aus, warum ist es so schwer, Grenzen zu ziehen, wo doch alles offensichtlich daliegt? Die Liebe hört ja nicht einfach auf, gesteht Lucy ihrer mit großer Strenge von Catherine Deneuve gespielten Mutter.

Spätestens mit dem offenen Ende schert "Gentle Monster" aus der typischen Erzählung aus, in der sich hinter der Normalität das Monster verbirgt. Das Monströse liegt hier im Verschleiern, im routinierten Lügen, in der Selbstverständlichkeit, mit der die, die auf einen angewiesen sind und einem vertrauen, dem eigenen gewaltvollen Begehren untergeordnet werden.

In dieser Hinsicht erzählt "Gentle Monster" etwas, das über den Komplex Pädophilie/Kindesmissbrauch hinausreicht. Nämlich davon, dass die Normalität selbst genügend Formen, Sprachen und Routinen bereithält, in denen das Monströse ganz unauffällig Platz finden kann. Vielleicht auch, weil Gewalt und eine Sexualität, die ohne Kontrolle und Überlegenheit nicht auskommt, dieser Normalität gar nicht so sehr zuwiderläuft, sondern bereits in ihr enthalten ist.

Benjamin Moldenhauer

Gentle Monster  - Österreich, Deutschland, Frankreich 2026 - Regie: Marie Kreutzer - Darsteller: Léa Seydoux, Jella Haase, Laurence Rupp, Catherine Deneuve - Laufzeit: 114 Minuten.