Im Kino

Keiner dreht sich um

Die Filmkolumne. Von Lukas Pazzini
16.07.2026. Es ist nicht leicht, herauszufinden, was die Menschen in Russland über den russischen Überfall auf die Ukraine denken. Lena Karbes "Innere Emigranten" stellt Psychologen ins Zentrum, deren Patienten mit ihnen über alles Mögliche sprechen wollen. Aber kaum einmal über den Krieg.

Eine Moskauer Hauptstraße, abgesperrt. Eine Frau geht am Rand entlang, zu ihrer Rechten fährt eine nicht enden wollende Kolonne aus Militärfahrzeugen vorbei. Das Bild teilt sich in drei Ebenen: Im Hintergrund, in der oberen Bildhälfte läuft ein Werbebanner für trendige Produkte durch, davor das militärische Gerät, im Vordergrund die Frau. Sie schaut dem Treiben zu, manche Passanten filmen an der Absperrung, dann zieht sie die Kopfhörer über und blickt starr geradeaus. All das existiert heute in Russland nebeneinander. Die Frau ist eine der Protagonistinnen von Lena Karbes Dokumentarfilm "Innere Emigranten".

Wie geht es den Menschen in Russland mit dem Krieg? Das herauszufinden ist schwer. Wer es versucht und darüber informiert, kann als "ausländischer Agent" gebrandmarkt werden. Mit "Mr. Nobody Against Putin" von Pawel Talankin bekamen wir zuletzt durch ins Ausland geschmuggelte Aufnahmen einen Einblick in den Alltag russischer Schüler. Karbe, die vor 15 Jahren aus Russland weggezogen ist, wählt in ihrem Film einen anderen Zugang. Sie filmt ehrenamtliche Psychologen, die mit ihren Patienten über alles Mögliche reden. Selten über den Krieg.

Im Zentrum stehen zwei Psychologen und eine Psychologin, die sich in einer Telefonseelsorge engagieren. Über Telegram melden sich potentielle Klienten, verabreden ein Telefonat, alles anonym. Bei den Sitzungen fixiert die Kamera die Helfer, fängt ihre Regungen ein, während die Klienten aus ihrem Leben berichten. Um den Krieg gehe es nur in wenigen Fällen, sagt einer der Psychologen. Es gehe um Persönliches, private Tragödien. Die wenigsten wollen über den Krieg sprechen.

Was genau sie sich von dieser Betreuung fremder Menschen erhoffen, ist den Psychologen selbst nicht klar. Karbe filmt keine Helden, sondern Menschen, die im Kleinen versuchen, Gutes zu bewirken. Gegen Putin sind zwar alle drei. Sie wissen aber auch, dass sie das Herrschaftssystem mit ihrer Arbeit nicht stürzen können. Karbe lässt ihre Protagonisten sprechen, sie selbst fügt diesem Sprechen keine eigenen Deutungen hinzu. Es wird dem Zuschauer überlassen, was er von dieser Art des Widerstands, diesen "inneren Emigranten", hält.


Zwischen den Sitzungen führt uns Karbe immer wieder nach draußen. Der Krieg scheint alles zu bestimmen und trotzdem redet niemand über ihn. Wir sehen Einstellungen auf Rolltreppen, fahren die Moskauer Metro hinauf und hinunter. Menschen gleiten vorbei, ab und an Soldaten oder Sicherheitskräfte. Überall werben Plakate für einen Anruf beim Rekrutierungsbüro. Karbe fängt diese Stimmung bildgewaltig ein. Die Passanten hasten vorüber, bleiben vielleicht bei einer Straßenmusikerin stehen. An der Moskwa findet ein Tanzabend statt, junge Menschen schwingen die Hüften und gehen danach in ein Hipster-Restaurant. Es gelingt Karbe, eine Welt zu zeigen, die nichts vom Krieg wissen will. 

Können wir auf einen baldigen Aufstand gegen Putin hoffen? "Alle gewöhnen sich dran", sagt einer der Psychologen. Zwar gebe es die, die gegen den Krieg sind, doch sie teilen alle dieselbe Haltung: "Ich will mich nicht opfern. Ich weiß nicht, wie das geht. Jeder weiß, dass Opposition keinen Sinn ergibt."

Am Ende geht Karbe hinter genau diesen Menschen her, den vielen, die mutmaßlich gegen das Regime sind. Karbe folgt ihnen durch die Moskauer Straßen, doch keiner dreht sich um. Sie bleiben Rücken, Teil einer anonymen Masse, in der auch die verschwinden, die eigentlich dagegen sind. Die Psychologen haben ihre Art des Widerstands gewählt: Sie greifen zum Telefon, sprechen offen mit ihren Patienten, obwohl sie wissen, dass es nichts ändert. "Mein Mitgefühl war nicht ehrlich", sagt einer von ihnen über eine Situation, in der er eine Frau trösten musste, die stolz auf ihren im Krieg gestorbenen Mann war. Vielleicht ist das der ehrlichste Satz, der in diesem Film über das Helfen in einem solchen Land fällt. 

Lukas Pazzini

Innere Emigranten - Regie und Buch: Lena Karbe - Laufzeit 92 Minuten.

"Innere Emigranten" ist derzeit noch in einigen deutschen Kinos zu sehen. Eine laufend aktualisierte Liste der Kinos findet sich auf der Website des Verleihs.