Magazinrundschau - Archiv

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301 Presseschau-Absätze - Seite 8 von 31

Magazinrundschau vom 18.01.2022 - Eurozine

Russlands Kreml-treue Intellektuelle zeichnen gern das Zerrbild eines dekadenten Europas, das von Kulturkämpfen und Identitätsschnickscnack besessen ist. In einem aus der ukrainschen Zeitschrift Krytyka übernommenen Artikel zeichnet Igor Torbakow nach, wie damit die Abkehr von Europa generell eingeleitet wurde: "Für Dmitri Trenin, den Direktor des Carnegie Moskau Center, ist Europa nicht länger das Ursprungsland oder 'heilig', nicht einmal ein Freund. Für das heutige Russland, meint er, sei es nur ein Nachbar unter vielen, Teil eines größeren Eurasiens, das sich von Irland bis Japan erstreckt. Das strategische Ziel enger Zusammenarbeit und politischer Allianzen mit Europa - eine Vorstellung, die liberale Intellektueller und Politiker in Russland in den neunziger Jahren vorschwebte - wird inzwischen als nicht praktikabel angesehen, wenn nicht gar als schädlich. Russlands Fortschritt wird nicht mehr an seinen Bindungen zu Europa gemessen. Timofeo Bordatschew, ein bekannter Kommentator in Moskau, meint, dass Russland 'nur noch vorankommt, wenn es es einen bedeutenden, vielleicht sogar den zentralen Part seines Erbes hinter sich lässt: den europäischen Charakter russischer Staatlichkeit'. Europa als Quelle der Innovation wird abgeschrieben. 'Alles, was wir von Europa brauchten, haben wir bekommen', schreiben der Politwissenschaftler Sergei Karaganow und gleich gesinnte Analysten wie in einem Geschäftsbericht. 'Alles andere', meinen sie, ' haben wir entweder schon oder können es nicht bekommen: historisch ist Russland ein autoritärer Staat... Es ist an der Zeit, sich nicht mehr dafür zu schämen, dass wir historisch einem autoritären System verbunden sind, nicht der liberalen Demokratie.'"

Anastassiya Schacht kann sich noch keinen Reim auf die Ereignisse in Kasachstan machen. Nach den Protesten hat Präsident Tokajew nicht nur die Regierung gefeuert, sondern auch hochrangige Militärs verhaften lassen: "Geht es um Proteste, die in Gewalt umschlugen und von den Behörden rigide niedergeschlagen wurden? Das würde bedeuten, dass die kasachische Führung in Panik geraten war - das wäre möglich, auch wenn dies nicht die ersten Proteste im Land waren. Diese Interpretation erklärt nicht die drastischen Maßnahmen an der politischen und militärischen Spitze. Sie erklärt auch nicht, warum sich die kasachischen Sender beharrlich weigern, die Hauptstadt mit ihrem neuen Namen Nur-Sultan zu bezeichnen - nach dem langjährigen Ex-Machthaber Nasarbajew. Tokajew äußert sich stets sehr vorsichtig, wenn es um die Macht der Oligarchen geht, doch jetzt verband er erstmals Nasarbajews Namen mit Kräften, die unrechtmäßig und exzessiv politische und ökonomische Macht angehäuft hätten. In einer Rede am 11. Januar rief Tokajew diese Kräfte auf, ihren Teil zu nationalen Ökonomie beizutragen. Solche Äußerungen legen die Vermutung nahe, dass hier ein Machtwechsel vollzogen wird, und dass Nasarbajews Verbündete nun entweder dem neuen Präsidenten ihre Loyalität beweisen müssen oder im Gefängnis landen werden. Unklar bleibt, ob sie versucht hatten, mit einem Coup ihre Macht zu sichern oder die Proteste für ihre Zwecke gekapert haben. Andererseits kann Tokajew die Proteste auch genutzt haben, um seine Vormachtstellung abzusichern."

Magazinrundschau vom 14.12.2021 - Eurozine

Der Kreml will die russische Menschenrechtsorganisation Memorial auflösen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder weiß genau, warum die noch von Andrei Sacharow und Arseni Roginski gegründete Gruppe der russischen Regierung ein Dorn im Auge ist und warum uns das auch im Westen interessieren sollte: Die Historiker von Memorial haben Fakten gesammelt, sie widersetzen sich dem Narrativ, der eingängigen, sinnstiftenden Erzählung: "Demokratie braucht Reflexion. Wir fallen leicht auf Geschichten herein, nach denen unsere eigene Gruppe immer recht hatte und die andere immer unrecht. Wenn uns diese Erzählungen erst einmal in Stämme verwandelt haben, folgen wir den Stammesführern, die sie erzählen, anstatt selber zu denken. Demokratie heißt, dass das Volk herrscht, aber um dies tun zu können, braucht es das Werkzeug, um die Lügen der Mächtigen zu durchschauen. Reflexion erfordert Fakten, und an die heranzukommen ist schwerer als es scheint. In der Sowjetunion gaben die Dissidenten ein ethisches und praktisches Beispiel, wie man vorgeht: Kümmere dich nicht um die Propagandageschichten, zumindest nicht am Anfang. Interessiere dich für die grundlegenden Fakten. Finde die Namen der Verfolgten heraus, halte die Details ihrer Prozesse fest, ihrer Verhöre, ihrer Urteile, ihre Haft in den Lagern. Schreib alles nieder, und zieh dann die Konsequenzen. Auch die kleinen Wahrheiten sind das Risiko wert. Lass dich dafür selbst verhaften und vertrau darauf, dass andere deinen Namen aufschreiben."

Außerdem: Belarus braucht eine Idee seiner Zukunft, befindet Aleksey Bratochkin mit Blick auf verdampfte sowjetische und nationale Utopien.

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - Eurozine

In einem Artikel aus The New Humanist erinnert Miranda Forsyth daran, dass in etlichen Ländern der Welt der Vorwurf der Hexerei noch immer Tausende von Opfern fordert: Das Witchcraft and Human Rights Information Network listet für die vergangenen zehn Jahre 5.250 Morde und 14.700 Mordversuche auf, vor allem in Papua-Neuguinea, Indien und afrikanischen Ländern. Was dagegen tun? "Ein erster Schritt muss ein besseres Verständnis sein. So wird beispielsweise oft angenommen, dass die Hauptopfer von Hexenjagden marginalisierte Frauen sind, während es in Wirklichkeit viele Kategorien von Opfern gibt. In Papua-Neuguinea sind Frauen und Mädchen in den Highlands die Hauptopfer, während in Bougainville eher Männer angeklagt werden. In manchen Gegenden ist es der 'Poisenman', der seine Zauberkraft ausübt, indem er Substanzen in weggeworfene Haare oder Fingernägel einstreut, während in anderen Gegenden eine 'Sanguma' ('Hexe') dafür bekannt ist, das Herz ihres Opfers zu 'essen'. Wie ein Virus mutieren diese Erzählungen, um sich an neue Bedingungen anzupassen, wie die wachsende Zahl von Geschichten über 'Sanguma', die Mobiltelefone benutzen, zeigt. Die Armen und Ausgegrenzten sind oft das Ziel, aber auch die wirtschaftliche oder politische Elite. Der Vorwurf der Hexerei kann ein sehr wirksames Instrument der Machtlosen sein, da es schwierig ist, sich dagegen zu wehren."

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - Eurozine

Timothy Snyder unterhält sich mit Myroslaw Marynowytsch, der gerade die "Memoiren eines ukrainischen Dissidenten" veröffentlicht hat. Sechs Jahre verbrachte er unter Breschnew in Lagerhaft. Dissident sein in der Ukraine war nicht ganz das gleiche wie Dissident sein in Moskau, erzählt er unter anderem. Zwar gab es überall Helsinki-Gruppen, aber in der Ukraine oder in den baltischen Staaten war mit der Dissidenz auch der Wunsch nach Souveränität verbunden. Eine Szene macht deutlich, warum: "Jedes Bestreben, das Ukrainische zu bewahren, wurde als die schwerste Sünde nationalistischer Ukrainer angesehen. Wenn zwei junge Männer - ganz zu schweigen von einer größeren Gruppe von Menschen - offen und ohne Hemmungen Ukrainisch sprachen, wurde das an sich schon als Rebellion empfunden. Ich kann mich noch gut an die strengen Blicke meiner Kiewer Mitbürger in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf der Straße erinnern. Sie versuchten, sich von uns zu distanzieren, weil sie Angst hatten."

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - Eurozine

Bryan Fanning hat ein Buch über drei Wege zum Sozialstaat geschrieben: Liberalismus, Sozialdemokratie und Christdemokratie ("Three Roads to the Welfare State: Liberalism, Social Democracy and Christian Democracy"). In seinem Artikel für Eurozine befasst er sich mit einem vermeintlichen vierten Weg, einst von führenden Politikern und Intellektuellen weltweit propagiert - die Eugenik: "Zu den intellektuellen Verfechtern der negativen Eugenik gehörten der Schriftsteller HG Wells, prominente Mitglieder der Fabian Society wie Beatrice und Sidney Webb, William Beveridge, der zum Architekten des britischen Wohlfahrtsstaates wurde, Pioniere der reproduktiven Rechte der Frauen wie Annie Besant und Marie Stopes und die schwedischen sozialdemokratischen Intellektuellen Alva und Gunnar Myrdal. Sie alle teilten die Überzeugung, dass Wissenschaft und Technokratie die Gesellschaft zum Besseren gestalten können, obwohl die meisten (mit Ausnahme von Wells und Stopes) keinen wissenschaftlichen Hintergrund hatten. In Großbritannien förderte die Fabian Society das Ideal einer staatlich regulierten Gesellschaftsordnung, geleitet von professionellen Experten. Die Sozialpolitik würde künftig nicht mehr versuchen, Armut, Kriminalität, Alkoholismus, Geisteskrankheit oder Illegitimität durch das im 19. Jahrhundert erweiterte System von Arbeitshäusern, Gefängnissen und Irrenanstalten zu bekämpfen. Stattdessen sollten soziale Probleme durch die Anwendung von Expertenwissen von Ärzten, Psychiatern, Akademikern, Sozialarbeitern, Kriminologen und anderen Spezialisten gelöst werden." Eugenische Gesellschaften entstanden in fast allen Ländern der westlichen Welt. "Versuche, negative Eugenik zu institutionalisieren, fielen mit der Entstehung von Wohlfahrtsstaaten mit Gesundheitsministerien oder einer gleichwertigen Infrastruktur zusammen, die eine Überwachung der sogenannten Schwachsinnigen in Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen möglich machte. In den USA wurde die Sterilisation von Menschen erstmals als Form der Bestrafung von Verbrechen wie der Prostitution verwendet. Das erste eugenische Sterilisationsgesetz in den USA wurde 1897 im Bundesstaat Michigan eingeführt, allerdings nicht in Kraft gesetzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist jedoch in Kansas und Indiana die Praxis der (illegalen) Sterilisierung von 'schwachsinnigen und idiotischen' Häftlingen dokumentiert." In vielen Staaten, auch außerhalb der USA galten eugenische Gesetze teilweise bis in die Siebziger.

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - Eurozine

Viel zu spät hat die EU auf den Aufkauf der Häfen im Mittelmeer durch China reagiert, mit dem Italien sich Peking als Partner für die Neuen Seidenstraßen andiente - besonders gern unter den Fünf Sternen, aber nicht nur. Die meisten Pläne, wichtige Infrastruktur an chinesische Konzerne zu verkaufen, sind mittlerweile gestoppt, wie Ronald H. Linden und Emilia Zankina in einem etwas umständlichen, aber informativen Artikel berichten. Aber den Hafen von Triest konnte sich China ebenso sichern wie den Hafen von Genua: "Für China sind die beiden italienischen Häfen Juwelen in einem Ring von neuen Standorten im Mittelmeerraum. Selbst wenn Italien schlecht behandelt wurde, schmälerte dies nicht seinen Wunsch, mit China Geschäfte zu machen, wie man im Fall von Tarent sieht. Als Teil einer wichtigen Wirtschaftszone am Absatz des italienischen Stiefels und auf der Hälfte zwischen Gibraltar und dem Suezkanal wäre der Hafen ideal gelegen für ein Transitzentrum im internationalen Handel. Doch nach langen und frustrierenden Verhandlungen verlagerten Chinas Schifffahrtsgiganten ihren Verkehr nach Piräus in Griechenland. Das letzte große chinesische Schiff verließ Tarent im Jahr 2015. Piräus ist heute der verkehrsreichste Hafen im Mittelmeerraum und der viertgrößte in Europa, während der wichtigste Containerterminal in Tarent seit Jahren stillsteht. Als die Chinesen 2020 erneut ihr Interesse bekundeten, waren die Hafenbehörde von Tarent und der italienische Premierminister Giuseppe Conte eifrige Bewerber. Doch Tarent beherbergt einen wichtigen italienischen Marinestützpunkt und ist Sitz mehrerer multilateraler EU- und NATO-Operationen. Als im Jahr 2020 Berichte über ein mögliches chinesisches Interesse auftauchten, ließ eine parlamentarische Gruppe, die für die Überwachung der italienischen Sicherheit zuständig ist, einen kritischen Bericht an die Presse durchsickern. Die italienische Europaabgeordnete Anna Bonfrisco befürchtete, dass die Präsenz von staatlich kontrollierten Unternehmen wie Huawei NATO- und EU-Standorte in Frage stellen und forderte die EU auf, den Verkauf zu prüfen. In Venedig hat die Aussicht auf Millionen chinesischer Touristen - die als Anreiz angepriesen wurde - Pino Musolino, den Direktor des Hafens, eher bestürzt. Er bezeichnete die Neue Seidenstraße als 'einen gigantischen Plan, der darauf abzielt, die Handelsströme  und wichtigsten globalen Wertschöpfungsketten zu kontrollieren. Wenn man diese kontrolliert, braucht man keine Armee mehr zu kontrollieren'."

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - Eurozine

In einem Beitrag des Magazins beklagt Tugba Özer die Zunahme von Polizeigewalt in der Türkei und sucht nach Erklärungen: "Polizeigewalt hat in der Türkei Tradition, aber sie nimmt zu. Diejenigen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie auf die Straße gehen, sind es gewohnt, von der Polizei drangsaliert zu werden … Die AKP verstärkt die Polizeikräfte seit den 'Erfolgen' des autoritären Regimes während der Gezi Proteste … Nach einer Erhebung von Eurostat zwischen 2016 und 2018 hat die Türkei die meisten Polizeibeamten pro Kopf in der EU. Menschenrechtsorganisationen stufen die Türkei als Polizeistaat ein. Frauen die gegen Femizid, Arbeiter oder Kurden, die für ihre Rechte auf die Straße gehen wollen, LGBTQ+ Menschen, die ums Überleben kämpfen - all diese marginalisierten Gruppen sind von der Gewalt betroffen … Die türkische Regierung versucht in der Krise verzweifelt, ihre Macht zu erhalten. Zu ihren Mitteln gehören die Abkehr von der Istanbul Konvention und Gewalt gegen LGBTQ+ Menschen. Mit ihrem Vorgehen gegen politische Oppositionelle und jeder Form von Dissidenz, hofft die führende Partei religiöse und konservative Wähler zu gewinnen. Es scheint, als wäre die Regierung Erdogan bei abnehmendem Wählerzuspruch inzwischen bereit, auch drastischere Mittel zu ergreifen. Aber trotz aller Furcht vor der Gewalt bleibt die Straße der entscheidende Ort für den Kampf für Rechte und Demokratie."

Magazinrundschau vom 24.08.2021 - Eurozine

Zu Sowjetzeiten mussten auch in der Ukraine alle Filme und Fernsehsendungen auf Russisch laufen, wer Ukrainisch forderte, wurde als Nationalist gebrandmarkt. Russen, die allen anderen Russisch aufoktroyierten, waren allerdings keine Nationalisten, sondern gute Sowjetbürger. Der ukrainische Philosoph Mykola Riabchuk hat seinen Frieden damit gemacht, ein ukranischer Nationalist zu sein: "Ich habe als Autor etliche Bücher über die ukrainische Transformation veröffentlicht und hunderte Artikel, in denen ich die Regierung, die Gesellschaft und gelegentlich auch den Westen geißelte. Heute lebe ich gewiss nicht in dem Land, das ich mir vor drei Jahrzehnten erträumt hatte, aber ich muss meine Frustration zügeln, denn noch vor vier Jahrzehnten hätte ich von einer unabhängigen Ukraine nicht einmal zu träumen gewagt. Das versetzt mich in eine unangenehme Lage, denn ich muss Bitterkeit und berechtigte Kritik mit der Anerkennung nüchterner Realitäten versöhnen: mit komplizierten Folge-Abhängigkeiten, einer schwachen Gesellschaftsstruktur sowie der begrenzten Kompetenz und unbegrenzte Dummheit der politischen Akteure. Ich möchte daher das Glas lieber als halbvoll ansehen denn als halbleer. Wir liegen sicherlich weit hinter unseren baltischen oder mitteleuropäischen Mithäftlingen im kommunistischen Lager zurück. Aber immerhin liegen wir weit vor all den postsowjetischen Republiken, da nur die Ukraine (und das winzige Moldawien) das demokratische System aufrechterhalten hat, das durch die Perestroika ermöglicht wurde - mit der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, regelmäßigen mehr-Parteien-Wahlen und dem Wechsel der Regierung, einer breiten Unterstützung der Demokratie und einem dauerhaften Engagement für die westliche Integration."

Magazinrundschau vom 27.07.2021 - Eurozine

Die Schriftstellerin Slavenka Drakulic erinnert an die jüngst verstorbene, 1930 in Belgrad geborene und lange Zeit in Berlin beheimatete Schriftstellerin Irena Vrkljan, die die écriture féminine in Jugoslawien und Kroatien populär machte. Drakulic schildert eine Lesung anlässlich des Romans "The Silk, The Shears": "Es war im Mladost Buchladen Ecke Preradovica Ulica/Blumenmarkt, Frühjahr 1985 … Das Publikum bestand fast ausschließlich aus Frauen … vor allem aus meiner Generation, Frauen um die 20 Jahre jünger als sie. Sie hatte eine neue Generation vor sich, vielleicht ohne so richtig zu erfassen, wie verschieden diese war verglichen mit ihrer eigenen, und warum sie das Buch so mochte. In den 1990ern entwickelte sich ein neues Verständnis von der Rolle der Frau in der Gesellschaft sowie der Wunsch nach einer neuen Prosa, eine von Frauen für Frauen. Genau das fanden sie in Irenas Roman, dem ersten jugoslawischen Beispiel für die sogenannte écriture féminine. Was sie fanden, waren sie selbst. Noch nach den Büchern 'Marina im Gegenlicht' und 'Buch über Dora' distanzierte Irena sich oft von Frauenliteratur und Feminismus; sie begriff sich nicht als Feministin. Vielleicht distanzierte sie sich auch von jeglicher Parteinahme, aber nie von ihren Leserinnen. Mit 'The Silk, The Shears' wurde ihr Schreiben zu einer Brücke zwischen ihrer Zeit und der meinen, ob sie es wollte oder nicht. Aber sie freute sich über neue Leser … In Deutschland erreichte sie ein großes Publikum. Die Auflage ihrer Bücher war nicht groß, Übersetzungen selten. Sie wusste, warum. Nicht ohne Bitterkeit erkannte sie, dass Bücher aus ihrem Teil Europas nur Aufmerksamkeit bekamen, wenn sie exotische Themen behandelten. Für ihre gedankenreiche, feine, subtile Prosa über urbane Frauenidentitäten war kaum Platz. Die Deutschen glaubten wohl, sie hätten schon Autorinnen wie sie, aber sie täuschten sich." Hier ein Interview mit Irena Vrkljan beim Goethe Institut. Bei ihrem deutschsprachigen Verlag Droschl scheint nur noch ein Buch lieferbar zu sein.

Magazinrundschau vom 13.07.2021 - Eurozine

Die Grenzen verschieben sich, beobachten Marie-Eve Loiselle und Ayelet Shachar in einem dystopisch anmutenden Report über die neuen Möglichkeiten der Bio-Überwachung und künstlicher Intelligenz: "Im Gegensatz zu einer physischen Barriere ist die sich verschiebende Grenze in Raum und Zeit nicht fixiert; sie besteht aus rechtlichen Portalen, digitalen Überwachungswerkzeugen und KI-gestützter Risikobewertung anstelle von gemauerten Wällen. Die schwarzen Linien, die wir in Atlanten finden, stimmen nicht mehr mit den beweglichen Schaltstellen der Migrationskontrolle überein. Stattdessen verlagern die Regierungen die Grenze sowohl nach außen als auch nach innen und gewinnen dadurch enorme Kapazitäten zur Regulierung und Verfolgung von Personen, bevor und nachdem sie ihr gewünschtes Ziel erreicht haben. Die flexiblen Tentakel der sich verschiebenden Grenze wurden bis vor kurzem vor allem zur Überwachung von Menschen auf der Flucht vor Armut und Instabilität eingesetzt. Heute befindet sich jeder, auch Bürger reicher Demokratien, potenziell in ihrem immer weiter ausgedehnten Fängen."