
Russlands Kreml-treue Intellektuelle zeichnen gern das Zerrbild eines
dekadenten Europas, das von Kulturkämpfen und Identitätsschnickscnack besessen ist. In einem aus der ukrainschen Zeitschrift Krytyka übernommenen Artikel
zeichnet Igor Torbakow nach, wie damit die Abkehr von Europa generell eingeleitet wurde: "Für Dmitri Trenin, den Direktor des Carnegie Moskau Center, ist Europa nicht länger das Ursprungsland oder 'heilig', nicht einmal ein Freund. Für das heutige Russland, meint er, sei es nur
ein Nachbar unter vielen, Teil eines größeren Eurasiens, das sich von Irland bis Japan erstreckt. Das strategische Ziel enger Zusammenarbeit und politischer Allianzen mit Europa - eine Vorstellung, die liberale Intellektueller und Politiker in Russland in den neunziger Jahren vorschwebte - wird inzwischen als
nicht praktikabel angesehen, wenn nicht gar als schädlich. Russlands Fortschritt wird nicht mehr an seinen Bindungen zu Europa gemessen. Timofeo Bordatschew, ein bekannter Kommentator in Moskau, meint, dass Russland 'nur noch vorankommt, wenn es es einen bedeutenden, vielleicht sogar den zentralen Part seines Erbes hinter sich lässt: den europäischen Charakter russischer Staatlichkeit'. Europa als Quelle der Innovation wird abgeschrieben. 'Alles, was wir von Europa brauchten, haben wir bekommen', schreiben der Politwissenschaftler Sergei Karaganow und gleich gesinnte Analysten wie in einem Geschäftsbericht. 'Alles andere', meinen sie, ' haben wir entweder schon oder können es nicht bekommen: historisch ist Russland
ein autoritärer Staat... Es ist an der Zeit,
sich nicht mehr dafür zu schämen, dass wir historisch einem autoritären System verbunden sind, nicht der liberalen Demokratie.'"
Anastassiya Schacht kann sich noch
keinen Reim auf die
Ereignisse in Kasachstan machen. Nach den Protesten hat Präsident Tokajew nicht nur die Regierung gefeuert, sondern auch hochrangige Militärs verhaften lassen: "Geht es um Proteste, die in Gewalt umschlugen und von den Behörden rigide niedergeschlagen wurden? Das würde bedeuten, dass die kasachische
Führung in Panik geraten war - das wäre möglich, auch wenn dies nicht die ersten Proteste im Land waren. Diese Interpretation erklärt nicht die drastischen Maßnahmen an der politischen und militärischen Spitze. Sie erklärt auch nicht, warum sich die kasachischen Sender beharrlich weigern, die Hauptstadt mit ihrem neuen Namen
Nur-Sultan zu bezeichnen - nach dem langjährigen Ex-Machthaber Nasarbajew. Tokajew äußert sich stets sehr vorsichtig, wenn es um die Macht der Oligarchen geht, doch jetzt verband er erstmals Nasarbajews Namen mit Kräften, die unrechtmäßig und
exzessiv politische und ökonomische Macht angehäuft hätten. In einer Rede am 11. Januar rief Tokajew diese Kräfte auf, ihren Teil zu nationalen Ökonomie beizutragen. Solche Äußerungen legen die Vermutung nahe, dass hier
ein Machtwechsel vollzogen wird, und dass Nasarbajews Verbündete nun entweder dem neuen Präsidenten ihre Loyalität beweisen müssen oder im Gefängnis landen werden. Unklar bleibt, ob sie versucht hatten, mit einem Coup ihre Macht zu sichern oder die Proteste für ihre Zwecke gekapert haben. Andererseits kann Tokajew die Proteste auch genutzt haben, um seine Vormachtstellung abzusichern."