Die ecuadorianische Hafenstadt Guayaquil wurde von der Pandemie mit einer unermesslichen Wucht getroffen. Im März und April 2020 starben bis zu siebenhundert Menschen pro Tag, bei 2,6 Millionen Einwohnern: Die staatliche Versorgung war komplett zusammengebrochen, Krankenhäuser, Polizei, Feuerwehr, Behörden, nichts funktionierte mehr, berichtet Daniel Alarcón. Corona wütete so plötzlich und heftig, dass Guayaquil danach quasi herdenimmun war, doch wie Alarcón betont, war dies kein Grund zu Erleichterung. Nach der Pandemie zog eine Welle der Gewalt über die Stadt: "Die offizielle Darstellung der Regierung lautete, dass die Gewalt in den Gefängnissen und auf den Straßen eine Folge des aufblühenden Drogenhandels und des wachsenden Einflusses ausländischer - insbesondere mexikanischer - Kartelle sei. Anfang dieses Jahres wurden in Durán, einer Industriestadt auf der anderen Seite des Flusses von Guayaquil, Leichen an einer Fußgängerbrücke aufgehängt - eine Art von Gewaltspektakel, das für Ecuador neu war. Sicherlich war die Hafenstadt Guayaquil zu einer Drehscheibe für Kokain auf dem Weg nach Norden zu den amerikanischen Konsumenten geworden, aber viele Menschen, mit denen ich sprach, zweifeln an dieser Erklärung. Karol Noroña von der lokalen Zeitschrift GK erklärte mir, dass das Blut auf den Straßen das Ergebnis eines internen Kampfes um die Kontrolle des Drogengeschäfts sei, bei dem ecuadorianische Banden untereinander kämpfen, und nicht etwas, das von ausländischen Kartellen gesteuert wird. In den meisten Berichten über die Straßenkriminalität wurde der makabre Ausdruck 'Begleichen von Rechnungen' verwendet, um der Mittelschicht zu signalisieren, dass die Gewalt nichts mit ihr zu tun hat, dass die Opfer an irgendetwas schuldig sind, aber Noroña sagte mir, dass die Eskalation der letzten Monate diese impliziten Beruhigung bedeutungslos gemacht hat. Für sie ist die Gewalt ein Symptom für eine tiefe soziale Krise. 'Es gibt Stadtteile ohne fließendes Wasser, ohne Grundversorgung, aber mit organisierten Netzwerken der Gewalt', sagte sie. Während sie sprach, erinnerte ich mich an ein Gespräch mit einer Frau in Monte Sinaí, das nur wenige Autominuten vom Krankenhaus entfernt auf dem Hügel liegt. Sie und einige Nachbarn hatten während der Pandemie bei der Versorgung der Kinder vor Ort geholfen, sie gingen von Haus zu Haus und brachten Mahlzeiten. Auf der anderen Straßenseite, so erzählte sie mir, gab es ein leeres Grundstück, auf dem die Kinder gerne spielten. Eines Morgens im April 2020 wurde der Spielplatz eingezäunt. Jetzt war er ein Friedhof."
Lawrence Wright verfolgt einen erbittert geführten Rechtsstreit, der unter anderem die Frage aufwirft, ob ein Elefant eine Persönlichkeit hat beziehungsweise ist: "Gemäß dem Zivilgesetzbuch des Bundesstaates New York hat jede 'Person', die inhaftiert wurde, ein Recht auf unverzügliche Haftprüfung. In Bronx County kommen die meisten dieser Forderungen im Namen von Gefangenen auf Rikers Island. Habeas-Petitionen werden nicht oft vor Gericht verhandelt, was nur einer der Gründe dafür war, dass der Fall vor der Richterin des Obersten Gerichtshofs von New York, Alison Y. Tuitt - Nonhuman Rights Project gegen James Breheny, et al. - außergewöhnlich war. Gegenstand der Petition war Happy, ein asiatischer Elefant im Bronx Zoo. Das amerikanische Gesetz behandelt alle Tiere als 'Dinge', genau wie Steine oder Rollschuhe. Wenn die Justiz dem Habeas-Antrag stattgeben würde, Happy aus dem Zoo in ein Schutzgebiet zu verlegen, wäre sie in den Augen des Gesetzes eine Person und hätte Rechte … Obwohl die unmittelbare Frage an Richter Tuitt die Zukunft eines einsamen Elefanten betraf, warf der Fall die weitreichendere Frage auf, ob Tiere die neueste Grenzverschiebung im amerikanischen Recht darstellen, eine Entwicklung, die durch das Ende der Sklaverei und die Akzeptanz des Wahlrechts für Frauen und der Ehe Gleichgeschlechtlicher geprägt ist. Diese Meilensteine waren das Ergebnis erbitterter Kämpfe, die sich über Jahre entwickelt haben. Laut einer Gallup-Umfrage im Jahr 2015 war ein Drittel der Amerikaner der Meinung, dass Tiere die gleichen Rechte wie Menschen haben sollten, verglichen mit einem Viertel im Jahr 2008. Aber Tiere auf diese Weise zu schützen, hätte weitreichende Konsequenzen, darunter die Aufgabe der Tierschutzgesetze."
In einem weiteren Beitrag erklärt Peter Schjeldahl, warum es an der Zeit ist, die afroamerikanische Malerin Faith Ringgold zu kanonisieren, deren Gemälde "American People Series #20: Die" das Museum of Modern Art in einem kuratorischen Coup neben Pablo Picasso hängte: "Für ein Museum, das sich seit langem für eine teleologische Darstellung der Entwicklung der Ästhetik des 20. Jahrhunderts einsetzt, ist dies überraschend, insbesondere weil der Ringgold in der Nähe von Picassos 'Les Demoiselles d'Avignon' gezeigt wird, mit dem Picasso das Thema afrikanischer Masken in die europäische Kunst brachte. Die beiden Bilder sind im Abstand von genau sechzig Jahren entstanden: Die 'Demoiselles' 1907, während Picasso in Paris lebte, und 'Die' 1967 in New York, einem Jahr rassistischer und politischer Gewalt in Amerika. Ringgold und Picasso machen sich überraschend gut nebeneinander und erzählen gemeinsam eine komplexe zivilisatorische und stilistische Geschichte. Kontrastierende Energien, geballt in 'Demoiselles', explosiv in 'Die' erzeugen Bedeutungen, die subtiler sind, als der erste Schock nahelegt."
Jonathan Blitzer zeichnet ein wunderbares Porträt des brasilianischen Musikers Caetano Veloso, der die Militärdiktatur der Siebziger überlebte, heute gegen Bolsonaro kämpft, mit einer 13-Jährigen liiert war, die er später heiratete, und nebenbei immer wieder die brasilianische Musik revolutionierte: 1967, als die Linke gegen den "Imperialismus der E-Gitarre" protestierte, verschmolz er brasilianischen Folk mit britischem Rock. Er arbeitete mit Country-Sängern, Carioca-Rappern und Hip-Hop-DJs zusammen. In den 00er Jahren, nach der Trennung von seiner Frau und einem persönlichen wie künstlerischen Tief erfand er sich in Neapel, wo ihm sein Freund Pedro Sá Musik von Wilco, den Pixies, und einer Funkband aus New Orleans namens The Meters vorspielte, noch einmal neu: "Veloso beschloss, seine Musik radikal zu vereinfachen. Er gab die ausladenden, offenen Arrangements seiner früheren Werke auf, die eine große Anzahl von Begleitern in verschiedenen Stilen erforderten. Stattdessen spielte Sá die E-Gitarre, während Veloso zwischen elektrischer und akustischer Gitarre wechselte. Sie holten einen Schlagzeuger und einen Bassisten hinzu, der auch das Keyboard spielte. Die Gruppe, die Banda Cê genannt wurde, war wie eine ausgeklügelte Garagenband: Sie spielte straffe, kantige Melodien mit Verzerrungen, Rock-Vamps und beschleunigten Rhythmen. 'Eine Samba-Parade hatte sich in eine Schlägerei verwandelt', schrieb ein Kritiker in der Times und fügte hinzu, dass die Musik 'einen kühleren, erwachseneren Epilog zu den Schocks von Tropicália suggerierte'. Im Gegensatz zu Tropicália war Banda Cê jedoch ein Triumph für die Kritiker. 'Das Coolste, was es damals in Brasilien gab, war Banda Cê', sagte mir der Musikjournalist Leonardo Lichote. 'Diese Jungs waren wie die Unberührbaren. Caetano trug eine Jeansjacke und ein lila T-Shirt. Eine jüngere Generation fing an, ihm zuzuhören, und fand dann Gefallen an seiner ganzen Musik'. Veloso war vierundsechzig Jahre alt.
Tanzen kann er übrigens auch:
In einem ebenfalls sehr lesenswerten Artikel stellt Alexis Okeowo die Porträts vor, die die DichterinWarsan Shire in einer Mischung aus Lyrik und Reportagen von Somalis im Exil gemacht hat: "An einem regnerischen Tag in London um 2013 schaltete die Dichterin Warsan Shire ein Diktiergerät ein, als ihr Onkel über seine Jugend in Somalia, sein Leben als Flüchtling und seine Sucht nach dem bitteren Aufputschmittel Khat sprach. ... Er sagte ihr: 'Wenn du high bist, ist es, als würdest du mit deinen Worten und deinen Träumen diese riesigen Türme bauen, was du morgen tun wirst, wie du dein Leben in Ordnung bringen wirst. Und dann geht die Sonne auf, und die Türme sind umgefallen. Und das machst du jeden Tag und kommst nicht weiter, weil du dich ständig selbst belügst.' ... Ein Großteil von Shires Gedichten befasst sich mit den Erfahrungen von Immigrantinnen. In den letzten Jahren war sie jedoch immer neugieriger auf das Innenleben der Männer in ihrer Familie geworden. 'Es gab immer eine Sache, die ich an einigen der Männer, mit denen ich aufgewachsen bin, besonders traurig fand', sagte sie mir. 'Sie trugen diese Anzüge, die ein bisschen zu groß waren und über die Handgelenke hingen, und sie sahen aus wie kleine Jungs, die sich verkleiden, um zu einem Vorstellungsgespräch zu gehen, bei dem sie niemals angenommen werden würden. Irgendwie erinnerte mich das auch daran, wie sinnlos sich ihr Leben in dieser neuen Welt anfühlen muss. Sie passen nirgendwo hin.'" Shires erster Gedichtband "Bless the Daughter Raised by a Voice in Her Head" wird im März erscheinen. Bei Lyrikline kann man einige ihrer Gedichte lesen und hören.
Weiteres: Margaret Talbot spürt in einer epischen Reportage nach, ob die konservativ-katholische Amy Coney Barrett, von Trump ernanntes jüngstes Mitglied des Supreme Court, helfen wird Roe vs. Wade zu kippen, das Abtreibungen für legal erklärte. Die Schriftstellerin Miriam Toewserzählt von ihrer Familie in Winnipeg. Parul Sehgal liestSheila Hetis neuen Roman "Pure Colour". Carrie Battan hört psychedelischen Pop von Beach House. Anthony Lane siehtJoachim Triers Film "The Worst Person in the World" und Peter Schjeldahl besucht eine Ausstellung mit Skulpturen von Charles Ray im Met Museum.
Ob der Kohleausstieg in der Lausitz glimpflicher ablaufen wird als in West Virginia? Dort arbeiteten in den fünfziger Jahren über hunderttausend Menschen im Kohlebergbau, jetzt sind es nicht einmal mehr fünfzehntausend. Die ökonomischen und politischen Folgen des planlosen Ausstiegs waren verheerend. Alec MacGillis ist in die ostdeutschen Braunkohlegebiete gefahren und stellt dort fest, dass es den Arbeitern vor allem um Anerkennung geht: "'Wenn man Kohlebergleuten bei der Arbeit zusieht, wird einem augenblicklich bewusst, in welch unterschiedlichen Welten die Menschen leben", schrieb George Orwell in 'The Road to Wigan Pier', seinem 1937 erschienenen Bericht aus Nordengland. 'Dort unten, wo nach Kohle gegraben wird, ist eine Welt für sich, man kann ganz leicht durchs Leben gehen kann, ohne je etwas von ihr erfahren zu haben. Wahrscheinlich würde es die Mehrheit der Menschen sogar vorziehen, nichts von ihr zu hören. Und doch ist sie das absolut notwendige Gegenstück zu unserer Welt hier oben... Ihre von Lampen erleuchtete Welt da unten ist für die Welt des Tageslichts da oben so notwendig wie die Wurzel für die Blume.' Diese Eigenschaft, nichts über den Kohleabbau hören zu wollen, die Abneigung der Menschen in den weit entfernten Städten, eine Verbindung zwischen ihrer Welt und der anderen herzustellen, hat einen Großteil des Unmuts in den Fördergebieten der USA hervorgerufen. 'Dieses Land hat davon profitiert, dass es den billigsten Strom der Welt hatte', sagte mir Cecil Roberts, der Präsident der United Mine Workers of America, im Juli in New York nach einer Kundgebung aktiver und ehemaliger Bergleute im Namen der streikenden Arbeiter von Warrior Met Coal in Alabama. 'Was sollen wir mit diesen Gemeinden machen?' Ähnlich äußerten sich auch Bergleute in Deutschland. 'Wenn wir jetzt wirklich dicht machen, dann hat Berlin keinen Strom mehr', sagte mir Toralf Smith, ein führender Vertreter der Kraftwerksarbeiter in der Lausitz. 'Und ich möchte mal sehen, wie es an den Universitäten in Berlin zugeht, wenn die Toiletten nicht funktionieren, die Handys nicht und das Internet. Wenn ihr Leben nicht funktioniert. Das ist ein Mangel an Respekt. Wenn wir aus klimapolitischen Gründen Dinge umstellen müssen, werden wir uns nicht dagegen wehren, aber es kann nicht auf unserem Rücken geschehen. Es muss mit uns gemacht werden.'"
Die Autorin Elif Batumanporträtiert die feministische Regisseurin Céline Sciamma, die mit "Porträt einer jungen Frau in Flammen" zeigte, dass Liebesgeschichten im Kino ganz ohne "Konflikt, Musik und Männer" auskommen können. Für Batuman gilt es jetzt, die ganze Filmgeschichte umzuschreiben: "Der vielleicht verstörendste Aspekt von #MeToo war, dass die meisten Filme, die ich für den Ausdruck universeller ästehtischer Normen hielt, vielleicht sogar biologischer oder felsenfester Realitäten, die Fantasien einer kleinen Gruppe von Sexualstraftätern waren."
Kann Science-Fiction uns vor der Klimakatastrophe bewahren? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, geht Joshua Rothman mit dem Science-Fiction-Autor, Literaturwissenschaftler und Klimaaktivisten Kim Stanley Robinson in den Bergen wandern. Seit geraumer Zeit befasst dieser sich mit der Frage, wie die Menschheit der sich abzeichnenden Klimakatastrophe Herrin werden kann (wobei die fürs Genre typischen Fantasien, im Zuge einfach das Weltall zu kolonisieren, für Robinson keine Option darstellen). Sein jüngster Roman "Ministerium der Zukunft" schildert eine Art Utopie nach der Dystopie, indem er erzählt, wie die Menschheit nach schlimmsten Hitzeperioden die Lage in den Griff bekommt. "Ein Büro voller Experten, verstockt und unterschiedlicher Meinung, aber ohne aufzugeben - das ist die Metapher auf unsere eigene Zeit, wie der Roman sie anbietet. Wir selbst sind dieses Ministerium der Zukunft. Auch unsere Aufgabe ist es, auf der Grundlage von bereits gegebenem Wissen zu handeln: viele der Antworten auf die Krise liegen bereits vor. Robinson recherchiert für seine Romane insbesondere, indem er an wissenschaftlichen Konferenzen teilnimmt. ... Globale Finanzen sind unsexy, aber ein wichtiger Teil des Buchs. Konzerne und Regierungen haben bereits riesige Vorräte fossiler Treibstoffe ausfindig gemacht, die noch abgebaut werden müssen, schreibt Robinson. Diese unangetasteten Vorräte gelten 'als Besitz der Konzerne, die sie aufgespürt haben' und sind hunderte Billionen Dollar wert. Wenn auch nur ein Sechstel dieser Vorräte verbrannt werden, brennen auch wir. Robinson nennt die tatsächliche Liste der 19 größten Besitzer dieser Vorräte und erzählt eine Reihe von Konferenzen, auf der die Zentralbanken der Welt einen Weg suchen, um sie auszuzahlen. ... Wann immer wir einen Blick auf den Schlamassel werfen, in dem wir uns befinden, scheinen die Lösungen, die uns dafür einfallen, unplausibel (eine Kohlenstoffwährung? Gestützt von den Zentralbanken?). Und doch droht unsere Skepsis, weil es um so viel geht, zu einem Nihilismus zu werden - wir akzeptieren, dass das Desaster für die Zivilisation unausweichlich ist. Letztendlich ist dieser Nihilismus eine Art Versündigung an der Zukunft - ein 'Verrat', wie Greta Thunberg es ausdrückt - und in dieser Hinsicht ist die Lektüre von 'Das Ministerium der Zukunft' eine aufgeladene Erfahrung." (Lesenswert auch ein Interview, das Perlentaucherin Thekla Dannenberg im November für die taz mit Robinson führte.)
James Wood begibt sich mit einer neuen Biografie über LedZeppelin nochmal tief in den Abgrund aus Sex, Drogen, Rock'n'Roll und jeder Menge Satanismus, wie er in den Siebzigern gang und gäbe war. Was brauchte er damals Punk, wenn er Led Zep haben konnte? "Wie die meisten Jugendlichen aus der Mittelschicht wollte ich Gefahr eher bezeugen als tatsächlich erleben. ... Wenn die Energie der Band zur Hälfte aus Proto-Punk-Zerstörungslust bestand, war die andere Hälfte musikalisch kultivierte Restauration: Es war einfach die brillanteste verspätete Bluesband der Welt. Ihre Gewalt riss die Dinge auseinander, die ihre Musikalität wieder zusammensetzte. In dieser Hinsicht waren Led Zeppelin das Gegenteil von Punk, dessen anarchische Negation darauf beruhte, das eigene Instrument kaum oder, wie in manchen Fällen, überhaupt nicht zu beherrschen."
Weitere Artikel: Adam Gopnik überlegt, was Buster Keatons Komik so modern macht. Alex Ross hörtChopin, gespielt von dem Pianisten Stephen Hough. Und verneigt sich ZadieSmith (noch in der letzten Ausgabe) vor Toni Morrisons literarischem Genie.
Auch in Sibirien macht sich der Klimawandel bemerkbar. Der dauergefrorene Boden schien ewig. Ganze Städte sind darauf errichtet worden. Aber jetzt beginnt er langsam aufzutauen, erzählt Joshua Yaffa in seiner Reportage aus Jakutien. Was dabei freigesetzt wird, sind nicht nur Mammutknochen, Bakterien und winzige Tierchen, die plötzlich zu leben beginnen, sondern auch Kohlenstoff. "Zwei Drittel der Fläche Russlands liegen auf Permafrostboden. In Jakutien, wo der Permafrost fast einen Kilometer tief sein kann, sind die jährlichen Temperaturen seit der industriellen Revolution um mehr als zwei Grad Celsius gestiegen, doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Mit der Erwärmung der Luft wird auch der Boden immer heißer. Abholzung und Waldbrände - beides akute Probleme in Jakutien - entfernen die schützende oberste Vegetationsschicht und lassen die Temperaturen im Untergrund noch weiter steigen. ... Es ist ein seltsamer, organischer Prozess, so als würde man den Stecker des Gefrierschranks aus der Steckdose ziehen und die Tür offen lassen, um dann einen Tag später festzustellen, dass die Hühnerbrüste im hinteren Teil zu verrotten begonnen haben. Im Falle des Permafrosts setzt diese mikrobische Verdauung einen ständigen Rülpser von Kohlendioxid und Methan frei. Wissenschaftliche Modelle gehen davon aus, dass der Permafrost anderthalb Billionen Tonnen Kohlenstoff enthält, doppelt so viel wie derzeit in der Erdatmosphäre vorhanden ist." Der Wissenschaftler Trofim Maximov "beschreibt den auftauenden Permafrost als eine Art Rückkopplungsschleife: Die Freisetzung von Treibhausgasen führt zu wärmeren Temperaturen, die wiederum den Permafrost weiter auftauen lassen. 'Das ist ein natürlicher Prozess', erklärte er mir. 'Das bedeutet, dass man ihn im Gegensatz zu rein anthropogenen Prozessen' - z. B. Emissionen von Fabriken oder Autos - 'nicht wirklich aufhalten kann, wenn er einmal begonnen hat.'"
Außerdem: D.T. Max porträtiert die Moderedakteurin und SchriftstellerinHanya Yanagihara. Hilton Als taucht ein in die metaphysische Welt des Filmregisseurs Apichatpong Weerasethakul. Ian Buruma liestJing Tsus Buch "Kingdom of Characters: The Language Revolution That Made China Modern". Und Anthony Lane sahAsghar Farhadis Film "A Hero".
Es ist schon verdammt gruselig, Robin Wrights Reportage über die Atomverhandlungen mit dem Iran zu lesen. Der Iran, erfahren wir, ist soweit fortgeschritten mit der Entwicklung von Raketen und Atomwaffen, dass er schlicht kein Interesse mehr an Abrüstungsverhandlungen hat. Die Beschießung des irakisch-amerikanischen Luftwaffenstützpunktes Al Asad 2020 hat gezeigt, dass die Iraner selbst ohne Atomwaffen mit ihren Raketen im ganzen Nahen Osten präzise zuschlagen können. Und sie vermitteln dieses Wissen samt der Hardware an ihre Verbündeten in der arabischen Welt, die Israel umzingeln. Irans Ziel, lernt Wright, ist der Abzug der Amerikaner aus dem Nahen Osten. Danach würde dort der Iran herrschen: "Nach Einschätzungen der US-Geheimdienste verfügt die Islamische Republik über Tausende von ballistischen Raketen. Sie können bis zu dreizehnhundert Meilen in jede Richtung reichen - tief nach Indien und China im Osten, hoch nach Russland im Norden, nach Griechenland und anderen Teilen Europasim Westen und bis nach Äthiopien am Horn von Afrika im Süden. Etwa hundert Raketen könnten Israel erreichen. Der Iran verfügt auch über Hunderte von Marschflugkörpern, die von Land oder Schiffen aus abgefeuert werden können, in geringer Höhe fliegen und aus mehreren Richtungen angreifen. Sie sind für Radar oder Satelliten schwerer zu entdecken, da ihre Motoren im Gegensatz zu ballistischen Raketen bei der Zündung nicht hell aufleuchten. Marschflugkörper haben das Machtgleichgewicht am Persischen Golf verändert. Im Jahr 2019 hat der Iran Marschflugkörper und Drohnen auf zwei Ölinstallationen in Saudi-Arabien abgefeuert und damit vorübergehend die Hälfte der Ölproduktion des größten Öllieferanten der Welt unterbrochen."
Weitere Artikel: Peter Hessler erzählt in einem Brief aus Fuling von der Reform-Generation in China. Elizabeth Kolbert versucht mit der Lektüre von Lilliana Masons "Uncivil Agreement: How Politics Became Our Identity" und dem Werk von Henri Tajfel zu verstehen, wie die Amerikaner sich derart polarisieren konnten. Parul Sehgal denkt über den Wert eines zünftigen Traumas für Filmemacher nach. Anthony Lane sah im Kino Pedro Almodovars "Parallele Mütter". Und Alex Ross stellt das Monumentalprojekt der Flötistin Claire Chase vor, die von 2013 bis 2036 das Flötenrepertoire mittels Aufträge entscheidend erweitern will und 2022/23 die ersten Konzerte mit der neuen Musik aufführen will.
Dass die Lebensverhältnisse von Frauen in Afghanistan entsetzlich sind, weiß man. Aber in den Berichten darüber gehen oft die individuellen Geschichten unter. Anders in dieser Reportage der seinerzeit schwanger durch Afghanistan reisenden Eliza Griswold über Zarmina Faqeer und ihre Familie. Faqueer ist die Tochter eines Mannes, der vor den Sowjets nach Pakistan geflüchtet war und seine vielköpfige Familie als Sicherheitswächter ernährte. Als die 16-jährige Faqueer hörte, dass die BBC eine Sprecherin für eine Soap-Oper im Radio suchte, bewarb sie sich und wurde genommen. Die Soap und Faqueer wurden höchst populär in Afghanistan, wohin die Familie zurückgekehrt 2001 war. Faqueer ernährte jetzt die Familie und frönte ihrer Leidenschaft für bunte Kleidung, hohe Absätze und Schmuck - bis die Taliban zurückkamen. Am Ende gelingt der Familie die Flucht in die USA. Aber viele Menschen sitzen noch in Afghanistan fest: "In den vergangenen dreieinhalb Monaten hat die US-Regierung nur etwa dreitausend Menschen evakuiert. Die Passagiere müssen jetzt Pässe mit sich führen, aber sie bei den Taliban anzufordern, ist für Dissidenten gefährlich; diejenigen mit Neugeborenen, die noch keinen Ausweis erhalten haben, haben praktisch ein Flugverbot. Kürzlich erzählte mir ein hochrangiger Beamter der Regierung, dass aufgrund anhaltender logistischer Streitigkeiten am Flughafen die Flüge ganz eingestellt wurden. Biden hat die Bemühungen als 'eine der größten und schwierigsten Lufttransporte der Geschichte' bezeichnet; die USA haben mehr als 120.000 Menschen zur Flucht verholfen. Dennoch hat die Regierung eingeräumt, dass sich in diesem Monat noch eine Handvoll US-Bürger im Land aufhalten, zusammen mit vierzehntausend Green-Card-Inhabern, dreißigtausend Afghanen mit überprüften S.I.V.s und dreißigtausend, die einen Antrag gestellt haben. 'Zusammen mit ihren unmittelbaren Familienangehörigen könnten das leicht über hundertfünfzigtausend Menschen sein', sagt mir Vikram. Es gibt noch eine ungezählte Anzahl von Afghanen, die durch ihre Arbeit gefährdet sind, darunter Menschenrechtsaktivisten, Journalisten, ehemalige Mitglieder des afghanischen Militärs und Richter. 'Ihr einziger Weg nach draußen führt über die US-Basen', sagt Vikram." (Wie unfreundlich auch die Briten mit ihren Helfern umgehen, erzählt Tom Mutch bei Open Democracy. Dass die Deutschen keinen Deut besser sind, kann man bei Matthias Gebauer auf Sponnachlesen.)
In einem Beitrag für das Magazin wittert Julian Lucas Morgenluft für schreibende Prokrastinationsopfer. Ob iA Writer, AlphaSmart, reMarkable oder ablenkungsfreie Apps für Autoren, die Auswahl ist groß: "Es ist sogar für Enthusiasten verlockend, die Renaissance von Textverarbeitungshardware als einen weiteren Vintage-Fetisch abzutun. Neben den AlphaSmarties gibt es Subkulturen, die der Pomera, einem faltbaren japanischen Taschenschreiber, und dem USB Typewriter gewidmet sind, einem Umbausatz, der mit vergoldeten Sensoren Tastenanschläge von Schreibmaschinen digital erfasst. Technisch Versiertere bauen ablenkungsfreie Schreibgeräte aus alten E-Readern, Computertastaturen und ausrangierten Telefonen zusammen und präsentieren ihre Erfindungen online. Diese Extreme des Life-Hacking sind Belege dafür, wie sehr sich Schriftsteller von ihren Werkzeugen entfremdet fühlen … Heute ist das Schreiben auf von Unternehmen kontrollierten Apps und Geräten die Regel, was uns anfälliger macht für Abonnements, Algorithmen, proprietäre Formate und willkürliche Updates. Eine literarische Doktrin besagt, dass großartiges Schreiben plattformunabhängig sein sollte. Wole Soyinka schrieb 'The Man Died' in einem nigerianischen Gefängnis mit Nescafé-Tinte und einem Hühnerknochen als Stift. Die Fähigkeit, mit allem zu schreiben, und der Drang, mit allem zu experimentieren, spiegeln aber auch die Tatsache wider, dass sich die Mittel ebenso wie die Materie des Schreibens an uns und unsere Umstände anpassen sollten. Das Streben nach der Übereinstimmung von Autor und Maschine mag in seiner Art ebenso notwendig sein wie das endlose Bemühen der Literatur, Erfahrung und Ausdruck in Einklang zu bringen."
Außerdem: Steve Coll und Adam Entous enthüllen die heimliche US-Diplomatie in Afghanistan - und ihr Scheitern auf ganzer Linie. Nick Paumgarten spricht mit "Dinosaur Jr."-Frontmann J Mascis über Bob Dylan, Tourradeln im Central Park und das Gefühl, nach zwei Jahren zu Hause wieder vor Publikum zu spielen. Louis Menand denkt anlässlich zweier kritischer Bücher von Arnold Weinstein und Roosevelt Montás über den Stand der Literaturwissenschaften in Amerika nach. Und Anthony Lane sah im Kino Steven Spielbergs "West Side Story".
Elizabeth Kolbert überlegt, ob jüngste Experimente mit der Photosynthese eine Chance bieten, der globalen Lebensmittelknappheit entgegenzuwirken: "Die Photosynthese blieb über eine unfassbar lange Zeit natürlicher Selektion bemerkenswert stabil. Sie änderte sich nicht, als die Menschen vor zehntausend Jahren begannen, Pflanzen zu domestizieren, oder später, als sie herausfanden, wie man sie bewässert, düngt und schließlich hybridisiert. Sie funktionierte immer gut genug, um den Planeten mit Energie zu versorgen - bis jetzt. Stephen Long ist Professor für Pflanzenbiologie und Nutzpflanzenwissenschaften an der University of Illinois Urbana-Champaign und Leiter des Projekts Realizing Increased Photosynthetic Efficiency (RIPE). Die Prämisse von RIPE ist es, dass Photosynthese, so bemerkenswert sie auch sein mag, verbesserungswürdig ist … Je mehr über die Feinheiten der Photosynthese herausgefunden wurde, desto mehr wurde ihre Ineffizienz enthüllt. Oft wird der Vergleich mit Photovoltaikzellen gezogen. Heutige Photovoltaikzellen wandeln etwa zwanzig Prozent des einfallenden Sonnenlichts in Strom um, in Labors haben Forscher Werte von fast fünfzig Prozent erreicht. Pflanzen wandeln nur etwa ein Prozent des auf sie treffenden Sonnenlichts in Wachstum um. Bei Nutzpflanzen wird im Durchschnitt nur etwa die Hälfte des Lichts in Energie umgewandelt, die der Mensch nutzen kann. Der Vergleich hinkt etwas, da Pflanzen sich selbst generieren, während Photovoltaikzellen mit Fremdenergie hergestellt werden. Pflanzen speichern zudem ihre eigene Energie, während Photovoltaikzellen dafür separate Batterien benötigen. Dennoch sind Forscher der Ansicht, dass Pflanzen schlechter abschneiden. Long ist überzeugt, dass die Ineffizienz der Photosynthese eine Chance bietet. Wenn der Prozess rationalisiert werden könnte, könnten Pflanzen, die Jahrtausende auf Sparflamme funktioniert hatten, echte Champions werden. Für die Landwirtschaft wären die Auswirkungen enorm. Potenziell könnten neue Pflanzensorten geschaffen werden, die mit weniger mehr produzieren könnten."
Außerdem: D. T. Max trifft einen Waliser, der sein heute rund eine halbe Milliarde schweres Bitcoin Wallet entsorgte und seit Jahren die Müllhalden danach durchforstet. Dexter Filkins porträtiert die belarussische Bürgerrechtlerin Swetlana Tichanowskaja. Alex Ross schreibt über Ash Fures Sound-Installation "Hive Rise". Und Margaret Talbot untersucht den Mythos Greta Garbo.
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