Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 86

Magazinrundschau vom 30.11.2021 - New Yorker

Ian Urbina folgt afrikanischen Migranten auf ihrem Weg nach Europa, der jedoch immer häufiger in einem Lager endet, das von libyschen Milizen betrieben und von der EU finanziert wird: "In den vergangenen sechs Jahren hat die EU, um den finanziellen und politischen Kosten einer Aufnahme von Migranten aus dem subsaharischen Afrika zu entgehen, ein Schatteneinwanderungssystem geschaffen, das die Menschen abfängt, bevor sie Europa erreichen. Es hat die libysche Küstenwache, eine quasi-militärische Organisation, die mit den Milizen des Landes in Verbindung steht, ausgerüstet und ausgebildet, um das Mittelmeer zu patrouillieren, humanitäre Rettungsaktionen zu sabotieren und Migranten festzusetzen. Die Menschen werden dann auf unbestimmte Zeit in einem Netzwerk von gewinnorientierten Gefängnissen festgehalten, die von den Milizen betrieben werden. Im September dieses Jahres waren dort rund 6.000 Migranten gefangen, viele davon in Al Mabani. Internationale Hilfsorganisationen haben eine Reihe von Misshandlungen dokumentiert: Häftlinge wurden mit Elektroschocks gefoltert, Kinder von Wärtern vergewaltigt, Familien um Lösegeld erpresst, Männer und Frauen in Zwangsarbeit verkauft. 'Die EU hat das viele Jahre lang geplant', so Salah Marghani, libyscher Justizminister von 2012 bis 2014. 'Es ist ein Höllenkreis, der die Menschen von Europa fernhält … Europa hat Libyen lange dazu gedrängt, die Migration einzudämmen. Muammar Gaddafi hat einst den Panafrikanismus angenommen und Afrikaner südlich der Sahara ermutigt, in den Ölfeldern des Landes zu arbeiten. 2008 dann unterzeichnete er mit dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi einen 'Freundschaftsvertrag', der ihn zu strengen Kontrollen verpflichtete. Gaddafi nutzte das als Verhandlungsmasse: 2010 drohte er damit, Europa 'schwarz zu machen', sollten die Hilfsgelder der EU ausbleiben. 2011 wurde Gaddafi gestürzt und getötet, Libyen versank im Chaos. Heute konkurrieren zwei Regierungen um die Legitimität: die von den Vereinten Nationen anerkannte Regierung der Nationalen Einheit und eine Regierung mit Sitz in Tobruk, die von Russland und der selbsternannten libyschen Nationalarmee unterstützt wird. Beide verlassen sich auf wechselnde Allianzen mit bewaffneten Milizen, die große Teile des Landes kontrollieren."

Außerdem: Pankay Mishra überlegt, was uns Frantz Fanons postkolonialer Klassiker "Die Verdammten dieser Erde" heute sagen kann. Und Peter Schjeldahl erinnert an die tragende Rolle von Sophie Taeuber-Arp bei der Etablierung der abstrakten Kunst.

Magazinrundschau vom 16.11.2021 - New Yorker

Masha Gessen sorgt sich um die Pressefreiheit in Russland. Ein Leuchtfeuer ist die Nowaja Gaseta mit ihrem Gründer Dmitri Muratow, der den diesjährigen Friedensnobelpreis erhielt: "Unter Muratow hat Nowaja Gaseta fast 30 Jahre überlebt, länger als jedes andere unabhängige Medienunternehmen in Russland. Die Zeitung erscheint dreimal pro Woche als Printausgabe in einer Auflage von 90000 Exemplaren und bringt einen konstanten Strom von Online-Artikeln, Videos und Podcasts. Die Website hat täglich eine halbe Million Besucher, monatlich circa neun Millionen. Nowaja Gaseta ist bekannt für ihre Konfliktberichterstattung, insbesondere aus Tschetschenien und der Ostukraine, und für ihre investigativen Recherchen. Sie war der russische Partner im internationalen Konsortium von Journalisten, das die Panama Papers herausbrachte. Die meisten kennen die Zeitung wegen ihrer zwischen 2000 und 2009 ermordeten sechs Mitarbeiter: Igor Domnikow, Viktor Popkov, Juri Schtschekotschichin, Anna Politkowskaja, Anastassija Baburowa und Natalja Estemirowa. Die Journalisten arbeiten im ständigen Ausnahmezustand, bedroht und kurz vor dem Ende. Allen Berichten zufolge ist der Fortbestand der Zeitung das Ergebnis von Muratows dauernden Verhandlungen mit den Mächtigen im Kreml, die die Nowaja Gaseta lieber tot sähen. Muratow und sein Mikrokosmos der Meinungsfreiheit erscheinen als eine unabdingbare Voraussetzung für eine demokratische und friedliche Zukunft Russlands … Es ist nicht ganz richtig, Nowaja Gaseta als Zeitung wie etwa die Times zu bezeichnen. Stellen Sie eine Mischung aus Village Voice der 80er, Arbeiterwohlfahrt und Occupy Wall Street vor, eine etwas chaotische Gemeinschaft, eine humanitäre Einrichtung. Und die Nowaja Gaseta führt eine spezielle sowjetische Tradition fort: die Zeitung als Gericht."

Außerdem: Raffi Khatchadourian berichtet über die neuesten Fortschritte bei der kriminalistischen DNA-Analyse. Alex Ross porträtiert den außergewöhnlichen Bassbariton Davone Tines. Adam Gopnik schreibt über H.G. Wells. Kelefa Sanneh hört Popmusik von Petey. Und Emily Witt verfällt dem naturalistischen Schauspielen von Kristen Stewart.

Magazinrundschau vom 09.11.2021 - New Yorker

Jon Lee Anderson erklärt, wie Honduras sich in ein Drogen-Eldorado verwandelt hat, mit seinem Präsidenten Juan Orlando Hernández und dessen Bruder Juan Antonio (Tony) als obersten Drogenhändlern: "Die Staatsanwälte beschrieben Tonys Weg als korrupte Karriere, die dazu beigetragen hatte, Honduras in einen virtuellen Drogenstaat zu verwandeln. Hernández, sagten sie, habe Waffen an Drogenhändler verkauft und andere Händler über amerikanische Bemühungen informiert, honduranische Piloten für nächtliche Razzien auszubilden. Er hatte Millionen Dollar aus Drogenverkäufen dazu benutzt, die Wahlen seiner Partei zu finanzieren. Im Namen seines Bruders, des Präsidenten, hatte er von Joaquín (El Chapo) Guzmán, Chef des Sinaloa-Kartells, millionenschwere Bestechungsgelder angenommen. Der leitende Staatsanwalt nannte Hernández einen 'einzigartig schlechten Charakter, der zusammen mit seinem Bruder im Zentrum des jahrelangen staatlich geförderten Drogenhandels steht'. Sein kriminelles Verhalten, so der Staatsanwalt, habe Honduras zu 'einem der wichtigsten Umschlagplätze für Kokain und einen der gewalttätigsten Orte der Welt' gemacht. Präsident Hernández bestreitet jede Beteiligung. Die Verteidigung hat die Hauptzeugen, alles gestandene Drogenhändler, als Serienmörder bezeichnet, die sich Begnadigung erhoffen. Die Staatsanwälte hingegen verweisen darauf, dass unter den Beweisen ein Verzeichnis der Drogeneinnahmen sei, das die Initialen des Präsidenten trage: J.O.H., wie er in Honduras genannt wird. Sie stellten auch fest, dass Tony eine Uzi mit der Eingravierung Juan Orlando Hernández, Presidente de la República trug … Während der Trump-Administration lobten die Republikaner Juan Orlando Hernández als vertrauenswürdigen Partner in sensiblen Fragen, darunter Anti-Terror- und Anti-Drogen-Bemühungen. Am bedeutendsten war wohl die Bereitschaft, Trump bei der Eindämmung der Einwanderung zu helfen."

Außerdem: Ian Parker berichtet von einem schweren Fall von Etikettenschwindel in der Biofood-Branche. M. R. O'Connor beschreibt den Kampf gegen immer größere Brände. Brooke Jarvis stellt ein Projekt für Wildtiere vor, die gut neben Menschen leben können. Peter Schjeldahl führt durch die Kandinsky-Schau im Guggenheim. Meghan O'Gieblyn stellt zwei Bücher vor, die die Vorteile von Schmerz erkunden. Und Anthony Lane sah im Kino "Spencer" mit Kristen Stewart als Prinzessin Diana.

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - New Yorker

Für die aktuelle Ausgabe des Magazins folgt Sarah Stillman Wanderarbeitern, die ihrerseits Klimakatastrophen wie Hurrikans oder Waldbränden folgen und sich extrem gefährlichen Arbeiten aussetzen: "Bellaliz Gonzalez hatte noch nie von Midland, Michigan gehört, bevor sie Ende Mai 2020 von einem weißen Van dort abgesetzt wurde. Die Fahrt von ihrem Zuhause in Miami zusammen mit zwölf Kollegen hatte rund 22 Stunden gedauert. Sie kam in einer Region an, die kürzlich von einer Flut verwüstet wurde: aufgebrochene Straßen, eingestürzte Brücken. Gonzalez, eine 54-jährige Asylbewerberin aus Venezuela, mit ordentlich frisiertem kastanienbraunem Haar, war stolz darauf, in gefährlichen Situationen ruhig zu bleiben. In Venezuela hatte sie als Umweltingenieurin gearbeitet und mehrere Nationalparks des Landes geleitet. Aber in den letzten drei Jahren hatte sie sich in den USA der Handarbeit zugewandt, um Geld zu verdienen. Anfang dieser Woche war sie für ein Franchiseunternehmen eines Katastrophenschutzunternehmens namens Servpro rekrutiert worden, um in Midland beim Wiederaufbau zu helfen. In ihrer Tasche trug sie Stiefel mit Stahlkappen, feste Jeans und goldene Ohrringe, die ihr helfen sollten, sich bei der anstrengenden Arbeit schön und elegant zu fühlen. Auf der Baustelle erhielt sie eine neongelbe Weste mit dem Namen von Servpro und der Aufschrift 'Sicherheit beginnt bei Dir' … Gonzalez ist Teil einer neuen wandernden Arbeiterschaft, die vor allem aus Einwanderern besteht, viele von ihnen ohne Papiere, die Klimakatastrophen im ganzen Land hinterherreisen, wie Landarbeiter der Ernte, und den Gemeinden beim Wiederaufbau helfen. Sie hat geholfen, Schäden von Hurrikanes, Bränden, Überschwemmungen und Tornados in sieben Bundesstaaten zu besietigen, Mehltaublüten weggeschrubbt und Giftschlammbecken von Universitäten, Fabriken und Flughäfen gereinigt. Die Arbeit schien sinnvoll, und manchmal fühlte sie sich wie eine Touristin in den Trümmern von Strandresorts, die sie sich sonst nie leisten könnte. Aber es war auch riskant. 2019 nach Hurrikan Michael beseitigte sie in Florida ohne Schutzkleidung die Isolierung eines Hauses, kleine Glasfaserstücke bohrten sich in ihre Haut."

In einem anderen Artikel erkundet Nick Paumgarten, wie die Forschung uns zu mehr persönlicher Energie verhelfen möchte: "Offensichtlich ist die Energie trotz aller Bemühungen nicht gleichmäßig verteilt, sei es aufgrund von Genetik oder Schicksal, Natur oder Erziehung. Menschen, die damit gesegnet sind, können es ihrer eigenen Tugend, Beharrlichkeit oder Selbstdisziplin zuschreiben und die Bezeichnung 'energielos' als Demütigung benutzen. Die Vorstellung, dass man sich in einen permanenten Zustand von Pepp, Charisma und Leistung bringen kann, verleiht dem Energie-Assessment-Business eine Aura der Frömmigkeit. Alles eine Frage der Einstellung, heißt es, als ob die Einstellung selbst nicht von der Energie abhinge. Denke positiv! Aber es kostet Energie, Gewohnheiten zu ändern."

Weitere Artikel: Benjamin Anastas stellt das ambitionierteste Tagebuch der Geschichte vor, von Claude Fredericks. Besprochen werden der Band "The Dawn of Everything" von David Graeber und David Wengrow, Anne Carsons Gedichtband "H of H Playbook" die Fernsehverfilmung von Isaac Asimovs "Foundation" und die HBO-Serie "Succession".

Magazinrundschau vom 26.10.2021 - New Yorker

In einem Brief aus Israel porträtiert Ruth Margalit den 47-jährigen israelischen Politiker Mansour Abbas, Mitglied der neuen Regierung Bennett-Lapid und Vorsitzender der arabischen Ra`am-Partei (Vereinigte Arabische Liste), die wegen ihrer Verbindungen zu den Muslimbrüdern von jüdischen Israelis mit Misstrauen beäugt wird. Einige Abgeordnete haben ihn deshalb beschuldigt, den Terror zu unterstützen. Auf der anderen Seite bezeichnet die palästinensische Presse Abbas regelmäßig als Verräter: "Ein altgedienter Verhandlungsführer meinte, sein Aufstieg in der Knesset habe eine 'Vichy-Regierung' hervorgebracht. Ihm wird vorgeworfen, sich zu wenig im langen Kampf für die palästinensische Eigenstaatlichkeit zu engagieren. Im Westjordanland leben 2,3 Millionen Menschen unter israelischer Besatzung, weitere zwei Millionen sind im Gazastreifen blockiert. Doch Abbas konzentriert sich stattdessen auf die Verbesserung der Bedingungen für die palästinensischen Bürger Israels, eine Bevölkerung von fast zwei Millionen, die jahrzehntelang diskriminiert und vernachlässigt wurde. (Die traditionelle Bezeichnung für diese Gruppe, arabische Israelis, ist zunehmend umstritten, wird aber von Abbas bevorzugt.) Als Abbas im März an einer Demonstration gegen die israelische Polizei in der arabischen Stadt Umm al-Fahm teilnahm, schlugen ihm zwei seiner Mitdemonstranten auf den Kopf. Obwohl er sehr gläubig ist, hat er aus Angst um seine Sicherheit aufgehört, die Predigten in der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zu besuchen. 'Für ihn ist das so, als würde er nicht nach Hause gehen', sagte mir sein Bruder." Dass die Reportage am Ende mit einem Hoffnungsschimmer endet, hat Abbas nur sich selbst zu verdanken.

Elizabeth Kolbert  berichtet über das Insektensterben und was es für uns bedeutet. Der Insektenforscher David Goulson hat mit "Silent Earth: Averting the Insect Apocalypse" das Buch zum Thema geschrieben: "Goulson beklagt, dass viele Menschen Insekten für Schädlinge halten. Er möchte, dass die Leser erkennen, wie erstaunlich sie wirklich sind, und beginnt seine Kapitel mit Profilen sechsbeiniger Wesen. Die männlichen Vertreter vieler Arten von Ohrwürmern haben zwei Penisse. Werden sie während der Paarung gestört, knicken sie den in Verwendung einfach ab und flüchten. Weibliche Juwelenwespen stechen ihre Beute - große Kakerlaken -, um eine zombieartige Trance hervorzurufen. Dann kauen sie die Antennenspitzen der Kakerlaken ab, führen die verblüfften Kreaturen an den Stümpfen zurück in ihre Höhlen und legen ihre Eier darin ab. Ältere Termiten der Art Neocapritermes taracua entwickeln an ihrem Hinterleib Taschen, die mit kupferreichen Proteinen gefüllt sind. Gewinnt ein Eindringling im Kampf die Oberhand, sprengen sich die Termiten in die Luft, um die Kolonie zu schützen, eine Praxis, die als selbstmörderischer Altruismus bekannt ist. Die Proteine reagieren mit Chemikalien, die in ihren Speicheldrüsen gespeichert sind, und werden zu hochtoxischen Verbindungen … Aber Insekten sind auch lebenswichtig … Sie unterstützen einen überwiegenden Teil der terrestrischen Nahrungsketten, sind die fleißigsten Bestäuber des Planeten und wichtige Zersetzer."

Und in einem anderen Artikel untersucht Parul Sehgal, wie Amazon und Kindle Direct Publishing (K.D.P.) den Roman zur Instant-Ware degradieren: "Die Plattform bezahlt den Autor nach der Anzahl der gelesenen Seiten, was einen starken Anreiz für dauernde Cliffhanger schafft und dafür, möglichst schnell möglichst viele Seiten vollzuschreiben. Der Autor wird dazu gedrängt, nicht nur ein Buch oder eine Serie zu produzieren, sondern etwas, das einem Feed gleicht - was Mark McGurl (in seinem Buch 'Everything and Less: The Novel in the Age of Amazon', d. Red.) eine 'Serienserie' nennt. Um die Werbealgorithmen von K.D.P. vollständig nutzen zu können, muss ein Autor laut McGurl alle drei Monate einen neuen Roman veröffentlichen. Um bei dieser Aufgabe zu behilflich zu sein, gibt es schon Regalmeter von Lehrbüchern, darunter Rachel Aarons '2K to 10K: Writing Faster, Writing Better, and Writing More of What You Love', das dazu anleitet, einen oder zwei Romane pro Woche auszuspucken. Obwohl sich K.D.P. vor allem um Quantität sorgt, stellt es auch gewisse idiosynkratische Standards auf. Amazons 'Guide to Kindle Content Quality' warnt den Autor vor Tippfehlern, 'Formatierungsproblemen', 'fehlenden oder enttäuschenden Inhalten' und nicht zuletzt vor 'Inhalten, die kein angenehmes Leseerlebnis bieten'. Literarische Enttäuschung hat zweifellos immer gegen den vermeintlichen Vertrag mit dem Leser verstoßen, doch in Bezos' Welt ist das buchstäblich gemeint. Der Autor ist tot, es lebe der Dienstleister."

Weitere Artikel: Olufemi O. Taiwo macht Kolonialismus und Kapitalismus für den Klimawandel verantwortlich und fragt, warum die Politik so wenig dagegen tut. Peter Schjeldahl schwärmt von der Surrealismus-Ausstellung im Metropolitan Museum in New York. Anthony Lane sah im Kino Wes Andersons "The French Dispatch". Alex Ross hörte Jonas Kaufmann in der Carnegie Hall.

Magazinrundschau vom 19.10.2021 - New Yorker

Als in Russland die Revolution siegte, inspirierte sie nicht nur Arbeiter weltweit, sondern auch viele Afroamerikaner. Einer von ihnen war der Schauspieler und Kommunist Lovett Fort-Whiteman, dessen Geschichte Joshua Yaffa erzählt: Fort-Whiteman, der mehrfach nach Moskau reiste und schließlich dort blieb, war als Kommunist so dogmatisch, wie es sich die sowjetische KP nur wünschen konnte. Nur in einem Punkt wichen seine Ansichten von denen der Genossen ab: Afroamerikaner wurden nicht wegen ihrer Klasse, sondern wegen ihrer Rasse unterdrückt, da war er sich sicher. "In einem Artikel im offiziellen Organ der Komintern schrieb er, dass 'der Rassenhass der weißen Massen sich auf alle Klassen der Negerrasse erstreckt'. Diese Debatte über die Rolle von Rasse und Klasse bei der Aufrechterhaltung von Ungleichheit wird bis heute von linken Aktivisten und Denkern geführt. 'Damals wie heute ist klar, dass in Amerika die Rasse die Klasse bestimmt', sagte Gilmore mir. 'Fort-Whiteman und andere diskutierten darüber, was zuerst behoben werden sollte.' Wenn Rasse ein soziales Konstrukt ist, dann könnte eine egalitäre Revolution auch als Mittel zur Erreichung von Rassengleichheit angesehen werden. Aber, so Gilmore weiter, Fort-Whiteman hatte eine andere Vorstellung: 'Selbst als überzeugter Kommunist verstand er, dass es in Amerika immer auf die Tatsache ankam, dass er ein Schwarzer war.' Im Komintern-Archiv las ich eine 'redaktionelle Anmerkung', die Fort-Whitemans Genossen später seinem Aufsatz beifügten und in der sie seine Position als 'sehr oberflächlich' beschrieben. Fort-Whiteman, so warnten sie, sei 'vom kommunistischen zum kleinbürgerlich-nationalistischen Standpunkt übergegangen'. Auf dem Sechsten Kongress der Komintern im Sommer 1928 gab es eine große Debatte darüber, wie man am besten unter Afroamerikanern für die kommunistische Revolution werben könne. Einige Leute in der Partei drängten darauf, Farmpächter und Landarbeiter im Süden zu rekrutieren. Fort-Whiteman, der als Delegierter nach Moskau zurückgekehrt war, vertrat die Ansicht, dass es besser sei, die große Migration abzuwarten und die schwarzen Arbeiter zu organisieren, sobald sie in den Fabriken des Nordens zum städtischen Proletariat geworden waren. Seine Position stimmte mit der von Nikolai Bucharin, dem Herausgeber der Prawda, überein, der den Kapitalismus im Vormarsch sah; die weltweite Revolution, so Bucharin, müsse aufgeschoben werden. Stalin war natürlich anderer Meinung." Fort-Whiteman starb im Januar 1939 im Gulag in Kolyma.
Stichwörter: Gulag, Ungleichheit, Kp

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - New Yorker

Jasper Johns ikonische "Flag, 1954-55. Museum of Modern Art, New York

Und Peter Schjeldahl erkennt angesichts einer Retrospektive im Whitney New York und im Philadelphia Museum of Art die zeitlose Größe des Malers Jasper Johns: "Alles begann 1955 in einem baufälligen Gebäude in der Pearl Street in Lower Manhattan, das Johns mit seinem Liebhaber Robert Rauschenberg teilte. Der fünfundzwanzigjährige Johns, Kind eines zerrütteten Elternhauses aus South Carolina, dessen Erziehung größtenteils Verwandte übernommen hatten, hatte an der Universität von South Carolina studiert und eine Zeitlang in der Armee gedient. 1954 träumte er davon, die amerikanische Flagge zu malen, und er tat das mit einer damals ungewöhnlichen Technik: Pinselstriche aus pigmentiertem, klumpigem Enkaustik-Wachs, die das sachliche Motiv beleben, sodass eine besondere Aura des Gefühls entsteht. Diese abrupte Geste - Zeichenmalerei von besonderer Raffinesse - setzte der modernen Kunst ein Ende. Es torpedierte den Macho-Existentialismus vieler damals bekannter Stars des Abstrakten Expressionismus und nahm die volkstümlichen Quellen der Pop-Art und die Selbstverständlichkeit des Minimalismus vorweg. Es setzte Kunst in die Welt und umgekehrt. Politisch war das Flaggengemälde eine Ikone des Kalten Krieges und symbolisierte sowohl Freiheit als auch Zwang. Patriotisch oder antipatriotisch? Der Betrachter hatte die Wahl. Der Inhalt ist oberflächlich und erfordert sorgfältige Beschreibung statt analytischem Tamtam, wie es im Titel der Show 'Mind / Mirror' anklingt. Halt die Klappe und schau!"

In der neuen Ausgabe des Magazins warnt Ed Caesar vor einer Katastrophe mit Ansage. Vor der jemenitischen Küste zerfällt der gestrandete Supertanker "Safer" langsam in seine Bestandteile und mit ihm eine Million Barrel Öl: "Die 'Safer' hat viele Probleme, die auch noch miteinander verflochten sind. Sie ist fünfundvierzig Jahre alt - uralt für einen Öltanker. Das Alter wäre nicht so wichtig, wenn das Schiff richtig gewartet würde, aber dem ist nicht so. 2014 starteten Angehörige der Huthis, einen erfolgreichen Putsch und zettelten einen brutalen Konflikt an, der bis heute andauert. Vor dem Krieg gab die staatliche jemenitische Firma, die das Schiff besitzt - die Safer Exploration & Production Operations Company, oder sepoc - jährlich etwa 20 Millionen Dollar für die Instandhaltung des Schiffes aus. Jetzt kann sich das Unternehmen nur noch die rudimentärsten Notreparaturen leisten. Mehr als fünfzig Leute arbeiteten vor dem Krieg an oder auf dem Schiff, heute sind es noch sieben. Diese Notbesatzung, die mit spärlichen Proviant und ohne Klimaanlage oder Belüftung bei hohen Temperaturen unter Deck operiert, wird von Soldaten der Huthi-Miliz überwacht, die das Territorium besetzt halten. Die Huthi-Führung hat Bemühungen ausländischer Einheiten bislang behindert, das Schiff zu inspizieren oder das Öl abzusaugen. Das Risiko einer Katastrophe steigt täglich."

Magazinrundschau vom 28.09.2021 - New Yorker

Thomas Meaney besucht Neo Rauch in Leipzig und stellt fest, dass die Amerikaner vielleicht ein falsches Bild von ihm haben: "Je mehr ich mich mit anderen über Rauch unterhalten habe, desto mehr schien es, als sei er von einer Art transatlantischer List eingewickelt worden. Ein Maler, der sich bemühte, von Künstlern jenseits des Eisernen Vorhangs zu lernen, wurde von der New Yorker Kunstwelt, die nach dem Kalten Krieg nach osteuropäischer Exotik gierte, mit einem experimentellen sozialistischen Realisten verwechselt. Einigen wohlhabenden Käufern gefiel die Vorstellung, Parabeln über das Scheitern des Kommunismus in ihren Wohnzimmern hängen zu haben. Es spielte kaum eine Rolle, dass Rauch für die Blütezeit des sozialistischen Realismus zu spät geboren wurde und er seine frühen Werke so weit wie möglich unterdrückt hatte. Als amerikanische Käufer nach Leipzig kamen, wurde Rauch zum Nutznießer dieses historischen Missverständnisses."

Weitere Artikel: Hilton Als wirft einen gründlichen Blick auf das Oeuvre von Gayl Jones, die sich in ihren Romanen mit Rassismus und Kolonialismus auseinandersetzt. Kathryn Schulz bespricht "Crossroads", den neuen Roman von Jonathan Franzen. James Wood liest Anthony Doerrs "Wolkenkuckucksland" und Carrie Battan hört "Montero" von Lil Nas X.

Magazinrundschau vom 14.09.2021 - New Yorker

Für die neue Ausgabe des Magazins Ben Taub erzählt die unglaubliche Geschichte des syrischen Geheimdienstoffiziers und Doppelagenten Khaled al-Halabi, der unzählige Menschen folterte oder foltern ließ (ein Handwerk, das der syrische Geheimdienst von dem österreichischen Nazi Alois Brunner gelernt hatte), dann nach Frankreich floh, wo er Asyl beantragte. Mit Geld versorgt wurde Halabi laut Taub von den Israelis, für die er offenbar auch spioniert hatte, und die ihn mit Hilfe des österreichischen Geheimdienstes in einer Nacht- und Nebel-Aktion nach Österreich bringen ließen, wo er untertauchen konnte. Die Österreicher dachten nicht daran, ihn wegen seiner Verbrechen vor Gericht zu stellen. "Wenn Halabi der ranghöchste syrische Kriegsverbrecher ist, der verhaftet werden könnte, dann nur, weil die größeren Ungeheuer geschützt werden. Das Hindernis für die Strafverfolgung von Assad und seinen Stellvertretern ist der fehlende politische Wille im UN-Sicherheitsrat. Halabis ehemaliger Chef in Damaskus, Ali Mamlouk, reiste Berichten zufolge 2018 in einem Privatjet nach Italien. Mamlouk ist einer der schlimmsten Übeltäter des Krieges - es war sein Befehl, den Halabi weitergab, auf Versammlungen von mehr als vier Personen in Raqqa zu schießen. Doch Mamlouk, der seit 2011 mit Sanktionen belegt ist und nicht in die Europäische Union einreisen durfte, hatte ein Treffen mit dem italienischen Geheimdienstdirektor, und so kam er und ging wieder." Einmal meint Taub, der Halabi überall in Wien sucht, ihn auf einem Balkon zu sehen. "Ein Klopfen an der Tür blieb unbeantwortet; einem Nachbarn zufolge ist die Wohnung leer. Eine Lüge, die der syrische Außenminister vor dreißig Jahren ausgesprochen hatte, ging mir nicht aus dem Kopf: 'Dieser Brunner ist ein Gespenst.'"

In einem anderen Beitrag untersucht Margaret Talbot die wahren Hintergründe der berühmten Grundsatzentscheidung "Roe gegen Wade" von 1973, in der es um die Verfassungsmäßigkeit der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch ging: "Als Jane Roe, deren richtiger Name Norma McCorvey war, Klägerin in einem der bekanntesten Fälle wurde, die je vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurden, war die 22-jährige Texanerin pleite, geschieden, 'drogensüchtig und betrunken', wie sie sich später selbst beschrieb. Die meisten ihrer Liebhaber waren Frauen, aber 1970 wurde sie ungewollt zum dritten Mal schwanger. Sie wollte keinen Kreuzzug starten, als sie sich in Dallas mit den feministischen Anwältinnen Sarah Weddington und Linda Coffee traf. Sie wollte bloß ihre Schwangerschaft beenden. Abtreibung war in Texas illegal … Irgendwann gab McCorvey zu, dass sie Jane Roe war, und in den 80ern und 90ern trat sie in den Medien auf. Sie war eine ambivalente Bereicherung für die Pro-Choice-Bewegung, besuchte Kundgebungen und erzählte ihre Geschichte", wofür sie bezahlt wurde. "In Wahrheit scheint sie sich nie sonderlich um reproduktive Rechte geschert zu haben."

Außerdem: Jelani Cobb porträtiert den Bürgerrechtsanwalt Derrick Bell als "Den Mann hinter der Critical Race Theory". Jia Tolentino schreibt über die Singer-Songwriterin Caroline Polachek. D. T. Max erzählt, wie sich Colm Tóibín mit Thomas Manns Homosexualität auseinandersetzt. Judith Thurman liest Dantes "Göttliche Komödie". Hua Hsu hört Saint Etiennes neues Album "I've Been Trying to Tell You". Anthony Lane sah im Kino Paul Schraders "The Card Counter".

Magazinrundschau vom 07.09.2021 - New Yorker

Gideon Lewis-Kraus stellt die Verhaltensgenetikerin Kathryn Paige Harden vor, die in einen Zweifronten-Krieg zwischen rechten und linken Wissenschaftlern und Social-Media-Kriegern geraten ist. Harden möchte mit ihrem Buch "The Genetic Lottery: Why DNA Matters for Social Equality" die Diskussion über Genetik auf eine neue Grundlage stellen. Genetische Unterschiede gibt es, sagt sie, und es ist wichtig, sie zu verstehen, gerade wenn man Ungleichheit bekämpfen will: "Die ultimative Behauptung von 'The Genetic Lottery' ist ein außerordentlich ehrgeiziger Akt von moralischem Unternehmertum. Harden argumentiert, dass eine Anerkennung der Rolle des einfachen genetischen Glücks - neben all den anderen willkürlichen Lotterien der Geburt - uns als Gesellschaft eher dazu bringen wird, dafür zu sorgen, dass jeder die Möglichkeit hat, ein Leben in Würde und Komfort zu genießen. Sie schreibt: 'Ich denke, wir müssen die falsche Unterscheidung zwischen 'Ungleichheiten, für deren Beseitigung die Gesellschaft verantwortlich ist' und 'Ungleichheiten, die durch biologische Unterschiede verursacht werden' aufheben.' Sie zitiert Forschungsergebnisse, die zeigen, dass die meisten Menschen viel eher bereit sind, Umverteilungsmaßnahmen zu unterstützen, wenn Chancenunterschiede als willkürlich ungerecht - und tiefgreifend - empfunden werden. ... Die Perspektive der 'Genblindheit', so glaubt sie, 'hält den Mythos aufrecht, dass diejenigen von uns, die im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts 'erfolgreich' sind, dies in erster Linie durch unsere eigene harte Arbeit und Anstrengung erreicht haben, und nicht, weil wir zufällig die Nutznießer von Geburtsunfällen - sowohl umweltbedingten als auch genetischen - waren.'" Dennoch wird sie von vielen linken Wissenschaftlern kritisiert, die befürchten, die Genforschung könne der Eugenik die Türen öffnen.

Weitere Artikel: Amia Srinivasan erzählt die Geschichte des Feminismus anhand der am heißesten umstrittenen Fragen über die Rolle des Kapitalismus, der Pornografie, Sex Positivity und - als Schwerpunkt - Transfrauen (das Recht auf Abtreibung spielt in ihrem Essay interessanterweise überhaupt keine Rolle). Anand Gopal schickt eine Reportage über afghanische Frauen, die sich gegen den Westen wenden. Dexter Filkins fragt, ob das Kriegsrecht mit seinen Regeln nicht paradoxerweise die Grausamkeit des Krieges verschärft hat.