Der
Ukraine gelingt gerade das Unmögliche: Sie drängt die russische Armee auf ihrem Gebiet massiv zurück. Was nun, wenn sie die Russen tatsächlich besiegt und damit auch
das Ende von Putins Regime einläutet,
fragt Anne Applebaum in
The Atlantic. "Um es klar zu sagen: Dies ist keine Vorhersage, sondern
eine Warnung. Viele Dinge am derzeitigen russischen politischen System sind seltsam, und eines der seltsamsten ist das völlige Fehlen eines Mechanismus für die Nachfolge. Wir haben nicht nur keine Ahnung, wer Putin ersetzen würde oder könnte, sondern auch, wer diese Person auswählen würde oder könnte. In der Sowjetunion gab es ein Politbüro, eine Gruppe von Personen, die theoretisch eine solche Entscheidung treffen konnte und dies auch gelegentlich tat. Im Gegensatz dazu gibt es in Russland keinen Übergangsmechanismus.
Es gibt keinen Dauphin. Putin hat sich geweigert, den Russen auch nur zu gestatten, über eine Alternative zu seinem schäbigen und korrupten kleptokratischen Regime nachzudenken. Dennoch wiederhole ich: Es ist unvorstellbar, dass er weiter regieren kann, wenn sich das
Kernstück seines Legitimationsanspruchs - sein Versprechen, die
Sowjetunion wieder aufzubauen - nicht nur als unmöglich, sondern als lächerlich erweist." Der Westen sollte sich dann
nicht einmischen, aber Putin helfen, aus Angst vor einem Machtvakuum, sollte er erst recht nicht, empfiehlt sie.
Die Ukraine startet eine erfolgreiche
Gegenoffensive, und wieder zögert der größte Koalitionspartner in der Frage der Waffenlieferungen,
konstatiert Dominic Johnson in der
taz: "Litauens Außenminister Gabrielius Landsbergis hat am Sonntag einen eindeutigen Vorstoß gewagt: Europa, schrieb er, muss die Ukraine belohnen für ihren Mut, indem es
alle Mittel verfügbar macht, um den Krieg rasch siegreich zu beenden, und das Ziel muss sein, dass Putin bedingungslos kapituliert. Man stelle sich vor, die 27 EU-Staaten plus die Nato-Mitglieder außerhalb der EU würden dies
mit einer Stimme sagen - es wäre eine klare Botschaft. Dazu wird es nicht kommen, nicht zuletzt weil in Deutschland immer noch viele am Mythos der
Unbesiegbarkeit Russlands festhalten, so als sei die deutsche Wehrmacht das Maß aller Dinge." Man sollte aber auch nicht ungerecht sein,
ergänzt Pascal Beucker in einem weiteren Artikel: "Tatsächlich liefert die Bundesrepublik
erhebliche Mengen an Waffen und Ausrüstung, um der Ukraine im Kampf gegen den russischen Überfall beizustehen. Nur die Unterstützungsleistungen der
USA und Großbritanniens sind noch größer. Von keinem anderen Land in der EU kommt so viel militärisches Gerät, einzig Polen reicht an Deutschland heran."
Mit dem Tod Elizabeths II. stellt sich die Frage:
Was ist Großbritannien heute,
überlegt der Historiker
Neal Ascherson in
The Atlantic. Er sieht zwei Probleme, die am Ende sogar an der Monarchie rütteln könnten: Erstens drohe ein Vereinigung Irlands und Abtrennung Schottlands und damit ein Auseinanderbrechen des Staates. Und zweitens verstünden die Briten heute besser, wie "zutiefst monarchistisch" die ungeschriebene britische Verfassung ist, auch wenn das Parlament alle Macht hat: "Das
aufklärerische Konzept der Volkssouveränität, der die Macht von unten nach oben verliehen wird, ist der englisch dominierten britischen Regierung fremd. Die Macht in diesem alten Land fließt immer noch
von oben nach unten. Das System ist geradezu für Tyrannen geschaffen, und doch haben die Politiker im Laufe der Jahre ein
demokratisches Gewand (allgemeines Wahlrecht, Redefreiheit, unabhängige Justiz) über diese autokratische Armatur gehängt. Heute sieht dieser Kompromiss fadenscheinig aus. Eine weniger reflexartig respektvolle Generation hat beobachtet, wie die jüngsten britischen Regierungen die Konventionen, die die Exekutivgewalt einschränken sollen, mit Füßen getreten haben." Wenn es dann auch noch wirtschaftlich schwierig wird, könnten die "königlichen Privilegien und
das Königtum selbst in Frage gestellt werden, beginnend an der Peripherie des Vereinigten Königreichs und dann nach innen wirkend".
In den siebzig Jahren Queen hat sich
Großbritannien vor allem durch die Regionalisierung tief verändert, aber reicht das, um die innere
Brüchigkeit der Union zu heilen,
fragt die Princetoner Historikerin
Linda Colley in der
New York Times: "Gewiss, die Macht wurde von London weg verlagert, aber nicht in ausreichendem Maße oder systematisch genug. Im Gegensatz zu Wales, Schottland und Nordirland hat
England - der größte der vier Teile des Vereinigten Königreichs - keine eigenes Parlament, was dazu beigetragen hat, einen ressentimentgeladenen, nach innen gerichteten
englischen Nationalismus zu schüren. Gleichzeitig ist es mit der Wiedereinführung eines Parlaments in Edinburgh bisher nicht gelungen, die separatistische Stimmung in Schottland zu entschärfen, während das nordirische Parlament zur Zeit blockiert ist und die nationalistische Stimmung in Wales zunimmt."
Das
Frauenbild in Ungarn ist immer noch ein sehr konservatives. Und
Präsidentin Katalin Novák - früher Familienministerin - unterstützt das nach Kräften, bedauert in der
Welt die Schriftstellerin
Andrea Tompa. "Zuletzt hat eine Studie des Rech nungshofs unter dem Schlagwort 'rosa Bildung' die 'demografischen Probleme'
in Beziehung zum Bildungsgrad ungarischer Frauen gesetzt. Sollte dieser Trend anhalten, hieß es dort (gemeint war, dass Frauen an ungarischen Universitäten prozentual in der Mehrheit sind), werde eine solche umgekehrte Geschlechterungleichheit zu einem
Risiko für die Geburtenrate, da damit die Wahrscheinlichkeit einer Eheschließung und also des Kinderkriegens sinke. Das klingt wie ein bescheidener Vorschlag: 'Wir' bräuchten weniger gebildete Frauen. Vielleicht, weil weniger gebildete Frauen sich leichter in traditionelle Rollenmodelle fügen, die ganze Hausarbeit machen, ihren Beruf aufgeben und ihre Gatten, die so hart arbeiten und so wichtige Aufgaben haben, 'respektieren'?"