Gestern trat
Angela Merkel vor die Presse, kassierte den vorgestern mit bleierner Miene verkündeteten
Osterstillstand wieder ein und bat für das Durcheinander (zum ersten Mal in ihren sechzehn Jahren Amtszeit)
um Verzeihung. Und nun muss sie sich noch die
feierlichen Ermahnungen der Journalisten anhören. "Eine Regierung, die ihre Maßnahmen nicht mehr plausibel erklären kann, verliert, was in der Pandemie unbedingt erforderlich ist:
das Vertrauen der Regierten",
schreibt Stefan Reineke in der
taz: "Diese Regierung ist dabei, ihre Autorität zu pulverisieren. Vielleicht ist dies eine
Krise des Föderalismus, der doch zu schwergängig ist, um lange Krisen effektiv zu bewältigen. Vielleicht ist es eine Krise der Regierung, in der Union und SPD im Wahljahr auf eigene Rechnung arbeiten. Auf jeden Fall ist dies die
Krise von Angela Merkel, vielleicht ihre letzte." Für Reineke ist klar: "Merkel ist ab jetzt endgültig eine 'lame duck'."
Hier der Bericht zu diesem Ereignis unter dem hübschen Titel "
Die Schuldbremse".
Die selbe Pointe bei Berthold Kohler in der
FAZ: "In diesem Jahr sitzt im Osternest neben dem Hasen
eine Ente, die zunehmend lahmer wird." Merkels Entschuldigung verdient "Respekt",
meint Mathias Müller von Blumencron im
Tagesspiegel. Aber der Auftritt offenbare auf "erschütternde Weise die
Hilflosigkeit der politischen Verantwortungsträger". "Maximale Blamage" für alle Beteiligten,
schreibt Katharina Schuler auf
Zeit Online, räumt aber ein: "
Auch wir Medien müssen den Politikerinnen und Politikern die Chance geben, wirklich verantwortungsvolle Politik zu machen. Das bedeutet zum Beispiel, dass wir die Akteure nicht unter einen Handlungsdruck setzen, der Nachdenklichkeit und Gründlichkeit kaum noch ermöglicht, oder - wenn eine nächtliche Sitzung mal kein Ergebnis bringt - das gleich
als Komplettversagen bewerten." Und dann noch Sascha Lobos
Donnerwort in
Spiegel online: "Wir brauchen ein
Misstrauensvotum durch die Bevölkerung."
Ein Punkt war an der
Ostersache doch auch recht erstaunlich,
findet Daniela Wakonigg bei
hpd.de, nämlich die
Reaktion der Kirchen und die Tatsache, dass "dass die Politik die Kirchen um Aussetzung von Präsenzgottesdiensten über Ostern
bittet. What the fuck!? Gastronomiebetriebe, Kultureinrichtungen, Einzelhandelsunternehmen und alle anderen wurden
auch nicht gebeten, aus Infektionsschutzgründen auf eine Öffnung zu verzichten. Es wurde ihnen
verordnet. Eine Regierung, die als Bittsteller um die Einhaltung sinnvoller Maßnahmen durch Religionsgemeinschaften winselt, sollte in einem säkularen Staat ganz dringend das
eigene Verhältnis zu diesen Religionsgemeinschaften überdenken und nachjustieren."
Abtörnend liest sich in der allgemeinen Erleichterung über ein
lockeres Ostern mit Gottesdienst
ein Gespräch in
Le Monde mit der Medizinerin
Devi Sridhar, die die
schottische Regierung in der Coronakrise berät. Dort wurde eine Politik des
scharfen Lockdowns vertreten, mit großem Erfolg. Mit Blick auf Frankreich sagt sie: "Wie sollten alle auf das schauen, was
in Brasilien passiert, nicht um deren katastrophale Politik nachzuvollziehen, sondern um zu sehen, was es heißt, wenn eine Mutation
schon Genesene neu infiziert, wenn sie jüngere Menschen trifft und
auf Impfstoffe nicht mehr reagiert. In Frankreich gibt es die Idee, die Wirtschaft so lange wie möglich laufen zu lassen und geöffnet zu bleiben. Das ist so, als würde man mit dem Auto
auf eine Wand zufahren und sagen, dass man Zeit spart, wenn man möglichst spät bremst. Sie verlieren in beiderlei Hinsicht: wirtschaftlich und medizinisch. Sie haben die
Toten und die Krise."
Verzweifelt
beschreibt Volker Eichener bei den
Ruhrbaronen den
Bürokratismus in NRW am Beispiel der
einen Million Impfdosen, die in dem Land in Kühlschränken lagern: "Warum wird so wenig Impfstoff verimpft? An den
Kapazitäten der Impfzentren liegt es nicht. Die könnten viel mehr leisten, und die
Arztpraxen erst recht. Alle sagen, sie erhalten einfach nicht genügend Impfstoff. Der Landesgesundheitsminister ist stolz darauf, dass er den Impfstoff '
konsequent'
zurückhält, um ihn für die Zweitimpfungen zu reservieren. Das ist allerdings komplett unlogisch. Denn seit Monaten ist bekannt, dass die Impfstofflieferungen ab April stark gesteigert werden, so dass aus den neuen Lieferungen
mehr als genug Impfstoff für die Zweitimpfungen verfügbar wäre. Aber das ist nicht bürokratisches Denken."
Der 25. März ist der Gründungstag der
belarussischen Volksrepublik. Heute soll es wieder Proteste geben - unter anderem will man die Befreiung der politischen Gefangenen fordern, sagt der Oppositionspolitiker
Pawel Latuschka im Gespräch mit Bernhard Clasen von der
taz. Die Opposition sei durchaus vorbereitet auf einen Regimewechsel: "Bei uns in der Opposition arbeiten
erfahrene Leute. Mehrere haben Erfahrung mit Regierungsarbeit. Unter uns sind ehemalige Mitarbeiter der Präsidialadministration, des Sicherheitsrates, des Innenministeriums, des Kulturministeriums und anderer Behörden." Latuschka beklagt aber auch das
Desinteresse der EU: "Ich finde es enttäuschend, dass Belarus für Europa so unwichtig ist. Von
Solidarität spüren wir wenig. Wenn sich die EU-Staats- und Regierungschefs am 25. und 26. März per Videokonferenz treffen, steht Belarus nicht einmal auf der Tagesordnung."