9punkt - Die Debattenrundschau

Klare Lagebilder

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.04.2021. Gustav Seibt in der SZ und Götz Aly in der Berliner Zeitung freuen sich, wie im Flughafen Berlin-Tempfelhof die Weiß- und die Schwarzköpfe der Stadt bei dem Projekt "Wir sind Berlin" auf Harmonischste kooperieren. Stuttgart dagegen: Querdenker demonstrieren, und die Polizei greift nicht mal ein, konstatieren konsterniert kontext und FR. In der taz fordert Ilija Trojanow eine Abschaffung der Patente auf Pharmaprodukte. Die Zeitungen trauern um Hans Küng.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.04.2021 finden Sie hier

Gesellschaft

Beschwingt erzählt Gustav Seibt in der SZ von seinem Impftermin in Hangar 4 des stillgelegten Tempelhofer Flughafens. Geimpft wurden Männer und Frauen ab sechzig. "Es ist die Mitte der Gesellschaft, die Steuerzahler der vergangenen vierzig Jahre, die die das Land am Laufen hielten und es oft immer noch tun." Die Schar der Helfenden wiederum sah aus, "als seien sie von der Neuköllner Sonnenallee, Berlins 'arabischer Straße', aus dem Bülow-Kiez in Kreuzberg oder dem einstmals roten Wedding kurzfristig herbeigerufen worden. Die Ankommenden also sind weißhaarig, die Empfangenden eher schwarzhaarig. Manchmal sieht es aus wie in der Serie '4 Blocks' oder in einem Rapper-Video. 'So könnte Berlin künftig funktionieren', schrieb Götz Aly kürzlich in der Berliner Zeitung, 'gutgelaunt, gut gemischt, zum Nutzen aller. (…) Unwillkürlich ergriff mich in dem monströsen Faschistenbau das freudige Gefühl, wir alle hier - 'Wir sind Berlin'. So hatte sich der Führer das nicht vorgestellt.'"

Stuttgart ist die grünbraune Hochburg des "Querdenkertums". Minh Schredle ist in der Stuttgarter linken Wochenschrift kontext immer noch einigermaßen fassungslos, wie unbehelligt die CoronaleugnerInnen am Samstag hier demonstrieren durften: "Nicht nur zeigte sich die Stuttgarter Polizei am vergangenen Samstag sehr kulant bei Verstößen gegen den Infektionsschutz. Teils entstand sogar der Eindruck einer über wohlwollende Sympathie hinausgehenden Kumpelhaftigkeit zwischen Rechtsbrechern und Ordnungshütern. Etwa wenn .. Heinrich Fiechtner mit einer stilisierten Hakenkreuzbinde als Maske unter dem Kinn mit zwei Polizisten plaudert, dabei den Landtagsdirektor als 'antidemokratische Ratte' betitelt - und alle drei herzhaft lachen."

In der FR kritisiert Krautreporter Stephan Anpalagan, dass die Polizei, die bei linken Demonstrationen oft Härte zeige, bei den Querdenker-Demonstrationen untätig bleibe, obwohl die Auflagen nicht eingehalten werden: "Es ist eine gefährliche Mischung aus kalkuliertem Rechtsbruch, unübersichtlichem Versammlungsgeschehen und polizeilicher Überforderung, die sich in solchen Demonstrationen wiederholt Bahn bricht. Die Coronapandemie ist für eine komplexe Organisation wie die Polizei noch immer neu, und auch nach vielen Monaten und Dutzenden Demonstrationen scheint es keine belastbare Einsatztaktik zu geben, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Zumindest machen sich langsam reifende Erkenntnisgewinne innerhalb der Polizeibehörden und ihrer Funktionäre bemerkbar. So hieß es noch im Mai 2020 in einem Tweet der 'Gewerkschaft der Polizei' (GdP): '#Corona - Teilnehmende an sogenannten Hygienedemos dürfen nicht pauschal kriminalisiert werden.' Es gelte zwischen Agitatoren, Mitläufern und Beobachtern zu differenzieren. #GdP-Vize Jörg Radek: 'Dazu braucht die #Polizei klare Lagebilder.'"
Archiv: Gesellschaft

Ideen

Es ist keineswegs der Holocaust, der den Blick auf die Verbrechen des Kolonialismus versperrt, schreibt Ruhrbaron Stefan Laurin in Antwort auf einen Artikel von Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer in der Zeit (unser Resümee). Dass sie in Vergessenheit gerieten liegt eher daran, dass Deutschland seit dem Ersten Weltkrieg keine Kolonialmacht mehr war. Und auch daran, dass die Kolonien in der Bevölkerung eher unpopulär gewesen waren: "Die Nachrichten aus den Kolonien sorgten immer wieder für Skandale, die im Reichstag von Abgeordneten von SPD und Zentrum angeprangert wurden. Kolonialisten wie Carl Peters, eine Mischung aus Gewaltverbrecher und Abenteurer, der seine afrikanische Geliebte wegen eines Seitensprungs erhängen ließ, wirkten auf weite Teile der Bevölkerung abstoßend. Trotz hoher Prämien war es schwer, Beamte für den Einsatz in den Kolonien zu finden. Es herrschte Bewerbermangel, wer auf seinen guten Ruf Wert legte, mied die Kolonien und strebte eine Karriere in Berlin an."
Archiv: Ideen

Religion

Der Ruhm Hans Küngs aus jener Zeit, "in der man es mit theologischen Thesen noch in Fernsehtalkshows schaffen konnte", mag verblasst sein. Aber die Anliegen des Vatikankritikers, der im Alter von 93 Jahren gestorben ist, sind nach wie vor aktuell, schreibt Lucas Wiegelmann in der Welt, und er verfocht sie besser als viele sener Nachfolger: "Er, der Dogmatik-Experte, betreibt nicht Theologie, weil er seine Reformanliegen begründen will. Es ist umgekehrt: Seine Theologie führt ihn erst zu der Überzeugung, dass Reformen nötig seien." Wie Reformer in der katholischen Kirche behandelt werden (seit man sie nicht einfach auf den Scheiterhaufen bindet), erzählt Bernhard Lang in der NZZ: "Küng wurde bereits 1957, im Jahr seiner Promotion, als der Irrlehre Verdächtiger bei den römischen Kirchenbehörden angezeigt. In Rom wurde die Akte '399/57i' angelegt, ein Konvolut, das in den Folgejahren immer umfangreicher wurde. Der Betroffene allerdings konnte es, vatikanischer Gepflogenheit gemäß, nie einsehen."
Anzeige
Archiv: Religion

Europa

Frauen lieben Habeck! Jagoda Marinic fände es in der taz aus feministischer Sicht zwar absolut fällig, dass Annalena Baerbock die grüne Kanzlerkandidatur antritt. Aber andererseits: "Deutschland fehlen in allen gesellschaftlichen Bereichen intellektuelle Debatten, die sich von Grund auf in erneuerndes politisches Handeln übersetzen ließen. Was also, wenn zum jetzigen Zeitpunkt die größere Innovation für Deutschland, die größere Zumutung, als von einer jungen Frau regiert zu werden, darin läge, von einem Politiker geführt zu werden, der sich auch als Intellektueller und Philosoph versteht?"

Bülent Mümay ist wieder mit seiner wunderbaren FAZ-Kolumne aus der Türkei dran. Heute geht's um Korruption. Nebenbei erzählt er diese Episode: "Als Chinas Außenminister in Ankara war, wollten Uiguren gegen die Menschenrechtsverletzungen in Ostturkestan demonstrieren. Seyit Tümtürk, als Vorsitzender des Nationalrates Ostturkestan einer der Organisatoren des Protests, wurde in der staatlichen Corona-Schutz-App mit Rot markiert und unter Quarantäne gestellt. Obwohl er nicht krank ist, wurde er als Covid-19-Infizierter eingestuft und darf nicht mehr auf die Straße, vor seiner Tür wurden Polizisten postiert."

In der NZZ empfehlen Aleida Assmann, Alon Confino und David Feldman nationalen und europäischen Institutionen die von einer Gruppe von Wissenschaftlern formulierte Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus für den Einsatz in der Bildungsarbeit, zur Anleitung politischer Entscheidungen, aber "auch zur Orientierung von Strafverfolgungsbehörden", weil ihre Erklärung - die Kritik an Israel nicht als antisemitisch gelten lassen will - "neutraler" sei als die Antisemitismusdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA).

Im Grunde sind "Antisemitismus-Definitionen Unsinn", meint dazu Alfred Bodenheimer in der NZZ. "Sie werden immer von jenen herbeigezogen und instrumentalisiert, denen dies gerade dient. Seien dies bei der IHRA-Erklärung Politiker, die jede Kritik an israelischer Politik abwürgen wollen, oder Akademiker, die damit vor allem auf die Kritikwürdigkeit der Besatzung hinweisen wollen."
Archiv: Europa

Wissenschaft

Ilija Trojanow fordert in der taz eine Abschaffung der Patente auf Pharmaprodukte, die die Impfstoffe künstlich verknappten, während ihre Erfindung überhaupt erst durch staatliche Forschung ermöglicht worden sei: "Also, zum Mitschreiben, für all jene ohne Herz und Hirn, die dieses menschenverachtende System aufrechterhalten: Uns allen gehört der Impfstoff und es ist in unser aller Interesse, dass weltweit alle geimpft werden, also gibt es nur eine vernünftige und ethische Politik: Impfstoff als Gemeingut, weltweit kostenlos oder zum Selbstkostenpreis verteilt."
Archiv: Wissenschaft