In der
SZ stimmt der Historiker
Norbert Frei der Kritik von Jürgen Habermas an Merkel und später der Ampel zu, die sich für
Europa nicht interessiert hätten (unser
Resümee). Und wie Habermas hofft er auf eine neue "Westbindung" - vor allem in der Verteidigungspolitik -,
Osteuropa dabei unverständlicherweise ignorierend. Vorbild sind Frei dabei die Pariser Verträge, die Adenauer 1955 abgeschlossen hatte: "Sich der Härte der innenpolitischen Kämpfe zu erinnern, die damit verbunden waren, könnte gerade heute von Nutzen sein: Weil es darum gehen muss, einen neuen Anlauf zu einer, wie Habermas es nennt, 'gemeinsamen militärischen Abschreckungsmacht der EU' zu unternehmen. Dass dieser Anlauf, unter welchem Namen auch immer, zunächst vermutlich
nur die '
historischen Kernländer' umfassen würde, sollte kein Hinderungsgrund sein. Klar muss nur sein, dass ein solches Projekt nicht scheitern darf." Und soll Europa dann erst an der Oder verteidigt werden?
Wir dürfen unsere Freunde von
jenseits des Atlantik nicht verraten,
ruft Pascal Bruckner in
Le Point an die europäische, besonders aber auch an die französische Adresse. Nun sei der Moment, "unsere Schuld an die Tausenden GI zu bezahlen, die für die Befreiung unseres Bodens gestorben sind... Unsere Aufgabe ist es, die transatlantische Verbindung wiederherzustellen, uns auf beiden Seiten mit allen
Menschen guten Willens zu verbinden, um die Zukunft vorzubereiten. Zumal nun Europa als der
moralische Kompass des Westens verbleibt, während Amerika in Autokratie in zu versinken droht. Allen Amerikanern, die Widerstand leisten, verkünden wir, dass Frankreich an ihrer Seite steht. Und dass es bereit ist,
sie aufzunehmen, wie es nach dem Zweiten Weltkrieg Hunderte von Jazzmusikern oder Schriftstellern, die Opfer der Rassentrennung waren, von Joséphine Baker bis Miles Davis und James Baldwin, aufgenommen hat. Mögen alle brillanten Menschen, Forscher, Ingenieure, Entwerfer hierherkommen, um ihre Talente zu entfalten, uns ihr Know-how zu vermitteln, möge der Braindrain ausnahmsweise in die andere Richtung verlaufen."
Am Wochenende sind
junge Istanbuler für den Bürgermeister
Ekrem Imamoglu auf die Straße gegangen, den Erdogan festgenommen hat, weil er seine Präsidentschaftskandidatur verhindern will. Freya Vargmann
berichtet in der
taz. Es sind viele Linke auf der Straße, die auch mit Imamoglus Partei CHP nicht so viel anfangen können, schreibt sie: "Die Hoffnung auf den Straßen Istanbuls wächst, einige reden von Revolution, der 19. März wird von vielen bereits als ein
historischer Wendepunkt in der Geschichte der Türkei betrachtet. Aber nicht alle sind optimistisch. Eine 45-jährige Demonstrantin, die anonym bleiben möchte, äußert ihre Zweifel. Sie war bei den
Gezi-Protesten dabei und erkennt Parallelen zur heutigen Bewegung. Der Widerstand jetzt dürfe nicht nur vorübergehend bleiben. 'Es darf nicht bei einem kurzen Aufschrei bleiben. Wenn wir jetzt nach Hause gehen, wird sich nichts ändern', sagt sie mit besorgtem Blick."
Raphael Geiger war für die Seite 3 der
SZ eine Nacht
mit den Demonstranten in Istanbul unterwegs und stand am nächsten Morgen in einem Wahlbüro, wo der Präsidentschaftskandidat der CHP gewählt wurde: "
Ekrem İmamoğlu ist der Einzige, der sich beworben hat. Anders als geplant dürfen jetzt nicht nur Mitglieder abstimmen, sondern alle Bürgerinnen und Bürger, und es kommen so viele, dass die Wahllokale dreieinhalb Stunden länger offen bleiben. Es geht um
Solidarität mit İmamoğlu, es ist eine Wahl, die ihnen niemand nehmen kann, nicht an diesem 23. März, an dem er verhaftet worden ist. Und an dem sie ihn, den Inhaftierten, zu
Recep Tayyip Erdoğans Herausforderer machen." Für Tomas Avenarius (
SZ) zeigt die Verhaftung Imamoglus vor allem die
Schwäche Erdogans: "Was das heißt, ist sonnenklar: Erdoğan bewertet seine Siegeschancen in einem
halbwegs sauberen Wahlkampf um die Präsidentschaft als mau."
In
Russland versucht die Staatsmacht derweil, immer mehr
Einfluss auf das Leben ihrer Bürger zu nehmen, kommentiert Frank Nienhuysen in der
SZ. Klappe halten und sein kleines privates Leben führen, ist nicht mehr. "
Partys sind zunehmend verpönt, das bei der Jugend beliebte
Youtube ist gezielt gedrosselt;
Schwangerschaftsabbrüche, in Sowjetzeiten und im nachsowjetischen Russland üblich, werden immer weniger toleriert,
Scheidungen gesetzlich erschwert. Es ist Teil des staatlichen Kampfes gegen den Bevölkerungsrückgang. Kriminalisiert wird nun sogar, wer für ein kinderloses Leben wirbt oder dafür eintritt. Wer kann da schon noch feine Unterschiede machen? Und das in einer Zeit, in der Kriegsängste und wirtschaftliche Sorgen viele Familien verunsichern. So schafft der Staat nicht nur ein neues Familien- und Gesellschaftsbild, er verlangt auch zunehmend, dass sich die Bevölkerung danach richtet. Der Krieg hilft ihm dabei, seine Ansprüche durchzusetzen. Denn wer widerspricht, lässt sich leicht als
unpatriotisch einstufen."
Dafür beobachten gerade viele Russen begeistert, was
in den USA abgeht,
erzählt Nikolai Klimeniouk in der
NZZ. "Die Parallelen zu Russland sind so offensichtlich, dass sich
regimekritische russische Intellektuelle gerade vor Schadenfreude überschlagen. 'Die Westler haben uns Russen so gerne gesagt, dass wir auf die Straße gehen und protestieren sollen, dass es
unsere sklavische Natur sei, die uns daran hindere, Putin zu stürzen - und nun?', spottet auf Facebook der Publizist Nikolai Epplée und erhält viel Zuspruch aus den Reihen des liberalen Kommentariats. Da macht die
Trump-
Administration so viele Errungenschaften im Bereich der Bürgerrechte rückgängig, geht gegen Meinungs- und Wissenschafts- und Unternehmensfreiheit vor, säubert den Staatsapparat und droht Nachbarländern mit militärischer Gewalt - und wo bleibt der Widerstand? Das Argument der Amerikaner, sie würden erst auf die Straße gehen, wenn die rechtsstaatlichen Mittel ausgeschöpft seien, wird mit Häme abgeschmettert. Auch wenn sie den Spott nicht verdienen, erinnert die Reaktion der Amerikaner an das Scheitern der russischen Demokratiebewegung, die
jede Mitverantwortung für die Etablierung der Tyrannei von sich weist."
Außerdem: In der
NZZ kommt der Frankreich-Korrespondent Daniel Steinvorth nochmal auf das recht antisemitisch wirkende Plakat zurück, mit dem die französischen Linkspopulisten ausgerechnet für eine "Demo gegen rechts" warben (unser
Resümee) - nebenbei erklärt er, warum die französische Linke so schlecht auf den Moderator
Cyril Hanouna zu sprechen ist.