Atomwaffen seien nicht seine größte Sorge, vielmehr sorgt ihn, dass Russland die ukrainischen
Atomkraftanlagen Tschernobyl und Saporischschja eingenommen hat, sagt der ukrainische
Historiker Serhii Plokhy im
Tsp-Gespräch, in dem er ein "
Fukushima-
Szenario" befürchtet und das
Budapester Memorandum kritisiert: "Es war ein großer Fehler der Vereinigten Staaten, wie die Denuklearisierung der Ukraine gehandhabt wurde. Als Historiker will ich nicht darüber streiten, ob es eine gute oder schlechte Idee war. Es war eine politische Entscheidung. Doch zu dieser Zeit beanspruchte Russland schon ukrainisches Gebiet für sich. Dadurch entstand eine
riesige Sicherheitslücke mitten in Europa, die wurde behelfsmäßig mit Tapete überkleistert - und die Tapete nennt sich Budapester Memorandum … und als die Wand einstürzte, waren plötzlich alle überrascht, dass die Tapete sie nicht zusammengehalten hat. Das ist also eine Lektion für die Zukunft. Indem man Atomwaffen aufgibt, schafft man ein riesiges Sicherheitsvakuum. Vielmehr sind Vereinbarungen wie das Budapester Memorandum nur eine
Einladung zur Aggression. Fraglich ist, ob wir in Zukunft Länder davon überzeugen können, im Austausch für ein Stück Papier auf Atomwaffen und ihre Entwicklung zu verzichten."
Dominic Johnson, der Brite unter den
tazlern und nicht unaffiziert vom feierlichen Ereignis, das ansteht,
bereitet das
taz-Publikum auf die
morgige Krönung Charles' III. vor. Am meisten gefällt ihm
die Salbung, die im Verborgenen stattfinden wird: "Die Ölmischung von Charles III ist erstmals rein vegetarisch. Und das Öl stammt aus Jerusalem, vom
Olivenhain am Ölberg - nicht nur eine der heiligsten Stätten mehrerer Weltreligionen, sondern auch die Grabesstätte von Charles' III. Großmutter väterlicherseits: Prinzessin
Alice von Battenberg. Die Mutter von Prinz Philip, dem Ehemann der verstorbenen Queen, war eine Kusine des letzten deutschen Kaisers und wird heute in Israel als Retterin verfolgter Juden in Griechenland während der deutschen Besatzung als eine der Gerechten geehrt."
Gina Thomas denkt in der
FAZ über das "
Charisma der Krone" nach und stellt die Frage, warum die Leute die Krönung überhaupt wichtig fänden und verweist auf einen berühmten Essay der Soziologen
Edward Shils und
Michael Young, die die Krönung 1956 schön konservativ als einen "großen
Akt nationaler Kommunion" beschrieben, "der dem Urbedürfnis einer Gesellschaft nach
ritueller Bekräftigung und Erneuerung der für jeden verantwortungsvollen Staat erforderlichen moralischen Werte entspreche".
Gina Thomas mokiert sich zwar über die "
griesgrämige Kampagne" des
Guardian zur Krönung. Aber ein Artikel sei doch zitiert. David Pegg
fragt, warum die Briten immer noch so wenig über den
wirklichen Reichtum der königlichen Familie wissen. Grund ist für ihn unter anderem "die Kultur der extremen Untertänigkeit und Geheimhaltung, die die königliche Familie umgibt. Dies ist zum Teil
Ergebnis eines Medienumfelds, in dem die Windsors als dysfunktionale prominente Aristokraten dargestellt werden, aber nicht als Personen von ernsthafter politischer oder verfassungsrechtlicher Bedeutung. Es hat eine Kultur geschaffen, in der die königliche Institution selbst über den normalen
Standards der Überprüfung steht und in der jede auch nur im Entferntesten unbequeme oder bohrende Frage, egal wie berechtigt sie ist, ignoriert oder routinemäßig abgetan wird."
Warum sollte ich einem britischen Monarchen "mit seinen
ererbten Privilegien Treue schwören?", fragt der australische
Schriftsteller Garry Disher in der
SZ. Es "repräsentiert in keiner Weise ein Land, das erwachsen geworden ist." "Unter dem gegenwärtigen System wird es nie zu einer umfassenden australischen Selbständigkeit kommen. Solange wir an eine andere Nation gekettet sind, werden wir keine erkennbar
australische Identität besitzen und uns der Welt der Nationen nicht als völlig gleichberechtigt zurechnen können. Entscheidend ist auch die zunehmende Forderung der australischen Ureinwohner, anzuerkennen, dass sie ihre Eigenständigkeit nach der Gründung der britischen Kolonien in Australien ab 1788 niemals abgetreten haben. Die
Narben der Kolonialbesatzung und der Enteignung bleiben.""
"Die Ernennung von Charles III. zum König, seine Krönung im Wortsinn, ist eine aus der Zeit gefallene Glitzer-Show", kommentiert Michael Neudecker ebenfalls in der
SZ: "Und die Kosten dafür trägt der Steuerzahler: Die seriösesten Schätzungen gehen von einer
dreistelligen Millionensumme aus. Nach einem Winter, in dem sich erschreckend viele Briten die 'heat or eat'-Frage stellen mussten,
heizen oder essen. Für beides reichte oft das Geld nicht. Das Volk darbt, der König wird gesalbt."
Die Linke im westlichen Ausland sah die
DDR gern als das "
bessere Deutschland". In dieser Linie steht womöglich der britische Bestsellererfolg von
Katja Hoyers Buch "Beyond the Wall - East Germany, 1949-1990" , das jetzt auch
hierzulande erscheint und das Norbert F. Pötzl in
SZ online heute
ziemlich zornig bespricht: "Die 'neue Geschichte' entpuppt sich als die alte Erzählung von einer unter dem Strich
ganz kommoden Diktatur... Einen dubiosen Kronzeugen für ihre DDR-Darstellung benennt Hoyer schon im Vorwort. Sie beruft sich ausgerechnet auf den notorischen Geschichtsklitterer
Egon Krenz, den letzten SED-Generalsekretär, der bis heute die DDR als bessere Alternative zur alten Bundesrepublik schönfärbt. Als zweiten Gewährsmann führt Hoyer den DDR-Schlagersänger
Frank Schöbel an, der als privilegierter Promi an der DDR natürlich nichts auszusetzen findet."
"Mir kommt es oft so vor, als sei die
Alltagsgeschichte der DDR ein ungeliebtes Nebengleis, auf das man sich lieber nicht begibt", verteidigt sich Hoyer im Interview mit dem
Spiegel. Auch in der
Zeit erschien gestern ein Interview mit der 1985 geborenen, heute in Großbritannien lebenden Historikerin.