Nicht nur hat Recep Tayyip Erdogan bei den
türkischen Wahlen die führende Position errungen, hinzukommt, dass sein Parteienbündnis schon jetzt die
absolute Mehrheit im Parlament hat. Und wieder einmal haben
die Demoskopen, die Erdogans Herausforderer Kemal Kilicdaroglu gute Chancen eingeräumt hatten, daneben gelegen, berichtet Friederike Böge für die
FAZ: "Der Chef von Metropoll, Özer Sencar, meint, die entscheidende Frage sei, warum Erdogan die meisten Stimmen bekommen habe, obwohl
die Wirtschaftslage so schlecht sei 'wie in den vergangenen 30 bis 40 Jahren nicht'. Seine Antwort: Die Wähler der AKP machten nicht Erdogan für die Wirtschaftskrise verantwortlich, sondern
Amerika und die Europäische Union."
Es gab viel Hoffnung, aber die Mobilisierung auch gegen viele unfaire Hindernisse hat nicht ausgereicht, konstatiert auch Karen Krüger im Feuilleton der
FAZ in einem Artikel über die Reaktion von Schriftstellern auf den Ausgang der Wahlen, "Und das ist nicht nur eine niederschmetternde Nachricht für die demokratischen Kräfte und die
unzähligen türkischen Exilanten, die hofften, vielleicht schon in dieser Woche in ihre Heimat zurückkehren zu können. Es ist auch ein Schlag für die
Tausenden politischen Häftlinge des Regimes, die wie der Kulturmäzen
Osman Kavala oder der Politiker
Selahattin Demirtas seit Jahren auf ihre Freilassung warten."
"Erstaunlich, wie sich die Dinge über Nacht ändern können", seufzt der türkische Journalist Yavuz Baydar in der
SZ. So groß waren die Hoffnungen noch vor wenigen Tagen, Erdogan könne abgewählt werden. Aber jetzt sei quasi sicher, dass er auch die Stichwahl gewinnen wird. "Das Wahlergebnis lässt keine Zweifel darüber, in welche Richtung sich das Land entwickelt. Die Rechte ist im Parlament stärker vertreten als zuvor, über das gesamte politische Spektrum hinweg. Die
fundamentalistische '
Neue Wohlfahrtspartei' (YRP) gewann fünf Sitze, ebenso wie die prokurdische
dschihadistische 'Partei der gerechten Sache' (Hüda-Par-Partei, ein Ableger der türkischen Hisbollah), die drei Sitze erhielt. Wie mein Freund, der Historiker Alexander Clarkson, auf Twitter schrieb, konsolidiert sich eine
Verschiebung nach rechts außen. Er sieht die Gespenster der türkischen Politik der Sechziger- und Siebzigerjahre wieder aufleben, da er eine Schwächung der AKP nach Erdoğan vorhersagt:
Alparslan Türkeş, Gründer der ultranationalistischen MHP und 'Führer' der
Grauen Wölfe; und
Necmettin Erbakan, Vaterfigur der
islamistischen "
Nationalen Sicht" (Milli Görüş). 'Bei den Wahlen kann man bereits die Umrisse einer Post-AKP-Politik erkennen', schrieb er."
Auf der Meinungsseite ist Tomas Avenarius zwar auch überzeugt, dass Erdogan bei der Stichwahl gewinnen und weitere deprimierende fünf Jahre regieren wird. Aber den
türkischen Wählern gratuliert er dennoch: "Die Türkei ist eine trotz aller Eigenheiten erstaunlich gut funktionierende Demokratie, jedenfalls was die Wähler betrifft. Sie - ganz sicher nicht der Staat oder der Apparat des Präsidenten - haben ihre Reifeprüfung bestanden. Sie haben mit der sensationellen
Wahlbeteiligung von fast 90 Prozent überzeugt, es gab keine Gewalt, es gab keine größeren Zwischenfälle. Die Wähler haben ihrer Enttäuschung über Erdoğans vergangene Regierungsjahre Ausdruck verliehen, ihm mit der Stichwahl den
Nimbus der Unbesiegbarkeit dann eben doch genommen. Allein das ist schon ein Erfolg der Opposition".
65 Prozent der
Türken in Deutschland haben
Erdogan gewählt, seinen Opponenten nur 33 Prozent,
meldet der
Stern. "Erdogan dürfte in Deutschland somit wohl wieder
viel besser abschneiden als bei der Wahl insgesamt ... Damit zeichnet sich in Deutschland ein ähnliches Bild wie bei der Wahl 2018 ab. Damals war Erdogan bei den Deutsch-Türken auf 64,8 Prozent - und insgesamt auf 52,6 Prozent gekommen. Türken mit Wohnsitz außerhalb der Türkei können seit 2014 auch im Ausland wählen."
"Wie passt das zusammen",
fragt sich in
Der Westen Jonas Forster. "Hier die Vorzüge der Demokratie genießen und dort jemanden wählen, der sie abschaffen will? 'Ein Hauptgrund ist, dass Erdogan seit 20 Jahren eine
sehr aktive Diaspora-
Politik führt', so der Kölner Türkei-Experte und Journalist Eren Güvercin. 'Unsere Politiker haben das nicht so wirklich wahrgenommen oder
wollten es nicht wahrnehmen'." Man müsse sich daher hierzulande selbstkritisch die Frage stellen, "warum wir all die Jahre diese Agitation von Erdogan und seiner Strukturen in Deutschland ignoriert und vor allem, warum wir dem
nichts entgegensetzt haben".
======Zum
Krieg in der Ukraine:
Im Interview mit dem
Tagesspiegel kritisiert der Historiker
Karl Schlögel scharf die Verfechter von Verhandlungen der Ukraine mit Russland wie beispielsweise den Juristen
Reinhard Merkel: "Wer behauptet, dass die Krim jetzt russisches Territorium sei, legitimiert noch einmal den
Völkerrechtsbruch. Reinhard Merkel landet bei der ungeheuerlichen These, dass die Wiederherstellung der territorialen Integrität der Ukraine einem
Angriff auf Russland gleichkomme. Das ist eine Umkehr der Opfer-Täter-Beziehung. Wir können doch nicht denjenigen, der den Krieg entfesselt hat, definieren lassen, was Recht ist. Insofern ist dieser Jurist bloß eine
Stimme Putins. ... Die Ukrainer sind tödlich bedroht. Ihre Antwort ist: Wir beugen uns nicht eurer Gewalt. Jeder Tag der barbarischen russischen Kriegsführung hat ihnen recht gegeben. Auch der
Zusammenhalt der ukrainischen Gesellschaft ist eine überwältigende Erfahrung. Dieses nationale Zusammengehörigkeitsgefühl kann man bei uns kaum verstehen. Das ist einer der Gründe für die
Herablassung deutscher Intellektueller, die sich alle schon
im Postnationalen angekommen sehen. Sie halten die Selbstbehauptung der Ukraine als Nation für überholt oder sogar reaktionär."
Spätestens seit 2014 hat die
deutsche Politik Putin "zur Fortsetzung seiner Aggression gegen die Ukraine
ermutigt", schreibt Reinhard Veser im Leitartikel der
FAZ. Zwar setzte Deutschland innerhalb der EU Sanktionen gegen Russland durch, aber waren sie nicht nur vorgeschützt? "Mit der Unterstützung für die Ostseepipeline
Nord Stream 2 erweckte die Bundesregierung in Moskau den Eindruck, dass Deutschland bereit sei,
die Ukraine zu verkaufen. Während Russland die Minsker Vereinbarungen zum Krieg im Donbass offen missachtete und dort ein blutiges Besatzungsregime errichtete, war Deutschland bereit, mit Russland ein Milliardengeschäft zulasten der Ukraine zu machen (mit dem es zudem seine eigene
Energieabhängigkeit von Russland erhöhte)."
Dass die
Wirtschaftssanktionen Russland nicht schaden, ist ein Märchen,
sagt der Wirtschaftsforscher
Gabriel Felbermayr in der
taz. Auf den Einwand des Interviewers Felix Lee, dass
China die Lücke gefüllt habe und die russische Wirtschaft sogar wachse, antwortet er: "Es ist ja nicht nur China, sondern eine ganze Reihe von Ländern, die in die Bresche gesprungen sind. Dennoch sind die Kosten für die russische Volkswirtschaft hoch. Dass Russlands Wirtschaft leicht wächst, dürfte auch mit den hohen Aktivitäten zu tun haben, die notwendig sind, um den Krieg aufrechtzuerhalten. Die Kriegsindustrie boomt. Russlands Wirtschaft mag jetzt
um ein halbes Prozent wachsen, ohne Krieg wäre sie aber wahrscheinlich um dreieinhalb Prozent gewachsen. Damit hat sie schon drei Prozentpunkte verloren."