Philipp Ruch und sein "Zentrum für politische Schönheit" stellen eine Stele mit der
Asche ermordeter Juden an jene Stelle in Berlin zwischen Kanzleramt und Bundestag, wo einst die
Kroll-Oper stand und die "Machtübernahme" der Nazis stattfand. Ziel der Aktion soll es auch seine, die neuen Faschisten
in Gestalt der AfD zu bekämpfen. In ihrem
Werbevideo zu der Aktion heißt es: "Direkt gegenüber des Bundestags (sic!) nahm die Vernichtungsaktion von Millionen Menschen ihren Anfang. Hier legte
der Konservatismus die deutsche Demokratie in die Hände von Mördern. Bis heute erinnert nichts daran. Und der Konservatismus streckt
schon wieder die Hand nach den Faschisten aus. In der Mitte der Republik errichten wir jetzt eine Widerstandssäule mit der Asche der Getöteten."
Arno Widmann
verteidigt die Aktion in der
Berliner Zeitung: "Die Asche der Vernichteten in der Nähe des Reichstages konfrontiert die Politik und uns mit den Folgen unserer Handlungen oder den
Folgen unseres Nichthandelns. Die Krolloper, auf deren ehemaligem Gelände die Installation steht, war der Ort, in den das Parlament nach dem Reichstagsbrand verlegt wurde. Hier wurde der Übergang in die rassistische Diktatur vollzogen. Das Zentrum für Politische Schönheit hilft uns wie schon bei seinen früheren Aktionen mit
schmerzhaften Symbolen."
"Doch, die Aktion ist gelungen"
meint auch Jan Kedves in der
SZ: "Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der
Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten,
nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten."
Für
Tagesspiegel-Kritiker Patrick Wildermann hat Philipp Ruch mit der Ausgrabung der Asche gar "einen über 75 Jahre alten
Auftrag verwirklicht". Und überhaupt: Es ist Gefahr in Verzug,
ist er sich mit Ruch einig. "Der Sorge, dass es zu einer neuen Handreichung zwischen Konservativen und äußersten Rechten kommen könnte, hat Philipp Ruch unlängst schon in seinem Buch 'Schluss mit der Geduld' Ausdruck verliehen. Da wagt er das
Gedankenexperiment einer Haselnuss-Koalition, schwarz-braun also, in der die völkische AfD-Fraktion unter CDU-Führung ein Superministerium aus Innerem und Verteidigung übernimmt. Hoffentlich nur Fiktion. In Thüringen gab es ja bekanntlich
erste CDU-
Stimmen, die sich ein Zusammenmarschieren gut hätten vorstellen können.
"Wodurch ist Ruch autorisiert, die Asche ermordeter Juden auszugraben, um sie für seine
persönliche Kunstaktion zu benutzen",
fragt dagegen
Perlentaucher Thierry Chervel: "Bei mir lösen Ruchs Aktionen stets eher einen
physischen Widerwillen aus. Mich stört die Nekrophilie, das
Kapern realer Leichen für ästhetische Zwecke. Man könnte es die Gunther-von-Hagenisierung der allerjüngsten Avantgarde nennen."
Richard Volkmann
schreibt zu der Aktion bei den
Salonkolumnisten: "Nur wer vom alles überstrahlenden Wunsch nach Richtigkeit so verblendet ist, dass er freudig die gute Sache um ihrer selbst willen über Bord wirft, kann wirklich glauben, es würde der AfD irgendwie schaden, wenn man die Asche ermordeter Juden aus der Erde holt, um sie im Zuge eines
billigen Politstunts vor dem Bundestag aufzubauen."
Der Bundestagsabgeodnete der Grünen
Volker Beck schreibt bei Twitter: "Falls es sich tatsächlich um die Asche von in der Shoah Ermordeten handeln sollten, wäre dies eine
strafbare Verletzung der Totenruhe. (§ 168 StGB). Dies behaupten die Aktivisten vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). Es könnte freilich auch Fake & Teil der Kunstaktion sein." Um dies herauszufinden, hat Beck
Strafanzeige gestellt. In der
Jüdischen Allgemeinen gibt es eine
gute Zusammenfassung der Diskussion.
Seit es Israel gibt, geht der
Antisemitismus die Juden eigentlich nichts mehr an,
schreibt der Historiker
Michael Wolffsohn in der
NZZ. "Es ist ein Problem der Nichtjuden, die sich durch Antisemitismus zunächst und vor allem selbst schaden, ja demontieren. Diese These sowie einige der vielen Dummheiten über Juden und Antisemitismus seien skizziert", so Wolffsohn und nimmt einige besonders beliebte antisemitische Klischees auseinander.