9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2019 - Gesellschaft

Die Zweitverwertung der Asche ermordeter Juden in einer "Widerstandssäule" vor dem Bundestag, die in den Medien (mit Ausnahmen, unser Resümee) für viel Begeisterung sorgt, hat sich vor allem für einen gelohnt, Philipp Ruch, den Erfinder des "Zentrums für politische Schönheit", meint Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen: "Mit Kunst Geld zu verdienen, das gelingt nicht vielen. Ruch hat es geschafft, indem er politische Kritik auf den Effekt reduziert. Im Zentrum steht nie eine intensive, inhaltliche Auseinandersetzung, ja nicht einmal die Aufforderung zu einer solchen. Das im Shop zu erwerbende Weihnachtspaket zur Aktion mit der Asche toter Naziopfer besteht dann auch nicht aus weiterführender Literatur zum Thema Shoah oder Vernichtungskrieg im Osten, sondern vor allem aus Büchern von Ruch..." Entzückend sind aber auch die "Schwurwürfel" mit in Plexiglas versiegelter Erde aus Auschwitz (keine Asche, wird versichert), die zum Preis von 50 Euro zu haben sind, ein perfektes Weihnachtsgeschenk für linke Kunstfreunde, eine Investition für jeden engagierten Sammler!

Dinah Riese thematisiert in der taz die Anmaßung, die in der Aktion steckt: "Man 'entreiße' das Gedenken der 'Lieblosigkeit', heißt es im Video zur Aktion und in Antworten an bestürzte Nachfahren. Man darf aber getrost davon ausgehen, dass die Familien ihrer Toten gedenken. Liebevoll übrigens. Und dass sie dafür keine Anleitung eines deutschen Kunstkollektivs brauchen. Mehr noch: Wenn es wirklich um die Würde dieser Toten ginge, dann wären jüdische Organisationen zentral beteiligt, statt eine vor Effekthascherei strotzende Kampagne um die Ohren geschlagen zu bekommen." Die SZ informiert über neuste Entwicklungen und Äußerungen des "Zentrums für politische Schönheit": Es stecke zwar keine Asche von in Auschwitz Ermordeten in der Säule, sehr wohl aber Asche von Menschen, heißt es vage.

Konstantin Nowotny findet die Aktion im Freitag ausgesprochen unappetitlich. Und auch die Verteidigung mit der Behauptung, der in Auschwitz ermordete Salmen Gradowski habe die Aktion gewissermaßen aus dem Grab heraus legitimiert (mehr hier), überzeugt ihn nicht: "Die Journalistin Ramona Ambs kommentierte auf Facebook: 'Er wollte, dass die Welt erfährt, was passiert ist. Er wollte, dass man weiß, wer und wieviel verloren ging. Er hat nicht gesagt: Nehmt unsere Toten, grabt sie aus, stopft sie in eine Säule und beleuchtet sie, damit die Nachfahren der Täter mal wieder moralische Selbstbesoffenheit feiern können.' Aber deutsche Aktionskünstler werden sich weder von lebenden noch von toten Juden daran hindern lassen, ihre 'umstrittenen' Aktionen durchzuziehen. ... Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals in Berlin, Lea Rosh, fühlt sich von der Installation 'bewegt und angefasst'. Ihr wurde im Zuge des Berliner Mahnmals ebenfalls vorgeworfen, sich der Verstorbenen zum Selbstzweck zu bemächtigen. Nun zeigt sie sich offenbar davon beeindruckt, wie sehr sich dieses Prinzip auf die Spitze treiben lässt."

In der NZZ fragt Claudia Schwartz, was die Provokationen Philipp Ruchs eigentlich noch von denen Alexander Gaulands oder Björn Höckes trennt: "Die Opfer der Shoah, sie werden mittlerweile von den Eskalationsbeauftragten auf beiden Außenseiten des politischen Spektrums hemmungslos als Mittel zum Zweck missbraucht. Es geht darum, die jeweils andere politische Haltung mit allen Mitteln zu diskreditieren - und seien sie noch so geschmacklos, geschichtsverzerrend, die Opfer beleidigend. Wie ähnlich sich doch der Vogelschiss von links und rechts außen mittlerweile ist. Man kann darüber nur Scham empfinden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2019 - Gesellschaft

Philipp Ruch und sein "Zentrum für politische Schönheit" stellen eine Stele mit der Asche ermordeter Juden an jene Stelle in Berlin zwischen Kanzleramt und Bundestag, wo einst die Kroll-Oper stand und die "Machtübernahme" der Nazis stattfand. Ziel der Aktion soll es auch seine, die neuen Faschisten in Gestalt der AfD zu bekämpfen. In ihrem Werbevideo zu der Aktion heißt es: "Direkt gegenüber des Bundestags (sic!) nahm die Vernichtungsaktion von Millionen Menschen ihren Anfang. Hier legte der Konservatismus die deutsche Demokratie in die Hände von Mördern. Bis heute erinnert nichts daran. Und der Konservatismus streckt schon wieder die Hand nach den Faschisten aus. In der Mitte der Republik errichten wir jetzt eine Widerstandssäule mit der Asche der Getöteten."

Arno Widmann verteidigt die Aktion in der Berliner Zeitung: "Die Asche der Vernichteten in der Nähe des Reichstages konfrontiert die Politik und uns mit den Folgen unserer Handlungen oder den Folgen unseres Nichthandelns. Die Krolloper, auf deren ehemaligem Gelände die Installation steht, war der Ort, in den das Parlament nach dem Reichstagsbrand verlegt wurde. Hier wurde der Übergang in die rassistische Diktatur vollzogen. Das Zentrum für Politische Schönheit hilft uns wie schon bei seinen früheren Aktionen mit schmerzhaften Symbolen."

"Doch, die Aktion ist gelungen" meint auch Jan Kedves in der SZ: "Das ZPS kann sich, trotz eventueller Vorwürfe der Pietätlosigkeit, darauf berufen, dass es Opfern des Holocausts und Widerstandskämpfern wie dem 1944 ermordeten Salmen Gradowski, zu Lebzeiten noch gelang, Notizen zu hinterlassen, in denen sie die Nachwelt instruierten, nach ihrer Asche zu suchen und mit ihr das Gedenken an die Millionen Ermordeten wachzuhalten."

Für Tagesspiegel-Kritiker Patrick Wildermann hat Philipp Ruch mit der Ausgrabung der Asche gar "einen über 75 Jahre alten Auftrag verwirklicht". Und überhaupt: Es ist Gefahr in Verzug, ist er sich mit Ruch einig. "Der Sorge, dass es zu einer neuen Handreichung zwischen Konservativen und äußersten Rechten kommen könnte, hat Philipp Ruch unlängst schon in seinem Buch 'Schluss mit der Geduld' Ausdruck verliehen. Da wagt er das Gedankenexperiment einer Haselnuss-Koalition, schwarz-braun also, in der die völkische AfD-Fraktion unter CDU-Führung ein Superministerium aus Innerem und Verteidigung übernimmt. Hoffentlich nur Fiktion. In Thüringen gab es ja bekanntlich erste CDU-Stimmen, die sich ein Zusammenmarschieren gut hätten vorstellen können.

"Wodurch ist Ruch autorisiert, die Asche ermordeter Juden auszugraben, um sie für seine persönliche Kunstaktion zu benutzen", fragt dagegen Perlentaucher Thierry Chervel: "Bei mir lösen Ruchs Aktionen stets eher einen physischen Widerwillen aus. Mich stört die Nekrophilie, das Kapern realer Leichen für ästhetische Zwecke. Man könnte es die Gunther-von-Hagenisierung der allerjüngsten Avantgarde nennen."

Richard Volkmann schreibt zu der Aktion bei den Salonkolumnisten: "Nur wer vom alles überstrahlenden Wunsch nach Richtigkeit so verblendet ist, dass er freudig die gute Sache um ihrer selbst willen über Bord wirft, kann wirklich glauben, es würde der AfD irgendwie schaden, wenn man die Asche ermordeter Juden aus der Erde holt, um sie im Zuge eines billigen Politstunts vor dem Bundestag aufzubauen."

Der Bundestagsabgeodnete der Grünen Volker Beck schreibt bei Twitter: "Falls es sich tatsächlich um die Asche von in der Shoah Ermordeten handeln sollten, wäre dies eine strafbare Verletzung der Totenruhe. (§ 168 StGB). Dies behaupten die Aktivisten vom Zentrum für Politische Schönheit (ZPS). Es könnte freilich auch Fake & Teil der Kunstaktion sein." Um dies herauszufinden, hat Beck Strafanzeige gestellt. In der Jüdischen Allgemeinen gibt es eine gute Zusammenfassung der Diskussion.

Seit es Israel gibt, geht der Antisemitismus die Juden eigentlich nichts mehr an, schreibt der Historiker Michael Wolffsohn in der NZZ. "Es ist ein Problem der Nichtjuden, die sich durch Antisemitismus zunächst und vor allem selbst schaden, ja demontieren. Diese These sowie einige der vielen Dummheiten über Juden und Antisemitismus seien skizziert", so Wolffsohn und nimmt einige besonders beliebte antisemitische Klischees auseinander.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2019 - Gesellschaft

Mithu Sanyal entwirft in der taz zusammen mit der Autorin Rehzi Malzahn (Autorin des Buchs "Strafe und Gefängnis -  Theorie, Kritik und Alternativen") eine Utopie: Wie wär's wenn wir die Gefängnisse einfach abschaffen: "Eine Welt ohne Gefängnisse würde also auch bedeuten, dass wir uns wieder mit den Straftätern auseinandersetzen müssten. Wir müssten uns der Frage der Wiedergutmachung stellen. Danach, wann ein Mensch angemessen Verantwortung für sein Verbrechen übernommen hätte. Und - die größte Hürde - wir müssten überlegen: Wie würden wir mit Menschen umgehen, deren Straftaten nicht nur die Grenzen des Gesetzes überschreiten, sondern auch dessen, was wir als menschlich erachten."
Stichwörter: Gefängnisse, Strafjustiz, Utopien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2019 - Gesellschaft

Eigentlich hätte die Digitalisierung das Leben und Wirtschaften umwelfreundlicher machen können. Leider ist genau das Gegenteil eingetreten, weiß in der SZ Michael Bauchmüller, und das liegt nicht nur daran, dass die vielen Lieferfahrzeuge die Innenstädte verstopfen. Auch am Streaming: "Ökologisch ist das eigentlich eine feine Sache, früher musste man Filme auf DVDs bannen. Dreimal geguckt, standen sie nur noch herum, irgendwann flogen sie in den Müll. Zu Videotheken muss am Samstagabend auch niemand mehr fahren, der Film kommt auf Knopfdruck. Das Problem, sagt Gröger, sei nur: 'Die Leute schauen sich bei Netflix eine Serie an, und gleich danach wollen sie die Original-Schauplätze besuchen.' Flugtickets und ein Apartment, klar, gibt es auf Knopfdruck vom Sofa aus. Ohne Energie läuft aber auch digital nichts. Mittlerweile frisst Informationstechnik sieben Prozent des weltweiten Stromverbrauchs, der Energiehunger entspricht dem des gesamten Luftverkehrs. Das Wachstum verläuft exponentiell, in Deutschland verdoppelt sich der Verbrauch alle zwei Jahre."

Im Guardian lästert die spitzzüngige Marina Hyde nach der Klimadiskussion der BBC, bei der Boris Johnson und Nigel Farage durch Eisblöcke ersetzt wurden, weil sie keine Lust zur Teilnahme hatten: "Boris Johnsons größter Beitrag zur Vermeidung von Plastikmüll scheint der Verzicht auf Kondome zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2019 - Gesellschaft

Die Zahl der Verkehrtoten in Deutschland ist drastisch gesunken, von 21.000 im Jahr 1970 etwa auf heute 3.300. Das ist nicht unbedingt nur das Verdienst der Autoindustrie, stellt Edo Reents in der FAZ klar, sondern auch schärferer Gesetze. Jetzt kann Raserei im Stadtverkehr als Mord gewertet werden, wenn dabei Menschen ums Leben kommen: "Was bedeutete das, sollte sich eine solche Einschätzung häufen, für den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellenwert des Autos - der Deutschen liebstes Kind ein Mörder beziehungsweise eine Mordwaffe? Wird es hier, analog zu Amerika, das sich über den Schusswaffengebrauch regelmäßig die Haare rauft, ohne dass sich etwas änderte, dann bald Diskussionen geben: Autofahren als deutscher Freiheitsmythos? Warum lässt man es immer noch zu, dass jeder Bürger so leicht an ein Auto kommt?"

Der Mietendeckel wird nicht die Lösung gegen knappen Wohnraum und explodierende Mieten bringen, glaubt der Zukunftsforscher Daniel Dettling in der Welt. Immer mehr Singles und Senioren leben in den Städten, junge Familien verlassen die Stadt in Richtung Umland. Dettling plädiert für "vernetztes Wohnen": "'Tiny Living' setzt auf nachhaltiges, flexibles Wohnen in kleineren Räumen. In Großstädten wie Hannover entstehen bereits Ökodörfer von mehreren Hundert Einheiten, und man setzt dabei auf drei Zielgruppen: 'Junge Radikale', die reduziert leben wollen. Senioren, die Einsamkeit oder Altersarmut vermeiden wollen, und die mittlere Generation, die auf der Suche nach einer neuen Balance von Selbstbestimmung und Gemeinschaft ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.11.2019 - Gesellschaft

In Frankreich tobt die Debatte um Roman Polanski und seinen Film über die "Dreyfus"-Affäre, dessen Start von neuen Vergewaltigungsvorwürfen begleitet wurde (mehr hier oder hier). Jürg Altwegg nutzt die Debatte in der FAZ wieder einmal, um die neuen Philosophen, die schon 2009 Polanski gegen die "Hexenjagd in Hollywood" verteidigten, als verblendete Ideologen zu attackieren, besonders Bernard-Henri Lévy: "Als Reaktion auf #MeToo gab es Proteste gegen eine Polanski-Retrospektive in der Pariser Cinémathèque und mehrere Vergewaltigungsklagen gegen den einflussreichen Islam-Intellektuellen Tariq Ramadan. Nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft veröffentlichte Ramadan im vergangenen September ein Buch, in dem er seine Unschuld beteuert: 'Die Pflicht zur Wahrheit'. Im Fernsehen erklärte er: 'Ich bin Dreyfus.' So verlogen ist dessen Erbe selten missbraucht worden. Die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen wollten die Intellektuellen, die sich mit dem italienischen Terroristen Cesare Battisti solidarisierten, dem Mitterrand politisches Asyl gewährt hatte. Sie glaubten seiner Mär von einem 'Justizirrtum' und verhöhnten die italienischen Richter wie die schweizerischen nach der Verhaftung Polanskis. Erneut trat BHL als Wortführer in Erscheinung. Als Frankreichs Justiz die Auslieferung beschloss, verhalfen sie Battisti zur Flucht nach Brasilien."

In der taz quittiert Jagoda Marinic mit Empörung die Pläne der Budnesregierung, dem Verein der Verfolgten des Naziregimes die Gemeinnützigkeit zu entziehen (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2019 - Gesellschaft

Recherche hilft! Kürzlich beklagte Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, dass nur über Hass von rechts, aber der von links vernachlässigt werde. Dem Dlf zufolge könnte es daran daran liegen, dass der Großteil der Hetze nun mal von rechts kommt, wie er herausgefunden hat: "Die bislang vorliegenden Zahlen beim Bundeskriminalamt besagen Folgendes: Ein Großteil der Hasskommentare (77 Prozent) 'lässt sich dem rechtsextremen Spektrum zuordnen, knapp 9 Prozent der Kommentare sind linksextrem, die verbleibenden 14 Prozent sind ausländischen oder religiösen Ideologien beziehungsweise keiner konkreten politischen Motivation zuzuordnen.'"

Die Jüdische Allgemeine meldet mit dpa, dass die Bundesregierung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) die Gemeinnützigkeit entziehen will, weil der Verein in den Verfassungsschutzberichten Bayerns - seit Jahren - als linksextreme Vereinigung geführt wird.  Die 94-jährige Ehrenvorsitzende und Holocaust-Überlebende Esther Bejarano hat dagegen nun protestiert:  "Das Haus brennt - und Sie sperren die Feuerwehr aus!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2019 - Gesellschaft

Das Hymen ist kein "Jungfernhäutchen", und "Jungfräulichkeit" ist ein soziales Konstrukt, wie man kürzlich schon in der Marie Claire nachlesen konnte (unser Resümee). Das Hymen reißt auch nicht beim ersten Geschlechtsverkehr, schreibt die Ärztin Verena Brown jetzt in einem Post, der in den sozialen Netzen (hier auf Facebook) viel Aufsehen erregt und den hpd.de übersetzt: "Hymen sehen aus wie zerknäulte Haargummis und ganz ähnlich wie Haargummis sind sie dehnbar. Sie dehnen sich so weit aus, dass sie sich einem Penis und anderen Objekten anpassen können. Sie dehnen sich tatsächlich sogar so weit aus, dass sie einem Baby Platz machen können. Das Hymen ist immer offen. Kleine Mädchen werden mit einem Loch darin geboren. In seltenen Fällen werden Mädchen ohne eine solche Öffnung geboren. Es handelt sich dabei um einen medizinischen Zustand, der als 'Hymenalatresie' (englisch 'imperforate hymen') bezeichnet wird und dessen Behebung eine Operation erfordert."

Laut einer Mitteilung des BKA nimmt die Gewalt gegen Frauen vor allem in Partnerschaften zu, meldet Zeit online. Im Tagesspiegel fordert Anja Nordmann, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats, diese Gewalt nicht mehr länger als "Familiendrama" oder "Beziehungstragödie" zu verharmlosen, sondern als "das zu benennen, was sie sind: 'Frauenmord' oder 'Femizid.'" Außerdem fordert sie dazu auf, mehr Informationen zu sammeln: "Dazu gehört die Aufnahme der Kategorie 'Geschlecht' in die Polizeikriminalstatistik zu 'Hasskriminalität' für politisch motivierte Straftaten. Denn ähnlich wie bei rassistisch motivierten Straftaten brauchen wir verlässliche Daten über Straftaten gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Mit der Lücke in der Kriminalstatistik geht auch der Forschungsstand einher. Verlässliche und aktuelle Forschung zum Thema Frauenhass ist nötig, um deren Ursachen zu verstehen und zu bekämpfen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2019 - Gesellschaft

Nachdem Extinction-Rebellion-Mitbegründer Roger Hallam gestern im Zeit-Interview den Holocaust als einen "weiteren Scheiß der Geschichte" bezeichnete (Unser Resümee), gibt er sich in einem Facebook-Post zunächst reumütig: "Es tut mir sehr leid für die Worte, die ich gebraucht habe. Und ich möchte mich entschuldigen für die Verletzung und die Beleidigung, die sie ausgelöst haben",  Roger Hallam in einem Facebook-Post. Die Debatte sei "obszön und beleidigend", fährt er fort, um dann aber nochmal festzustellen: "Ich habe nicht das Gefühl, mich für die Aufmerksamkeit zu entschuldigen, die ich auf den Genozid gelenkt habe, der sich gerade ereignet". Kurz zuvor hatte Hallam bereits in einem Spiegel-Interview (hinter einer Paywall) nachgelegt: "Was wird zur schwerwiegendsten Folge des Klimawandels für Frauen auf der ganzen Welt werden? Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenbruch. Das bedeutet Krieg, das Abschlachten von Männern und die Vergewaltigung von Frauen." Und: "Der Klimawandel ist nur das Rohr, durch das Gas in die Gaskammer fließt. Es ist nur der Mechanismus, durch den eine Generation eine andere tötet." Sich selbst vergleicht Hallam dort zudem mit den Mitgliedern der Weißen Rose, die "Eliten", die nichts gegen den Klimawandel täten, erinnert er an die Nürnberger Prozesse

Roger Hallams Aussagen über den Holocaust bedeuten einen "absoluten Tiefpunkt", ärgert sich Tino Pfaff, einer der Sprecher des deutschen Ablegers von Extinction Rebellion im Interview mit jetzt.de. Er verweist nochmal darauf, dass XR dezentralisiert organisiert sei, Hallam also keineswegs der Sprecher von XR sei. Hallams Aussagen versucht er dennoch zu erklären: "Er will mediale Empörung erzeugen und damit letztlich Aufmerksamkeit und Empörung bezüglich der dramatischen Klimakatastrophe hervorrufen. Schon heute sterben täglich unzählige Menschen und tatsächlich droht durch die Auswirkungen der Erderwärmung und der ökologischen Krise ein fürchterliches Massensterben insbesondere im globalen Süden, das man auch als Genozid bezeichnen kann. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich wir Menschen im globalen Norden." Der Welt sagte Pfaff außerdem, er sei dafür, Hallam aus der Bewegung auszuschließen.
 
In der SZ kommentiert Andrian Kreye: "Roger Hallam betreibt mit seiner Relativierung des Holocaust nicht nur einen Schulterschluss zwischen links- und rechtsextremen Positionen. Die haben sich im Antisemitismus, camoufliert als Aufrechnungen, Vergleiche, Relativierungen, schon öfter getroffen. Er sabotiert damit vor allem einen Kampf gegen die Erderwärmung, der zum Ziel hat, die Gefahr für die Menschheit jenseits aller Ideologien und Überzeugungen als kleinstmöglichen Nenner zu definieren. Die Ausgrenzung durch Polarisierung führt die Apokalyptik der Extinction Rebellion somit in eine Dynamik der Ausgrenzung, wie sie sonst der apokalyptische Glaube kennt."

Joscha Wölbert erklärt bei hpd.de warum linke Identitätspolitik gegenüber dem Islam, der im Namen eines Kulturbegriffs zu schützen sei, problematisch ist: "Identitätspolitische Linke scheinen anzunehmen, alle Muslime teilen die gleichen Merkmale, gleiche Herkunft sowie gleiche Eigenschaften. Der Unterschied zu den Rechten stellt dann nur die Schlussfolgerung dar, was mit einer solchen Gruppe zu tun ist. Für die Einen ist die fiktive homogene Gruppe als Minderheit zu schützen, für die Anderen stellt sie eine Gefahr für die eigene homogene Gruppe dar. Dass ein solcher Kollektivismus jegliche individuelle Identität verneint und versucht, Menschen mit vielfältigen Interessen und Ansichten unter einen Hut zu bringen, bewirkt im Kern das Gegenteil der ursprünglichen Absicht, Minderheiten zu schützen. Denn die kleinste Minderheit in der Gesellschaft ist das Individuum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.11.2019 - Gesellschaft

Eigentlich wollte Hannah Knuth im Wirtschaftsteil der aktuellen Zeit mit Roger Hallam, dem britischen Mitbegründer von Extinction Rebellion, über zivilen Ungehorsam und dessen neues Buch "Common Sense" sprechen. Stattdessen kommt Hallam auf den Holocaust zu sprechen: "Genozide sind in den vergangenen 500 Jahren immer wieder geschehen", relativiert er und fährt fort: "Tatsache ist, dass in unserer Geschichte Millionen von Menschen unter schlimmen Umständen regelmäßig umgebracht worden sind." Der Holocaust sei "nur ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte." (Hier ein Resümee auf Zeit Online.) Extinction Rebellion Germany distanzierte sich per Tweet, Tino Pfaff, ein Sprecher von Extinction Rebellion Germany, plädiert dafür, Hallam aus der Bewegung auszuschließen und auch Ullstein gab am Mittwoch bekannt, dass er Hallams Buch "Common Sense for the 21st Century", das am 26. November in den deutschen Buchhandlungen erscheinen sollte, nicht mehr herausbringen wird, wie der Guardian meldet.

Paul Ingendaay kommentiert Hallams Äußerung in der FAZ: "Der Vorgang ist ein Zeichen für eine Verrohung von Sprache und Denken, die sich salviert wähnen, wenn nur die Ziffern stimmen. In Wahrheit wird die Schoa politisch instrumentalisiert, um die Dringlichkeit der eigenen Mission zu verkaufen, hier: die Verhinderung des Klimatodes der Erde." Warum Hallams Äußerung für Ingendaay "Netzgebrabbel" sein soll, ist allerdings nicht ganz erfindlich: Hallam hat seinen Satz in einer Zeitung gesagt, und er steht nicht mal online.

Jochen Hörisch denkt im Perlentaucher über Gewalt an Sprache, in Sprache und durch Sprache nach - in Gestalt einer auf die Spitze getriebenen Genderisierung einerseits und rechtsextremer Hassdiskurse andererseits: "Beide Tendenzen - die hysterisch und hybrid gewordene Bewegung der political correctness und die diskursive Enthemmung im Zeitalter von Internet und Trump - sind Komplementärphänomene."