9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2024 - Ideen

Der Philosophie-Professor Christian Lotz erläutert in der FR die verschiedenen Faktoren, die den Populismus begünstigen, der in aller Welt erstarkt. Er weist daraufhin, dass Populismus "kein politischer Stil" ist, wir es also nicht mit einer Kritik an rhetorischen Mitteln zu tun haben, sondern gesellschaftliche Probleme der gegenwärtigen Demokratiekrise zu Grunde liegen, die seit Jahrzehnten kaum angegangen werden. Hierzu zählt nicht zuletzt die Entgleisung kapitalistischer Ideologie: "Dass viele Menschen auch solche Irrationalität noch für rational halten, zeigt das ganze Ausmaß, wie Ideologie heute gelebt wird. So basiert alles auf einer Systemrationalität, die im Ganzen gesehen irrational wird: dem Argument, dass Wachstum notwendig generiert werden muss, wird alles untergeordnet, selbst wenn dies die Konsequenz hat, dass es bald keine Welt mehr geben wird, die dieses Wachstum generieren kann. ... Der Populismus basiert auf dem Unbehagen, dass mit der Instrumentalisierung von Politik und der fortschreitenden Steuerung der Gesellschaft die Eliten sich mit einer Weltsicht 'von oben herab' ihre Machträume erweitern. ... Kapitalistische Eigentumsverhältnisse anzutasten, bleibt das Tabu. Populismus ist dessen Symptom."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2024 - Ideen

"Er ist wieder da", ist Dan Diners ganzseitiger FAZ-Essay überschrieben. Gemeint ist der Antisemitismus, der natürlich nie ganz weg war, weder im Christentum, noch im Islam, noch in der sich säkularisierenden Moderne, geschweige denn in den Regimes des Totalitarismus. Heute ist der Antisemitismus sowohl rechts ("großer Austausch"), als auch links, und besondes krass in der modischen Linken: "Im Diskurs einer postkolonialen Weltdeutung werden die Muster eines archaisch überlieferten Mythologems erkennbar: die an die Juden herangetragene Vorstellung von deren Erwählung, genauer: der Zurückweisung einer derartigen Vorstellung. Ein solcherart theologisch formatiertes Deutungsmuster findet sich vor allem in der Kontroverse um das Aufmerksamkeitsprivileg wieder, das der Holocaust vorgeblich für sich in Anspruch nimmt: seine einer Gleichsetzung mit anderen Massenverbrechen sich entziehende Besonderheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2024 - Ideen

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Bernd Stegemann, der im vergangenen Jahr ein übrigens in den überregionalen Medien nicht einmal besprochenes Buch über Identitätspolitik veröffentlicht hat, möchte kein Linker mehr sein, bekennt er in der Welt. Nicht nur im Hinblick auf Migrations- und Klimapolitik attestiert er der Linken "Realitätsverweigerung" und "Sprachregulierung": "Diese Selbstverdummung führt inzwischen zu den verrücktesten Kapriolen: So behauptet der Postkolonialismus, er sei ein linkes Projekt und darum könne seine Kritik an Israel gar nicht antisemitisch sein. So behauptet der Pazifismus, er sei immer und überall gut, deswegen könne seine Forderung, keine Waffen in die Ukraine zu liefern, gar keine schlimmen Folgen haben. So behaupten die Klimaschützer, sie müssten den Weltuntergang aufhalten, deswegen können ihre Proteste gar nicht falsch sein. So behaupten die Anti-Diskriminierungsstellen, sie kämpften gegen das Böse, und darum könnten ihre Aufrufe zur Denunziation nicht böse sein. So behaupten die woken Tugendwächter, sie stünden rund um die Uhr im Kampf gegen Rassismus, darum könne ihre Einteilung der Menschen nach Hautfarbe, Alter und Geschlecht gar nicht rassistisch sein. (...) Und als Höhepunkt linker Selbstverblendung gelten noch immer die Vertreter der offenen Grenzen, die sich als Inkarnation des Guten verstehen, weswegen es gar nicht sein kann, dass illegale Migration zu Problemen führt."

Das Humanitäre Völkerrecht muss reformiert werden, fordert im Tagesspiegel der auf Völkerrecht spezialisierte Anwalt Daniel Soudry nicht nur, aber vor allem mit Blick auf den asymmetrischen Krieg zwischen Israel und Gaza: "Für Konflikte, in denen seine Regeln gezielt gebrochen und sein Schutz bewusst missbraucht werden, ist es … nicht geschaffen. Sein Ziel, eine Ausgleich zwischen humanitären und militärischen Interessen herzustellen, kann es hier nur noch bedingt erreichen. Bei den notwendigen Abwägungen muss die Asymmetrie der Kriegsführung berücksichtigt werden. (…) Wer dagegen vorschnell fordert, Israel müsse die Kampfhandlungen einstellen, vertauscht Angreifer und Angegriffene, spricht dem Land den Schutzauftrag gegenüber der eigenen Bevölkerung ab und ignoriert dabei, dass die Hamas seit über drei Monaten fast täglich Raketen auf die Ballungszentren Israels abfeuert, die letzte Feuerpause selbst aufgekündigt hat und noch immer über 130 Geiseln unter grausamen Bedingungen gefangen hält. Ohne deren Freilassung rückt ein Ende der Gewalt in weite Ferne."

"Der öffentliche Diskurs ist verwildert, der Schall ist schneller als das Licht", beobachtet FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube in einigen jüngeren Debatten. Beispiel: "Die Anglistin Aleida Assmann hat mehrfach behauptet, und die Redaktion des Merkur hat es nicht korrigiert, der Philosoph Achille Mbembe sei seiner israelkritischen und BDS-nahen Haltung wegen von der Ruhrtriennale ausgeladen worden... Die anderen lancieren 'Fake News', man selbst schreibt im Dienste der Wahrheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2024 - Ideen

Die Politik hat die moralischen Lektionen des Postkolonialismus nicht genug verinnerlicht, findet der Historiker Jürgen Zimmerer, einer der Wortführer dieser Denkrichtung in Deutschland, in der Zeit. Fördergelder würden gestrichen, Bismarckdenkmäler wieder aufgebaut. "Das muss niemanden wirklich wundern, denn die national-affirmative Wende ist in vollem Gange. Es wächst der Widerstand gegen postkoloniale Theorie und Geschichtsforschung, im Bund und ebenso in den Ländern. Diese waren lange Zeit die Speerspitze der Aufarbeitung, jetzt aber wird auch dort gebremst und abgewickelt. In Erfurt läuft die Koordinierungsstelle 'Koloniales Erbe' aus, in Bremen vergaß die derzeitige Regierung ihr Wahlversprechen, ein koloniales Dokumentationszentrum einzurichten. Ein paar Bronzen zurückzugeben oder human remains, mag niemanden stören; nach grundsätzlichen - kolonialen - Strukturen zu fragen, dagegen schon."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2024 - Ideen

Der Rückgriff aufs "Gemeinwohl" war lange eine Taktik der Linken, mit der Grundrechte eingeschränkt werden konnten, um größere Ziele durchzusetzen: "Wollen Wissenschaftler das Rechtsverständnis ändern, gelingt dies oft durch die Einbringung von Theorie aus Nachbarfächern: so bei der ökonomischen Analyse in Zivil- und Wirtschaftsrecht oder der Gender-Theorie im Verfassungsrecht", erklärt der Verfassungsrechtler Jannis Lennartz in der FAZ. Jetzt übernehmen zunehmend Rechte in den USA und Europa diese Strategie, um "Gemeinwohl" in ihrem Sinne - "family, nation, God, what is common" - durchzusetzen. Aber damit werden sie wohl nicht weit kommen, beruhigt Lennartz: "Aus der historischen Verbindung zwischen römischem Privatrecht und christlichem Naturrecht folgt noch kein hohes Maß an inhaltlichen Gemeinsamkeiten - die Frage, wie man einen abredewidrig nicht freigelassenen Sklaven herausverlangen kann, weist keine große Nähe zu Thomas von Aquins Vorstellung von gerechter Herrschaft auf. Zwar gibt es keinen Mangel an Gemeinwohlbezügen bei verschiedenen Autoren. Aber ein einheitlicher Begriff und Maßstäbe, die sich juristisch sicher verwenden lassen, folgen daraus nicht."

Antonio Gramscis Idee einer kulturellen Hegemonie, also die Theorie, dass erst die Besetzung des vorpolitischen Raums wie Kunst, Medien oder Philosophie politische Macht sichert, ist virulenter denn je, konstatiert Marc Reichwein in der Welt: "Heute, in Zeiten von Social Media, sind die 'Mentalitäten und Moralvorstellungen des Volkes', von denen Gramsci sprach, eine Medienkultur der Vielen, in jeder Timeline von TikTok bis Instagram zu beobachten und zu bespielen. Das Gefühl, das heute alle mitsprechen und allem ihre Meinung artikulieren dürfen, ist auf eine Weise eine wahr gewordene Gramsci-Utopie. Denn von Gramsci stammt ja das Diktum 'Alle Menschen sind Intellektuelle'. Aber von Gramsci stammt auch der Satz 'Nicht alle Menschen haben in der Gesellschaft die Funktion von Intellektuellen.' An dieser Stelle ist es interessant zu beobachten, wie oft Kommunikation in den sozialen Netzwerken kultureller Hegemonie bis heute dienlich ist. Denkfabriken, Verlage, Bücher, Theorien, Musik, ja sogar Design - man kann alles in den Dienst einer Gesinnung, Haltung oder kulturellen Hegemonie stellen. Reichwein warnt auch: "Das Endziel aller Hegemonie-Träume à la Gramsci bleibt antidemokratisch und illiberal: eine Diktatur der Inhalte, Begriffe und Ideen im Sinne der jeweils eigenen gesellschaftlichen Gruppe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2024 - Ideen

Wir leben gerade in Zeiten eines "paradigmatischen Bruchs", hofft der CDU-Vordenker Andreas Rödder in einem Essay auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ, und zwar sei es das lange Zeit vorherrschende "grüne Paradigma", dessen Ende nun gekommen sei. Als einen der Anstöße fürs Wanken des Woken, das Rödder umstandslos den Grünen zuordnet, nennt er den Ukraine-Krieg, der allerdings eher ein SPD- und geringerem Maß CDU-Narrativ ("Handel durch Wandel") umgestoßen hatte. Der andere Faktor ist für Rödder der völkermörderische Angriff der Hamas auf Israel vom 7. Oktober, der die Grundsätze der Migrationspolitik in Frage stellte: "Dass selbst Grüne wie Robert Habeck, Cem Özdemir und Ricarda Lang mit einem Mal ganz anders redeten als zuvor und dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seine Sprachregelungen änderte, verweist auf den Glaubwürdigkeitsverlust der seit 2015 dominanten Migrationskultur ebenso wie der kosmopolitischen Friedenskultur, des Paradigmas der Gender-Fluidität und der Energie- und Klimapolitik. Mit dem Kollaps ihrer Eckpfeiler brach die Hegemonie der grünen Deutungskultur zusammen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2024 - Ideen

Mit Staunen muss die interessierte Öffentlichkeit angesichts jüngster Debatten nachvollziehen, welche Macht das "postkoloniale" Narrativ über Institutionen wie Universitäten und in der Politik längst entfaltet hat. Der Historiker Stephan Malinowski, bekannt geworden durch seine Forschungen über die Rolle der Hohenzollern, beschäftigt sich schon seit langem mit dem Thema und hat schon im Jahr 2007 eine wichtige Antwort auf postkoloniale Holocaustrelativierer wie A. Dirk Moses geschrieben (mehr hier). Heute kommt Malinowski in der FAZ auf eine Urszene des Postkolonialismus zurück: die Verteidigung des Gestapo-Chefs von Lyon, Klaus Barbie, in dem berühmten Lyoner Prozess von 1987. Anwalt war damals die linke Ikone Jacques Vergès, der in den fünfziger Jahren durch seine Vertretung von FLN-Bombenlegerinnen berühmt geworden war. Er verteidigte Barbie in einem internationalen Team, zu dem auch der kongolesische Anwalt Jean-Martin Mbemba gehörte. Die Manie der zuletzt von Masha Gessen lustvoll zelebrierten Vergleiche trat schon hier - übrigens zeitgleich mit dem ersten Historikerstreit - zutage: "Das 'in den Farben des menschlichen Regenbogens' leuchtende Anwaltsteam, wie es sich selbst bezeichnet, kommentiert im Saal die Ermordung von vierundvierzig jüdischen Waisenkindern, die 1944 aus der Nähe von Lyon nach Auschwitz deportiert worden waren, mit dem Hinweis, dass in den palästinensischen Flüchtlingslagern im libanesischen Sabra und Schatila unter Verantwortung der israelischen Armee 1982 ungleich mehr Menschen ermordet worden seien. Ein 'israelisches Babyn Jar' habe sich in diesen Lagern abgespielt."

Immer wieder empfehlenswert ist Barbet Schroeders Dokumentarfilm "L'avocat de la terreur" über die böse schillernde Figur des Jacques Vergès. Hier der Trailer:



Wie eine Illustration zu Malinowskis Beobachtung liest sich der groteske Geschichtscocktail, den die eigentlich als Globalisierungskritikerin bekannt gewordene Naomi Klein im FR-Gespräch mit Hanno Hauenstein anrichtet. "Die Leitfrage, die in der Luft liegt, lautet, ob wir den europäischen Faschismus als radikalen Bruch verstehen oder als Kontinuität. Also entweder als Bruch, der eine Art ursprüngliche Unschuld wiederherstellt. Oder eben als etwas, das sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des europäischen Kolonialismus zieht. Etwas, das sich bis zur Geburt der modernen Welt zurückverfolgen lässt, zur Inquisition, den Kreuzzügen, zum Ringen um Afrika, zum transatlantischen Handel mit versklavten Menschen. Eine Kontinuität, die in Form des Holocausts gewissermaßen nach Europa zurückkehrte." Die Gleichsetzung von Israelis mit Nazis gehört für Naomi Klein darum zum selbstverständlichen Handwerkszeug solcher Geschichtsschreibung: "Für Hannah Arendt war es in den 1950er Jahren normal zu sagen, dass israelische Politiker sich wie Faschisten verhalten. Wenn Masha Gessen 2023 etwas Ähnliches sagt, heben Leute den Zeigefinger und sagen: 'Wie können Sie es wagen?'"

Der 7. Oktober bedeutet eine Globalisierung des Nahostkonflikts, der sich in den migrantischen Diasporas in den westlichen Ländern fortpflanzen könnte, meint der Autor Leander Scholz unter dem Titel "Der kommende Bürgerkrieg " in der NZZ: "Im globalen Strom der Affekte besteht die Macht der Terroristen nicht allein in ihrer militärischen Stärke, in ihren Raketen des Hasses, die längst ganze Städte ausgelöscht hätten, wäre Israel technologisch nicht so deutlich überlegen. Viel weiter als diese Geschosse, die meistens noch vor ihrer Explosion abgefangen werden können, reicht die Infektion der Vorstellungswelt mit den Bildern psychotischer Assassinen, die unter Drogen und wie im Wahn vergewaltigen, foltern und töten. Die dadurch in Umlauf gebrachte Menge an Hass und Angst hat das Potenzial zu einem globalen Bürgerkrieg drastisch gesteigert."

Susannah Heschel
lehrt am Dartmouth College in New Hampshire und und nimmt für sich in Anspruch, die postkoloniale Theorie in die Judaistik eingeführt zu haben. Im Gespräch mit Ulrich Gutmair von der taz stellt sie allerdings Forderungen auf, die im krassen Gegensatz zu den meisten Lehren der Postkolonialisten stehen: "Denkt komplex, nicht in einem Narrativ. Sucht nicht nach dem Schurken. Nur Kinder brauchen das - hier die Märchenfee, dort die böse Hexe. Wir müssen stattdessen darüber nachdenken, wie wir denken." Sie erinnert an die vielen deutsch-jüdischen Orientalisten, die die Wissenschaft im 19. Jahrhundert mit begründeten: "In Deutschland schauten sie vor allem auf Kant. Sie verfochten die Idee, dass Menschsein etwas Universelles ist. Unser Problem ist, dass wir die Ideen der Aufklärung verworfen haben. Heute sagen Leute, Vergewaltigung als Kriegswaffe ist schrecklich, aber wenn die Hamas Jüdinnen vergewaltigt, ist das okay. Wenn so argumentiert wird, gibt es keine universellen Menschenrechte mehr."

So sieht es der aus Togo stammende, heute in Deutschland lehrende Germanist Messan Tossa gerade nicht. Er forscht über das Phänomen des "Hofmohren". Und er fordert im Gespräch mit Susanne Memarnia von der taz eine kritische Auseinandersetzung mit Kant. "Ich war schockiert, dass uns nicht beigebracht worden war, was zum Beispiel Kant über Schwarze geschrieben hat: dass die 'Race' der Weißen angeblich die 'größte Vollkommenheit' hat und die Schwarzen 'weit tiefer' stünden. Dieses Denken zu analysieren ist, glaube ich, eine wichtige Arbeit, die man angehen muss, wenn man die Grundlagen des heutigen Rassismus verstehen muss. Ich habe drei Söhne und finde es hochdringend, dass ich ihnen erklären kann, warum diese oder jene Leute dieses oder jenes über sie denken."

Auf Seite 1 der FAZ gibt Jürgen Kaube den Bankrott der "intellektuellen und ästhetischen Linken" bekannt, die sich in der Figur des von den Israelis verfolgten Palästinensers einen Ersatz für das Proletariat geschaffen habe. Nach einigen Millionen Toten hatte sie einsehen müssen, dass dieses Proletariat die in es gesetzten messianischen Hoffnungen nicht erfüllte. So werden nun die Palästinenser "zu Opfern des Kapitalismus, des Kolonialismus, der Amerikaner und Israels stilisiert. Das ganze Unheil der Welt konzentriert sich in ihrem Schicksal. Ihr Leid ist maßlos, und weil der Maßstab des Maßlosen der Holocaust ist, muss alles darangesetzt werden, einen Genozid an den Palästinensern für wahrscheinlich, für kurz bevorstehend und jedenfalls beabsichtigt zu erklären. Entsprechend erscheinen die Palästinenser selbst als völlig unschuldig an ihrer Lage."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2024 - Ideen

Rainer Bieling greift bei literaturkritik.de nochmal die Debatte um Masha Gessen (unsere Resümees) auf. In der Argumentation der in der späten Sowjetunion aufgewachsenen Autorin erkennt er die Muster des klassischen Antizionismus betonsozialistischer Prägung wieder: "Sozialistische Einheitspartei Deutschlands meinte nicht nur die erzwungene Gleichschaltung der ostdeutschen Sozialdemokraten, sondern auch die Selbstgleichschaltung der aus dem Exil in die SBZ/DDR zurückgekehrten jüdisch-kommunistischen Emigranten, die sich (mehrheitlich) gegen Israel positionierten und für den Befreiungskampf des palästinensischen Volkes engagierten. Es ist diese Ideologie, mit der Eltern und Lehrer des damals noch in Staatsgestalt real existierenden Sozialismus die Teenager in der DDR und in der UdSSR gleichermaßen indoktrinierten und instrumentalisierten."

Die postkolonialen Studien sind weitaus differenzierter als angenommen, beteuert in der FR Aram Ziai, der in Kassel Postkoloniale Studien lehrt und die Kritik an seinem Fachgebiet vor allem auf den "Vulgärpostkolonialisms" in den sozialen Medien schiebt. Stattdessen gelte es, von den Ambivalenzen, auf die der Postkolonialismus aufmerksam mache, zu lernen: "Dann können wir anerkennen, dass Israel sowohl die Zuflucht von Holocaust-Überlebenden und verfolgten Menschen jüdischen Glaubens als auch ein siedlungskoloniales Projekt des Zionismus ist, das zunehmend offen die Vertreibung palästinensischer Menschen und somit eine ethnische Säuberung verfolgt. Dass die Hamas gegen eine völkerrechtswidrige Besatzungssituation kämpft, aber das Massaker vom 7. Oktober ein genozidaler Akt war. Dass verschiedene Rechtsnormen für palästinensische und jüdische Menschen vor allem im Westjordanland den Tatbestand der Apartheid erfüllen, auch wenn palästinensische Menschen mit israelischem Pass innerhalb des Staatsgebiets annähernd (nicht vollständig) gleiche Rechte genießen und ihre Situation somit ganz anders ist als die der Schwarzen im Südafrika unter dem Apartheid-Regime."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2024 - Ideen

2024 ist ein Kant-Jahr. Peter Neumann weist in der Zeit auf die Aktualität von Kants später Schrift "Zum ewigen Frieden" hin, auf die sich heute Jügen Habermas oder Omri Boehm beziehen: "Für Kant war Frieden kein natürlicher Zustand zwischen den Menschen, auf den man sich einfach verlassen kann. Frieden muss gestiftet, gehütet und abgesichert werden. Und auch wenn es nach einer Binsenweisheit klingt, weist Kant doch auf eine entscheidende Fehleinschätzung hin: Vielleicht war es eine Illusion, den Frieden für normal zu halten." Ebenfalls für die Zeit unternimt Michael Thumann einen Spaziergang durch "Königsberg, heute Kaliningrad, wo man versucht, aus dem Philosophen der Aufklärung einen Russen und Kronzeugen Putins zu machen".

Was "woke" Ideen an Unis angeht, so müssen wir in Europa mit Staunen feststellen, dass die trumpistische Rechte in den USA so brachial vorgeht, dass man das nur noch als umgekehrte Cancel Culture bezeichnen kann. In diesem Kontext sieht Bernd Pickert in der taz auch den Rücktritt der Harvard-Präsidentin Claudine Gay, die Antisemitismus an ihrer Uni nur in Kontexten verfolgen wollte und leider auch für ihre akademischen Arbeiten plagiiert hatte (was, so Pickert, aber ein Trumpist herausgefunden hatte): "Vermutlich war Claudine Gay tatsächlich nicht mehr zu halten - die Rechte kann hier einen Triumph feiern. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sich Elise Stefanik, Christopher Rufo oder auch der im Hintergrund agierende Financier Bill Ackman damit zufriedengeben. Sie werden nicht ruhen, bis African-american studies, Gender Studies oder alles, was sie als Wokeness diskreditieren, aus den Unis verbannt ist."

Der Schriftsteller Jonas Lüscher wirbt im SZ-Interview mit Andreas Tobler für mehr Verständnis für verschiedene Positionen innerhalb der Linken, die dieses Lager nach dem 7. Oktober spalten. Linken Antisemitismus gebe es zwar, aber die einen Linken dächten eben so und die andern so. Lüscher will das nicht so eng sehen: "Ja, etwas mehr Großzügigkeit wäre manchmal wünschenswert. Und vor allem weniger Unbarmherzigkeit - auf allen Seiten. Das gilt auch für unseren Umgang mit Intellektuellen wie Judith Butler, Masha Gessen oder Susan Neiman, die dafür kritisiert wird, dass sie die deutsche Erinnerungspolitik in Teilen für kontraproduktiv hält. Ich bin vielleicht nicht mit allem einverstanden, was sie im Einzelfall schreiben, finde gewisse Dinge sogar falsch, aber zugleich halte ich sie für kluge Menschen, deren Beiträge ich nicht einfach in Bausch und Bogen verwerfen möchte. Damit machen wir es uns zu einfach und berauben uns wichtiger Impulse."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2024 - Ideen

Seit dem 7. Oktober hat sich zumindest der Kulturbetrieb in Deutschland in einen Nebenkriegsschauplatz verwandelt, schreibt Thomas E. Schmidt, der in einem sehr langen, etwas vagen Zeit-Essay über das Ende der universalistischen Gesellschaftsmoral der Bundesrepublik darlegt, wie wenig homogen die deutsche Erinnerungskultur - und damit auch die Vorstellung vom "nie wieder" - von Beginn an war: "Ältere Ostdeutsche, so sie ihr antifaschistisches Erbe hochhalten, trennen sehr genau zwischen Juden und Israel; es sind in ihren Augen Phänomene, die in ganz unterschiedliche politische Raster fallen. Und auch die staatspolitisch gestützte Erinnerung an die Shoah in der Bundesrepublik identifizierte ja das Judentum mit Israel keineswegs. In Wirklichkeit ist dieses Verhältnis niemals klar bestimmt worden. Hätte sich Deutschland das israelische Selbstbild vollständig zu eigen gemacht, würde es auch den israelischen Alija-Zionismus unterstützt haben, die Rückkehr der Jüdinnen und Juden auf das Territorium Israels. Stattdessen verfolgte die Bundesrepublik ein eigenes Interesse. Wichtiger erschien, Jüdinnen und Juden zu einem Leben in Deutschland zu ermutigen. An dieser Stelle musste sich beweisen, dass die Deutschen sich gewandelt hatten. Als Juden dann in nennenswerter Weise kamen, spät und im Wesentlichen in Großstädte wie Berlin oder Frankfurt, gab es keine Notwendigkeit, sich auf der weltpolitischen Bühne zu Israel zu bekennen."