9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2275 Presseschau-Absätze - Seite 89 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2021 - Ideen

Thomas Wessel startet bei den Ruhrbaronen eine kleine Artikelserie, die die theologischen Motive im neuen Historikerstreit reflektiert - denn es falle ja auf, dass A. Dirk Moses recht ostentativ mit theologischen Argumenten operiere. Ihm stellt Wessel die Reflexionen Chaim Kaplans gegenüber, der im Warschauer Ghetto ein Tagebuch führte und sich dem Ereignis einer absoluten Vernichtung gegenüber sah: "Das Mordgeschehen als perpetuum mobile, das keine Energie verliert an einen Zweck, der außerhalb läge. Dieses Morden, das sieht Kaplan klar, findet seinen Sinn in sich selbst, so hebelt es die Selbsterhaltung aus, ureigenes Motiv der Macht: Der Tod jedes einzelnen Juden wird wichtiger als ein tausendjähriges Reich zu erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.08.2021 - Ideen

Die Leugner des Klimawandels lassen sich widerlegen, schwieriger zu widerstehen ist den millenaristischen Alarmisten, meint der Turiner Philosoph Maurizio Ferraris in der NZZ. Denn er führt zu Resignation, wo doch Vernunft gefragt ist, um die Folgen des Klimawandels zu beherrschen: "Man darf nicht verschleiern, dass eine reichere, besser gebildete und technologisch höher entwickelte Menschheit auch eine Menschheit ist, die sich respektvoller gegenüber der Umwelt verhält. Hingegen haben Wachstumseinbussen einen Rückgang der Ressourcen zur Folge, eine schlechtere medizinische Versorgung und einen Rückgang der Lebenserwartung - vor allem aber führen sie zu einem Verlust an Daseinssinn. Ganz zu schweigen davon, dass nicht klar ist, welche Autorität einen Fortschrittsverzicht durchzusetzen vermöchte in einer Gesellschaft, die noch nicht einmal einen Green Pass erduldet."

In der Welt gibt sich der Philosophie-Professor und Hegel-Experte Klaus Vieweg als Trekkie zu erkennen und huldigt zum hundersten Geburstag ihres Schöpfers Gene Roddenberry der "Star-Trek"-Serie als eine auf Shakespeare, Swift und Hegel gründende Utopie: Die Enterprise sei schließlich kein Kriegsschiff gewesen, sondern ein Entdeckungssegler: "Das Raumschiff war für Gene Roddenberry seine 'Metapher für das Raumschiff Erde. Das Abenteuer von Erforschung und Entdeckung ist in die Milchstraße hineinprojiziert, es geht darum, nicht nur die Treffen und Konfrontationen mit fremden Wesen und Zivilisationen zu bestehen, sondern besonders die Auseinandersetzung mit uns selbst', so George Takei, der Darsteller des Sulu. Man breche zu einer weiten Reise zu 'einer entfernten Sonnenstadt', nach Utopia auf, einem Gegenbild zum 'Kampfwahnsinn' der heutigen Menschen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2021 - Ideen

Omri Boehm ist in einem Beitrag zur Moses-Debatte in der Zeit unzufrieden mit der deutschen Regierung. Wenn sie wirklich universalistisch sein wolle, dürfe sie sich nicht einfach auf die Singularität des Holocaust berufen, sondern sollte seine Utopie von einer Einstaatenlösung für Israel übernehmen: "Die Zweistaatenlösung ist offensichtlich passé, das palästinensische Territorium wurde faktisch annektiert, Israels Premierminister ist der ehemalige Chef der messianischen Siedlerbewegung, und in seinem Kabinett sitzen Befürworter von Umsiedlungen."

Laut Umfragen lehnen mehr als zwei Drittel der Deutschen das Gendern ab und dennoch wird in öffentlichen Einrichtungen wie Universitäten, der EKD, Stiftungen, in Wirtschaftsbetrieben, immer mehr Medien und kommunalen Verwaltungen gegendert, ärgert sich der Linguist Peter Eisenberg, der in einem großen Essay in der Welt erläutert, weshalb das Gendern die "Standardsprache" zerstört: "Für den Standard ist nicht die Vorbildfunktion primär, sondern die Verbreitung. Eine Sprachausprägung kann nur als Standard fungieren, wenn sie allen Sprachteilhabern zugänglich ist. Dabei steht Verständlichkeit an erster Stelle, gefolgt vom schriftlichen und mündlichen Gebrauch. In vielen Sprachen, unter ihnen das Deutsche, kommt eine geschriebene Varietät den Anforderungen des Standards am nächsten."

Nachzutragen ist, dass Jürgen Habermas gestern auf den Wissenschaftsseiten der FAZ Karl Heinz Bohrer würdigte: "Zwar hat Bohrer seinem grollenden politischen Temperament nie entsagt, aber das Projekt, die Kunst für eine Revolutionierung des gesellschaftlichen Lebens in Dienst zu nehmen, erschien ihm als Verrat an der Radikalität der schockierend-augenöffnenden ästhetischen Erfahrung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2021 - Ideen

Anna Pollmann unterhält sich in der Jungle World mit Bruno Chaouat, Professor für Französisch- und Jüdische Studien und Direktor des Center for Holocaust and Genocide Studies an der Universität von Minnesota. Chaouat befasst sich in seinen Büchern mit dem Versagen der Intellektuellen vor den Phänomenen des muslimischen und linken Antisemitismus. Den gibt es entgegen den Behauptungen von Aleida Assmann nicht nur - er hat eine lange Vorgeschichte:  "Für die revolutionäre Linke hat die Frage des Judentums historisch immer ein Problem dargestellt. Seit Proudhon und Marx' 'Zur Judenfrage' hat es zudem immer eine starke Verknüpfung von Jüdinnen und Juden mit dem Kapitalismus gegeben. Der Universalismus, der von der revolutionären Linken imaginiert und propagiert wird, ist problematisch für das Verständnis eines 'rooted universalism', wie er das Judentum kennzeichnet, aber auch die Ideale des französischen Republikanismus ausmacht. Dies bedeutet, dass das Universelle nur über eine konkrete kulturelle und historische Erfahrung erreicht werden kann."

In der NZZ hat Slavoj Zizek keine Lust irgendeine Kultur zu respektieren, weder fremde noch die eigene. Die angemessene linke Kultur heute sei nicht woke. Sie laute vielmehr: "Arbeite die versteckten Antagonismen deiner eigenen Kultur heraus, verbinde sie mit den Widersprüchen in anderen Kulturen. Trete dann in den gemeinsamen Kampf derer ein, die gegen die Unterdrückung und Knechtschaft in der eigenen Kultur vorgehen, und derer, die dasselbe in anderen Kulturen tun."

Hans Ulrich Gumbrecht denkt in der NZZ darüber nach, wie sich unser Wissen durch Suchmaschinen verändert hat: "Unter dem Impuls heutiger elektronischer Rechenkapazitäten haben sich die Gottesbegriffe als traditioneller Horizont des Unmöglichen in konkrete Möglichkeiten des Alltags verwandelt. Abgesehen von der berechtigten Frage, ob uns so eine Entwicklung eher inspiriert oder überlastet, werden in den gegenwärtigen Modalitäten globaler Kommunikation klassische Vorstellungen von göttlicher Allgegenwart und Allwissenheit wirklich. Dies eröffnet einen neuen, kontrastiven Blick auf das früher Menschen-Unmögliche. Die Allwissenheit zumal der monotheistischen Götter sollte Besitz definitiven Wissens sein und war mit der Allweisheit dessen Gebrauchs verbunden. Dagegen befindet sich die Allwissenheit des World Wide Web in beständiger Erneuerung und hat nichts mit der Frage zu tun, wie wir sie verwenden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2021 - Ideen

Die Zahl der liberalen Demokratien ist zurückgegangen zugunsten von Systemen, die sich nur noch als "elektorale Demokratien" bezeichnen lassen, schreibt der Dresdner Demokratieforscher Hans Vorländer auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ (er bezieht sich dabei auf Studien des Forschungsnetzwerkes "Varieties of Democracy"). Diese Länder sind meist in irgendeiner Form dem Rechtspopulismus erlegen. Aber nicht nur in Polen oder Ungarn, auch in westlichen Ländern finden sich deutliche Krisensymptome, so Vorländer. Dort sind an Stelle etablierter Parteiensysteme "Bewegungen wie Forza Italia oder La République en marche (LRem) entstanden, die starke Führungsfiguren wie Berlusconi oder Macron an die Regierung brachten. In Österreich machte der heute noch amtierende Kanzler 2017 aus der ÖVP die 'Liste Sebastian Kurz'. Längst hat hier eine Transformation der liberalen Parteiendemokratie stattgefunden, die auf einer gegen die vermeintlich erschöpften 'Altparteien' gerichtete Bewegungsstruktur mit radikalem Erneuerungsanspruch beruht. Damit einher ging eine Hyperpersonalisierung, die vordem durch institutionelle Parteienbindung eingehegt worden war."

Nicht unbedingt ansteckend, aber doch respektabel findet Andrian Kreye in der SZ den Optimismus, den das Silicon Valley auf der diesjährigen Ted-Konferenz in Monterey zu verbreiten versuchte. Aber es ist dann doch die Nüchternheit der Biontech-Gründer Ugur Şahin and Özlem Türeci, die ihn wirklich umhaut: "Wie anders sie denken als der Rest der Welt, zeigt ihre Reaktion auf zwei naheliegende Fragen, die ihnen Chris Anderson stellt und die sie eher befremden. Ob Sie denn auch ein wenig stolz darauf seien, dass sie als Einwanderer in Deutschland eine solche historische Leistung vollbracht hätten? Worauf sie trocken anmerken, als Wissenschaftler habe sie noch nie interessiert, woher jemand kommt, nur was er leisten könne. In ihrer Firma seien sechzig Nationalitäten vertreten. Und auf die Frage, was sich denn in ihrem Leben verändert habe, nachdem sie ja nun Milliardäre geworden seien, meinen sie nur, sie hätten eine Firma, die an Innovationen arbeite. Zu viel Geld gebe es bei der Arbeit am Fortschritt nie."

Außerdem: Dlf Kultur resümiert ein Gespräch, das René Aguigah mit Michael Rothberg über seine "multidirektionale Erinnerung" führte. Eine Welle der Humorlosigkeit sieht Konrad Adam über das Land schwappen und klagt in der NZZ, dass politisch korrekt gedrillte Sprachbeamte den Witz verbieten wollen. Alas: "Der gute Witz kommt ohne Freiheit aus, die Zwangsjacke tut ihm gut, der Druck macht ihn erfinderisch. Schädlich ist nur der Piefke, der Spießbürger, der Maß nimmt und sich dann nach der Decke streckt; der tötet ihn."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2021 - Ideen

A. Dirk Moses antwortet in der Berliner Zeitung nochmals auf seine Kritiker. Wieder bemüht er die BDS-Resolution des Bundestags als Dokument eines "harten Durchgreifens", obwohl die Bundesregierung gerade einen dezidierten Israelkritiker, Bonaventure Ndikung (unser Resümee), als Chef des Hauses der Kulturen der Welt installierte. Moses spricht zwar von einer "notwendigen Ablehnung des Antisemitismus", aber er warnt auch vor "einer Art Erlösungs-Philosemitismus, der den Erlösungs-Antisemitismus der Nazis um 180 Grad kehrte. Sicher, das deutsche Anliegen der Wahrung des Schutzes jüdischen Lebens ist richtig und wichtig. Aber der deutsche Philosemitismus geht viel weiter: die Binär-Beziehung zwischen Deutschen und Juden wird darin aufrechterhalten, um einen deutschen Narzissmus zu speisen, um eine Fantasie zu entwerfen, in der Deutschland die Rolle einer Schutzmacht im Nahen Osten spielt, um Israel als jüdischen Fluchthort zu sichern. Dabei wird verkannt, dass dort einst Palänstinenser:innen wohnten, von denen viele einen Fluchtort in Deutschland suchen mussten."

Gemeinsames Gedenken ist möglich schreibt die Philosphin Hannah Peaceman in der taz, die sich auf das Beispiel der jüngst verstorbenen Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano bezieht. Im Namen des Antifaschismus habe diese stets auch aktuelle Opfer rassistischer und antisemitischer Gewalt ins Gedenken einbezogen, so etwa bei den "Reden von Mölln", wo Opfer aktueller neonazistischer Anschläge sprachen. "Eine solche Praxis solidarischen Gedenkens und Kämpfens - in der Verbindung der Verbrechen der Nationalsozialisten und neonazistischer Anschläge der Gegenwart, ebenso wie im gemeinsamen Gedenken Betroffener rassistischer und antisemitischer Gewalt - steht einer offiziellen Erinnerungskultur entgegen, die zwar an Vergangenes als etwas Abgeschlossenes erinnert, nicht aber kritisch die gesellschaftliche Gegenwart verändern will." Ob auch Opfer anderer Gewalttaten - etwa islamistischer - in diese schöne Gemeinsamkeit einbezogen sind, lässt Peaceman offen.

Ist ja kein Wunder, dass die kleine Schweiz, die gerade den Rahmenvertrag mit der EU gekippt hat, nun über "Souveränität" nachdenkt. Neulich feierte der Historiker und Brexiteer Robert Tombs in der NZZ die wiedergewonnene Nation (ob sie Schottland einschließt, war nicht ganz klar, unser Resümee). Heute denken Herfried Münkler und die Schweizer Philosophin Katja Gentinetta über das Thema nach. Für Münkler wäre die EU gut beraten, sich auch wieder einen Schuss Souveränität zu setzen: "Die Leitidee der EU ist, dass konträre Auffassungen zwischen den Mitgliedern als Rechtskonflikte prozeduralisiert werden. Das funktioniert einigermaßen, hat aber den Preis eines notorisch schwachen Auftretens der EU nach außen. Die nach 1989/90 aufgekommene Vorstellung, die europäische Ordnung lasse sich global installieren, kann inzwischen als gescheitert angesehen werden, da sowohl Russland als auch China auf ihrer Souveränität im klassischen Sinn beharren, wenn sie etwa jede Kritik als unzulässige 'Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten' ablehnen."

Gentinetta erinnert daran, dass internationale Organisationen wie Uno und Weltbank doch auch ein Wörtchen mitzureden haben und macht sich sehr schweizerische Sorgen: "Bankgeheimnis und Holdingprivileg sind bereits Geschichte, und auch der auf der Höhe der Unternehmensbesteuerung beruhende Steuerwettbewerb dürfte bald der Vergangenheit angehören. Organisationen wie die genannten greifen dort in die Souveränität ihrer Mitgliedstaaten ein, wo ihnen Koordination und Kooperation sinnvoller scheinen als Kompetition. Aber auch dies geschieht nicht ohne vorgängige Konzeption, Diskussion und Konsultation."

Außerdem: In der Literarischen Welt würdigen Hans Ulrich Gumbrecht und Mara Delius noch einmal den großen Publizisten Karl Heinz Bohrer.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2021 - Ideen

Die Feuilletons machen heute einen Kniefall vor dem Essayisten und Merkur-Herausgeber Karl Heinz Bohrer, der am Mittwoch im Alter von 88 Jahren in London gestorben ist. "Die Lücke, die Karl Heinz Bohrer hinterlässt, ist so groß, dass Dutzende deutscher Professoren und Publizisten Platz hätten, ihre günstigen Llyod-Schuhe, Hemden mit gemusterten Innenkragen oder auch kecken Lederblousons darin auszufalten", setzt Ulf Poschardt (Welt) in seinem Nachruf zum Tod des Publizisten, Literaturwissenschaftlers und Merkur-Herausgebers an, den er vor allem als großen Stilisten und Ästheten in Erinnerung behalten wird: "Das amüsierte Angewidertsein von Bohrer bohrt sich durch die Worte und Zeilen, ohne ihnen auch nur eine Nuance von unfeinem Affekt zu geben. Entrückt und befreit von teutonischer Geschmacklosigkeit betrachtet er die ästhetische Alexie seiner Landsleute weitgehend hoffnungslos. Natürlich erschöpfte sich das Werk von Bohrer nie in der Stilkritik, aber der Ennui des Avantgardisten verehrte stets Schönheit und Schock, verteidigte sie gegen jede moralische Vereinnahmung."

Bohrer "konnte alle aufregen, aber interessanterweise jenseits eines konventionellen Links-rechts-Gegensatzes", erinnert Jens Jessen auf Zeit Online: "Welche aber war Bohrers Position? Sie war, aus der Distanz gesehen, vor allem elitär, das Ästhetische über das Politische stellend, das historisch Gewachsene über den Fortschrittswillen der Gegenwart, das radikale Minderheitenprogramm über den Unterhaltungsanspruch der Massen. Man könnte sagen: Er war reaktionär, aber nicht auf die dumpfe Stammtischweise, sondern auf eine hochgezüchtet intellektuelle Weise, die in Deutschland so viel seltener ist als in Frankreich oder etwa in der iberischen Welt. Er betrachtete die Bundesrepublik als eine spießige Welt der 'Mainzelmännchen' (sein Ausdruck) und prägte für den linken Mainstream den denunziatorischen Begriff vom 'Gutmenschen'." Sehr persönlich erinnert sich der ehemalige Leiter des Hanser-Verlags und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste Michael Krüger in der SZ an Leipziger Nächte, letzte Telefonate und eine gemeinsame Begegnung mit Merkur-Mitbegründer Hans Paeschke: "Es war großartig, Paeschkes Gesicht zu erleben, wenn Bohrer einige der mit Paeschke befreundeten politischen Kommentatoren mit den Worten abkanzelte, für 'Weicheier' und 'Dumpfbacken' wäre im neuen Merkur kein Platz mehr."

Karl Heinz Bohrer
, der ja auch mal Redakteur der FAZ war, kultivierte zeit seines Lebens das "Unwohlsein", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Auch in jener Zeit, als der Merkur, den er zusammen mit Kurt Scheel leitete, ein bedeutendes intellektuelles Forum in Deutschland war: "Die Latzhosen und die Lichterketten, die Forderung nach einer 'Streitkultur' und zugleich nach mehr Gemeinschaft waren ihm genauso zuwider wie die Provinzialitäten im Land Helmut Kohls. Bohrer forderte mehr Frivolität und zugleich mehr Sinn für Rollenspiel und Stil. Er mochte keine Reihenhäuser. Unwohlsein also auch in Deutschland, das weder Frankreich noch England war, wobei Bohrer mitunter durchaus bereit schien, diese Länder mit Paris und London, wo er lebte, zu verwechseln." Im Tagesspiegel erinnert Gregor Dotzauer an einen "Feuerkopf und Gentleman", in der FR schreibt Harry Nutt, in der NZZ Manfred Koch.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2021 - Ideen

Schlimmer als die Pandemie ist die gegenwärtige "Sehnsucht nach der Rückkehr zur Normalität", glaubt der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ. Der Mensch lerne eben einfach nicht aus der Geschichte: "Der Urtrieb, wieder einzutauchen in die verlockende Behaustheit der Vergangenheit, beruht auf drei fundamentalen Denkfehlern. Der erste besteht darin, dass es zwar im Rückblick späterer Generationen reichlich gute Vergangenheit, in der Wahrnehmung der Lebenden aber nie auch nur ansatzweise eine gute Gegenwart gibt. Mit anderen Worten: Gute Zeiten werden nicht erlebt, sondern nachträglich erfunden und konstruiert. (…) Ist dieser Basispessimismus im Großen ein Erbe des Christentums, dessen Sündenbeklommenheit und Endgerichtserwartung trotz aller längst vollzogenen Säkularisierung untergründig fortwirken? Oder ist es eine gnädige Gabe der Evolution, die sich der Angst als Motor der Veränderung bedient?"

Außerdem: In der FAZ beleuchtet Patrick Bahners das Verhältnis Carl Schmitts zu Ernst Jünger.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2021 - Ideen

Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen denkt in der SZ-Serie mit Ansprachen für die Demokratie darüber nach, warum wir uns in Debatten so oft auf Pseudo-News wie Latschets Lachen oder ein Verbot von Kurzflügen konzentrieren: "Unbeachtet und undiskutiert bleibt hingegen die alles entscheidende Frage, was grundsätzlich zu tun wäre, um im Angesicht von brennenden Wäldern, von Dürre und Hitzetoten den Klimawandel doch noch irgendwie aufzuhalten. Hier bräuchte es andere Zeithorizonte, langfristige Planung, die streitbare, von Inhalten bestimmte Polarisierung. Und einen Abschied von der Fetischisierung des zeitlich Neuen, aktuell Aufregenden, spektakulär Konflikthaften. ... Es ist so, als starre man auf ein paar einzelne Schaumkronen, während es darum ginge, ein Gespür für die tektonischen Verschiebungen in den Tiefen des Ozeans zu entwickeln."

Außerdem: Ebenfalls in der SZ plädiert Gerhard Matzig für eine neue Ästhetik, die die Energiewende auch äußerlich als ersehnenswerte Utopie darstellt: "Es geht nicht nur um Ingenieurstechnik, es geht auch um die Überzeugungskraft der Form", um "Zeichen der Hoffnung und Architekturen des Versprechens".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2021 - Ideen

Joseph Croitoru zitiert in der FAZ aus einer Rede des israelischen Außenministers Jair Lapid, der Antisemitismus ganz klar als einen Rassismus begreifen will. In der Rede heißt es: "Es ist für uns an der Zeit, damit zu beginnen, die wahre Geschichte über die Antisemiten zu erzählen. Antisemiten gab es nicht nur im Ghetto in Budapest. Antisemiten waren die Sklavenhändler, die gefesselte Sklaven ins Meer warfen. Antisemiten waren die Hutu in Ruanda, die die Tutsi abschlachteten. Antisemiten sind die Muslime, die im letzten Jahrzehnt mehr als zwanzig Millionen Muslime getötet haben. Antisemiten sind der IS und Boko Haram. Antisemiten sind diejenigen, die junge LGBT-Menschen zu Tode prügeln. Antisemiten sind all jene, die Menschen verfolgen, nicht für das, was sie getan haben, sondern für das, was sie sind, für das, als was sie geboren wurden." Dagegen, so Croitoru, laufe nun die israelische Rechte Sturm, denn Antirassismus als Rassismus zu begreifen, gilt als "links", ihn als etwas Eigenes zu betrachten, als "rechts". In Ha'aretz hat Lapid seine Gedanken in etwas moderaterer Form dargelegt, so Croitoru, auch auf Englisch, allerdings nicht online.

Auch der Holocaust hat gar keine eigene Qualität, sondern wird seit 500 Jahren vom Westen immer wieder neu verübt, schreibt der Hildesheimer Literaturwissenschaftler Silvio Vietta in der Wiener Zeitung: "Den furchtbaren Holocaust - von 'ganz' (holos) und 'verbrannt' (kaustus), also eine Form der intendierten Gesamtvernichtung eines Volkes oder einer Rasse - hat nicht erst der schreckliche Adolf Hitler erfunden. Er beginnt praktisch zeitgleich um 1500 mit der Entdeckung und Eroberung der Neuen Welt."