Die Feuilletons machen heute einen Kniefall vor dem Essayisten und
Merkur-Herausgeber
Karl Heinz Bohrer, der am Mittwoch im Alter von 88 Jahren in London gestorben ist. "Die
Lücke, die Karl Heinz Bohrer hinterlässt, ist so groß, dass Dutzende deutscher Professoren und Publizisten
Platz hätten, ihre
günstigen Llyod-
Schuhe, Hemden mit gemusterten Innenkragen oder auch kecken Lederblousons darin auszufalten", setzt Ulf Poschardt (
Welt) in seinem Nachruf zum Tod des Publizisten, Literaturwissenschaftlers und
Merkur-Herausgebers an, den er vor allem als
großen Stilisten und Ästheten in Erinnerung behalten wird: "Das
amüsierte Angewidertsein von Bohrer bohrt sich durch die Worte und Zeilen, ohne ihnen auch nur eine Nuance von unfeinem Affekt zu geben. Entrückt und befreit von teutonischer Geschmacklosigkeit betrachtet er die
ästhetische Alexie seiner Landsleute weitgehend hoffnungslos. Natürlich erschöpfte sich das Werk von Bohrer nie in der Stilkritik, aber der
Ennui des Avantgardisten verehrte stets Schönheit und Schock, verteidigte sie gegen jede moralische Vereinnahmung."
Bohrer "konnte alle aufregen, aber interessanterweise jenseits eines konventionellen
Links-
rechts-
Gegensatzes",
erinnert Jens Jessen auf
Zeit Online: "Welche aber war
Bohrers Position? Sie war, aus der Distanz gesehen, vor allem
elitär, das Ästhetische über das Politische stellend, das historisch Gewachsene über den Fortschrittswillen der Gegenwart, das radikale Minderheitenprogramm über den Unterhaltungsanspruch der Massen. Man könnte sagen: Er war
reaktionär, aber nicht auf die dumpfe Stammtischweise, sondern auf eine
hochgezüchtet intellektuelle Weise, die in Deutschland so viel seltener ist als in Frankreich oder etwa in der iberischen Welt. Er betrachtete die Bundesrepublik als eine spießige Welt der 'Mainzelmännchen' (sein Ausdruck) und prägte für den linken Mainstream den denunziatorischen Begriff vom '
Gutmenschen'." Sehr persönlich erinnert sich der ehemalige Leiter des Hanser-Verlags und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Michael Krüger in der
SZ an Leipziger Nächte, letzte Telefonate und eine gemeinsame Begegnung mit
Merkur-Mitbegründer Hans Paeschke: "Es war großartig, Paeschkes Gesicht zu erleben, wenn Bohrer einige der mit Paeschke befreundeten politischen Kommentatoren mit den Worten abkanzelte, für 'Weicheier' und '
Dumpfbacken' wäre im neuen
Merkur kein Platz mehr."
Karl Heinz Bohrer, der ja auch mal Redakteur der
FAZ war, kultivierte zeit seines Lebens das "
Unwohlsein", schreibt Jürgen Kaube in der
FAZ. Auch in jener Zeit, als der
Merkur, den er zusammen mit Kurt Scheel leitete, ein bedeutendes intellektuelles Forum in Deutschland war: "Die Latzhosen und die Lichterketten, die Forderung nach einer 'Streitkultur' und zugleich nach mehr Gemeinschaft waren ihm genauso zuwider wie die Provinzialitäten im Land Helmut Kohls. Bohrer forderte
mehr Frivolität und zugleich mehr Sinn für Rollenspiel und Stil. Er mochte keine Reihenhäuser. Unwohlsein also auch in Deutschland, das weder Frankreich noch England war, wobei Bohrer mitunter durchaus bereit schien, diese Länder mit Paris und London, wo er lebte, zu verwechseln." Im
Tagesspiegel erinnert Gregor Dotzauer an einen "
Feuerkopf und Gentleman", in der
FR schreibt Harry Nutt, in der
NZZ Manfred Koch.