Ebrahim Raisi, Präsident der Islamischen Republik, und sein Außenminister Abdollahian sind bei einem Hubschrauberunfall ums Leben gekommen. Internationale Sabotage wird eher ausgeschlossen. Raisi galt als Gefolgsmann und möglicher Nachfolger des Religionsführers
Ali Khamenei und verkörperte die Tendenz des iranischen Regimes, die Machtelite auf immer weniger und
immer finsterere Figuren zu beschränken,
sagt der Marburger Politologe
Tareq Sydiq im Gespräch mit Jannis Hagmann von der
taz: "Im Iran hat man die letzten Jahre immer mehr darauf gesetzt,
mit weniger Personal innerhalb der Eliten zu operieren, man hat weniger Personen aufsteigen lassen. Denn je weniger Personen im inneren Kreis, desto geringer ist das Risiko, dass es zu Konflikten innerhalb des inneren Zirkels kommt. Raisis Tod zeigt,
was für Risiken mit dieser Strategie verbunden sind."
Raisi war der "
Schlächter von Teheran"
erinnert Daniela Sepehri ebenfalls in der
taz. In den Achtzigern verhängte er
Tausende von Todesurteile gegen Regimegegner, oft Kommunisten, auch bei der brutalen Niederschlagung der
jüngsten Proteste war er eine wichtige Kraft. Leider wird sich mit seinem Tod und dem Tod des Außenministers nichts verbessen, so Sepehri: "Die Bevölkerung weiß, dass beide bloß Marionetten von Khamenei und der Revolutionsgarde waren. Es werden
andere Marionetten an ihre Stelle treten. Verbesserung kann es nur durch den Sturz der Islamischen Republik geben."
Das hinderte den UN-Sicherheitsrat nicht daran, eine Schweigeminute abzuhalten:
Derweil
meldet Spon, dass die inhaftierte Friedensnobelpreisträgerin
Narges Mohammadi erneut angeklagt werden soll, diesmal weil sie "fälschlicherweise
sexuellen Missbrauch von Frauen in iranischen Gefängnissen angeprangert habe, schrieb die 52-Jährige in einem bekannt gewordenen Brief aus dem berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran. Sie forderte die iranische Justiz auf, 'diesen Prozess öffentlich zu machen und die Teilnahme von unabhängigen Medien und Menschenrechtlern zu erlauben'."
Salman Rushdie hat sich selten direkt zum Nahostkonflikt geäußert, um so aufsehenerregender darum sein klares Statement
im Interview mit Nadine Kreuzahler vom
RBB: "Ich war die meiste Zeit meines Lebens für einen eigenen palästinensischen Staat. Seit den 1980ern schon. Aber wenn es jetzt einen palästinensischen Staat gäbe, würde er von der Hamas geführt und wir hätten
einen Taliban-ähnlichen Staat. Einen Satellitenstaat des Iran. Ist es das, was die progressiven Bewegungen der westlichen Linken erschaffen möchte? Es gibt dazu nicht gerade viele tiefe Gedanken, sondern vor allem eine emotionale Reaktion auf die Toten in Gaza. Das ist ok. Aber wenn es in Antisemitismus abgleitet und manchmal sogar in
Unterstützung für die Hamas, dann wird es problematisch."
Karim Khan, der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH), hat
Haftbefehle gegen die Hamas-Führer
Jihia al-
Sinwar,
Mohammed Diab Ibrahim Al-
Masri und
Ismail Haniyeh beantragt, aber auch gegen den israelischen Ministerpräsidenten
Benjamin Netanjahu und Verteidigungsminister
Joav Galant. Im Interview mit
Zeit online erklärt der Völkerrechtler
Kai Ambos, welche Folgen das hat: Erst müssen die Richter des IStGH entscheiden, ob ein ausreichender Tatverdacht vorliegt, "aber nach meinem Eindruck gibt es enorm viele Beweise. Etwa die Aufnahmen der Hamas von ihren
eigenen Massakern oder die Stellungnahmen von Netanjahu und Galant zur Belagerung Gazas unmittelbar nach dem 7. Oktober, da geht es um den Vorwurf des Aushungerns der Zivilbevölkerung. ... Das ist ein Kriegsverbrechen. Und da werden die Aussagen von Galant und Netanjahu aus den ersten Tagen des Krieges als Beweise zitiert, wir belagern den Gazastreifen, wir schneiden alles ab,
kein Strom,
kein Wasser,
keine Versorgung. Damit kann zwar auch ein legaler Zweck verfolgt, eben die Bekämpfung der Hamas, aber die Zivilbevölkerung darf dazu nicht instrumentalisiert werden. Allerdings muss auch vorsätzlich gehandelt worden sein, die genauen Anforderungen sind sehr umstritten." Ambos wünscht sich ausdrücklich, dass die Bundesregierung jetzt "
ohne Wenn und Aber zum IStGH" steht, anderenfalls lieferten wir "seinen Hauptgegnern, vor allem den Chinesen und den Russen, praktisch eine Vorlage, noch direkter gegen den ICC vorzugehen. Insoweit finde ich die
Stellungnahme des
Auswärtigen Amts enttäuschend."
"Die Entscheidung ist im Grundsatz nicht unberechtigt", meint auf
Zeit online Steffi Hentschke. "Nach sieben Monaten Krieg in Gaza ist offenkundig, dass sich Israel nicht ausreichend um die humanitäre Versorgung der Zivilisten in Gaza kümmert." Dennoch findet sie die Anklagen gegen die israelischen Politiker
höchst problematisch, vor allem gegen den israelischen Verteidigungsminister
Joaw Galant, der "seit Monaten versucht, den Schaden zu begrenzen, den der Regierungschef anrichtet". Aber auch den Strafbefehl gegen Netanjahu findet Hentschke fragwürdig, da er Hamas und Israel gleichstelle: "Die Hamas
kennzeichnet ihre Kämpfer nicht. Es gibt objektiv also aktuell noch keine Möglichkeit, um zwischen
Zivilisten und Terroristen zu unterscheiden. Vollkommen anders ist die Lage bei den Gräueltaten der Hamas am
7.
Oktober. Die Terroristen filmten ihre Taten, Überlebende und freigelassene Geiseln bezeugten die Massaker, Fälle sexualisierter Gewalt und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Forensiker und Mediziner, auch die UN bestätigte sie in einem Bericht dazu."
Bereits am Samstag
erläuterte Ronya Othmann im NZZ-Interview am Beispiel des
Genozids an den Jesiden, was ein Genozid ist - sicher nützlich im Blick auf die heutigen Vorwürfe gegen Israel: "Der IS ist
systematisch vorgegangen, in jedem Dorf wurden die Leute versammelt, meistens in der Schule. Die Männer wurden von den Frauen getrennt,
erschossen und in Massengräber verscharrt. Die älteren Frauen haben sie teilweise auch erschossen und die Frauen und Kinder verschleppt. Mädchen ab neun Jahren und Frauen wurden vergewaltigt. Auch dass man die Kinder aus der Gemeinschaft genommen und die Jungen zwangskonvertiert hat, ist ein Indiz. Da steckt eine Systematik dahinter. Der IS hat aus seiner
Absicht,
die Jesiden auszulöschen, kein Geheimnis gemacht."
In der
Welt kritisiert Alan Posener die
Doppelmoral Spaniens, das einerseits Waffenlieferungen an Israel blockiere, andererseits muslimische Länder wie
Pakistan,
Malaysia und
Kuwait mit 58 Prozent seiner Waffenexporte versorge. "Die hypermoralische Haltung der spanischen Linksregierung wirkt schon gar nicht überzeugend, wenn man bedenkt, dass Spaniens Großkunde Pakistan zusammen mit Birma, China, Eritrea, Iran, Kuba, Nicaragua, Russland, Saudi-Arabien, Tadschikistan und Turkmenistan laut US-Außenministerium zu den elf 'Countries of Particular Concern' gehört, in denen es
besonders schlecht um die Glaubensfreiheit bestellt ist. Mit den anderen Menschenrechten sieht es nicht besser aus."