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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.10.2006. Die taz erinnert die Kollegen daran, dass der Islamismus in Deutschland kein feuilletonistisches Großereignis ist, sondern konkret. Außerdem erklärt Christian Semler, warum der Maoismus für bourgeoise Revoluzzer so attraktiv war. Die FR beobachtet auf der Buchmesse, wie sich Chuzpe und comme il faut sehr elegant verbinden lassen. Die Welt beschreibt, wie christliche Fundamentalisten in den USA nach Kinderseelen fischen. In der SZ prophezeit Heinz Bude eine Invasion der Gehhilfen.

TAZ, 07.10.2006

Auf der Meinungsseite hat Eberhard Seidel die Nase voll von den Mahnern des Feuilletons und der Bild-Zeitung, die das Land im antiislamischen Alarmzustand halten: "Der Islamismus in Deutschland ist kein feuilletonistisches Großereignis, kein kulturalistisches Debattenfeld: Er ist konkret. Er besteht aus Organisationen, Akteuren, Treffpunkten, Publikationen und Netzwerken. Dies alles ist mit investigativer Recherche aufzudecken... Auf dem mühsamen Feld der Recherche haben die Mahner der Nation bislang jedoch nichts vorzuweisen. Schlimmer noch: Keiner von ihnen sprang in den letzten Jahren etwa den Berliner Journalisten Ali Yildirim und Claudia Dantschke bei. Seit über zehn Jahren liefern die beiden mit die wichtigsten Erkenntnisse über die islamistische Szenerie in Deutschland: Ohne ihre Recherchen hätte es kein Verbot der radikalislamistischen Hizb ut Tahrir oder des antisemitischen Hetzblattes Vakit gegeben. Und seit über zehn Jahren sind sie und ihre Informanten Messerattacken, zermürbenden und kostspieligen Rechtsstreitigkeiten, wirtschaftlichen Sanktionen, Einschüchterungsversuchen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt."

Ebenfalls auf der Meinungsseite sieht der britische Kulturtheoretiker Terry Eagleton im Interview "Religion durchaus als Motor für eine materialistische Kritik, die mehr und mehr an den Rand gedrängt wird".

Im Kulturteil porträtiert Sabine Leucht die Dramatikerin Anja Hilling, die derzeit national wie international gespielt wird. Und das, obwohl oder weil ihre Stücke ziemlich schwer verdaulich sind. "Begegnungen und Verluste, halb schicksalhaft, halb mysteriös, leuchten am kräftigsten unter den vielen Fäden der kaleidoskopisch-verrätselten Hilling-Dramatik, in der Gewitter-Blitze den Menschen bleibende Narben schlagen ('Bulbus') und Gefühle oft nur flüchtig sind. Hier schreibt jemand, als müsse der Mär von der Planbarkeit des Lebens endlich eloquent widersprochen werden. So sagt sich die zum Selbstmord entschlossene Frau Schlüter in 'Mein junges idiotisches Herz': 'Um drei Uhr, und zwar pünktlich, bin ich eine tragische Frau.'"

Weitere Artikel: Einer kritischen Sichtung unterzieht Micha Brumlik das Denken der Philosophin Hannah Arendt: Zu sehr, findet er, ist sie in schroffen Gegensätzen befangen gewesen, als dass man die Zivilgesellschaften von heute mit ihrer Hilfe noch beschreiben könnte. Katrin Kruse berichtet von den Pret-a-porter-Schauen in Paris. In seiner Buchmesser-Kolumne ist Dirk Knipphals auf der Suche nach dem großen Thema des Bücherherbsts nicht fündig geworden. Besprochen wird Mike Mills' Spielfilmdebüt "Thumbsucker".

Zum dreißigsten Jahrestag der Kulturrevolution versucht Christian Semler, dem es an eigener Erfahrung nicht mangelt, im Dossier des taz mag die einstige Faszination des Maoismus zu erklären: "Was aber viele der radikalen Linken des Westens am meisten am chinesischen Beispiel anrührte, war die 'Revolution in der Seele'. Sie glaubten, dass die Kraft zur Selbstbefreiung und zur Befreiung durch sie freigesetzt würde. Die meist dem bürgerlichen Milieu entstammenden westlichen Anhänger Maos wollten den entschiedenen Bruch, wollten den Verrat an der eigenen Klasse." Cornelia Gellrich berichtet über Theaterinitiativen im Gefängnis. Astrid von Pufendorf erinnert an Hubertus Prinz zu Löwenstein, den einstigen Unterstützer des Ungarnaufstands, der dieser Tage seinen hundertsten Geburtstag feiern würde.

Buchbesprechungen gibt es zu Wolf Lepenies' Studie "Kultur und Politik", Sudhir und Katharina Kakars Buch über einen Subkontinent: "Die Inder" sowie - in der Belletristik-Abteilung - zu Viktor Pelewins Roman "Das heilige Buch der Werwölfe", zu Douglas Cowies Roman "Owen Noone" sowie in der Kolumne "bücher für randgruppen" Olaus Magnus 1555 erstmals erschienenes Buch "Wunder des Nordens" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Welt, 07.10.2006

In den USA sorgt gerade Heidi Ewings und Rachel Gradys Dokumentarfilm "Jesus Camp" (Trailer) über evangelikale Erziehungsmethoden für gehörige Aufregung, berichtet Uwe Schmitt. Pastor Fisher, "eine fettleibige blonde Frau Mitte 40 von beträchtlichem Charme und Sinn für Humor, bewundert offen die Indoktrinierung blutjunger Muslime. Nicht das Ergebnis, aber das Fischen nach Kinderseelen: 'Wir haben die Wahrheit', sagt sie und entschuldigt sich nicht dafür. Und sie weiß, wie sie in ihrem 'Bible Camp' am Devil´s Lake im ländlichen North Dakota die Kinder zum Go-kart-Fahren wie zum Beten bekommt. Es wird in Zungen gesprochen, manche Kinder winden sich in Trance, tränen überströmt, selig, 'von Gott berührt'. Ein lebensgroßer Pappkamerad, der eine Photokopie von George W. Bush ist, wird gesegnet."

Weiteres: Gemeldet wird, dass Günter Grass wegen des Abdrucks seiner Briefe an den früheren Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller die FAZ nun mit der "Bild"-Zeitung vergleicht und ihr vorwirft, die guten Sitten des Journalismus zu "verhunzen". Die Frankfurter Buchmesse ist längst nicht mehr zum Verkaufen da, erkennt Uwe Wittstock, sondern dient mit ihren Partys und Empfängen als "Motivations-Generator" für die Branche. Der europäische Vizepräsident von Google, Nikesh Arora, darf erklären, warum Internet und Handy gut zusammenpassen. Stefan Kister begutachtet den neuen Leiter des Nationaltheaters Mannheim, Burkhard C. Kosminski.

Besprochen werden David Pountneys einem "optischen Malstrom" gleichende Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Die Soldaten" auf der Ruhrtriennale in Bochum, die 18 Meter hohe Spiegelskulptur von Rebecca Horn im Lichthof des Berliner Martin Gropius Baus, und Solomon Burkes "fantastisches" Country-Album "Nashville".

SZ, 07.10.2006

Vom Soziologenkongress, der sich dem Thema "Die Natur der Gesellschaft" widmete, berichtet der Soziologe Heinz Bude. Er hat Gegenwartsdiagnosen sowie demografisch begründete Zukunftsvisionen mitgebracht, wobei er weniger an spektakuläre Veränderungen denkt: "Aber vielleicht werden ganz normale soziale Dinge unsere Gesellschaft in Zukunft viel augenfälliger verändern. Man denke nur an die Invasion der Gehhilfen, die uns mit dem Älterwerden der geburtenstarken Generation ins Haus steht. Museen und Spaßbäder werden dann durch seniorenfreundliche Umbauten einen ganz anderen Charakter annehmen. Viele 70- und 80-Jährige werden dann - aufgebessert durch Implantate und ausgestattet mit unter der Haut angebrachten elektronischen Aktivitätsverstärkern die wenigen lernbereiten Kinder erwarten, um ihnen etwas über die Welt des Tiefseetauchers oder über Rembrandt zu erzählen."

Weitere Artikel: Aus den USA berichtet Andrian Kreye vom Aufruhr, für den der Bibelcamp-Dokumentarfilm "Jesus Camp" gerade sorgt. Gleich zwei große asiatische Kunstbiennalen werden vorgestellt, die eine in Gwangju, die andere in Singapur. Stefan Koldhehoff informiert uns darüber, dass der Vatikan gerne einen Picasso für seine Sammlungen hätte und darum an katholische Privatsammler appelliert. Im Interview spricht der Komponist Detlev Glanert über seine Oper "Caligula". Gemeldet wird, dass Günter Grass jetzt gerichtlich gegen die FAZ vorgehen will, und dass es nun auch in England einen vermeintlichen Fall von Selbstzensur aus Fundamentalismusfurcht gibt.

Besprochen werden die neue CD von Beck, David Pountneys Ruhrtriennalen-Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns Oper "Soldaten", Luk Percevals und Thomas Thiemes Version von Arthur Millers "Tod eines Handlungreisenden" an der Berliner Schaubühne, der französische Animationsfilm "Kiriku und die wilden Tiere" (mehr) und Florian Gaags Graffit-Film "Wholetrain" (mehr).

Auf der Literaturseite finden sich - neben kurzen Buchmessen-Glossen - Besprechungen zu Harry Mathews' autobiografischem Roman "Mein Leben als CIA", zum zweiten Teil von Javier Marias' Romanwerk "Dein Gesicht morgen" ("kühn", aber nicht "gelungen") und Apsley Cherry-Garrards Antarktis-Expeditionsbericht "Die schlimmste Reise der Welt" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erklärt Christoph Schwennicke mit seinem 12-Punkt-Plan: "So retten wir Deutschland". Das wichtigste Problem hat einen Namen: "In Edmund Stoiber kristallisiert sich strukturell das Kernproblem Deutschlands. Als CSU-Chef sitzt er mit bei den Koalitionsspitzen, als Ministerpräsident mischt er mit im Bundesrat. Bei alldem ist er nichts weiter als Bayern-Lobbyist, der dort und sonst nirgends Rechenschaft ablegen muss. Keiner kann ihn außerhalb Bayerns wählen oder abwählen. Aber überall mischt er mit. Gegen diese Bajuwarisierung der Bundespolitik geraten die Interessenverflechtungen von Reinhard Göhner und Norbert Röttgen als Verbands-Lobbyisten zu allenfalls skurrilen Lappalien."

Weitere Artikel: Hilmar Klute besucht die Autorin und "katastrophal brillante Komödiantin" Sibylle Berg. Andrian Kreye hat in New York die Schauspielerin Anne Hathaway - aktuell mit "Der Teufel trägt Prada" im Kino - getroffen. Nora von Westphalen stellt die Modemacher Viktor & Rolf vor, die die neue H&M-Designer-Kollektion entworfen haben. Auf der Historienseite geht es um die Krankenschwester Florence Nightingale zum einen, um Georgios Maniakes und die Tragödie von Byzanz zum anderen. Vorabgedruckt wird Bernd Cailloux' Erzählung "Der Schrägstrich vor Möbisburg". Im Interview spricht der vor allem durch die Bond-Filme berühmt gewordene Komponist John Barry über "Melodien".
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FR, 07.10.2006

Jamal Tuschik liefert einen Society-Report von der Buchmesse: "Immer wieder gab es in der Schirn und an anderen vom Betrieb bespielten Orten Beispiele für die branchenübliche Mischung aus Chuzpe und comme il faut. So ließ Cees Nooteboom etwas Ungenießbares hinter einer Gardine verschwinden, um im nächsten Augenblick ihn bedrängende Würdenträger in drei Sprachen abzuspeisen. Der niederländische Großschriftsteller war mal Leichtmatrose und ist immer noch ein Mann, der das Leben als Abenteuer genießt. Er trug Stiefel zum Anzug, wie um seine Unternehmungslust stilistisch anzudeuten." Und dann hat Tuschik auch noch die von den Massen heimgesuchten "Literatur im Römer"-Lesungen besucht. Matthias Arning stellt kurz den Historiker Saul Friedländer vor, der heute am Buchmessenstand der FR erwartet wird.

Weitere Artikel: Martina Meister berichtet von den Paris "Pret-a-porter"-Schauen (mehr hier), wo sie "androide Frauen in futuristischen Rüstungen, Cyberdivas in Lack und Leder, die einer neuen Version des Terminators entstiegen zu sein scheinen", gesehen hat. Außerdem schreibt sie in ihrer "Plat du jour"-Kolumne über Roland Koch in Paris.

Besprochen werden Florian Fiedlers mit dem "Kampfchor Galaktika" erarbeiteter Liederarbend "Das Beste aus Gewalt und Leidenschaft" am Schauspiel Frankfurt, eine Altenburger Inszenierung von Dimitri Schostakowitschs Operette "Moskau, Tscherjomuschki" und eine Ausstellung über das Leben in der von Le Corbusier entworfene indische Stadt Chandigarh im Frankfurter Museum der Weltkulturen.

In der Zielfahnder-Krimi-Kolumne wird Michael Robothams Thriller "Amnesie" rezensiert (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 07.10.2006

In der Beilage Literatur und Kunst räsoniert Hannelore Schlaffer über den Hang von Frauen, im Rentenalter Kunstgeschichte zu studieren, und die Bedeutung von Modezeitschriften als "Vorschule der Ästhetik". Hubertus Adam düst im Sauseschritt durch die Städte der Zukunft, die schrumpfenden Städte Ostdeutschland und die wuchernden Agglomerationen des Südens, durch Gated Communities und Kulturmetropolen. Brigitte Kronauer schreibt über Giovanni Segantinis "Alpweiden".

Im Feuilleton erzählt Uwe Justus Wenzel von seinen Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse. Peter Hagmann gratuliert dem Dirigenten Charles Dutoit zum Siebzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "In den Alpen" im Kunsthaus Zürich, Bettina Oberlis Film über das Alter "Die Herbstzeitlosen" und Bücher, darunter Beatrice von Matts Monografie über "Werner Düggelin", Juli Zehs Band "Alles auf dem Rasen", J. H. Füsslis Vorlesungen "Lectures on Painting?, Wolf Lepenies Überlegungen zu "Kultur und Politik", Helmut Kraussers Roman "Eros" und Jan Drees Roman "Letzte Tage" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 07.10.2006

Auf der Seite 1 meldet die FAZ, dass die FAZ die Angriffe Günter Grass' gegen die FAZ zurückweist. Grass wirft der Zeitung vor, mit dem Abdruck seiner Briefe an Karl Schiller sein Urheberrecht verletzt zu haben (mehr hier).

Weiteres: Im Aufmacher des Feuilletons preist Wolfgang Sandner David Pountneys Inszenierung von Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten"-Oper bei der Ruhrtriennale in Bochum. Die Sopranistin Claudia Barainsky hat ihm mit ihren hochdramatischen Koloraturpartien schier den Atem geraubt. In der Randspalte bringt uns "rnmg" auf den neuesten Stand im Streit um die Karlsruher Handschriften. Mehrere Redakteure schicken ihre Eindrücke von der Buchmesse. Joseph Hanimann berichtet von einer Initiative der internationalen Kulturinstitute in Paris zur stärkeren Zusammenarbeit. Oliver Tolmein schreibt über die Abwicklung des Frankfurter Instituts für Sexualwissenschaft. Jürgen Dollase befasst sich in seiner Geschmackssachen-Kolumne mit "kulinarischen Miniaturen". Eberhard Straub berichtet von einer Tagung zu Jacob Burckhardt in Basel. Jordan Mejias liest amerikanische Zeitschriften, Atlantic Monthly zum Beispiel, in dem E.L. Doctorow Schriftstellern von der Sorge um Glaubwürdigkeit befreit. Mark Siemons spaziert durch Schanghais Vorort Anting. Gerhard Rohde gratuliert dem Dirigenten Charles Dutoit zum Siebzigsten.

Auf den Wochenendseiten erinnert Andreas Eckert an den senegalesischen Politiker und Dichter Leopold Sedar Senghor. Abgedruckt wird auch die Dankesrede des Philosophen Dieter Henrich zur Verleihung des Deutschen Sprachpreises.

Auf der Medienseite berichtet Franziska Bossy, dass Zeitungsverlage einen Internetfilter für Google einführen wollen. Jan Freitag begrüßt Guido Hammesfahr als Nachfolger von Peter Lustig für die Sendung "Löwenzahn".

Auf der Plattenseite schmäht Eric Pfeil Becks neue CD "The Information" als "perfekt klingendes, dabei aber kaltes, fischiges Album". Besprochen werden auch eine Holst-Einspielung der Berliner Philharmoniker, die Schau der Sammlung Berggruen im Pariser Musee Picasso, die wieder gezeigte Sammlung des Museums Wiesbaden und Bücher, darunter Nicole Krauss? Erstling "Kommt ein Mann ins Zimmer" und Uwe Johnsons Briefwechsel mit Fritz J. Raddatz und Walter Kempowski (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Ulrich Treichel eine Gedicht von Stefan George vor:

"Mein garten bedarf nicht luft und nicht wärme
Der garten den ich mir selber erbaut..."