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Heute in den Feuilletons

Die Liebe, immer wieder, immer noch

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.06.2008. Die NZZ legt eine neue Serie zum Islamismus auf: ein Ex-Islamist fragt, wo die Märtyrer des Pluralismus sind. Die FR lernt denken mit Josef Ackermann: Die CSR ist Teil der DNA der DB. Richard Wagner nimmt in der Achse des Guten Abschied vom Kursbuch. Die FAZ beklagt die Abwicklung der letzten Reste der DDR-Architektur.

NZZ, 12.06.2008

Eine neue Serie der NZZ widmet sich dem radikalen Islamismus. Den Auftakt macht Maajid Nawaz, ehemaliges Mitglied der islamistischen Gruppierung Hizb ut-Tahrir (hier der Internetauftritt der in Deutschland verbotenen Organisation), der sich in seiner fünfjährigen Haft vom Islamismus abwandte: "Aber wohin? In welcher Botschaft lag die Alternative? Als Islamist wusste ich Tausende von harten, willensstarken Männern hinter mir, Männer, die für die Sache ihr Leben geopfert hatten. Wo waren die muslimischen Märtyrer des Pluralismus? Warum wurden die wenigen, die diese Haltung vertraten, verlacht oder ignoriert? Ich würde eine globale Bewegung, zu deren Helden ich zählte, verlassen und zum Outcast werden. Ich war mit dem Islamismus buchstäblich verheiratet; all meine Freunde und zahlreiche Familienmitglieder gehörten ihm an. Was würde ich meiner Frau sagen, die während der Jahre meiner Haft wie eine Heilige ausgeharrt hatte - dass die Sache, an die sie glaubte, all das Leiden gar nicht wert war?"

Weiteres: "Rasenden Stillstand" sah Barbara Villiger Heilig in der Inszenierung von Goethes "Stella" am Schauspielhaus Zürich, "lichte Schönheit" hingegen hörte Alfred Zimmerlin bei Bruckner- und Mozart-Interpretationen in der Zürcher Tonhalle.

Auf der Filmseite beschäftigt sich Jürg Zbinden mit Nicholas Stollers "Forgetting Sarah Marshall" ("die Komödie des zu erwartenden Sommers"), auf Deutsch "Nie mehr Sex mit der Ex". Michel Bodmer biss die Zähne zusammen beim Thriller "The Happening" des indisch-amerikanischen Regisseurs M. Night Shyamalan. Che. fragt nach Sinn und Zweck der Schweizer Filmakademie.

Besprochen werden Silvio Huonders Erzählband "Wieder ein Jahr, abends am See", Urs Allemanns Gedichtband "im kinde schwirren die ahnen" und Romain Garys Roman "Frühes Versprechen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr.)

Berliner Zeitung, 12.06.2008

Andreas Mix kommentiert den von Bogdan Musial mit einem Artikel gegen Wlodzimierz Borodziej lancierten polnischen Historikerstreit um die Rolle der Polen bei der Vertreibung der Deutschen: "Die Affäre offenbart die tiefe Spaltung der polnischen Medien und der Wissenschaft. Institutionen wie das Warschauer Aufstandsmuseum und das Institut des Nationalen Gedenkens werden von Konservativen dominiert. Medien wie die Rzeczpospolita oder das deutschfeindliche Magazin Wprost starten immer neue Kampagnen, in denen vor dem deutschen Geschichtsrevisionismus gewarnt und um Ausgleich bemühte Intellektuelle als deutsche Agenten diffamiert werden."

FR, 12.06.2008

Peter Michalzik hat sich bei einer Pressekonferenz von Josef Ackermann erzählen lassen, wie wichtig soziale Verantwortung für die Erfolgsunternehmen von heute ist: "In der Tat versucht sich Ackermann als Philosoph. Es geht ums Ganze. Es rattern die Sätze und Begriffe auf uns ein: CSR [Corporate Social Responsibility] als Teil der DNA der Deutschen Bank, kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Bank aufs Spiel zu setzen, ohne Vertrauen kein Erfolg - und was der globalen Verantwortungspathetik mehr ist. Die anderen Herren auf dem Podium gucken dabei sehr ernst und andächtig. Nur als ein Handy klingelt, müssen sie grinsen, wie der Junge, der beim Singen am Heiligen Abend Quatsch macht." Schaden, findet Michalzik, wird's schon nicht anrichten.

Weitere Artikel: Berlin hat einen neuen "Architekturstreit" - Marcus Woeller erklärt, worum sich die Debatte um den Neubau des Lindenoper-Saals eigentlich dreht. Arno Widmann nutzt die Times Mager zur Eigenwerbung und weist auf den täglichen Online-Reprint der FR des Jahres 1968 hin.

Die Medienseite ist ganz der Diskussion um den Rundfunkänderungsstaatsvertrag gewidmet, der den Auftritt der Öffentlich-Rechtlichen im Internet regeln soll. Harry Nutt warnt: "Mit dem Übertritt ins Netzzeitalter drohen die Grundfeste der Pressefreiheit durch die Hintertüren der Staatskanzleien der Länder verändert zu werden." Daniel Bouhs stellt fest: "ARD und ZDF und Privatsender wie Verleger gehen sich derzeit an die Gurgel." Er erklärt dann, warum.

Besprochen werden M. Night Shyamalans neuer Film "The Happening", James Bennings 43-Züge-Film "RR", das Frankfurter Gastspiel von Peter Mussbachs Inszenierung von Hans Werner Henzes Oper "Phaedra", die Ausstellung "The Great Transformation - Kunst und taktische Magie" im Frankfurter Kunstverein und Claude Leforts Essayband "Die Bresche" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Welt, 12.06.2008

Wieland Freund porträtiert die amerikanische Autorin (und Anhängerin des Mormonenglaubens) Stephenie Meyer, die mit Vampirgeschichten als eine neue Joanne K. Rowling aufgebaut werden soll. Hendrik Werner stellt die jetzt offiziell online gegangene Google-Konkurrenz Wikia Search vor, die den Platzhirschen unter Beteiligung der Nutzer verdrängen soll. Ulrich Weinzierl liest eine Studie über die legendäre Kunstsammlung des Wiener Zahnarztes Heinrich Rieger, der 1942 in Theresienstadt umgebracht wurde. Auf der Kinoseite unterhält sich Peter Zander mit dem Regisseur M. Night Shyamalan, der mit seinem neuen Film "Happening" (Kritik) an den Erfolg von "The Sixth Sense" anknüpfen will.

Besprochen werden überdies neue Soulplatten der Veteranen Al Green und Solomon Burke, eine Dramatisierung des Fritz-Lang-Films "M" in Berlin und eine Retrospektive des Berliner Fotografen Henry Ries ebendort.

Auf der Magazinseite unterhält sich Till-Reimer Soldt mit dem Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, für den auch heute noch das "sexuelle Elend" grassiert: "Viele Menschen in Europa sind einsam und sehnen sich nach einem Liebespartner. Viele haben inzwischen ganz die Sexuallust verloren. Auch die Singles sind überwiegend sexuell frustriert, weil sie von dem Kuchen der sexuellen Begegnungen nur einen Bruchteil abbekommen."

Aus den Blogs, 12.06.2008

Richard Wagner kommentiert in der Achse des Guten das sanfte Dahinscheiden des Kursbuchs, das zuletzt im Zeit-Verlag sein Gnadenbort verzehrte: "Nicht einmal drei Jahre brauchte das liberale Haus, um zur buchhalterischen Feststellung zu gelangen, dass es keine wirtschaftliche Basis für die Fortführung dieses Titels gebe. Wenn man bedenkt, wie wenig heute eine solche Publikation kostet, muss man zu dem Schluss kommen, dass es um die Portokasse der Zeit schlecht bestellt ist." Da lobt man sich doch die vitale Lettre International, deren 20. Geburtstag im Tagesspiegel begangen wird."

Außerdem in den Blogs: Thomas Knüwer kritisiert Chaos und Inkompetenz beim Grimme Online Award.

TAZ, 12.06.2008

Anlässlich des morgen beginnenden Kolloquiums "Die digitale Herausforderung" in der Deutschen Kinemathek unterhält sich Bert Rebhandl mit dem Experimentalfilmer Michael Brynntrup. "Gerade heute habe ich eine 750-GB-Festplatte bekommen, da steht auf der Packung: Save your life. Das reicht dann wohl für ein komplettes Leben. Rette dein Leben! Durch Speichern."

Weiteres: Ekkehard Knörer würdigt im Nachruf den kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow. Julian Weber stellt die jungen Bands No Age und MGMT vor. Besprochen werden der Psychothriller "The Happening" von N. Night Shyamalan und James Bennings Kunst-Eisenbahnfilm "RR".

Und Tom.

SZ, 12.06.2008

Kurz aber schön schwärmt Fritz Göttler von Ferzan Ozpeteks Film "Saturno Contro" über die römischen Bourgeoisie: "Eine der schönsten Szenen zeigt ein zur Heimlichkeit verdammtes Paar, das auf den zwei Seiten einer Straße sich gegenübertritt, dann zu einem Lagerraum hundert Meter weiter eilt, um sich der Liebe dort hinzugeben, Seite an Seite, aber doch den Schein wahrend, rasch, aber nicht zu impulsiv, an Cafe-Gästen und Touristen vorbei. Das ist Melodram in Reinkultur, die Liebe, immer wieder, immer noch, auf der Flucht."

Weitere Artikel: Karl Bruckmaier besucht die deutsche Abteilung der Bibliothek von Nanking und ist entsetzt: Über die Bücher und über den einzigen Besucher dort, ein junger Mann, der "weniger an Deutschland interessiert ist, als an Chinesen, die sich für deutsche Bücher interessieren". Christopher Schmidt schließt das Sommerloch in seiner Zeitung mit einem Artikel über die Abschaffung des Sommerlochs in der Kultur: Festivals wohin das Auge blickt. Google wird mit dem Asturien-Preis ausgezeichnet, meldet Annika Müller.

Besprochen werden Shakespeares "Macbeth" am Bochumer Schauspielhaus in der Inszenierung von Lisa Nielebrocks ("erst dreißig Jahre alt, aber ihre Kraft und ihre Entschiedenheit sind schon jetzt beeindruckend", versichert Martin Krumbholz), Jonas Groschs Film "Der Weiße mit dem Schwarzbrot" über den ehemaligen RAFler Christof Wackernagel, der Rätsel-Thriller "The Happening" von M. Night Shyamalans ("Er ist ein Fanatiker der Liebe, er sucht die Überwindung des Bösen in einer unbedingten Hingabe ans Gefühl. Das ist weitaus mehr, als das durchschnittliche Unterhaltungskino verlangt", schreibt Doris Kuhn über den Regisseur, mit dem Anke Sterneborg auch ein Interview führt), Verdis "Don Carlo" an der Londoner Royal Opera ("schöne Melodien in möglichst nicht störenden Dekors", klagt Reinhard J. Brembeck), die Uraufführung von Michael Frayns Theaterstück über Max Reinhardt, "Afterlife", am National Theatre, eine Ausstellung mit Videokunst von Eija-Liisa Ahtila im K21 in Düsseldorf, eine Ausstellung mit den Grafiken Victor Hugos im Weimarer Schiller-Museum und Karl Marx' Manuskripte zum zweiten Band des "Kapital".

FAZ, 12.06.2008

Jan Brachmann erklärt, warum der aktuelle, das Rokoko nachbildende Saal der Berliner Staatsoper für ein rationales Hörideal steht. Und warum sich der radikal andere Entwurf des Architekten Klaus Roth wohl durchsetzen wird. Und warum das auch architektonisch bedenklich wäre: "Nach der Zerstörung des futuristischen Ahornblatt-Restaurants auf der Fischerinsel, nach der Demontage der Blechwabenfassade des Centrum-Warenhauses am Alexanderplatz, nach dem Abriss des Palastes der Republik wäre damit ein weiteres Monument der DDR-Architektur verschwunden. Das wirkt inzwischen, als solle Berlins Mitte in Kolonialherrenmanier auf Westgeschmack gebracht werden."

Weitere Artikel: Irene Bazinger war dabei, als zur Verleihung der Ehrenbürger(sic!)würde der Friedrich-Schiller-Universität Jena Klaus Maria Brandauer eine "bewegende Laudatio" auf seinen Regisseur Peter Stein hielt. In der Glosse meint Jürgen Kaube angesichts der Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises für Kommunikation und Humanwissenschaften an Google: "Die Preise für Völkerverständigung werden nun bestimmt bald an TUI, die für Frieden an Krauss-Maffei und die für Sport an Adidas gehen." Hubert Spiegel hat einen Aktenhaufen im Internet entdeckt, den der (Ex)-Aufbau-(Nicht)-Eigentümer Bernd F. Lunkewitz kommentarlos dorthin hinterlassen hat. Gina Thomas porträtiert Tom Higgins, der Charles Dickens' Schreibtisch gekauft hat und jetzt ins All will. An den Haager Kongress vor sechzig Jahren, bei dem die Idee der Europäischen Union geboren wurde, erinnert Alexandra Kemmerer. Kurz vermeldet Andreas Platthaus einen "Sensationsfund": Wilhelm Buschs unerwartet aufgetauchte Bildergeschichte "Der Kuchenteig" ist eine Vorstufe zu einer Max-und-Moritz-Episode. Außerdem gratuliert Andreas Platthaus dem Musical-Komponisten Richard Sherman zum Achtzigsten. Den Nachruf auf den kirgisischen Schriftsteller Tschingis Aitmatow hat Kerstin Holm verfasst. Auf der Medienseite stellt Paul Ingendaay die wild wuchernde spanische Blogsphäre vor. Auf Seite 1 wendet sich Michael Hanfeld mit bewährtem Tremolo gegen Qualiätsjournalismus im Netz, sofern er öffentlich-rechtlich ist.

Auf der Kinoseite schreibt - noch einmal: - Andreas Platthaus über das Festival des deutschen Films in Ludwigshafen. Jan Grossarth porträtiert den Kinobetreiber Karl-Heinz Meier und seine "Lichtburg" in Quernheim, dem kleinsten Ort Deutschlands, der ein Kino besitzt. Jörg Thomann staunt angesichts des sonst perfekten product placement, dass im "Sex and the City"-Film ein Buch prominent auftaucht, das es nicht gibt.

Auf der Forschung-und-Lehre-Seite berichtet Fatma Sagir von einer Frankfurter Tagung zum Thema "Koranwissenschaften heute". Alexander Kosenina informiert, unter Zuhilfenahme eigener Erfahrungen und einer soeben erschienenen Studie, über die Entwicklung der Universitäten im angelsächsischen Raum: "Während Amerika die studentenwirksamsten Infotainer anwirbt, sucht Großbritannien die besten Kameralisten und Antragsteller."

Besprochen werden die Ausstellung "Starke Frauen" in der Münchener Antikensammlung, Stefan Puchers am Berliner Maxim-Gorki-Theater gezeigte Bühnen-Version von Fritz Langs Filmklassiker "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", ein Kölner Konzert der Soulsängerin Duffy, Cam Archers Film "Wild Tigers I Have Known", die Berliner Kinderbuchausstellung "Wien und Berlin" und Bücher, darunter die deutsche Übersetzung von George Merediths 1880 erschienenem Roman "Die tragischen Komödianten" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Zeit, 12.06.2008

Die Autorin Tanja Dückers ist mit der moldawischen Theaterautorin und "intellektuellen Punk-Nihilistin" Nicoleta Esinencu durch Moldawien und Transnistrien gereist. Transnistrien ist ein "prorussischer Phantomstaat mit stabilsiertem De-facto--Regime auf moldauischem Boden". Dort begegnen sie Frau Bondarenko, "studierte Juristin mit dem militärischen Rang eines Majors. Fragen nach illegalem Waffenhandel in Transnistrien kontert sie thematisch passend: 'Selbst wenn Sie mir eine Kalaschnikow an die Schläfe halten würden, würde ich Ihnen hierauf keine Antwort geben!' Gespräche über Kultur sind nicht in ihrem Interesse. 'Die Menschen hier wollen keine moderne Kunst. Nur die realistische Kunst kann zum Menschen sprechen.'"

Hanno Rauterberg fragt sich, wie um Himmels willen der Buchhandel darauf kommt, in Anselm Kiefer einen Mann des Friedens zu sehen: "Seine Kunst ist verkohlt und zerborsten, ist Asche und Rost, ist Auflösung, Zerfall, Vergeblichkeit, und wenn diese Kunst überhaupt von etwas kündet, dann davon, dass es keinen Sinn gibt in unserem Dasein und keine Hoffnung und nichts, was auf eine friedliche Zukunft deuten könnte."

Christine Lemke-Matwey sieht eine große Dirigentenkarriere für den jungen Letten Andris Nelson voraus. Hier dirigiert Nelson Schostakowitschs Klavierkonzert Nr. 1 mit Vestard Shimkus:



Weiteres: Thomas Assheuer spricht mit dem Bremer Philosophie-Professor Stefan Gosepath über Hunger und Ausbeutung und die irdische Gerechtigkeit. Besprochen werden Shaheen Dill-Riaz' Film über die Abwracker von Bangladesch "Eisenfresser" ("So nahe wie Dill-Riaz ist noch keiner den Menschen in dieser Company Town gekommen", schwört Christiane Grefe), Jean Genets "Zofen" und Shakespeares "Römische Tragödien" bei den Wiener Festwochen sowie die neue Coldplay-CD "Viva La Vida".

Im Literaturteil schreibt Fritz J. Raddatz den Nachruf auf Peter Rühmkorf. Im Wissen-Teil findet sich eine vielsagende Geschichte über eine junge Bosnierin, die keine Chance bekam, in Deutschland zu bleiben und jetzt am Wellesley College in den USA studiert. Auf der Meinungsseite erklärt Ilija Trojanow, was das Kulturestablishment vom Fußball lernen kann.