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Heute in den Feuilletons

Wieder und wieder die gleichen Fehler

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.03.2011. Die SZ besucht Kenzaburo Oe. Er arbeitet an einem Roman, der sich an Dantes "Inferno" anlehnt. Die Zeit bringt neben einem Chor der Kassandras auch ein Interview mit Catherine Deneuve. In der NZZ sagt Ian Morris den Untergang des Westens an, sofern der Osten ncht zuerst untergeht. Die FAZ schildert die chinesische Reaktion auf die japanische Katastrophe. Und die taz hat den japanischen Atom-Techniker gefunden, der alles erklären könnte - aber keiner interessiert sich für ihn.

TAZ, 16.03.2011

Georg Blume, erst Japan-, dann China-, jetzt Indien-Korrespondent der taz (und der Zeit) ist nach Tokyo zurückgekehrt und besucht das Büro der versprengten japanischen Atomkraftgegner, wo eine Pressekonferenz abgehalten wird, die kaum auf das Interesse der japanischen Medien stößt: "Dabei sitzt vorne, vor einem kleinen Tisch mit Projektor, der Mann, der wohl besser als jeder andere in Japan und der Welt in diesen Tagen die spärlichen Informationen aus Fukushima deuten kann. Er heißt Masashi Goto und war lange Jahre als Atomingenieur bei Toshiba tätig. Zuständig für die Sicherheitsvorkehrungen der Atomreaktoren. Er arbeitete als junger Mann schon beim Bau der Atomkraftwerke in Fukushima mit. Er weiß, wo dort ein Stein auf dem anderen liegt." Goto hatte die Atomkraftgegner jahrelang versteckt mit Informationen beliefert.

Im Kulturteil wirft Brigitte Werneburg einen Blick auf die kommende Biennale in Venedig. Bahman Nirumand liefert eine Momentaufnahme vom Zustand der iranischen Opposition. Besprochen werden Ausstellung "Leipzig - Fotografie seit 1839" im Grassi-Museum und Richard Kämmerlings Buch "Das kurze Glück der Gegenwart" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

NZZ, 16.03.2011

Propheten werden jetzt gebraucht. Urs Hafner stellt den Archäologen Ian Morris vor, dem aus dem von ihm untersuchten Material folgende Ansage zuteil wurde: "Noch dominiert der Westen die Welt, so Morris, doch im Jahr 2103 wird der Osten die Herrschaft übernehmen - wenn die Menschheit nicht vorher an der Aufgabe scheitert, einen Ausweg aus der bedrohlichen allgemeinen Lage (Atomwaffen, Epidemien, Terrorismus, Klimaerwärmung) zu finden, und sich auslöscht." Und sofern die explodierenden Atomkraftwerke nicht im Osten stehen.

Weitere Artikel: Roman Bucheli verwahrt sich nach der Vorstellung der Max-Frisch-Biografie von Julian Schütt in Zürich gegen die Vermutung Peter von Matts, bestimmte antisemitische Passagen in Texten Frischs, die der reuige Autor später nie verheimlichte, seien ihm vom berühmt-berüchtigten NZZ-Kulturredakteur der dreißiger Jahre, Eduard Korrodi, hineinredigiert worden. Katharina Hacker erinnert an die Schriftstellerin, Journalistin und Psychotherapeutin Anna Maria Jokl, die in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden wäre - von ihr liegt ein neuer Band mit Schriften aus dem Nachlass vor. Angela Schader erweist sich als Kennerin des künstlerischen Werks des Gaddafi-Sohns Saif al-Islam, wobei die Frage zu sein scheint, ob es von ihm ist (das stets um die arabische Kofinanzierung bangende Institut du monde arabe in Paris hatte seine Gemälde einst ausgestellt, in der trügerischen Hoffnung, dann die zugesagte Subvention durch Libyen zu erhalten). Ludger Lütkehaus denkt über den "Katastrophen-Stoizismus" der Japaner nach. Stephan Templ schreibt über einen reichlich misslungenen Neuanfang des Jüdischen Museums in Wien unter neuer Leitung (die erstmal das Konzept der vorherigen Leitung mit dem Vorschlaghammer zerstören ließ).

Besprochen wird die Ausstellung "Orientalismus in Europa - Von Delacroix bis Kandinsky" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung München.

FR, 16.03.2011

Der Transit-Verlag wird in diesem Jahr mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet, meldet Jörg Plath, der die Verleger Rainer Nitsche und Gudrun Fröba porträtiert: "Zehn Bücher machen sie jährlich. Anders als etwa Wagenbach setzt Transit nicht auf wiedererkennbare Reihen, sondern auf Individualität: Jedes Buch, von Gudrun Fröba schön und haltbar, zuweilen auch verspielt mit Vignetten gestaltet, ist besonders. Es sind alles Einzelstücke, Preziosen, manchmal auch Trouvaillen. Was verbindet schon Matthew D. Roses 'Eine ehrenwerte Gesellschaft', eine knallharte Wirtschaftsreportage über die Schuldenmacher der Bankgesellschaft Berlin, mit Peter Wawerzineks ungebärdiger Prosa 'Das Kind das ich war'? ... Der Transit-Verlag ist ein Wilderer zwischen den Gattungen und Erzählweisen."

Weiteres: Marcus Stäbler beschreibt die Renaissance des deutschen Volksliedes und wie es dazu kommen konnte. Besprochen werden die Uraufführung von Agusti Charles' Oper "Lord Byron" in Darmstadt, Anna Katharina Fröhlichs Roman "Kream Korner" sowie Julia Albrechts und Corinna Pontos Buch "Patentöchter" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Weitere Medien, 16.03.2011

Trümmerlandschaft. Ausschnitt aus einem der Fotos von der japanischen Katastrophe, die der Boston Globe in The Big Picture präsentiert:




Stichwörter: Boston

Welt, 16.03.2011

Die Kulturseiten bringen ein recht staatstragendes Interview mit dem ungarischen Präsidenten Pal Schmitt. Nur einmal lockt ihn der interviewende Boris Kalnoky aus der Reserve, als er Paul Lendvais Kritik am grassierenden Antisemitismus in Ungarn anspricht: "Herr Lendvai steht fernab der Realität. Ich lebe hier und weiß: In Ungarn gibt es keinen Deut mehr Antisemitismus als anderswo. Dass man Ungarn als antisemitisch bezeichnet, das ist völlig unwahr, und eine böswillige Verleumdung."

Weitere Artikel: Harald Peters feiert im Aufmacher die neue Platte der Strokes (Musik). Eckhard Fuhr begrüßt den im letzten Moment ernannten neuen Chef des DHM, Alexander Koch. Arne Willander annonciert die ersten Folgen der Vampirserie "True Blood", die jetzt auf RTL 2 anläuft. Und Alan Posener verweist trotz begrüßenswerter Passagen im neuen Jesus-Buch Benedikts XVI. auf das weiterhin unklare Verhälntis der katholischen Kirche zu den Juden.

Aus den Blogs, 16.03.2011

Ach, und übrigens:


SZ, 16.03.2011

Hans Jürgen Balmes erzählt von einem Besuch bei Kenzaburo Oe in Tokyo: "Am Dienstag am Telefon ist er erleichert, dass unsere Heimreise gelungen ist. Er selbst denkt nicht daran, Tokio zu verlassen. Gebannt folgt er den Ereignissen im Fernsehen, aber sie machen ihn müde: Er sieht, sagt er, wie die Regierung wieder und wieder die gleichen Fehler wiederholt. Alle Nachrichten kommen spät, viel zu spät, und auch dann sind sie noch nicht korrekt." Und: "Im Moment arbeitet Kenzaburo Oe an einem neuen Roman, seinem letzten, wie er sagt. Er bezieht sich auf Dantes 'Inferno'."

Jonathan Fischer berichtet mit viel Atmo vom Tahrir-Platz einige Wochen nach dem Umsturz, wo er unter anderem den Rapper Raqib traf: "Was Raqib am meisten beeindruckte: Dass Christen und Muslime sich gegenseitig während ihrer Gebetszeiten beschützten, ein Christ habe ihm sogar das Wasser zur rituellen Waschung gereicht. 'Wir waren alle nur noch Ägypter.'"

Weitere Artikel: Johan Schloemann stellt Alexander Koch vor, bisher Privatdozent für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Marburg, der nun zum Direktor des Deutschen Historischen Museums erkoren wurde. "mea" liest einen Deutschlandschwerpunkt des Guardian, der eine Reihe von Artikeln einleitet, mit denen sich die Zeitung zu Europa herablässt. Auf der Literaturseite würdigt Jens Bisky den österreichischen Autor Martin Pollack, der den Leipziger Buchpreis erhält. Und Kia Vahland schreibt zum Tod des Kunsthistorikers Leo Steinberg, der als erster über Jesu Phallus (look inside) in Muttergottes-Darstellungen der Renaissance schrieb.

Besprochen werden Susanne Biers Film "In einer besseren Welt", die Gilbert & George-Ausstellung in den Deichtorhallen Hamburg und der "Tristan" unter Dirigent Donald Runnicles an der Deutschen Oper Berlin.

FAZ, 16.03.2011

In China scheiden sich, wie Mark Siemons berichtet, angesichts der Katastrophe in Japan auf markante Weise die Geister: "Die japanische Katastrophe hat in China zum offenen Ausbruch des schon lange schwelenden Konflikts zwischen Universalisten und Nationalisten geführt. Während die einen erklären, dass vor der Natur alle Menschen gleich sind und die Japaner daher das Mitgefühl aller verdienen, wollen die anderen ihre Landsleute vor allem auf ihr Chinesisch-Sein verpflichten (...); selten stoßen die beiden Lager, deren jeweilige Größe innerhalb der chinesischen Gesellschaft schwer abzuschätzen ist, so direkt aufeinander."

Weitere Artikel: Abgedruckt wird ein Brief der japanischen Autorin Akira Kuroda an ihre Freunde, in denen sie versichert, Tokio nicht verlassen zu wollen. Tilman Spreckelsen erinnert an Gudrun Pausewangs unvergessenes Atom-"Angstmacherbuch" aus dem Jahr 1987 "Die Wolke". Kurz kommt auch Pausewang selbst in einem Interview zu Wort. Joseph Croitoru stellt die Vertreter der Revolutionskräfte Libyens vor, so weit sie sich aktuell auf einer eigenen Website zu präsentieren wagen. Den neuen DHM-Direktor Alexander Koch porträtiert Andreas Kilb. Wiebke Hüster erkennt im Choreografen Christopher Wheeldon die große Hoffnung der erstarrten zeitgenössischen Ballett-Szenerie (hier spricht er im Video über seine Lieblingsmomente im Tanz). In der Glosse denkt Dietmar Bartetzko an Joan Baez und den atomaren Regen im Lied. Auf der DVD-Seite geht es unter anderem um Filme mit der jüngst verstorbenen Annie Girardot und die Editionen der wiederzuentdeckenden Klassiker "Die Abenteurer" von Robert Enricos und "Barfuß durch die Hölle" von Masaki Kobayashi. Auf der Medien-Seite empfiehlt Daniel Haas die nun auf RTL 2 anlaufende HBO-Vampir-Serie "True Blood".

Besprochen werden ein Konzert der Oasis-Nachfolge-Band Beady Eye in Köln, die Londoner Uraufführung von Neil LaButes neuem Stück "In a Forest, Dark and Deep", in Doppelbesprechung die Inszenierungen von Kristof Magnussons Komödie "Sushi für alle" und von Heiner Müllers "Macbeth" in Dortmund und Bücher, darunter Robert Pfallers Materialismus-Plädoyer "Wofür es sich zu leben lohnt" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Zeit, 16.03.2011

Catherine Deneuve, deren neuer Film "Das Schmuckstück" demnächst ins Kino kommt, wird in einem langen Interview von Katja Nicodemus gefragt, ob sie Angst habe, dass man ihr ihr Geheimnis entreißt? "Ich habe immer das Gefühl, dass die Menschen mir etwas entlocken wollen, dass sie, egal, was ich sage, mehr wissen wollen, dass sie in mich hineinschauen, mich enthüllen wollen. Es ist nicht einfach. Glauben Sie mir, es ist wirklich nicht einfach, dieser permanente Bezug zur Öffentlichkeit. Ich versuche, so ehrlich wie möglich zu sein, wenn es um die Arbeit und um die Filme geht. Und wenn es um mein Leben geht, will ich kein falsches Geheimnis behaupten, aber eben auch nur das preisgeben, was ich preisgeben will. Ich sage immer nur die Wahrheit. Aber nicht die ganze Wahrheit. Die ganze Wahrheit wäre zu grausam. Für Sie übrigens auch!"

Warum haben die Japaner mit ihrem Erdbebenrisiko und der Erfahrung eines Atomschlags solches Vertrauen in die Kernenergie gesetzt? Das hat rationale Gründe, meint der Umwelthistoriker Joachim Radkau im Interview: "In Japan sind die Kohlevorkommen gering, die Vorstellung, von chinesischer Steinkohle abhängig zu sein, war für Japaner ein Horror, die Windkraft erschien im Land der Taifune nicht besonders attraktiv, und in den dicht besiedelten Tälern des Landes fehlt der Raum für Stauseen, um Wasserkraftwerke zu bauen. Insofern hatte im Wirtschaftswunderland Japan die Kernkraft ihren Reiz."

Weitere Artikel: Der Philosoph Kenichi Mishima berichtet in einem kurzen Brief aus Tokio, wie selbstgefällig sich immer noch die Expertokratie im japanischen Fernsehen aufführt. Christa Wolf hofft im Interview, das die Atomkatastrophe den "Fortschritt" und den "tödlichen Wettkampf" um Profit beendet. Für Florian Illies hat das Bild vom explodierenden Atomkraftwerk den Glauben an die Beherrschbarkeit der Technik zerstört. Iris Radisch hofft, dass die Katastrophe unsere "Gummihaut" durchstößt. Ijoma Mangold meditiert über die Apokalypse als technische Option. Das japanische Kino hat die atomare Katastrophe schon in den fünfziger Jahren ("Godzilla") vorweggenommen, erzählt Jörg Buttgereit. Siegfried Englert vom rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerium plädiert für den Bau der Mittelrheinbrücke (mehr hier). Reinhard Kahl schreibt zum Tod des Soziologen Günter Amendt.

Besprochen werden der laut Volker Hagedorn sensationelle "Tristan" der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles, die Uraufführung von Botho Strauß' neuem Stück "Das blinde Geschehen" in Wien, die Ausstellung "Heinz Mack: Licht - Raum - Farbe" in der Bundeskunsthalle Bonn, Susanne Biers Film "In einer besseren Welt" und Barbara Bohleys "Englisches Tagebuch" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weiter gibt es eine kleine Musikbeilage - im Aufmacher plaudert Herbert Grönemeyer über Kitsch - und die Frühjahrs-Literaturbeilage - im Aufmacher spricht eine viktiorianisch aufgemachte Siri Hustvedt im Interview über Männer.

Auf den Politikseiten zeigt sich die iranische Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi im Interview eher pessimistisch, was die Lage der Opposition angeht und sie hofft, dass die Ägypter es besser machen: "Wir haben 1979 eine Diktatur gestürzt und sie durch eine andere ersetzt."