Im Kino

Die vier Träume des Deliranten

Die Filmkolumne. Von Fabian Tietke
24.06.2026. Vier Träume, die sechs Sinnesgrundlagen des Buddhismus und dann auch noch einen Berg an filmhistorischen Verweisen: Bi Gans Science-Fiction-Epos "Resurrection" will viel, ist ausgesprochen elegant erzählt und nur gelegentlich etwas überladen.

"Resurrection" von Bi Gan, der letztes Jahr auf dem Filmfestival in Cannes Premiere feierte und mit dem Prix Spécial ausgezeichnet wurde, beginnt als Meta-Film. In einer "wilden und brutalen Ära" der Welt glauben die Menschen, im Verzicht auf Träume den Schlüssel zum ewigen Leben erkannt zu haben. Nur einige wenige "Deliranten" beharren darauf, weiter zu träumen und ihre Entscheidung mit Vergänglichkeit zu bezahlen. Durch Zufall stößt eine Frau (Shu Qi) bei der Reproduktion eines Fotos auf einen dieser Deliranten (Jackson Yee), der sich in Kinofilmen versteckt. Als sie ihn findet, liegt er bereits im Sterben.

Bi legt den Prolog zu seinem Film, auf den vier Träume folgen, die den Deliranten durch ein knappes Jahrhundert chinesischer Geschichte führen, als Collage von Versatzstücken der Filmgeschichte an. In den traumartigen Räumen durch die die Handlung die Protagonistin treibt, klingt der expressionistische Film ebenso an wie das US-Horrorkino der 1930er Jahre und das am zeitgenössischen Hollywoodkino orientierte chinesische Kino jener Jahre. In dieser visuellen Tour de force liegen Kitsch à la Michel Hazanavicius und Experimentalfilm à la Guy Maddin dicht nebeneinander. Das liegt nicht zuletzt an der süßlichen Klebrigkeit des neoromantischen Soundtracks, den die französische Band M83 zu dieser Episode verbrochen hat. Je präsenter die Musik ist, desto mehr driftet die Lust am Spiel mit Bildreferenzen ins hübsch Illustrative. Gerettet wird Bis Film in dieser ersten Viertelstunde von zwei Dingen: einerseits merkt man als Zuschauer_in, dass es hier um mehr gehen könnte und andererseits beginnt schon bald der erste Traum und die Bildsprache (sowie noch wichtiger: die Filmmusik) wechselt.

Der erste Traum lässt den Deliranten als Qiu wiederauferstehen, den Begleiter eines Musikers, der sich selbst das Gehör ausgestochen hat. In einer ausgebombten Stadt in den 1940er Jahren versucht ein Polizeikommandant zu ergründen, was den Musiker zu seiner Selbstverletzung gebracht hat und was es mit dessen geheimnisvollem Koffer auf sich hat. Visuell erinnert diese Passage an die Spionagedramen des chinesischen Kinos der 2000er Jahre mit ihrer Besessenheit für die Zeit der japanischen Besetzung von Teilen Chinas und der Regierung der nationalistischen Kuomintang. Doch anders als in diesen historischen Propagandafilmen ist es bei Bi eher die Behauptung von Handlung beziehungsweise deren Verweigerung, die die Episode in Gang hält.


Bi zeigt keine echten Interaktionen zwischen Menschen, stattdessen leben die Szenen von der wiederkehrenden Begegnung der Menschen mit Gegenständen, die Klänge erzeugen - wie einem Grammophon oder einem Theremin (ein elektronisches Musikinstrument, bei dem man Tonhöhe und Lautstärke bestimmt, indem man die Hände über zwei Elektroden positioniert). Es ist die Spannung zwischen den Genre-Elementen und der Verweigerung, der Genre-Struktur zu folgen, aus der Bi eine Form gewinnt. Stellenweise mag der Verweis auf den Hörsinn im ersten Traum etwas dick aufgetragen sein, aber eben diese Prägnanz erfüllt die Aufaben, die Aufmerksamkeit in den folgenden Episoden auf die Sinne zu lenken. Die drei folgenden Träume nähern sich über die 1960er, 1970er und 1990er Jahre allmählich der Gegenwart. Gemeinsam mit dem Epilog, der in die Handlung des Prologs zurückspringt, behandelt er die Saḷayatana, die sechs Sinnesgrundlagen, des Buddhismus.

Bis dritter Langfilm "Resurrection" ist ein Gedankenexperiment im Geiste von Christopher Nolans "Inception", das in seinen Episoden bildgewaltig und voller Originalität die Kraft der Sinneswahrnehmungen durchdekliniert. Die vier Träume zeigen in ihren unterschiedlichen Formen den beeindruckenden Formwillen des Regisseurs, der bei allen, die das stilistische Durcheinander erzeugt, doch beständig wahrnehmbar bleibt. Alle Episoden sind elegant erzählt und entfalten in narrativen Loops zunehmend die Komplexität der Handlung. Die vier Episoden ergeben zusammen einen beeindruckenden Film.

Leider können Prolog und Epilog in ihrer Mischung aus großkopfertem Überbau und Gefälligkeit mit diesen Qualitäten nicht mithalten. Insbesondere der Prolog, der für die Dramaturgie des gesamten Films nicht mehr leistet als eine Klammer herzustellen und sich dann dem Sehen als Sinneswahrnehmung zu nähern, wirkt mit seinem Berg von filmhistorischen und kulturhistorischen Referenzen überladen. Diese Vielfalt an Verweisen findet sich auch in den später Episoden, wird dann allerdings stärker mit der Handlung vermittelt - wie etwa eine Referenz an das Duell zwischen Spiegeln aus Guy Hamiltons James-Bond-Film "The Man with the Golden Gun". Kurzum: "Resurrection" ist immer dann am besten, wenn er nicht laut darauf hinweist, dass er cinephiles Meta-Kino ist.

Fabian Tietke

Resurrection - China 2025 - Regie: Bi Gan - Darsteller: Jackson Yee, Shu Qi, Mark Caho, Li Genxi - Laufzeit: 159 Minuten.