Im Kino
Bitte noch den Code eingeben, danke
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
18.02.2026. Auf einem Fahrrad rast die Hauptfigur in Boris Lojkines "Souleymanes Geschichte" durch Paris. Als Bewegungsstudie ist der Film phänomenal - nur wird er bisweilen von seinem Hang zur Gefühlsmechanik ausgebremst.
Fahrräder, auf diesen Gedanken könnte man in der ersten halben Stunde des Films kommen, sind die einzigen genuinen Großstadtbewohner. Flink und gleichzeitig wendig bewegen sie sich zwischen Hochhäusern, entlang schmaler, eleganter Fahrradwege, den klobigen, sich gegenseitig den Weg verstopfenden Autos ebenso überlegen wie den lahmen, überforderten, exponierten Fußgängern. Fahrräder, zumindest die sportlichen, leichten, sind Technik nach dem Maßstab der modernen Metropole, fügen sich als minimalistisch designte Medien der Kraftübertragung perfekt ein in ihre Lichter, in ihre alternativlose Dynamik, in ihre durchökonomisierte Härte.
Im Film folgen wir einem Fahrrad - auf einem anderen Fahrrad. Für Einstellungen, die der Hauptfigur Souleymane auf dessen Fahrten als Fahrradkurier durch Pariser Straßen folgen, wurde die Kamera auf einem Lastenrad montiert, ist in einem Interview mit dem Director of Photography Tristan Galland zu lesen. Wir gleiten mit Souleymane in wuchtigen und doch geschmeidigen Bewegungsfolgen durch die Stadt, auf einer Route, die ihm sein Handy vorgibt: Hier bei einem Schnellrestaurant eine Bestellung abholen, da dieselbe beim Kunden abliefern, bitte noch den Code eingeben, danke, weiter zum nächsten Auftrag. Wie am Schnürchen läuft das zunächst. Für eine Weile überlassen wir uns dem Sog der nie stillstehenden Bewegungen von Menschen, Dingen, Fahrzeugen, Kapital, während sich der Abend langsam über Paris senkt. The city never sleeps. Wenn es dunkel wird in der Stadt, schauen die durch sie flitzenden Fahrräder noch ein bisschen schicker aus.
Die meisten Interaktionen bleiben indifferent funktional: Ware gegen Geld. (Wie viel oder wenig davon für den Kurier abfällt, weiß nur Souleymanes Handy.) Ab und zu eine kleine Geste, ein paar Worte, die über das Notwendigste hinaus gehen: eine Verkäuferin reicht Souleymane ein Bonbon, ein alter, einsamer Mann fragt ihn nach seinem Namen. Andererseits gibt es auch die garstige Kundin, die, weil die Verpackung ihrer Mahlzeit leicht beschädigt ist, die Annahme verweigert.

Ungefähr ab diesem Zeitpunkt zeigt sich, was wir natürlich von vorn herein wissen: Das mit den Fahrrädern als einzigen genuinen Großstadtbewohnern ist eine Schimäre. Die nur solange Überzeugungskraft hat, wie die Person, die das Fahrrad lenkt, über ausreichende Kraftreserven verfügt, schnell genug reagieren kann, nicht mit anderen, weniger geschickten Verkehrsteilnehmern kollidiert. Werden die Tritte und die Augen schwer, beginnt das Fahrrad nach einem Unfall selbst zu klappern, ist es vorbei mit dem Sog. Das entzauberte Fahrrad ordnet sich demütig ein in die Reihen des Großstadtprekariats.
Aber absteigen ist keine Lösung. Außer dem Fahrrad und dem Handy hat Souleymane nichts. Nicht einmal der Account auf der Kurier-App gehört ihm selbst. Als Asylbewerber darf er offiziell nicht arbeiten, bevor nicht über seinen Antrag entschieden wurde. Das entscheidende Interview ist, zu Filmbeginn, zwei Tage entfernt. Während er durch Paris hastet, geht er wieder und wieder die Geschichte durch, die er erzählen muss, um eine Chance auf einen dauerhaften Aufenthaltsstatus zu erhalten. Welcher politischen Organisation er in der alten Heimat Guinea beigetreten war, wie genau er bei seiner Verhaftung gequält wurde, was an den Wänden des Gefängnisses stand, in das man ihn warf. Fast wie ein zweiter Film, der in seinem Kopf und manchmal auch auf seinen Lippen mitläuft.
Ein Ziel vor Augen und die Hindernisse auf dem Weg dahin: "Souleymanes Geschichte" ist stark, solange der Film sich auf diese simple Struktur verlässt, sie in eine dichte, teils atemlose Abfolge von Bewegungen, Begegnungen, Verfehlungen auflöst. Die optimistischen Tritte in die Pedale, wenn die Kraft noch da ist. Die Gemeinschaft der afrikanischstämmigen Lieferfahrer, scherzhafte Rivalitäten zwischen Guinea und der Elfenbeinküste, ausgehandelt von fitten jungen Männern mit schmalen Rucksäcken auf dem Rücken. Die ersten Genervtheiten und bösen Blicke, die sich einschleichen. Die Hilflosigkeit gegenüber der Willkür der App oder auch der Polizei. Die kaum erholsamen Nächte im Obdachlosenasyl, ausgepowert zwischen Ausgepowerten, viel zu früh geweckt vom Handy, der erste Anruf organisiert das Bett für die nächste Nacht. All das ist Teil unserer Gegenwart, zeigt "Souleymanes Geschichte"; und lässt uns selbst entscheiden, welche Schlüsse wir daraus ziehen.
Zumindest erst einmal. Denn leider verlässt sich der Film, je länger er dauert, desto weniger auf seine Struktur. Mal wird sie melodramatisch unterfüttert, wenn Souleymane mit seiner Mutter oder seiner Freundin in Guinea Kontakt aufnimmt, mal in wenig produktive Unruhe versetzt durch eine Nebenhandlung um den tatsächlichen Besitzer der Kurier-App. Am Ende, wenn die Stunde des ebenso ersehnten wie gefürchteten Interviews schlägt, kollabiert sie, wenig überraschend, völlig.
Der Impuls, die Hauptfigur nicht auf ihre Bewegungen durch Paris reduzieren zu wollen, sie mit Familie, Träumen, einer Liebesgeschichte auszustatten, ist nachvollziehbar. Das Problem besteht darin, dass dieser Impuls nicht zu trennen ist von dramaturgischen Taschenspielertricks. Wenn Regisseur Boris Lokjine Souleymane in der zweiten Filmnacht anstatt ins überfüllte Obdachlosenasyl in einen einsamen Pariser Hausflur manövriert, dann nur, damit Souleymane dort mit seiner Freundin ungestört ein intimes Videogespräch führen kann. Auch Souleymanes Sorge um seine psychisch instabile Mutter ist nicht einfach nur ein lebensweltliches Detail, sondern eine Karte, die das Drehbuch zum geeigneten Zeitpunkt auszuspielen versteht.
Die ebenso immersive wie ernüchternde Bewegungsstudie, die "Souleymanes Geschichte" über weite Strecken ist, droht, anders ausgedrückt, von zumindest kitschverdächtiger Gefühlsmechanik überwuchert zu werden. Wenn der Film in den entscheidenden Momenten dennoch seine aufregende, illusionslose, traurige Coolness beibehält, dann hat er das vor allem seinem stets hochkonzentriert und zurückgenommen spielenden, allen wohlfeilen Sentimentalitäten abholden Hauptdarsteller Abou Sangaré zu verdanken.
Lukas Foerster
Souleymans Geschichte - Frankreich 2024 - O: L'Histoire de Souleymane - Regie: Boris Lojkine - Darsteller: Abou Sangaré, Nina Meurisse, Alpha Oumar, Emmanuel Yavanie - Laufzeit: 92 Minuten.
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