Im Kino
Die Nicht-Identität der Giraffe
Die Filmkolumne. Von Sebastian Markt
18.03.2026. Keineswegs ist "sr" von Lea Hartlaub bloß ein Film über Giraffen. Vielmehr führt der eigenwillige Essayfilm vor, wie man auf den Spuren des Wildtieres zu einer Totalverzettelung alles Wissens gelangt.
Man könnte in aller Knappheit sagen, dass Lea Hartlaubs eigenwillig faszinierender "sr" ein Film über Giraffen ist, das wäre aber falsch, zu kurz gegriffen oder zumindest irreführend. Der Film erzählt vielmehr episodisch Geschichten, in denen Giraffen ein wiederkehrendes Motiv bilden.
Klar ist die Sache noch zu Beginn: eine Totale auf eine Giraffenherde in der Steppe, zu der wir in der Stimmer der Schriftstellerin und Buchpreisträgerin Dorothee Elmiger, die im Film als Off-Erzählerin fungiert, einiges über verhaltensbiologische Aspekte der Giraffe erfahren. Von hier aus verzweigen sich die Geschichten zwischen einem New Yorker Naturkundemuseum, einer Chinesischen Porzellanmanufaktur, einem israelischen Safaripark, einem Wildtier-Refugium auf einer philippinischen Insel oder einem Zentrum für antike Felskunst in Kenia.
Es geht um koloniales Sammlungswesen und Jagdtraditionen, um neuzeitliche Gelehrte und zeitgenössische Jagdpraktiken, um mythologische und ausgestopfte Tiere. Der Pressetext des Verleihs spricht von 16 Episoden, wo diese Episoden jeweils beginnen und wo sie enden, lässt sich auch beim zweiten Sehen nicht immer klar sagen, die Übergänge von einem historischen Faden zum anderen sind manchmal fließend, manchmal als harter Bruch gesetzt.

"sr", das erfährt man etwa in der Mitte des Films, ist der Lautwert der ägyptischen Hieroglyphe der Giraffe. Man sieht an dieser Stelle des Films Aufnahmen des Totentempels von Hatschepsut, und erfährt von Adolf Ermans Wörterbuch der Ägyptischen Sprache. Die Grundlage der Arbeit Ermans bildet eine "Totalverzettelung" aller damals bekannten Hieroglyphentexte, insgesamt 1335810 Belegstellen. (Darunter auch eine Giraffenhieroglyphe in einem Hof des Totentempels). Dass der Filmtitel eine derart komplizierte, historisch vielschichtige und medial vielfach vermittelten Bezug zu seinem Gegenstand, der Giraffe, hat, sagt schon einiges über ihn aus.
Die Verzettelung - in der Mehrdeutigkeit von Erfassung und Katalogisierung und einem sich verlierenden Abweichen - ist darüber hinaus ein toller, schillernder Begriff, und man möchte ihn mitnehmen in den Versuch, sich einen Begriff davon zu machen, wie Hartlaubs Films selbst sein Wissen organisiert. Ein Faden der Erzählung etwa läuft vom Export zweier Giraffenpaare aus Kenia nach Israel und ins Westjordanland über die zweite Intifada zur Documenta 12 nach Kassel, eine spätere Episode tangiert dieselbe Geschichte nochmal, dann geht es aber zunehmend um die Frage der Identität oder Nicht-Identität der Giraffe mit dem zemer des Deuteronomiums, und auch um die nach der koscheren Verzehrbarkeit des Tiers.
Es ist eine Wunderkammer des Giraffenwissens, die der Film in einen dramaturgischen Ablauf bringt. Er folgt dabei keiner linearen Chronologie, geographischen Systematik oder eindeutigen Logik der Recherche, vollzieht vielmehr eine Bewegung des akribischen Mäanderns, immer wieder eng verzahnt mit der Gewaltgeschichte der europäischen Moderne.
In Wort wie auch Bild wird dem Vorgang der Vermittlung Augenmerk geschenkt: Archivarische Quellen übernehmen nicht ohne Weiteres den Bildraum. Ein Ausschnitt aus einer historischen Wochenschau etwa wird von einer Mitarbeiterin des deutschen Bundesarchivs am Schneidetisch eingespannt und vorgeführt, eine chinesische Handschrift aus dem 15. Jahrhundert von einer Pekinger Wissenschaftlerin vorgelesen. Dass alles Wissen an zirkulierende Dinge gebunden ist, ist eine Einsicht, die der Film immer wieder aufführt. Je weiter er voranschreitet, desto mehr tritt die Giraffe, als Objekt von Forschungs-, Handels- und Wissenspraktiken, in den Hintergrund gegenüber diesen Praktiken selbst.
Die eigenwillige Form des Films, der sachliche, sich selbst nie hinterfragende Tonfal des Voice-Overs, auch die bildliche Dimension, in der Tableaus und Totalen dominieren, nutzt durchaus auktoriale Gesten, die sich aber nicht zu einem erklärenden Ganzen fügen. Im Zusammenspiel mit der zirkulären Fragmentiertheit, die man auch als produktives Scheitern des Versuchs verstehen kann, einen globalgeschichtlichen Zusammenhang in die Linearität einer filmischen Form zu pressen, entsteht ein Raum, der Zusammenhänge in ihrer Vielschichtigkeit erfahrbar macht. Man ist, gerade angesichts der Schauplätze und Protagonisten der Wissensproduktion, an die der Film immer wieder führt, versucht, das auch als dezidiert nichthegemoniale Form der Vermittlung zu verstehen.
Sebastian Markt
sr - Deutschland 2024 - Regie: Lea Hartlaub - Laufzeit: 103 Minuten.
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