Magazinrundschau - Archiv

The New York Times

795 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 80

Magazinrundschau vom 06.07.2021 - New York Times

Es ist eine Geschichte, wie man sie aus vielen erbaulichen Arthouse-Filmen kennt, am liebsten besetzt mit Frances McDormand und einem attraktiven schwarzen jeune premier: Der Delinquent ist ein Schwarzer, drakonisch verurteilt für ein bewiesenes Verbrechen (Waffenbesitz im wiederholten Fall) und ein bestrittenes mit äußerst wackeliger Beweislage (Raub mit vorgehaltener Pistole). Der Tarif dafür waren in Louisiana sechzig Jahre. Emily Bazelon erzählt in einer epischen Reportage, wie sich eine Brieffreundschaft mit Yutico Briley entwickelte. Und es ist trotz der vorgegebenen Stadien von der Aussichtslosigkeit des Falls bis zur glücklichen Befreiung eine lesenswerte, denn sie erzählt sie gut lesbar, nüchtern und faktenreich. "Die Alltäglichkeit seines Falles war die Geschichte. Jeder kann sich vor der Verantwortung drücken, und einer wie Briley verbringt dann den Rest seines Lebens im Gefängnis." Besonders instruktiv sind die Passagen, in denen Bazelon etwa über die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen und von Gegenüberstellungen schreibt, die in solchen Fällen immer wieder den Ausschlag geben. "Seit 25 Jahren schreibe ich über juristische Themen und bin von einer hartnäckigen Wahrheit frustriert: Selbst wenn die Wissenschaft eine Schwäche in der Art aufdeckt, wie Strafprozesse geführt werden oder wie eine Jury die Wahrheit ermittelt, dauert es lange, bis die Praxis in den Polizeirevieren und Gerichtssälen sich auf den Expertenkonsens einrichtet. Die Forschung zeigt, wie etwa Verhöre geführt werden können, so dass sie seltener zu falschen Geständnisse führen. (...) Aber viele Ermittlungen laufen weiter weiter wie bisher, unbeeindruckt von den neuen Studien."
Stichwörter: Arthouse, Waffenbesitz

Magazinrundschau vom 22.06.2021 - New York Times

Eine Gruppe von Reportern hat zu "JFK8" recherchiert, dem größten Auslieferungslager von Amazon in New York, das in der Pandemie die halbe Stadt versorgte - und zugleich mit Personalproblemen zu kämpfen hatte. Amazon erscheint in der Reportage nicht ganz als der übliche Böse, wie man es aus hiesigen kritischen Berichten kennt. Dass die Leute bei Amazon kein Zuckerschlecken erwartet, wird nicht verschwiegen, aber ein größeres Problem ist für die Reporter, dass Amazon sozial nicht durchlässig ist: Bei Wal Mart schaffen doppelt so viele Ungelernte den Weg ins Management wie bei Amazon, und das hat mit dem sehr negativen Menschenbild Jeff Bezos' zu tun. Schlimm ist auch, dass bei Amazon sogar die Angestellten in der digitalen Hölle der Call Center verenden. Deutlich wird das an dem Fall von Dan Cavagnaro, der mit einem schwer an Covid erkrankten Kollegen gearbeitet hatte, Alberto Castillo. "Cavagnaro hatte eine Auszeit von Amazon genommen. Im Juni schlug er nach Einwilligung seines Arztes vor, wieder zur Arbeit zurückzukehren, aber er konnte in der Firma niemanden erreichen, um darüber zu diskutieren. Die Personalmanagment-Software von Amazon verzeichnete ihn dann als Schwänzer, und er bekam Abmahnungen. Da er keine Antwort bekam, schlug er irgendwann die Hände über dem Kopf zusammen und akzeptierte die Kündigung einfach. Nachdem die Times bei Amazon in dieser Sache nachfragte, bot ihm die Firma seinen Job wieder an."
Stichwörter: Amazon, Bezos, Jeff, Abmahnungen

Magazinrundschau vom 23.03.2021 - New York Times

In einem Text des aktuellen New York Times Magazines erkundet Kashmir Hill die Gefahren der Gesichtserkennung und die Tätigkeiten einer geheimnisvollen Firma, die auf dem Gebiet dabei ist, neue Standards zu setzen: "Clearview AI ist heute 109 Millionen wert und wird von mehr als 3000 Strafverfolgungsbehörden verwendet, das Militär und die Air Force gehören zu den Kunden, außerdem wird es von den Behörden gegen Kindesmissbrauch eingesetzt … Die juristischen Einwände gegen Clearview gehen derweil durch die Instanzen und Clearview verteidigt sich mit dem First Amendment für die Rede-, Religions- und Pressefreiheit. Viele Anwälte für Zivilrecht fürchten, das Unternehmen könnte damit durchkommen, und sie fürchten die Konsequenzen. Eine Befürchtung ist, dass Gesichtserkennung zu unzuverlässig für die Nutzung durch die Behörden ist. Das National Institute of Standards und Technology (NIST) untersucht die Genauigkeit der Algorithmen für Gesichtserkennung, aber Clearview hat sein Programm nicht eingereicht. 2019 hat NIST festgestellt, dass viele Algorithmen fehlerhaft sind, wenn es um die Identifizierung von farbigen Menschen geht, was Vorurteile im Strafrecht weiter schüren könnte. Vergangenes Jahr sind drei Fälle bekannt geworden (keiner davon mit Clearview), bei denen Polizeibeamte aufgrund eines Gesichtserkennungsalgorithmus die falsche Person festgenommen hatten, alle drei fälschlicherweise Verdächtigte waren schwarz."

Außerdem: David Marchese verrät, wie die Palliativmedizin unser aller Covid-Trauma heilen könnte. Und George Black und Christopher Anderson besuchen Opfer des Vietnamkrieges in Laos.

Magazinrundschau vom 09.03.2021 - New York Times

In einem Beitrag für das neue Heft überlegt Matthieu Aikins, was mit den oft über dunkle Kanäle in die großen Museen gelangten Kulturschätzen aus Afghanistan geschehen soll, mit 800 Jahre alten Marmortafeln aus Ghazni etwa: "Wenn wir genau hinhören, erzählen die Objekte ihre Geschichte. Sogar unsere Handys könnten von Ozeanreisen und den Händen erzählen, die sie hergestellt haben. Doch Kunstwerke sprechen als Individuen. Die Frage nach ihrer Herkunft zielte ursprünglich auf ihre Authentizität und damit auf ihren Wert. Einen echten Velazquez erkennt man vielleicht am Kaufvertrag, einen antiken Tisch an seiner Erwähnung in einem Testament aus dem 17. Jahrhundert. Neuerdings jedoch wird die Provenienzforschung dazu eingesetzt, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren. Auch in der Museumswelt geben längst neue Leute den Ton an und stellen heikle Fragen nach Macht und Ungleichheit, nach der Konzentration wertvoller Antiquitäten in den westlichen Museen und ob ein Teil der Objekte nicht restituiert werden sollte … Begegnen wir diesen Schätzen hinter Museumsglas, wissen wir in der Regel nichts über ihre Herkunft und ihre Reise und denken nicht an leere Gräber oder Gebäude in einem fernen Land. Aber weil viele der Marmortafeln aus Ghazni epigrafisch sind, können sie anhand ihrer Schrift identifiziert und mit Fotos von ihrem Ursprungsort in einer Moschee oder einem Palast vor dem Krieg verglichen werden. Wir lernen ihre Vergangenheit kennen, die auch die unsere ist. Der Marmor erzählt von Raub und Gewalt, und er fragt: Wem gehört die Geschichte Afghanistans?"

Außerdem: Joshua Hammer erzählt die Geschichte von Paul Rusesabagina, der als Hotelmanager in Kigali Überlebenden des Genozids an den Tutsi Asyl gewährte, jetzt aber verdächtigt wird, selbst einer der Rebellenführer zu sein.

Magazinrundschau vom 02.03.2021 - New York Times

Ronen Bergman schildert die ultraorthodoxen Juden in seiner faszinierenden Reportage über Israel und Corona als ein paradoxes Inbild jenes kühnen und permanenten Muddling through, das Israels Existenz immer neu gewährleistet: Sie glauben fest, dass Israel, ja die Welt, untergeht, wenn der letzte Thoraschüler aufhört, die Schriften zu studieren. Entsprechend abgeneigt waren sie, die Lockdown-Maßnahmen der Regierung zu akzeptieren. Am Ende und nach vielen Infektionen ließen sich aber viele von ihnen doch darauf ein, andere wieder nicht. Bergman zieht das vorsichtig optimistische Fazit, dass sich Säkulare und Orthodoxe in der Krise ein wenig angenähert haben, während sich allerdings auch die radikalsten Sekten neue Chancen ausrechnen. Auf jeden Fall versteht man, warum Israel so schnell impft - aus Angst vor einer Implosion der ganzen Gesellschaft. Ein Zitat des Politologen und Spezialisten für die ultraorthodoxe Kultur Haim Zicherman beschreibt die Lage am präzisesten: Die Ultraorthodoxen widersetzten sich dem säkularen Staat, zumindest momentweise, aber "dieser Ungehorsam, sagt Zicherman, brachte das 'Inselmodell' zum Einsturz, das über Jahrzehnte die Verhältnisse zwischen den säkularen und ultraorthodoxen Communities bestimmte und das darin bestand, 'dass die Säkularen in bestimmten Gebieten und die Haredim in anderen Gebieten lebten und sich die beiden nicht vermischen. So dass da keine Reibung ist. Dass die ultraorthodoxe Stadt Bnei Brak am Sabbat geschlossen werden kann und in Tel Aviv ein Gay Pride-Parade abgehalten wird, und alles ist ok. Nun ist klar geworden, dass es in Israel keine Inseln gibt und alle in einem Strang verbunden sind und sie sich gegenseitig beeinflussen wie unterschiedliche Decks auf einem Schiff.'"

Besprochen wird Kazuo Ishiguros Roman "Klara and the Sun" (den auch der Guardian rezensiert).

Magazinrundschau vom 16.02.2021 - New York Times

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Franzosen verrückt nach Kunst und Design aus Japan. Der Japonisme, der nach der erzwungenen Öffnung Japans die französische Kunst erfasste, veränderte nicht nur die Ästhetik, wie Nancy Hass in einem schönen Text erklärt, sondern grundsätzlich den Blick auf Kunst: "Der neoklassische Perfektionismus, der im 19. Jahrhundert einen bestimmten, an den Akademien wie der École des Beaux-Arts gelehrten Stil aufrechterhalten wollte und von Malern wie Ingres verkörpert wurde, war passé. Aristokratenporträts und Schlachtengemälde erschienen zu rückwärtsgewandt in einer Zeit, da das Kaiserreich von Napoleon III. der Dritten Republik weichen musste. Die japanischen Holzschnittkünstler, die einfache Techniken nutzten, um das alltägliche Leben einfacher Menschen darzustellen - die am Meeresrand sitzen oder durch ein Feld streifen - erschienen viel moderner. Und japanisches Design, dessen Keramik- oder Emaille-Arbeiten fließende Bewegungen einfingen (einen springenden Karpfen, eine Blüte im Wind), brachte neue Freiheit."

Die Hysterisierung der Debatte schreitet munter voran. Man kann nicht sagen, dass man den Schlagabtausch zwischen Cade Metz von der New York Times und dem Scienceblogger Scott Alexander beziehungsweise Scott Siskind auf Anhieb versteht. Aber man hört einige Schlagwörter wie "Dark Enlightenment", "Rationalists" (als eine Denkschule im Silicon Valley), "Neoreactionaries" (eine andere Denkschule mit Nähe zu Silicon-Valley-Größen und wie der Name sagt reaktionär) zum vielleicht ersten Mal. In seinem Artikel enthüllt Metz den eigentlichen Namen des Bloggers, der jahrelang unter dem Namen Scott Alexander das Blog Slate Star Codex geführt hatte, das von vielen Silicon-Valley-Figuren gelesen wurde. Schon im Juni wollte Metz den Namen bekanntmachen. Siskind bat um Diskretion, weil er Psychiater ist und nicht wolle, dass seine Patienten in dieser Ausführlichkeit seine Privatansichten zur Kenntnis nehmen können. Dann schaltete er sein Blog ab, kündigte seinen Job und eröffnete es bei Substack, wo man fürs Bloggen bezahlt wird, neu. Und Metz veröffentlichte letzte Woche seinen Artikel, in dem er Siskind eine Nähe zu Peter Thiel und vielen anderen dubiosen Figuren des Silicon Valley nachsagt. Auch liegt Siskind wohl mit einigen Ansichten nicht ganz auf der Linie des New-York-Times-Kanons. "2017 veröffentlichte Siskind einen Essay unter dem Titel 'Gender-Ungleichheit ist meist nicht durch feindselige Abwehr zu erklären'. Der Hauptgrund, warum Computerwissenschaften, Mathematik und andere Gruppen größtenteils männlich sind, liege nicht am Sexismus dieser Branchen, sondern daran, dass sich Frauen nicht für diese Felder interessierten."

Siskind bestätigt das in einer Antwort im Grunde, verwahrt sich aber gegen den Vorwurf der Frauenfeindlichkeit: "Ich habe mehrfach über Studien gebloggt, die nahe legen, dass Frauen nicht aufgrund von Diskriminierung in Tech-Berufen unterrepräsentiert sind, sondern weil sie früh das Interesse verlieren (schon High-Schoool-Computer-Klassen sind zu achtzig Prozent männlich, der gleiche Anteil wie in Tech-Unternehmen)... Ich glaube nach wie vor, dass diese Studien zutreffen, und ich denke, es ist entscheidend, die Gründe für das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der Technik zu verstehen, um es besser anzugehen, als wir es jetzt tun."

Magazinrundschau vom 02.02.2021 - New York Times

In einem Beitrag für die neue Ausgabe schiebt Emily Bazelin das Problem der Zensur in den sozialen Medien auf eine nicht funktionierende Politik: "Wie sehen die entsprechenden demokratischen Prozesse aus? Amerikaner haben eine natürliche Skepsis gegenüber einem die Redefreiheit regulierenden Staat. Momentan füllen die Tech-Riesen das durch diese Skepsis entstehende Vakuum aus. Aber wollen wir einer Handvoll CEOs vertrauen, deren Plattformen den demokratischen Prozess mitbestimmen? Bei der Regierung haben wir Bedenken, beim Silicon Valley auch, aber wenn es niemand in die Hand nimmt, ist uns auch nicht wohl. Als Twitter Donald Trumps Account sperrte, bekam er Unterstützung von ungewohnter Seite: Kanzlerin Angela Merkel kritisierte die Entscheidung als 'problematische' Verletzung der Redefreiheit, nicht, weil sie Trumps Inhalte verteidigen wollte, sondern weil der Maulkorb von einem privaten Unternehmen kam. Stattdessen, so ließ sie wissen, sollten die USA wie Deutschland ein Gesetz gegen Hetze im Internet erlassen, das Hassrede und Fake News verhindern hilft. Die USA glauben, dass Redefreiheit ein Grundrecht ist, das alle anderen Rechte bedingt. In Europa neigt man eher dazu, destabilisierende Lügen zu bekämpfen, indem man die Redefreiheit mit anderen Rechten abgleicht. Ein Ansatz, der mit der Erfahrung mit Faschismus und Propaganda zu tun hat und mit dem Wissen, dass Lügen und Sündenbock-Denken gegen Minoritäten autoritäre Regime zur Macht verhelfen können."

Außerdem: Kashmir Hill erzählt die haarsträubende Geschichte eines erschreckend fleißigen Internet-Trolls. David Marchese unterhält sich mit Jodie Foster übers Schauspielen. Und Brooke Jarvis fragt, was wir seid Covid-19 neu über unseren Geruchssinn gelernt haben.

Magazinrundschau vom 26.01.2021 - New York Times

In einem Beitrag für das neue Heft macht Kyle Chayka eine beunruhigende Entdeckung: Der Wunsch zu verschwinden greift um sich, und zwar nicht erst seit Covid, meint sie: "Diese Form des Nihilismus hat seine deutlichste Ausprägung in der Masche des sensorischen Entzugs, findet sich auf subtilere Art aber auch anderswo: Die omnipäsenten dekorativen Sukkulenten, die kaum Pflege brauchen. Die sanft texturierten Wabi-Sabi Keramiken, ein bevorzugtes Hobby der Instagram-Generation. Monochrome Funktionskleidung von Everlane oder Uniqlo und die anschmiegsame Weichheit von Kaschmir-Trainingshosen, die in der Pandemie ausverkauft waren. Raffinierte Hautschutztechniken, die eine buchstäbliche Barriere gegen das Draußen bilden: Wir siegeln uns nach außen ab … Niemand scheint mehr irgendwas zu wollen. Es gibt keinen Enthusiasmus mehr für Verlangen in dieser Kultur, nur den Wunsch sich und alles aufzugeben. Ein fast buddhidistischer Aufbruch in die Selbstlosigkeit mit einer Spur des amerikanischen Konkurrenzdenkens und unserer Neigung zur Übertreibung: so viel Obliteration wie möglich. Oder wie ein Graffito, das ich in Philadelphia sah, es treffend ausdrückt: 'Make America nothing again.'

Außerdem: Im Interview erklärt Gaming-Star Ninja, wie man das Wesen seines Kind kennenlernt: beim Gaming. In einem Archivtext erinnert Mark Leibovich an den vor drei Tagen verstorbenen Larry King. Und Moises Velasquez-Manoff untersucht die Langzeitfolgen der Covid-Infektion: Sie könnten uns lange begleiten.

Magazinrundschau vom 22.12.2020 - New York Times

In einem Artikel der aktuellen Ausgabe erklärt Abraham Lustgarten Russland zum Gewinner der Klimakrise. Durch die Erderwärmung werden riesige Gebiete des Landes eisfrei und landwirtwirtschaftlich nutzbar: "Im Osten Russlands vollzieht sich ein großer Wandel. Seit Jahrhunderten ist der überwiegende Teil des Landes nicht bewirtschaftbar. Nur die südlichsten Abschnitte entlang der chinesischen und mongolischen Grenze, einschließlich der Umgebung von Dimitrovo, waren gemäßigt und boten urbaren Boden. Mit der Erderwärmung kam die Aussicht, das Land zu kultivieren. Vor zwanzig Jahren kam das Frühjahrstauwetter im Mai, jetzt spätestens im April, Regenstürme sind heute viel stärker und feuchter. In ganz Ostrussland verwandeln sich wilde Wälder, Sümpfe und Wiesen langsam in Sojabohnen-, Mais- und Weizenfelder. Dieser Prozess wird sich beschleunigen: Russland hofft, die durch den Klimawandel verursachten Temperaturen und längeren Vegetationsperioden nutzen zu können, um sich als einer der größten Lebensmittelproduzenten der Welt neu zu positionieren … Kein Land ist dazu besser aufgestellt als Russland mit der größten Landmasse auf der nördlichen Hemisphäre. Es liegt nördlicher als all seine südasiatischen Nachbarn, in denen zusammen der größte Teil der Weltbevölkerung lebt, der mit der Bedrohung durch steigende Meeresspiegel, Dürre und Hitze zu kämpfen hat. Russland ist wie Kanada reich an Ressourcen und Land und bietet Raum für Wachstum. In den kommenden Jahren soll der Ernteertrag durch die Erderwärmung gesteigert werden, während die Erträge in den USA, Europa und Indien voraussichtlich sinken. Durch Zufall oder durch eine clevere Strategie des russischen Staates, der Flaggen in die Arktis pflanzt und dort die Getreideproduktion ankurbelt, sieht sich Russland zunehmend in der Lage, in einer wärmeren Welt seinen Supermachtstatus zurückzuerobern."

Magazinrundschau vom 08.12.2020 - New York Times

In einem Artikel des aktuellen Wochenendmagazins lauscht Ferris Jabr den Bäumen und was sie einander zu sagen haben - via unterirdische rhizomatische Verbindungen. Die Ökologin Suzanne Simard gehört zu den Entdeckerinnen dieser Netzwerke zwischen Pflanzen und Pilzen (Mykorrhiza): "Bevor Simard und andere Ökologen das Ausmaß und die Bedeutung der Mykorrhiza aufdeckten betrachteten Förster Bäume als solitäre Lebewesen im steter Konkurrenz miteinander um Platz und Ressourcen. Simard und ihre Kollegen konnten nachweisen, dass dieses Modell allzu simpel ist. Ein alter Wald ist weder eine Ansammlung stoischer Organismen, die einander tolerieren, noch ein Schlachtfeld: Es ist eine gigantische, uralte, komplexe Gemeinschaft. Es gibt Konflikte, aber auch Diplomatie, Wechselseitigkeit und sogar Selbstlosigkeit. Bäume, Unterholz, Pilze und Mikroben im Wald sind so eng miteinander verbunden, kommunikativ und was die gegenseitige Abhängigkeit angeht, dass man auch von Superorganismen spricht. Jüngste Forschungen legen nahe, dass es Mykorrhizennetzwerke auch in der Prärie, in Graslanschaften und in der arktischen Tundra gibt, ja im Grunde überall an Land, wo es Leben gibt. Gemeinsam vereinen diese symbiotischen Partner die Böden des Planeten zu lebendigen Netzwerken von enormem Ausmaß und Komplexität … In einigen ihrer frühen Experimente pflanzte Simard gemischte Gruppen junger Douglasien und Papierbirken im Wald und verhüllte die Bäume mit Plastiksäcken, in die sie radioaktives Kohlendioxid, bzw. bei der anderen Art, ein Kohlenstoffisotop einließ. Die Bäume absorbierten die beiden Kohlenstoff-Formen durch ihre Blätter. Später pulverisierte Simard die Bäume und analysierte ihre Chemie, um festzustellen, ob Kohlenstoff unterirdisch von Art zu Art gelangt war. So war es. Im Sommer, als die kleineren Douglasien im Allgemeinen verschattet waren, floss der Kohlenstoff hauptsächlich von Birke zu Tanne. Im Herbst, als die immergrüne Douglasie noch wuchs und die Birke ihre Blätter verlor, kehrte sich der Fluss um. Genau wie Simards frühere Beobachtungen über das Douglasien-Sterben nahegelegt hatten, waren die beiden Arten voneinander abhängig."

Ligaya Mishan denkt ausführlich über Cancel culture nach: Wo sie älteren Beschämungspraktiken gleicht und wo nicht. Ihrer Ansicht nach ähnelt sie vor allem dem Karneval. Die herrschenden Mächte gewährten den unteren Klassen diese kleine Auszeit, in der sie Dampf ablassen und die da oben verspottet durften, damit alles beim alten blieb. Auch heute zeige sich, dass von der Cancel culture in erster Linie Personen betroffen seien, die in der Öffentlichkeit unbekannt waren. Ein hochrangiger Politiker oder Titan der Wirtschaft konnte noch nie gecancelt werden. "Heute wird so viel gejohlt und gestöhnt, aber scheinbar überall und bei allem, so dass selbst die wertvollsten und dringendsten Ursachen im Geschrei untergehen. Die vielen Subkulturen, deren Klagen die größere, nebulöse Cancel culture beflügeln, neigen dazu, sich an Kleinigkeiten aufzuhängen, was von Versuchen, einen umfassenderen Wandel zu erreichen, ablenken kann. Und dies kann eine absichtliche Ablenkung sein. Jede zwanghafte Suche bei Google nach Beweisen für Fehlverhalten, jeder wütende Post auf Twitter und Facebook, um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, lässt die Kassen klingeln in diesen Unternehmen, die Werbetreibende umwerben, indem sie auf die Intensität des Nutzerengagements hinweisen."

Außerdem: Abhrajyoti Chakraborty stellt den führenden Dokumentarfilmer Indiens vor, Anand Patwardhan, der seine Filmdoku "Reason" über den Aufstieg des Hindu-Nationalismus nur im Geheimen zeigen oder verkaufen will.